Archive for the 'Sozialwissenschaften' Category

Sackgasse Bilaterale?

Als Institutsleiter erhalte ich regelmĂ€ssig die „Unternehmerzeitung“ auf meinen BĂŒrotisch. Diesmal erregte sie meine Aufmerksamkeit schnell: Nicht nur, weil mein Mitglied des Verwaltungsrates auf dem Titelblatt war, auch wegen des Themas, denn das Blatt versucht, die Sommer-Debatte ĂŒber die Vor- und Nachteile der verschiedenen EU-Optionen der Schweiz gerade fĂŒr Unternehmer fortzusetzen.

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Der Herausgeber der Unternehmerzeitung, Remo Kuhn, macht schon im Editorial deutlich, was er will: Fakt sei, dass die EU keinem Land bessere Zugangsbedingungen zum gemeinsamen Markt bieten könne als den eigenen Mitgliedern; klar sei auch, dass die schweizerischen Unternehmen gleich lange Spiesse wie ihre Konkurrenten haben mĂŒssen. Wer darĂŒber diskutieren wolle, werde jedoch verspottet, was der Herausgeber nicht als selbstbewussten Standpunkt taxiert, sondern als Ausdruck von ZukunftsĂ€ngsten.

Katja, Gentinetta, 42, promovierte Philosophin mit einem Buch zum VerhĂ€ltnis des globalen Wandels und der helvetischen politischen Kultur, löste im Juli die neue Europa-Debatteaus. Sie griff den EWR-Beitritt, die EU-Mitgliedschaft und eine weltweite Verbindung der Schweiz im Freihandel als Alternativen zu den Bilateralen auf. Im grossen Interview mit der UZ wird sie bezĂŒglich der EU konkreter:

. Erstens, mit den Bilateralen habe sich die Schweiz einen massgeschneiderten Zugang zum EU-Binnenmarkt verschafft.
. Zweitens, wenn wir unsere Anliegen auf diesem Weg nicht mehr durchsetzen könnten, befĂŒrworte sie einen EWR-Beitritt der Schweiz.
. Drittens, ein EU-Beitritt unter Beibehaltung des Schweizer Frankens sei dann zu prĂŒfen, wenn sich die Mitsprache im EWR als ungenĂŒgend erweise.

In der Analye der stellvertretenden Direktorin des liberalen Think Tanks „Avenir Suisse“ hat sich die Lage verĂ€ndert: Die EU sei seit der Griechenland-Krise unter Druck, werde ihre IntegrationsbemĂŒhungen forcieren, was den Zugang der Schweiz zum Binnenmarkt erschwere. Zudem hat die Schweiz das Bankgeheimnis nach Aussen aufgegeben; damit sei der Hauptgrund gefallen, im Dienstleistungsbereich nur sektorielle Abkommen abzuschliessen.

Bei einem generellen Dienstleistungsabkommen mit der EU ortet sie ein grosses Marktpotenzial. Der Versicherungsverband habe sich bereits fĂŒr einen vollen Marktzugang ausgesprochen, und die Banken wĂŒrden das schrittweise nachvollziehen. Im KMU-Bereich stelle man hingegen weniger VerĂ€nderungen fest.

Den EWR sieht Gentinetta nicht als Auslaufmodell. Die EU habe keine solche Absichten, Norwegen als stĂ€rkstes Mitglied denke auch nicht ĂŒber einen Austritt nach, und Nachbar Liechtenstein habe seit 1992 Erfahrungen gesammelt, welche die Auswirkungen auf die Schweiz abschĂ€tzen liessen. Gewinner dĂŒrften mit den Preissenkungen die KonsumentInnen sein, wohl aber auch die ProduzentInnen. So wĂŒrde das Cassis-de-Dijon-Prinzip, das die Schweiz einseitig zugunsten der EU eingefĂŒhrt habe, bei einem EWR-Beitritt auch in die umgekehrte Richtung gelten. Wenn ein EU-Beitritt zur Debatte stehen sollte, empfiehlt Gentinetta, auf den Schweizer Franken nicht zu verzichten. GemĂ€ss Lissaboner Vertrag sei das fĂŒr neue Mitglieder zwar nicht möglich, doch lasse die EU bei einem Nettozahler wohl auch politische Lösungen zu.

Den grössten Vorteil des EWR-Beitritts im Vergleich zum EU-Beitritt ortet die politische Analystin im Steuerbereich. Beim EWR sei die EinfĂŒhrung der Mehrwertsteuer nach EU-Prinzipien nicht nötig, womit das Steuersystem der Schweiz nicht grundlegend geĂ€ndert werden mĂŒsse. Was den Steuerstreit und das Bankgeheimnis betrifft, redet sie einer raschen Lösung das Wort – und zwar ganz unabhĂ€ngig davon, welchen Weg die Schweiz in Sachen EU-VerhĂ€ltnis anstrebe.

Als Hauptproblem in der Schweiz sieht Gentinetta die Angst vor SouverĂ€nitĂ€tsverlust. SouverĂ€nitĂ€t sei nicht identisch mit nationaler Autonomie, denn heute zeige sich der SouverĂ€n nicht nur in der Selbstbestimmung, sondern auch in der StĂ€rke, die man dort habe, wo die Regeln der Zusammenarbeit festgelegt wĂŒrden. Das sei anders als im eingeĂŒbten Denken des Alleingang vorgestellt klar die internationale Ebene. Der autonome Nachvollzug, der nach dem Nein zum EWR dominierend geworden sei, bringe mit jedem Schritt einen SouverĂ€nitĂ€tsverlust.

Man weiss es: Die von Avenir Suisse angestossene Europa-Debatte löste kontroverse Reaktionen aus. Economiesuisse bevorzugt unverĂ€ndert den bilateralen Weg. Der Bundesrat ist da gleicher Meinung wie der Dachverband der Schweizer Wirtschaft. Von einer „Sackgasse Bilaterale“ mag die offizielle Schweiz nicht sprechen. Dass wird man auch bei den ZukunftsschweizerInnen nicht ĂŒberhört haben. Das gleich sehen zu mĂŒssen, ist indessen nicht die Aufgabe einer Denkfabrik. Avenir Suisse hat sich einen Namen gemacht, ĂŒber Herausforderungen beispielsweise im Föderalismus oder in der Raumplanung grundsĂ€tzlich nachzudenken. Und hat damit auch gepunktet: Genau das tut der Think Tank meines Erachtens zurecht auch in der Europa-Politik. Denn hier hat die EU Ende 2008 umissverstĂ€ndlich zum Ausdruck gebracht, dass die bilateralen Abkommen mit der Schweiz zunehmend als aufwendig empfunden wĂŒrden. Das wĂ€re bei einer EWR-Mitgliedschaft der Schweiz nicht der Fall. Doch das hat mit der Schweizer Oeffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen, und sie scheut sich, damit auseinander zu setzen.

Claude Longchamp

Schweiz, Oesterreich, Deutschland: politische Kulturen im Forschungsvergleich

Es hat gedauert, bis der Band wirklich erschienen ist. Doch liegt mit dem Buch „Deutschland, Oesterreich und die Schweiz im neuen Europa“ nun ein umfangreicher Sammelband vor, der in der lĂ€ndervergleichenden politischen Kulturforschung mittels Umfragen neue MassstĂ€be setzt.

9783832949945

Oscar Gabriel, Politikprofessor in Stuttgart, hat die Einleitung zu „Citizen Politics“ als wissenschaftliches Konzept verfasst, in der es ihm um eine Neudefinition des VerhĂ€ltnisses von „BĂŒrger und Politik“ (in der Demokratie) geht. Politische Einstellungen, politische Kommunikation und politisches Verhalten sind seine Grundkonzepte. Damit definiert er den Gegenstand offener, als es die BegrĂŒnder in den USA taten, aber auch im deutschsprachigen Raum nach Max Kaase ĂŒblich war. Auch geht der Kenner der Materie ĂŒber die individualistischen und funktionalistischen AnsĂ€tze der bisherigen Politischen-Kultur-Forschung hinaus, wenn er zwei neue Forschungsperspektiven diskutiert: einerseits die Differenzierung in zentrale und periphere Elemente der StaatsbĂŒrgerkultur, anderseits eine stringentere VerknĂŒpfung zwischen Mikro- und Makroebene einschliesslich der damit verbundenen KausalitĂ€tsfragen.

Im Sammelband folgen drei LĂ€nderkapitel, je eines zu Deutschland, Oesterreich und der Schweiz. Sie sind im Ansatz gleich aufgebaut, um als Nachschlagewerk ĂŒber Zeit und Raum die aktuellen Ergebnisse aus der Umfrageforschung. Verfasst wurden Oscar Gabriel und Kajta Neller (Stuttgart) aufgrund deutscher, von Fritz Plasser und Peter Ulram (Innsbruck/Wien) anhand österreichischer und von Bianca Rousselot und mir (beide Bern) mit schweizerischen Daten. Dabei schöpfen alle AutorInnen aus dem Fundus der nationalen Forschungsergebnisse, soweit ihnen diese aus der theoretischen und vergleichenden Perspektive sinnvoll erscheinen. Die BezĂŒge zu Demokratie, politischer und medialer Involvierung und der UnterstĂŒtzung nationaler und europĂ€ischer System interessieren dabei in allen drei Kapiteln gleichermassen.

Das alles wir im Synthesekapitel der beiden Editoren Gabriel und Plasser in zwei Schritten vereinheitlicht und summarisch mit den Resultaten in Verbindung gebracht, welche ein analoges Unterfangen vor 20 Jahren fĂŒr die drei (damals noch vier) LĂ€nder hervorgebracht hatte. Der wichtigste Befund hierzu ist, dass die nationalen Besonderheiten, die stark aus der Struktur des jeweiligen nationalen politischen Systems abgeleitet werden konnten, zwar nicht verschwunden sind, aber erheblich eingeebnet wurden. Rangierte die Schweiz hinsichtlich der „Citizen Politics“ Ende der 80er Jahre ĂŒberraschender Weise nur auf Rang 3 im DreilĂ€nder-Vergleich, und lag (fĂŒr mich ebenso erstaunlich) Oesterreich an der Spitze, hat sich, aufgrund der Neudefinition der Kriterien ein Platzwechsel zwischen der Schweiz und Deutschland ergeben.

Konkret sind DemokratieunterstĂŒtzung und -zufriedenheit in allen drei LĂ€ndern vergleichsweise hoch (letzteres kennt in der Schweiz einen Spitzenwert). Das gilt etwas eingeschrĂ€nkt auch fĂŒr die politische Einbettung, gemessen am kognitiven Engagement und an der Parteiidentifikation (wobei die Abstriche in Oesterreich und Deutschland etwas grösser ausfallen). Indes erweist sich die mediale Involvierung in politischen Fragen im Vergleich generell tief (ganz besonders in der Schweiz), ohne dass sich das nachteilig auf die politische Partizipation im konventionellen wie auch unkonventionellen Sinne auswirkt, wĂ€hrend die Wahlbeteiligung in der Schweiz der direkten Demokratie wegen auffĂ€llig tief ist, und es weitgehend auch geblieben ist. Keine Auswirkungen lassen sich jedoch beim Vertrauen nachweisen, das gerade in der Schweiz am höchsten ausfĂ€llt – und zwar nicht nur auf die nationale Ebene bezogen, sondern auch auf die europĂ€ische. Dabei ist zu erwĂ€hnen, dass die Euroskepsis namentlich in Oesterreich, aber auch in Deutschland angesichts unerwarteter Hoffnung mit der EU-Mitgliedschaft am wachsen ist. In den beiden untersuchten EU-Staaten drĂŒckt sich das auch in einer mittleren Unzufriedenheit mit der nationalen Regierung und dem Output des politischen Systems aus, was in der Schweiz (noch?) wenig beobachtet werden kann.

Ganz interessant ist der Schluss des Buches, der alle Befunde im grossen europĂ€ischen Massstab diskutiert. Er legt nahe, dass die politische Kultur Russland nur mit sich selber verglichen werden kann. DarĂŒber hinaus macht er deutlich, dass ein osteuropĂ€ischer, ein nordeuropĂ€ischer und westeuropĂ€ischer Typ existiert. Deutschland und Oesterreich gehören zum letzteren, wĂ€hrend die Schweiz aus der Sicht der empirischen Komparatistik am meisten Gemeinsamkeiten mit Luxemburg (und mit Finnland) kennt und zu keinem Typ passt.

Der grosse Vorteil des ĂŒbersichtlich gemachten Buches ist, die vergleichende politische Kulturforschung recht systematisch erfasst und ein StĂŒck weit auch vorangetrieben zu haben. Die LĂ€nderkapitel können sowohl fĂŒr die lĂ€nderspezifische Forschung nĂŒtzlich werden, wie auch den internationalen Vergleich befruchten. Am innovativsten ist sicher auch die Synthese, die auf den insgesamt 14 Indikatoren beruht, die national und europĂ€isch sinnvoll erscheinen, inskĂŒnftig zum Kern der politischen Kulturmessungen gezĂ€hlt zu werden. Wohl noch am wenigsten eingelöst wurde der Anspruch zu klĂ€ren, wie politischen Strukturen und politischen Kulturen mehr als ĂŒber ihre jeweilige Geschichte in ihrer Entstehung zusammenhĂ€ngen.

Claude Longchamp

Toni Judt, der lebendigste Geist unter den Zeithistorikern, ist nicht mehr

Toni Judt, einer der bedeutendsten Zeitgeschichtler der Gegenwart, ist seiner schweren Krankheit im Alter von 62 Jahren erlegen. Mit ihm verschwindet ein wacher Geist unserer Zeit, der diese kannte und erzÀhlen konnte, wie kaum ein anderer.

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Toni Judt, 1948-2010, verfasser der umfassende Geschichte des „Postwar“

„Aber ist der Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und mĂ€rchenhafter, je dichter „vorher“ sie spiel?“ Mit dieser Frage aus Thomas Manns Zauberberg wandte sich Toni Judt kritisch an seine Historikerkollegen. Denn normalerweise sind die der Auffassung, man könne nur mit der gebĂŒhrenden Distanz erkennen, was Geschichte sei. Davon grenzte sich der prominente britische Historiker gerade mit seiner „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ klar ab, aber auch mit seinen viel beachteten Interventionen in der AktualitĂ€t.

Judts Hauptwerk hat vier Teile, die gleichzeitig zum gebrĂ€ucherlichen Vorschlag wurden, die Nachkriegsepoche zu periodisieren: die eigentliche Nachkriegszeit bis 1953, der Wohlstand und das Aufbegehren bis 1971, die grosse Rezession bis 1989 und die Zeit nach dem Zusammenbruch. Diese Einteilung hat den Vorteil, nicht an die Geschichte eines Staates, sei es Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Spanien oder Polen gebunden zu sein. Am ehesten noch lehnt sie sich an den Aufstieg und Fall der Sowjetunion mit dem Kalten Krieg und seiner Ueberwindung an. Doch auch das war nicht Judts wirkliche Absicht, als er sein wissenschaftliches Hauptwerk schuf. Vielmehr interessierten ihn die GrundzĂŒge der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, ja selbst des Alltags, als er begann, die ersten 60 Jahre des alten Kontinents nach dem Zweiten Weltkrieg zu erzĂ€hlen.

Selbst wenn sich auf die grossen Linien der europĂ€ischen Zeitgeschichte beschrĂ€nkte, resultierte ein Buch von 1000 gut lesbren Seiten. Das hat wohl damit zu tun, dass sich der Historiker gegen die postmodernen Theoretiker der Gegenwart klar abgrenzte und die Reduktion der Geschichte auf eine Dimension ablehnte. Dennoch prĂ€gen mindestens fĂŒnf Leitideen Judts Sicht auf die Zeitgeschichte des alten Kontinents:

. dem Niedergangs durch den Zweiten Weltkrieg, beschleunigt durch die Distanz zu Europa, auf die sich mit Grossbritannien und der Sowjetunion zwei der SiegermÀchte begaben,
. dem Verblassen der grossen Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts wie dem Liberalismus im Westen und dem Kommunismus im Osten,
. der Entwicklung des „Modells Europa“ durch die verbindliche Regelung der zwischenstaatlichen Beziehungen und der innergesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse,
. der Amerikanisierung der Kultur, die indessen beschrÀnkt blieb und
. der Homogenisierung des Kontinents, sei es durch Grenzverschiebungen, Vertreibungen und Völkermord, deren weitere Verhinderung dann zum einigenden Band wurde, ohne sie wieder aufzuheben.

Solche Einsichten ergeben sich aus der Gabe Judts, sich sowohl fĂŒr die Unmittelbarkeit der Jetzt-Zeit zu interessieren, als auch die ZusammenhĂ€nge in der historische Dimension treffend zu erkennen. Bei Judt kam hinzu, dass er ein wahrhafter Intellektueller war, aus dem jĂŒdischen Milieu stammend und dennoch anders als so viele seiner Kollegen nicht einfach kritiklos gegenĂŒber Israel. Als junger Wissenschaftler war er auch Marxist, doch löste er sich von dieser Ideologie, um eine uuniversalistische Demokratie als Verteidigerin der sozialen Gerechtigkeit gegenĂŒber der neoliberalen Marktgesellschaft zu vertreten.

Nun ist Toni Judt, der PaneuropĂ€er, der in New York forschte und lehrte, nach einer schweren Krankheit 62jĂ€hrig gestorben. Die Zeit, die er vorbildlich analysierte, ist die Zeit, in der er selber lebte – und auch ich noch lebe. Genau das macht seine Hauptwerk fĂŒr Zeitgenossen und nachfolgende Generationen interessant. Das alles ist und bleibt umso spannender, wenn er von dem vorgefĂŒhrt wird, der, wie der Londoner Guardian nur einen Tag vor dem Tod des Meisters schrieb, „the liveliest mind in New York“ war.

Claude Longchamp

Niall Fergusons optimistische Evolution des Geldes

Sicher braucht es Mut, mitten in der jĂŒngsten Finanzkrise ein optimistisches Buch ĂŒber die Geschichte des Geldes zu schreiben. Denn da kann man sowohl bei HistorikerInnen oder OekonomInnen, als auch im Publikum leicht durchfallen.

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Niall Ferguson wĂ€re nicht Niall Ferguson, wĂŒrde er sich der grossen Aufgabe nicht stellen. Denn der britische Historiker mit Jahrgang 1964, der meist in den USA an Elite-UniversitĂ€ten forscht und lehrt, ist dafĂŒr bekannt geworden, Geschichte medien- und damit auch publikumsgerecht zu prĂ€sentieren – und zwar nicht nur als origineller Fachmann, sondern auch als genialer Kommunikator. Das sichert ihm, was auch immer er in Angriff nimmt, Zustimmung, wie die der Times, die ihn schon mal zum „brilliantesten Historiker seiner Generation“ erklĂ€rt hat.

Im Buch zum „Aufstieg des Geldes“ als eigentlicher WĂ€hrung der Geschichte beginnt Ferguson zwar im Altertum, genauer gesagt bei den Geldverleihern in Mesopotamien, spannt er den Bogen aber auch bis in die Gegenwart, das heisst die Tage des Jahres 2007, als die ersten Anzeichen der Finanzmarktkrise in den USA sichtbar wurden.

Denn es geht dem Tausendsassa der Wirtschaftsgeschichte in dieser Uebersicht nicht wirklich um die Geschichte der Medici i Florenz, nicht um die Aktiengesellschaft der niederlÀndischen Ostindienkompanie und auch nicht Staatsanleihen aus dem Rothschild-Imperium nach dem Ende der napoleonischen Kriege. Er will auch nicht einfach erzÀhlen, wie vielerorts Versicherungen entstanden, die kollektive und private Vorsorge anbieten, oder politische Programme lanciert wurden, die Privathaushalte animieren, sich auf Immobilienbesitz zu spezialisieren.

Denn im Kern des Buches geht es Ferguson um eine Abstammungslehre des Geldes. Das tönt ein wenig darwinistisch – und es ist es bisweilen auch. Denn es hat mit Fergusons Auffassung von Geschichte zu tun.

Aehnlich wie Herbert Spencer sieht Ferguson die Entwicklung der Gesellschaft als Evolution vom Einfachen zum Höheren. Anders als beim britischen Soziologen ist bei ihm das was sich durchsetzt, nicht einfach gut, aber besser. Deshalb ist die jeweilige Gegenwart immer die beste als bisherigen.

Ferguson verfĂ€llt nicht in die Falle frĂŒherer Fortschrittsoptimisten, von einer linearen Entwicklung der Menschheit, der Gesellschaften und der Wirtschaften zu sprechen. Vielmehr braucht er mit Bezug auf das Geld die eingĂ€ngige Formel, dass die Finanzgeschichte Zickzack-förmig verlaufe, die Geldentwicklung sich dabei aber wie ein SĂ€geblatt immer tiefer ins Holz fresse.

Die Verbesserungen des Geldes als MĂŒnze, als Papiergeld, als Guthaben entstehen dabei anders als in der Natur nicht durch Ă€ussere Schockwellen, welche die Umwelt verĂ€nderten und Anpassungen der Organismen verlangten. Vielmehr leiten sie sich aus den SchwĂ€chen der bisherigen Finanzorganisationen ab, die in SchĂŒben schöpferischer Zerstörung durch leistungsfĂ€higere ersetzt werden mĂŒssen. Was sich dabei in Konkurrenz behaupte, diversifiziere die Angebote und verbreite sich aufgrund einer eigenen Auslese nach Massgabe der NĂŒtzlichkeit.

Geld, schliesst der Historiker seine Einsichten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei immer nur ein Spiegel, der dem Menschen stets und ĂŒberall zeige, was man wertschĂ€tze. Dass dabei Schönheit und Makel zum Ausdruck komme, liege nicht am Geld, eher am Menschen, der unfĂ€hig sei, vorauszusehen und sich vernĂŒnftig zu verhalten.

Die LektĂŒre des Buches ist zu allererst ein Genuss. Denn es schreibt ein Autor, der selber belesen ist, es erzĂ€lht ein Historiker, der das Vertrauen der Banker geniesst und deren Welt auch aus den privatesten Archiven kennt, und es spricht in Wort und Bild ein Kommunikator, dessen BĂŒcher lĂ€ngst kein Selbstzweck mehr sind, sondern eher Nachschlagemöglichkeiten fĂŒr TV-ZuschauerInnen oder KonsumentInnen von Video-Botschaften aus dem „Hause Ferguson“.

Doch dann ĂŒberfĂ€llt einem nach 300 Seiten Gelesenem doch die Frage, ob man nicht nur faktenreich durch die Geldgeschichte gefĂŒhrt, sondern auch geschickt abgelenkt worden ist.

Gerade die Metapher der Evolution des Geldes in Analogie der Evolution der Natur verleitet nĂ€mlich zur Vorstellung, dass Alles nur natĂŒrliche Auslese sei, vor allem aber keine Interessen den Umgang mit Geld antreibe. Gerne hĂ€tte man deshalb auch gelesen, wie gerade auch ausserhalb der Geldinstitute ein Diskurs um das Wesen und die Wirkungen von Banken, Versicherungen, Obligationen, Aktien, Optionen, Derivaten entstand, der durchwegs kritischer ausfĂ€llt, als wenn man im Cockpit eines Bulldozers sitzt, der sich durch die Umgebung pflĂŒgt, im Einzelnen von schöpferischen Zerstörungen spricht, die fĂŒr die allgemeine Entwicklung nötig sei.

Oder eben: das Buch ist geschliffen wie ein Brilliant, der leuchtet, ohne dass die Botschaft wirklich einzuleuchtet!

Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes. Die WĂ€hrung der Geschichte, 2009 (englisches Original 2008)

Bundesratwahlen und die Politikwissenschaft

Bundesratswahlen sind auch eine Leistungsschau fĂŒr die Politikwissenschaft. Nötig wĂ€re es, bald einmal ein politologisches Handbuch der Bundesratswahlen zu haben, dass den Wissensstand reprĂ€sentieren, die Forschung anregen, und die Politberetatung befruchten wĂŒrde.

Bundesratswahlen kommen zwischenzeitlich hĂ€ufiger vor als Parlamentswahlen. Und sie sind fĂŒr die Politikwissenschaft eine gute Gelegenheit, die eigene Sache zu profilieren.

Iwan Rickenbacher in der deutschsprachigen Schweiz, Pascal Sciarini in der Romandie und Oscar Mazzoleni im italienischsprachigen Landesteil sind die Favoriten der Medien. Hinter ihnen sind Andreas Ladner, Michael Hermann, Regula StÀmpfli, Georg Lutz, Hans Hirter und Silvano Möckli in Position.

Den Takt der öffentlichen Diskussion geben die Journalisten vor. Sie treiben die Parteien und KandidatInnen. Sie formulieren auch die Thesen, was ist, und lassen diese durch ExpertInnen deuten, manchmal bewerten – und lassen gelegentlich auch Spekulationen meist zu mehr oder minder aussichtsreichen Personen zu.

Eigentliche sollte es gerade umgekehrt sein: Es wĂ€re die Aufgabe der Wissenschaft(en), die Thesen zu den Herausforderungen der Politik, Leistungen (und Misserfolge) des Regierungssystems zu formulieren resp. die Möglichkeiten und Grenzen der Wahlverfahren aufzuzeigen. Das gĂ€be dann die Basis, auf der einer wissenschaftlich angeleitete Berichterstattung ĂŒber Wahlen, Kampagnen, Parteien und KandidatInnen erfolgen könnten.

Der Durchbruch zu einer inspirierteren und faktenreichereen Kommentierung von Bundesratswahlen durch PolitologInnen will indessen nicht. Das hat wohl auch selbstverursachte GrĂŒnde, denn die politologische Grundlagenforschung zu Bundesratswahlen hinkt der RealitĂ€t hinten nach, statt sie zu befruchten!

Was der Wahlforschung bei Legislativwahlen in den letzten 20 Jahren teilweise gelang, und sie in eine gute Position vor, wÀhrend und nach Nationalratswahlen brachte, blieb bei Exekutivewahlen bisher weitgehend aus,

Konkret: Wir sollten ein verbessertes Rating der politischen Parteien haben, das aufzeigen wĂŒrde, wie die verschiedenen BewerberInnen organisatorisch, programmatisch und personell unterwegs sind, welche politischen EinflĂŒsse zu erwarten sind, wenn sich Partei A oder B, KandidatIn X oder Y in einer Wahl durchsetzt.

Wir sollten auch vermehrt Wissen, welche Kriterien nebst der Parteizugehörigkeit bei einer Wahl effektiv Ausschlag gebend sind, und ob es ZusammenhĂ€nge gibt zwischen diesen und den Erfolgen wĂ€hrend der nachfolgenden Regierungsarbeit. Ohne das spekulieren wir nur ĂŒber die Bedeutung von Exekutiverfahrungen, Kenntnissen des Bundes(rats)mechaniken, erworbenen Kommunikationskompetenzen oder mitgebrachten Netzwerkverbindungen.

In den US beispielsweise hat sich die politologische und historische PrĂ€sidentschaftsforschung soweit spezialisiert, dass man Einflussfaktoren der Wahlchancen einzeln recht zuverlĂ€ssig kennt und dass Heerscharen von ExpertInnen das Wirken der PrĂ€sidenten in Vergangenheit und Gegenwart nach explizit begrĂŒndeten Kriterien beurteilen. Das hilft, objektivierte Bewertungen aufzugeben, gerade auch durch WissenschafterInnen und PolitbeoachterInnen.

In der Schweiz greift man bei solchen Gelegenheiten maximal auf das Standardwerk von Urs Altermatt zurĂŒck, dass Wahlen und Leistungen unserer BundesrĂ€te in historischer Zeit zusammengestellt hat. Das Handbuch des politischen Systems der Schweiz bietet fĂŒr die Gegenwart nichts vergleichbares an, sodass der eben emeritierte Freiburger Historiker angekĂŒndigt hat, in den nĂ€chsten zwei bis drei Jahren eine vollstĂ€ndig ĂŒberarbeitete Neufassung herauszugeben.

Wann, frage ich, wagen sich die Politologien an eine Lexikon zu Schweizer Bundesratswahlen aus ihrer Perspektive, das den Forschungsstand abbilden und die mediatisierte Politbeobachtung anleiten wĂŒrde?

Das ökosoziale Manifest

Roger de Weck kennt den Kapitalismus – und kritisiert ihn. Zum Beispiel in seinem jĂŒngsten Buch „Nach der Krise“, das sich wie ein ökosoziales Manifest liest.

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Roger de Weck, designierter Generaldirektor der SRG

Der St. Galler Oekonom, Sohn des ehemaligen PrĂ€sidenten der SBG (heute Teil der UBS) schreibt als Journalist mit Vorliebe ĂŒber die Rolle der Banken im Kapitalismus – meist auch kritisch. Denn mit der jĂŒngsten Finanzkrise ortet er gerade unter den fĂŒhrenden Geldwirtschafter einen dreifachen Wandel: Nicht mehr weniger Regulierungen, weniger Staat und weniger RĂŒcksichtnahme auf die Verlierer seien angesagt, seit die Banken selber ins Wanken geraten sind. Gefragt sei der Staat Tag und Nacht und Regulierungen sind keine Strangulierungen mehr, sondern StĂŒtzen im Konkurrenzkampf. Und wer die Banken nicht stĂŒtzen wollen, wolle den Untergang der ganzen Wirtschaft.

„Kapitalismus als Religion“ ist eines sieben Kurzessays, die der Freiburger Kulturkatholik in Anlehnung an Walter Benjamin 2009 verfasst und zu einem 100seitigen Band zusammengefasst hat. Darin begrĂŒndet er, wie die Reformation des Kapitalismus aussehen mĂŒsse. Angestrebt wird ein ausgewogener Kapitalismus, der sich vom real existierenden absetzt. Vielmehr skizziert de Weck, wie der Kapitalismus demokratisch, nachhaltig und stabil werden könnte. Auf dieser Basis fragt er sich, was nach der jĂŒngsten Krise ein liberaler Kapitalismus sei, der im globalen Rahmen funktionieren könne.

In seinem Manifest geisselt der vormalige Chefredaktor des ZĂŒrcher „Tages-Anzeiger“ resp der Hamburger „Die Zeit“ die Gier der Manager, die sich aus dem Ungleichgewicht von Kapital und Arbeit entwickelt habe, das Marktdenken verabsolutiert und die Funktionen des Staates verniedlicht habe. Die Umkehr, die er fordert, begreift genau das als Macht der Oekonomie, der eine Gegenmacht gegenĂŒber zu stellen sei, damit sich auch nicht-ökonomische Werte behaupten könnten.

Demokratie, schreibt der langjĂ€hrige Kolumnist der Sonntagszeitung, mĂŒsse Vorrang vor der Oekonomie bewahren, und die Politik brauche UnabhĂ€ngigkeit vor Wirtschaftsinteressen. Eine kompetente und leistungsfĂ€hige Verwaltung sei unabdingbar, und dĂŒrfe als stabilisierender Garant des Staates nicht einfach verhöhnt werden. Auch die Wirtschaft wird in die Pflicht genommen, wenn es um mehr StabilitĂ€t geht. GeldhĂ€user mĂŒssten viel mehr Eigenkapital hinterlegen, um fĂŒr die Risiken, die sie eingehen, mitzuhaften, Spekulation sei zu verbieten, genauso wie Gehalts- und Bonusexzesse. Nicht die Bereicherung mĂŒsse belohnt werden, sondern die Investitionen in Volkswirtschaften und Unternehmen. Staat Eigennutz seien soziale und ökologische Ziele angesagt, die auf Eigentum basierten, das verpflichte.

„Liberal“, sagt der fĂŒhrende Intellektuelle in der Schweiz, sei eine Grundhaltung, die es vermeide, staatlicherseits in den Markt zu intervenieren, sich aber nicht scheue, ihn zu regulieren. Oder noch klarer: Wer Staatshilfe beanspruche, mĂŒsse mit der Enteignung leben. Denn das was wir heute hĂ€tten sei faktischer Staatskapitalismus, verkleidet in neoliberale Ideologie, wenn die Sonne scheine, und Staatsinterventionismus, wenn es regne. Das zu ĂŒberwinden, werde auf nationalstaatlicher Ebene misslingen, weshalb es eine Weltwirtschafts- verbunden mit einer WeltwĂ€hrungspolitik brauche, die davon ausgehe, dass alle lebensnotwenigen Ressourcen einen Preis bekĂ€men.

Insbesondere in der Schweiz gilt Roger de Weck als „Linker“. Das rĂŒhrt daher, dass er einen EU-Beitritt der Schweiz befĂŒrwortet. Weltanschaulich trifft das Etikett nicht zu, wie die LektĂŒre seines Buches „Nach der Krise“ zeigt. Denn der designierte Generaldirektor der SRG sucht nicht die Ueberwindung des Kapitalismus. Vielmehr strebt er einen reformierten Kapitalismus an, der von der Kurzfristigkeit der Bonuskultur und ihrer Implikationen befreit, langfristig ausgerichtet, ökologischen Zielen, sozialen Zwecken und der menschlichen Entwicklung dienlich ist.

Das bringt er in prĂ€zisen Worten zu Papier und zwischen zwei Buchdeckel, wie man es sich in der rasch wachsenden Literatur zur jĂŒngsten Finanz- und Wirtschaftskrise wĂŒnschen wĂŒrde. Beim besprochenen Buch hĂ€tte man sich gewĂŒnscht, dass nicht nur der Ueberbau skizziert worden wĂ€re, sondern auch die TrĂ€ger der VerĂ€nderungen benannt und die KrĂ€fte, die sie stĂŒtzen, analysiert worden wĂ€ren.

Immerhin: 1848 verfassten mit den Deutschen Karl Marx und Friedrich Engels ein Philosoph und ein Unternehmer das Kommunistische Manifest. 2009 schrieb mit dem Schweiz Roger de Weck ein Intellektueller das Manifest der ökosozialen Marktwirtschaft.

Was die Wissenschaft in der Praxis aus dem Angriff auf die Klimaforschung lernen sollte

Die Liste der beklagten Fehlleistungen der Klimaforscher und ihrer Vermittler war lang. In Anspielung an den Watergate-Skandal erfand man schon mal den Begriff des „Climategate“. Jetzt liegen erste Untersuchungen ĂŒber die Forschung und ihre Kommunikation vor, die eher Schwachstellen der heutigen Wissenschaftspraxis erkennen lassen als solche der Forschung.

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klimaforschung der university of east anglia: beklaut, angeklagt und rehabilitiert

Alles begann mit eine Diebstahl: Kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen tauchten e-mails auf, die aus der Datenbank der University of East Anglia entwendet worden waren. Sie nĂ€hrten in medialer Windeseile die Vorstellung, die Klimaforscher hĂ€tten ĂŒberzeichnet, ja bewusste Manipulation betrieben. Dies verunsicherte die Verhandlungen der Klimakonferenz in Kopenhagen. Nur kurz darauf musste der UN-Klimarat zugeben, dass sich Fehlangaben zum RĂŒckgang der Gletscher und zu den Folgen der Meeresspiegelerhöhung fĂŒr die Niederlande in die Berichterstattung eingeschlichen hatten. Das untergrub die GlaubwĂŒrdigkeit wissenschaftlich hergestellter Befunde zu Themen, welche politische relevant, sinnlich nicht erfahrbar sind, selbst in namhaften Zeitungen.

Zwischenzeitlich liegen drei Gutachten zur Klimaforschung und ihrer öffentlichen Vermittlung vor. Beteiligt waren das britische Unterhaus, die Royal Society und die East Anglia University selber. Die Forschung selber nehmen sie weitgehend in Schutz. Die Kommunikation ist indessen ein Problem, vor allem dann, wenn sich nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch Berichte von Interessengruppen, die nicht weiter geprĂŒft werden, in die Resultatekommunikation einfliessen. Medial in Fahrt gekommene Kritik entwickelt sich eigengesetzlich, und sie treibt weit herum eigentĂŒmliche BlĂŒten.

Empfohlen wird den KlimaforscherInnen, sich offener gegenĂŒber Anfragen zu verhalten und ihre eigenen Resultate offensiver zu kommunizieren. Der Weltklimarat seinerseits muss QualitĂ€tskriterien entwickeln, die klar machen, welche Forschungsberichte berĂŒcksichtig werden dĂŒrfen und welche nicht. Und an die Adresse der Medien ist gerichtet, dass sie die Unsicherheiten der Forschung ebenso vermitteln mĂŒssten wie deren Sicherheiten.

Von aussen betrachtet wird man sagen können: Die Wissenschaft, die sich an die politische Oeffentlichkeit richtet, kann nicht damit rechnen, als reine Expertenstimme wahrgenommen zu werden. Sie muss deshalb neue Wege gehen, ihre eigenen Resultate verstÀndlich und direkt an die Politik heranzutragen. Die Politik ist ihrerseits gehalten, Wissenschaft als eine höchst relevante Stimme zu verstehen, die möglichst unvermittelt in Entscheidungen einfluessen soll. Denn in den Vermittlungsprozess mischen sich zwischenzeitlich Medien, Lobbygruppen, MeinungsmacherInnen und InternetschwÀrme, welche jede Sache, die wichtig ist, nach ihren Interessen oszillieren lassen, um so auf die Entscheidungfindungen Einfluss zu nehmen.

Eigentlich sollte man angesichts der tĂ€glich vermittelten wissenschaftlichen Berichte viel mehr ĂŒber solche ZusammenhĂ€nge wissen und lehren, um FĂ€lle wie die Kritik an der Klimaforschung inskĂŒnftig verhindern zu können. Denn das Risiko von ReputationsschĂ€den bleibt unabhĂ€ngig von Rehabilitationen.

Buchbesprechungen im dialogischen Zeitalter

Er schrieb ein Buch. Ich besprach es. Nun kommentiert Bastien Girod alle Rezensionen zu seinem „Green Change“. Ein Hauch von Internet-Dialog entsteht so.

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Interaktion ist Kommunikation unter Anwesenden, sagte der Soziologe Niklas Luhmann. Dank Interaktionssystemen wie Internet gibt es auch dialogische Kommunikation unter Abwesenden. Neuerdings sogar im Bereich von BĂŒchern und Buchbesprechungen.

Bastien Girod ist als Neuerer bekannt geworden. Kaum war er Nationalrat, mischte er mit seiner Offroader-Initiative vorne mit und fand er selbst bei Automobilfans interessierte GesprĂ€chspartnern. Vor kurzem kam sein erstes Buch auf dem Markt, und schwupps kĂŒndigte der erfolgreiche Umweltwissenschafter an, nach Utrecht gehen zu wollen, um dort ungestört forschen zu können. Auf die Politik in der Schweiz will er aber nicht verzichten.

FĂŒr die Sessionen als grĂŒner Nationalrat will der Teilzeitauswanderer bald schon regelmĂ€ssig pendeln. Den Abstimmungskampf zur Initiative will aber aus der Ferne fĂŒhren – genauso wie den Wahlkampf zu seiner Wiederwahl als ZĂŒrcher Volksvertreter in Bern. DafĂŒr will er seinen Auftritt im Internet ausbauen. Dialogisch kommunizieren nennt man das wohl, denn die WĂ€hlerInnen-Ansprache funktioniert via Internet gleich, ob man in der Schweiz oder in den Niederlanden ist. Denn das Internet ist ein Interaktionssystem, das dialgoeische Kommunikation unter Abwesenden erlaubt.

Konsequent dialogisch ist Girod schon mal, wenn es um seinen Erstling unter den grĂŒnen FachbĂŒchern geht. Die NZZ hat es rezensiert, der Tagi auch. P.M. und P.S. taten das gleiche, wie ich auch. Die meisten lobten das Buch, aus GrĂŒnden der AktualitĂ€t, aber auch konzeptionell. Insbesondere der Ausbruch aus dem unvollstĂ€ndigen GlĂŒck, das sich in entwickelten Gesellschaften ausbreitet und nach einer politischen Befreiungsaktion ruft, fand die Aufmerksamkeit der Rezensenten. NatĂŒrlich gab es auch Kritik, vor allem aus dem konkurrierenden SP-Lager. BemĂ€ngelt wurde der Unterschied zwischen kollektivem und individuellem GlĂŒck.

Nun, Girod wirkt auch hier als Neuerer. Denn auf seiner Webseite bespricht er gegenwĂ€rtig die Besprechungen. Und erteilt den Notengebern Noten. Das ist keck, und mediumsgerecht, denn kein anderes Mittel der Kommunikation wurde bei seiner EinfĂŒhrung so fĂŒr seinen (potenziell) dialogischen Charakter gelobt, wie das Internet. Einen Hauch davon kann man aktuell anhand des „Green Change“ erleben.

Bauchentscheidungen

Mehr Information sei immer gut, habe ich in meinem Studium noch gelernt. Das war noch zu Zeiten der kognitiven Revolution. Zwischenzeitlich haben wir schon lÀngst den emotional turn erlebt, auch in der Forschung, und mit ihm wird die Intuition als Entscheidungsprinzip wieder mehr geschÀtzt.

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„FrĂŒher ging man davon aus, möglichst viele Informationen zu sammeln und auszuwerten. Aber das ist nicht immer richtig und sogar hĂ€ufig irrefĂŒhrend. Wir waren die Ersten, die emprisch nachweisen konnten, dass intuitive Prinzipien bei gewissen Fragestellungen zu besseren Fragestellungen fĂŒhren als komplexe statstische Softwarepakete.“

Gerd Gigerenzer, der dies sagt, ist Professor fĂŒr Psychologie. Er gehört zu den meist zitiertesten seines Fachs im deutschsprachigen Raum. Seine Karriere fĂŒhrte ihn von MĂŒnchen ĂŒber Konstanz, Salzburg, Chicago nach Berlin.

Gigerenzers Thema sind Heuristiken. Damit meint man eine menschliche FĂ€higkeit, Probleme gut zu meistern, auch wenn man wenig Zeit und wenig Informationen hat.

Das Prinzipien sind einfach: Wenn Zukunft verhersagbar ist, sollte man alle verfĂŒgbaren Informationen nutzen. Denn es gilt, FehlschlĂŒsse zu vermeiden. Oekonomische Modelle einerseits, statistische Verfahren andererseits sind dann die leistungsfĂ€higsten Instrument. Wenn die Zukunft indessen aufgrund ihrer KomplexitĂ€t nicht vorhersagbar ist, schlĂ€gt der Professor vor, sich auf seine Intuition zu verlassen. Denn hilft einem zu erkennen, was Wesentlich ist, und danach sollte man handeln, wĂ€hrend man den Rest auch ignorieren kann. Die meisten Probleme, so dozierte der Fachmann, liegen aber dazwischen, sodass es durchaus Sinn machem dass sich die Forschung damit beschĂ€ftige, wann welches Vorgehen geeigneter ist.

Richter, Aerzte und Manager gehören zu den Gruppen, die am hĂ€ufigsten bei Gigerenzer Rat suchen. Typischerweise sind das alles Macher, meist eine solide Grundausbildung hinter sich haben, im Alltag aber viel hĂ€ufiger entscheiden mĂŒssen, als sie es gelernt haben. Denn ihre Beruf verlagen sowohl „Wissen“ wie „Können“, Analyse wie Anwendung.

„Bauchentscheidungen“, wie es der Psychologe nennt, gibt es aber auch in der Politik. Man verlĂ€sst sich auf seine Erfahrung, wenn man abstimmen muss. Immer ĂŒber alles Bescheid wissen, ist nicht nur aufwendig, es ist gelegentlich auch nicht möglich. Oder fĂŒhrt zur informierten EntscheidungsunfĂ€higkeit, der nicht ganz unbekannten Ueberforderung von SachverstĂ€ndigen.

Regierungsvertrauen ist eine solche Möglichkeit der KomplexitÀtsreduktion in der Politik. Parteibindungen ist eine weitere. Genauso, wie darauf achten, was Politiker, die man kennt und schÀtzt empfehlen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn uns etwas interessiert, informieren wir uns ausgiebig, meist auch langfristig. Dann sind wir befĂ€higt, eine grĂŒndlich durchdachte Entscheidung zu fĂ€llen. Wenn uns dagegen etwas nur mĂ€ssig anspricht, wollen wir rasch entscheiden können, und meiden wir den Umgang ĂŒber die Informationsbeschaffung und -verarbeitung.

Gestern habe ich am IPMZ transfer, der Praxisabteilung des ZĂŒrcher Uniinstituts fĂŒr Publizistik und Medienwissenschaft unterrichtet. Und ziemlich genau das fĂŒr meine Teilnehmenden aus dem Bereich der Behördeninformation empfohlen. Gestern da kannte ich Gerd Gigerenzer noch nicht, denn erst heute habe ich in der Zeitung ĂŒber ihn gelesen, – und war sofort mit ihm einverstanden!

Doch ist auch das wohl nur eine Bauchentscheidung. Und so erinnere ich mich an die griechische Philosophie zurĂŒck, die zwischen Wissen und Meinen unterschied. Letzteres ist das, was man nicht wissen kann. Bei allem, was man wissen kann, ist es die Aufgabe der gerade der Wisenschaften, das Meinen durch Wissen zu ersetzen.

Steckbrief WissenschafterInnen: Braucht es Intellektuelle, Fachleute, Gelehrte oder AkademikerInnen?

Auf scatterplot, einem blog aus der welt der amerikanischen universitĂ€ten, habe ich eine interessante Typologie gefunden, was WissenschafterInnen (nicht) sein sollten. Vier Rollen werden unterschieden, die mich angeregt haben, mich in meinem Umfeld umzusehen. Eine kleine Charakteristik an Wissenschaftertypen – mit einem grossen Augenzwinkern!

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Was nur sollen angehende WissenschafterInnen werden?

Intellektuelle
Intellektuelle verstehen es, redend oder schreibend zu intervenieren. Sie rufen dazwischen und beeinflussen so den Gang der Dinge. Ohne Medien wĂŒrde sie gar nicht gehen. Denn diese bieten Intellektuellen erst den Raum, den sie brauchen, um sich zu entfalten. Intellektuelle erkennt man daran, dass sie sich fĂŒr ein Projekt einsetzen, eine Idee verfolgen und ein klares Wertemuster haben, und das mit Verve. Deshalb wissen sie auch, wie die Zukunft aussieht – jedenfalls aussehen sollte. HierfĂŒr setzten sie sich unablĂ€ssig ein. Details interessieren Intellektuelle nicht, vielmehr wollen sie das Ganze verstĂ€ndlich machen oder mit ihrer Kritik das Falsche in der Entwicklung diskreditieren. Intellektuelle haben gelernt zu stören, ohne dass sie das selber wirklichen stören wĂŒrde. Allerdings, gerade unter den WissenschafterInnen, werden Intellektuelle immer seltener.

ExpertInnen
Kein Experte, keine Expertin ohne Fakten. Wer es mit Fachleuten zu tun hat, begegnet keinen Gesinnungsmenschen. DafĂŒr gelegentlich Datenhubern. Denn ExpertInnen sind von einem ĂŒberzeugt: Daten sind die neutralste Form der Beschreibung von RealitĂ€t. Diese hat es den ExpertInnen angetan, sie können es nicht lassen, sie immer wieder zu analysieren. Experten sind Informationsverarbeiter mit klar umgrenztem Sachgebiet. Die besten Fachleute arbeiten am klarsten nach den Regeln der Vernunft. Das verspricht Vorteile – fĂŒr wen auch immer. Den Managern, den Politikerinnen und den ChefredaktorInnen stellen sie ihr Wissen zur VerfĂŒgung. Vertrauen in ihre Arbeit und anerkannte Kompetenz begrĂŒnden ihre GlaubwĂŒrdigkeit – und die ist ihr Kapital, gerade wenn die Logik und die Statistik in der Vermittlung nicht mehr weiterreicht. ExpertIn zu sein, ist heute der verbreiteste Wunsch unter WissenschafterInnen.

Gelehrte
Welches PhĂ€nomen auch immer ein Gelehrter (oder eine Gelehrte) aufgreift, ihm oder ihr eröffnet sich damit unverzĂŒglich das ganze Universum unserer Kultur. Gelehrt zu sein heisst, weise zu sein. DafĂŒr braucht es Geduld, die sich meist erst im Alter einstellt. Denn frĂŒhestens dann ist man mit der ganzen Geistesgeschichte der Menschen vertraut, bei den antiken Philosophen wirklich zuhause, und hat man die Werke der KirchenvĂ€ter ausgiebig studiert. Gelehrte dĂŒrfen aber nicht nur in der europĂ€ischen Vergangenheit heimisch sein, sie mĂŒssen auch eine Hauch der östlichen, ja fernöstlichen Lehren in sich aufgenommen haben. Gelehrte sind immer auch ein bisschen ein Guru. Das Publikum ist ihnen nicht egal, am besten ist es aber nicht zu zahlreich, denn das erlaubt es, sich austauschen und vertiefen zu können. Denn wer Gelehrte wissen: Wer das GlĂŒck hat, ihne zu begegnen, will danach inspiriert sein.

AkademikerInnen
AkademikerInnen schliesslich haben vor allem einen Lebenslauf, der ihre bisherige Karriere dokumentiert. FĂŒr Akademiker ist es wichtig, viel geschrieben zu haben. Publizieren nennen sie das, ohne dass sie sich wirklich fĂŒr Publizistik interessieren wĂŒrden. Denn entscheidend sind nicht die LeserInnen, sondern ist die Bibliographie. Möglichst lang soll sie sein und aufzeigen, wie gut man vernetzt ist. Entsprechend zitiert man auch. Oder auch nicht. Denn AkadmikerInnen wissen eines: Andere AkademikerInnen entscheiden ĂŒber den weiteren Verlauf ihres Erfolges. Deshalb eifern AkademikerInnen akademischen Vorbildern nach. Und beobachten genauestens, was andere AkadmikerInnen mit vergleichbarem Ruf machen, könnten sie doch dereinst KonkurrentInnen sein, wenn es um eine gute Stelle geht, um Gelder fĂŒr Forschungen, um Ehrungen, die man so gerne dem eigenen Lebenslauf noch beifĂŒgen möchte.

Und nun?
Was nun braucht die Wissenschaft? Nichts davon, von allem etwas oder einen ganzen bestimmten Typen. Sachdienliche Hinweise sind erwĂŒnscht.