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exit polls: aufwendig und nicht unproblematisch

Wenn die Wahllokale schliessen, schl√§gt die Stunde der exit poll, der grossen Befragungen vor den Wahllokalen. F√ľr die politische Kommunikation ist das wichtiger als das amtliche Endergebnis. Der enorme Zeitdruck der Oeffentlichkeit ist aber nicht unproblematisch, namentlich was die olgen f√ľr die Genauigkeit der Aussagen betrifft.


Letzte Vorbereitungen im CNN-Studio f√ľr die exitpolls von heute (Quelle: CNN)

Um bei den heutigen Wahlen in den Vereinigten Staaten von Amerika den Pr√§sidenten bestimmen und das Wahlergebnis einer Erstanalyse unterziehen zu k√∂nnen, haben sich die news Organisationen ABC News, Associated Press, CBS News, CNN, FOX News and NBC News zum National Election Pool zusammengeschlossen. Gemeinsam beauftragen sie nach 2004 zum zweiten Mal Edison Media Research und Mitofsky International, die Wahllokalbefragung durchzuf√ľhren.

Ziel der grossangelegten Erhebung in allen Gliedstaaten Sieger und Verlierer korrekt zu bestimmen. Das ist 2004 und 2006 gelungen.

Die sehr schnelle Durchf√ľhrung von Befragung, Verarbeitung, Analyse und Kommentierung ist aber nicht ohne Probleme bei der Genauigkeit. Trotz erneuertes Projektorganisation 2004 wichen die kommunizieren Endergebnisse anf√§nglich ausserhalb des Stichprobenfehlers vom sp√§teren offiziellen Resultat ab. Zu gut dargestellt wurden damals die Demokraten von John Kerry, w√§hrend Bushs Republikaner untersch√§tzt wurden.

Betr√§chtlich sind nebst den organisatorischen Aufwendungen auch jene der Informationspolitik. Sichergestellt werden muss, dass keine der konkurrierenden news-Agentur bevorteilt informiert wird. Hierzu werden alle Informationen vom New Yorker “Quarantine Room” aus verteilt, der bis zur Resultatverk√ľndung hermetisch von der Aussenwelt abgeriegelt ist.

Die Exit Poll erscheinen in der heutigen Wahlnacht, noch bevor die effektiven Wahlergebnisse aus den Gliedstaaten eintreffen, welche die verbindliche Verteilung der Elektorenstimmen ergeben. Gewonnen hat, wer 270 der 538 Elektoren hinter sich weiss. Sicher wird man vorsichtig mit den Daten aus den exit polls umgehen, denn man ist nach den letzten Wahlnächten gebrannt. Das heisst nicht, dass es Barack Obama nicht schafft.

Claude Longchamp

Wie genau sind die amerikanischen Vorwahlumfragen in der Regel?

Im Jahre 2004 kamen die Umfrageserien, die bis vor den Wahltag erstellt worden waren, im Schnitt bis auf 2 Prozentpunkte an das effektive Ergebnis heran. Sie waren damit im Schnitt etwas besser als vier Jahre zuvor. In der Richtung haben die Umfrageserien von 2000 und 2004 jeweils den Republikaner Bush leicht √ľbersch√§tzt. Auch das spricht f√ľr eine Wahlsieg von Barack Obama, der in den letzten Umfragen mit durchschnittlich 7,6 Prozent f√ľhrt.

6 der 8 Institute, die 2004 eine Projektion erstellten, sahen richtigerweise Georges W. Bush (50.7%) als Sieger vor John Kerry (48.3%). Am genauesten waren damals die Vorhersage von TIPP (50.1 zu 48.0). Sie gab Bush 2.1 Prozentpunkte Vorsprung. Mit etwas abnehmender Genauigkeit folgten damals die Institute PEW, Battleground-Tarrence und Harris, beide knapp vor Zogby und Gallup. Eigentliche Fehlprognosen lagen bei Democracy Corps und Battleground-Lake vor.

Im Jahr 2000 war die Sache komplizierter, weil Al Gore (48.4%) effektiv einen halbe Prozentpunkt mehr W√§hlerstimmen hatte als Georges W. Bush (47.9%). Diese wurde dank eine hauchd√ľnnen Mehrheit bei den Elektoren gew√§hlt. Die Umfragen wiederum sahen Bush ist als klaren Sieger. Nur Zogby hatte Kerry vorne, und Harris kam dem bizzaren Endresultat mit 47:47 am genauesten.

Was lernt man daraus?

Erstens, die Differenz zwischen den beiden Spitzenkandidaten wurde 2000 falsch, 2004 aber richtig erkannt. Der Fehler liegt zwischen 2 und 3 Prozentpunkten.
Zweitens, die republikanischen Bewerber werden nicht einfach unterschätzt, egal ob sie Herausforderer oder Amtsinhaber sind.
Drittens, auf ein Institut abzustellen, ist nicht einfach, da Harris nicht mehr dabei ist, und TIPP und TIPP“>Zogby, die beiden besten bei einer Wahl bei der anderen kleinere Probleme hatten.

Wenn Obama diesmal in allen Umfrageserien mit durchschnittlich 7,6 Prozent (wenn auch mit unterschiedlichen Differenzen von 2 bei Battleground Tarrence bis 11 Prozent bei Zogby resp. Gallup f√ľhrt, kann, egal wie gross der Vorsprung letzten Endes sein wird, nichts mehr schief gehen.

Weder f√ľr ihn, noch f√ľr die Umfrageinstitute als Ganzes.

Claude Longchamp

Die letzte funktionierende B√∂rse …

54 Prozent der Stimmen erhält Barack Obama, 47 Prozent gehen an John McCain. Das ist Prognose, welche die Wahlbörse der Iowa University am Vortag des election day ermittelt hat. 90 Prozent der Händler gehen zudem davon aus, dass der demokratische Bewerber gewinnt, 10 Prozent glauben noch an den Sieg des Republikaners.


Das Experiment

1988 begann das Tippie College of Business der Iowa University zu wissenschaftlichen Zwecken mit elektronischen Wahlbörsen zu experimentieren. Seit 1996 wird dieses Instrument regelmässig bei nationalen Wahlen in den USA, aber auch verschiedenen anderen Ländern eingesetzt.

Wahlb√∂rsen funkitionieren wie richtige B√∂rsen, doch geht es nicht um die Bewertung von Firmen, sondern die Wahlergebnisse von Parteien oder Kandidaten. Es gibt Wahlb√∂rsen, bei denen echtes Geld eingesetzt wird; sie funktionieren aber auch mit Spielgeld. Abzocken ist nicht das Ziel der Wahlb√∂rsen, die mit wissenschaftlicher Absicht gef√ľhrt werden. So setzt man beim Experiment der Iowa University echtes Geld ein, doch sind die Beitr√§ge limiert.

Anders als bei Repr√§sentativ-Befragungen, die individuell ge√§usserte W√§hlerwillen aggregieren, funktionieren Wahlb√∂rsen nach dem Prinzip, dass die Masse recht hat. Wenn sich gen√ľgend H√§ndler einfinden, die selber Wetten wollen, aber auch andere Wetten bewertenl, stellt sich ein bewerteter Marktwert von Parteien oder Kandidaten ein.

Die amerikanischen Präsidentschaftwahlen
Die aktuellen Quotierungen der amerikanischen Pr√§sidentschaftsbewerber im Iowa Electronic Market haben sich √ľber die Zeit mit wenigen Ausnahmen nur beschr√§nkt ver√§ndert.

Eigentlich ging man von Anfang an davon aus, dass Barack Obama gewinnen w√ľrde. Die jetzigen Verh√§ltnisse pendelten sich schon bald ein, und sie blieben trotz regem Handel insgesamt weitgehend unver√§ndert.

Stark erhöht hat sich aber in den letzten Wochen die geschätzte Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Wahlsieges bei den Präsiedentschaftwahlen.

Mein Kommentar
Wenn Wahlb√∂rsen bei einfacher Ausgangslage recht schnell plausible Sch√§tzungen von Wahlausg√§ngen liefern, sind sie doch kein Ersatz f√ľr Wahlbefragungen. Denn sie geben “nur” die Gr√∂ssenordnungen, allenfalls auch die Wahrscheinlichkeiten von Wahlergebnissen an. Sie lassen keine R√ľckschl√ľsse zu, wer wie und warum so stimmen wird, nur, dass so gestimmt wird. Zudem ist bis jetzt kein namhaftes Experiment bekannt, bei dem es Wahlb√∂rsen, aber keine Wahlbefragungen gegeben hat.

Immerhin, Wahlb√∂rsen sind ein Element der Bestimmung √∂ffentlicher Meinung nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik geworden. Ich w√ľrde fast eine Wette eingehen, dass sie besser funktionierende B√∂rsen sind als jene an der Wahlstreet. Solange jedenfalls man sie zu Erkenntniszwecken f√ľr die Realpolitik betreibt, und sich um spekulative Gewinne in der Fiktivwirtschaft zu erzielen …

Claude Longchamp

Die Zeit der Dramatisierungen

Das letzte Wochenende vor dem amerikanischen Präsidentschaftswahlen hat begonnen. Es sind die Tage der Dramatisierungen vor allem in den Massenmedien. Vorsicht ist angesagt.

Alles rechnet mit dem Sieg des Demokraten Barack Obama. Jede Verdoppelung dieser Nachricht hat deshalb keinen Newswert mehr, selbst wenn sie stimmt. Deshalb liesst man mehr vom Gegenteil, auch wenn es nicht stimmt.

Selbst das informative Netzwerk der grossen deutschschweizer Zeitungen (Tagesanzeiger, Bernerzeitung und Baslerzeitung) macht jetzt auf Dramatisierungen. “Obamas Vorsprung zerrinnt”, kann man heute in fetten Lettern lesen.

Als Beleg hierzu werden recht beliebig Umfragen verwendet, deren Ergebnisse einander gegen√ľber gestellt werden, um einen Trend zu haben, den man dann auch flink noch extrapolieren kann!

Besser als das ist es auf jeden Fall, sich nur an die Serien der bewährten Institute zu halten, oder aber einzig die rollenden Mittel aller, nicht ausgewählter Umfragen zu verwenden.

Letzteres leistet beispielsweise der SuperTracker der unabh√§ngigen Wahlplattform 538. Alternativ dazu kann man auch den Trend von Real Clear Politics verwenden. Die Entwicklung, die so aufscheint, ist viel konstanter, und die Prognose, die daraus f√ľr den Wahltag gemacht werden kann, viel eindeutiger.

Momentan f√ľhrt Obama bei 538 mit durchschnittlicher 7 Prozentpunkten, und es wird erwartet, dass dies am Wahltag 6 sein werden.

Von einem dramatischen Umschwung in letzter Minute kann nicht die Rede sein. Doch hat das in der gängigen Berichterstattung der Massenmedien kurz vor dem Ereignis keinen news-Wert.

Claude Longchamp

13 Gr√ľnde, warum Obama Pr√§sident wird

Als Alternative zu Umfragen vor Wahlen haben sich gerade in den USA Prognosemodelle entwickelt, die aufgrund der Wahlumst√§nde qualitative oder quantitative Aussagen √ľber Sieger und Verlierer zulassen. Das ist zwar kein Ersatz f√ľr Wahlbefragungen, aber eine Erweiterung f√ľr die Analyse der Gr√ľnde von W√§hlerInnen-Entscheidungen.

Alan Lichtman, Professor f√ľr Geschichte an der Amerikanischen Universit√§t von Washington DC, hat rechtzeitig vor den diesj√§hrigen Wahlen in der Zeitschrift “New Scientist” ein interessantes Prognosemodell vorgeschlagen. Anders als Polit√∂konomen, die in der Regel nur oder vor allem auf die Wirtschaftslage abstellen, hat Lichtman 13 politiknahe Kennzeichungen von Wahlen entwickelt, die es in den vergangenen 6 Wahlen erlaubt haben, korrekte Aussagen zu amerikanischen Pr√§sidentschaftswahlen zu machen. Sie lauten:

1. Does the incumbent party hold more seats in the House of Representatives after the midterm election than after the preceding midterm election?
2. Is there a serious contest for the incumbent-party nomination?
3. Is the incumbent-party candidate the current president?
4. Is there a significant third-party or independent candidate?
5. Is the economy not in recession during the campaign?
6. Does per capita economic growth during the term equal or exceed mean growth for the preceding two terms?
7. Has the administration effected major policy changes?
8. Has there been major social unrest during the term?
9. Is the incumbent administration untainted by major scandal?
10. Has there been a major military or foreign policy failure during the term?
11. Has there been a major military or foreign policy success during the term?
12. Is the incumbent-party candidate charismatic or a national hero?
13. Is the challenger not charismatic or not a national hero?

Nicht alle Fragen lassen sich eindeutig beantworten resp. quantifizieren. Aber sie f√ľhren zu einer Einsch√§tzung der Wahlchancen der zwei wichtigsten Bewerber, die im Vergleich zu den Wahlchancen, die fr√ľhere Bewerber hatten, beurteilt werden k√∂nnen. Daraus ergibt sich dann die Prognose f√ľr 2008.

Lichtman folgert, dass am kommenden Dienstag Obama gegen McCain gewinnt. Er werde mit 55 Prozent der Stimmen gewählt werden.

Mein Kommentar
Ver√∂ffentlicht wurde die Studie am 22. Oktober 2008, also nur zwei Wochen vor den kommenden Wahlen. Entwickelt wurde das Vorgehen indessen fr√ľher, und es hat sich in der R√ľckschau mehrfach bew√§hrt. Und das zeigt den Unterschied solcher Ableitungen des Wahlssieger von den √ľblichen Herleitungen. Repr√§sentativ-Befragung definieren die Erwartungshaltung, die dann, zahlreiche andere Prognosen als wahrscheinlich oder weniger wahrscheinlich erscheinen lassen.

Ersetzt werden Wahlumfragen dadurch nicht. Denn sie bilden unver√§ndert den Mikrokosmos der Entscheidungen ab, und sie ergeben, aufaddiert in repr√§sentativen Stichproben verl√§ssliche Gr√∂ssenordnungen, f√ľr das was momentan Sache ist. Erweitert wird aber durch Modelle wie das von Lichtman die makro- und mesopolitische Analyse der Entscheidungen. Bei Lichtman gef√§llt, dass er nicht nur √∂konomische, sondern auch genuin politische Gr√∂ssen verwendet.

Am kommenden Dienstag wissen wir mehr, ob aus solchen Retrognose auch Prognosen gemacht werden können.

Claude Longchamp

Vor dem Finale

Die amerikanischen Präsidentschaftswahlen stehen vor der Entscheidung. Am nächsten Dienstag wird bestimmt, wer der 44. Präsident der USA ist. Alle Zeichen deuten auf eine recht klaren Sieg von Barak Obama hin.


Optimistisches Szenario: Verteilung aller Elektorenstimmen

www.electoral-vote.com, eine der relevanten Hochrechungen von Umfragen auf Stimmen, rechnet aktuell mit einem konfortable Sieg Obamas, der sich im April des Wahljahres abzuzeichnen begann. Ernsthaft in Bedrängnis geriet der demokratische Bewerber danach kaum.


Pessimistisches Szenario: Verteilung der nur sicheren Elektorenstimmen

Einzig nach dem Konvent der Republikaner drehte McCain, jetzt um seine Vize-Kandidatin Sarah Palin verst√§rkt auf. Der Effekt war jedoch nicht von Dauer, nicht zuletzt wegen dem B√∂rsencrash an der Wallstreet, denn seither sind die Republikaner, John McCain und Sarah Palin klar in R√ľcklage geraten und konnten die Demokraten mit ihrem Duo Obama/Biden voll aufdrehen.

Wie genau sich die optimistische resp. pessimistische Vorhersage von “electoral-vote” bewahrheiten, wissen wir in 5 Tagen.

Claude Longchamp

Beyond Presidency: Direct Democracy in the United States

Ich gehe in die USA. Ich bleibe eine gute Woche, die Woche der Pr√§sidentschaftswahlen. Doch das ist nicht mein eigentliches Ziel, denn dieses folgte dem Motto “Beyond the Presidency” – √ľber die Pr√§sidentschaft hinaus. Mir geht es eine Woche lang um die direkte Demokratie in den Vereinigten Staaten.

Die Einladung stammt vom amerikanischen “Initiative&Referendum” Institute der University of Southern California. Das dortige IRI-Institute, Partner des Marbuger IRI-Europe-Instituts, ist f√ľhrend in der Dokumentation und Analyse der amerikanischen Volksabstimmungen. Es hat die Gelegenheit wahrgenommen, die momentan erh√∂hte Aufmerksamkeit f√ľr die USA zu nutzen, um ein Dutzend ExpertInnen der direkten Demokratie aus der ganzen Welt auf eine Studienreise durch San Franzisco, Sacramento, Denver und Washington einzuladen.

Gleichzeitig mit den amerikanischen Pr√§sidentschaft- und Parlamentswahlen finden in 36 Gliedstaaten Volksabstimmungen statt. 152 sind es insgesamt. Dabei geht es um gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung, B√ľrgerrechte, Tierschutz, Energiepolitik, Marijuana-Legalisierung, Landverk√§ufe, √∂ffentliche Angestellte, Verschuldung und Sterbehilfe.

Man sieht es auf eine Blick: Es sind die gleichen Themen, welche die B√ľrgerInnen der USA am 4. November 2008 zu entscheiden haben, wie wir sie kennen. Anders ist jedoch das Verfahren: Die Volksabstimmungen finden meist gleichzeitig mit den Wahlen statt.

Die Zahl der Abstimmungsthemen war auch schon h√∂her. 2004 lagen 162 Vorschl√§ge auf, 2006 bei den Zwischenwahlen, waren es gar 204. Am meisten Volksabstimmungen finden diesmal in Colorado statt, wo 14 Entscheidungen zu treffen sind. In Oregon und California gilt es √ľber je 12 Vorlagen abzustimmen. Ueberhaupt: Der Westen der USA kennt viel ausgebautere direktdemokratische Institutionen als der Osten.

Am Freitag ist es soweit: Ich fliege nach San Franzisco, mit Hoffnung, neue Erfahrungen zu sammeln √ľber das Funktionieren der direkten Demokratie weltweit. Ich werden auf “zoonpoliticon” als Politikwissenschafter berichten, und auf dem “Stadtwanderer” mich als Zeitgenosse vom Erlebten berichten.

Claude Longchamp

Das Hoffen auf den entscheidenden Schlag

Angesichts der amerikanischen Finanzkrise waren die Erwartungen an die TV-Debatte zwischen Barack Obama und John McCain, die sich diese Nacht abspielte, hoch. Man erwartete, das mit diesem ersten Höhepunkt im amerikanischen Wahlkampf auch eine erste Vorentscheidung gefällt werde. Zwischenzeitlich ist die Stimmung gedämpfter: Unentschieden lautet das fast schon enttäuschende Verdikt der Auguren. Also waren wir Politikkonsumenten auf den entscheidenden Schlag in der nächsten Runde!

TV-Duelle und public viewing: Politische Entscheidung als sportlichere Wettkampf

TV-Duelle und public viewing: Politische Entscheidung als sportlichere Wettkampf


Position 1: Medien ohne Einfluss

Paul Lazarsfeld pr√§gte mit seiner soziologisch inspirierten Wahlstudie “The people’s choice”, die 1944 erschien, den ersten Klassiker, der der bis heute g√§ngigen Pole in der wissenschaftlichen Deutungen von Medien und Wahlen bestimmte. Typisch f√ľr seine Antwort ist die sog. Verst√§rker-These. Demnach √ľben die Massenmedien keinen genuin ver√§ndernden Einfluss auf die Wahlentscheidung aus, denn ihre Botschaften prallen an bestehenden Einstellung ab, wenn sie diese nicht best√§tigen. Von meinungsbildender Wirkung bleibt da nicht viel √ľbrig. Entsprechend ist nicht zu erwarten, dass sich diese Nacht etwas Wesentliches im amerikanischen Wahl ver√§ndert h√§tte. Vielmehr gilt: Demokraten bewerten Obama besser, und f√ľr Republikaner ist McCain der geeignetere Kandidat.

Position 2: Medienbild bestimmt Politikbild

1980 erschien unter dem Titel “The mass media election” die Studie von Thomas E. Patterson, die bis heute den klassischen Gegenpol zu Lazarsfeld und seinen Mitstreitern bildet. Anhand einer Untersuchung der Pr√§sidentschaftswahlen von 1976 kam er zu folgenden Befunden und Schl√ľssen:

Erstens, die Bedeutung der Massenmedien liegt darin, dass sie mit ihrer Auswahl die f√ľr die W√§hlerInnen relevante Wahrnehmung der Politik pr√§gen.
Und zweitens, die Wahlentscheidungen fallen unterschiedlich aus, je nachdem wie die massenmediale Informationsauswahl ausfällt.

Das wichtigste Argument, das f√ľr einen Medieneinfluss spricht, ist die medienbestimmten Fokussierung auf kontroverse Themen mit klarer Pro- und Kontra-Struktur: Wer polarisiert, hat einen Vorteil. Wer indessen integriert, verliert bereits hier an Terrain. Denn Massenmedien neigen nach Patterson dazu, aus Spannungsgr√ľnden Politik als Spiel zu inszenieren, als Wettkampf bei dem es Helden und Versager, Gute und B√∂se, Gewinner und Verlierer gibt.

Kommentar

Nur schon die allgemeine Einsch√§tzung von Patterson zu Medien und Politik erhellt unsere Erwartungshaltung an die amerikanischen TV-Duelle, die zwischenzeitlich weltweit die Medienberichterstattung bei Wahlen bestimmen. Es geht bei √∂ffentlichen politischen Debatte nicht mehr darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Egal um was es geht, eine Politik der Verst√§ndigung ist massenmedial gar nicht mehr gefragt. Vielmehr sucht man wie fixiert nach den ber√ľhmten 10 Unterschieden. Bei Wahlen, die stets auch Auswahlen sind, kann man damit auch leben. Das Problem aber besteht darin, dass nicht mehr die politischen Inhalte bestimmend sind, sondern meist nur noch die medial inszenierte Pers√∂nlichkeiten der KandidatInnen.

Nach Patterson machte es einen Unterschied aus, ob man sich ausschliesslich √ľber das Fernsehen oder im Mix von TV und Printmedien informiert. Das Fernsehen reicht weiter in die W√§hlerschaft, und es ist bei W√§hlerInnen mit geringerem politischem Interesse die einzige zentrale Informationsquelle. Demgegen√ľber sind Printmedien bei die interessierteren W√§hlerInnen wichtiger, und die Zeitungen k√∂nnen auch informativer sein.

Wenn man sich die heutigem Realtionen auf die gestrige TV-Debatte ansieht, kann man auch Zweifel an dieser Einsch√§tzung haben. Die hohen Erwartungen an das Duell seien nicht eingel√∂st worden h√∂rt man da. Beide Kandidaten seien bez√ľglich der Finanzkrise vorsichtig aufgetreten. Und keinem sei es gelungen, sich wirklich vom anderen zu unterscheiden. So bleibt der sichtbarste Gegensatz bestehen: Obama und McCain vertreten je eine andere Generation.

Unentschieden war denn auch das Urteil der meisten Kommentatoren. Das wohl auf den entscheidenden Schlag bei einer der beiden kommenden Sendungen, den wir PolitikkonsumentInnen dannzumal hoffentlich alle gesehen haben werden.

Claude Longchamp

Quelle:
Paul Lazarsfeld, Bernard Berelson, Hazel Gaudet: The people’s choice. How the voter makes up his mind in a presidential campaign. New York 1944.
Thomas E. Patterson: The mass media election. How Americans choose their president. New York 1980.

Wählerprozent und Elektorenstimmen

“Obama √ľberholt McCain”, “Palin-Effekt wirkt”, “McCain in der Defensive” oder “Finanzkrise l√§sst Obama siegen”. Dies und √§hnliches bekam in den letzten Tagen √ľber die amerikanischen Pr√§sidentschaftwahlen zu h√∂ren. Die Nominationsversammlungen der Parteien liegen zur√ľck, der Wahlkampft ist in vollem Gange, und die Medien ver√∂ffentlichen im Tagesrhythmus Wahlumfragen. Doch was sagt das alles aus?

Darstellung der demokratischen und republikanisch stimmenden Staaten bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, gewichtet nach Bevölkerungsstärke.

Darstellung der demokratischen und republikanisch stimmenden Staaten bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, gewichtet nach Bevölkerungsstärke.


Von der Hektik sollte man sich indessen nicht zu stark beeindrucken lassen. Zwar finden die Wahlen in den ganzen Vereinigten Staaten statt, doch gibt jeder Bundesstaat seine Stimmen geschlossen nur f√ľr einen der beiden Bewerber ab. Man erinnert sich: Al Gore kam im Jahr 2000 auf 49 Prozent der Stimmen; er lag damals vor George W. Bush. Doch dieser erhielt 4 Elektorenstimmen mehr als sein Kontrahent und gewann so die damaligen Wahlen.

Um zum amerikanischen Präsidenten gewählt zu werden, braucht es 270 Elektoren. Das ist eins mehr als die Hälfte der Abgeordenten im Repräsentantenhaus und im Senat zusammen. Denn jeder Bundesstat hat soviele Elektoren wie Vertreter in Washington.

Zwischenzeitlich gibt es zahlreiche Uebersichten √ľber die Umfragen, die auf der Ebene der Bundesstaaten durchgef√ľhrt wurden. Sie alle systematisieren entweder die eigenen oder alle Umfragen und klassieren die Staaten aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass demokratisch oder republikanisch stimmen werden.

Zwar differieren auch hier die Plattformen in den genauen Zahlen. Das h√§ngt damit zusammen, wie man die Staaten mit erwartetem knappen Ausgang klassiert. Doch eines ist allen Uebersichten gemeinsam: Es f√ľhrt Barack Obama. Nachgeschlagen werden k√∂nnen die Uebersichten beispielsweise auf wikipedia.

Claude Longchamp

PS:
So berechtigt solche Uebersichten f√ľr die USA sind, so wenig sagen sie in der Schweiz aus. Zwar finden die schweizerischen Parlamentswahlen auch in den Kantonen statt, doch bei der Bestimmung der Parteist√§rken zu den Nationalratswahlen kommt das Proprozsystem zum Tragen, das sich erheblich vom Wahlverfahren in den USA unterscheidet.