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Die neuen Erfolgsfaktoren bei Ständeratswahlen

“Volatilit√§t” ist das Zauberwort der Wahlanalyse, wenn sie das Mass der parteipolitischen Ver√§nderungen von Wahl zu Wahl beurteilen m√ľssen. F√ľr die Wahl 2011 gilt: Nie in der j√ľngeren Wahlgeschichte gab es so viele Aenderungen wie diesmal. Und zwar im National- wie auch im St√§nderat.

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Die Volatilität ist eine Masszahl, um die absolute parteipolitische Veränderung von Sitzen von einer Wahl zur anderen zu beurteilen.

Nun wissen wir es: Nie wurde der St√§nderat so umgekrempelt wie aktuell. Der Volatilit√§tsindex f√ľr die parteipolitischen Ver√§nderungen erreichte den bisherigen H√∂chstwert. Der St√§nderat r√ľckte demnach nicht nur nach links, es ver√§nderte sich auch seine Zusammensetzung. Besser als Bilanzen von Sitzverschiebungen, die Ver√§nderungen in die eine mit denjenigen in die andere verrechnen, eignet sich der Volatilit√§tsindex die Bruottoverschiebungen zu beurteilen. Er ist damit ein Mass f√ľr die Stabilit√§t resp. Labilit√§t der parteipolitischen Zusammensetzung.

Uebertragen auf die individuelle Ebene der gew√§hlten spricht man eher von Fluktuation. Dies ergibt sich aus den R√ľcktritten und Abwahlen. Sie kann analysiert werden, um die alten und neuen Erfolgsfaktoren abzuleiten, wie man StandesvertreterIn wird. Hier eine erste Uebersicht:

Zun√§chst trifft zu, dass das “Bisher” eine starke Empfehlung bleibt. Unfreiwillig ausgeschieden sind Bruno Frick von der CVP Schwyz und Adrian Amstutz aus den Berner SVP-Reihen. Etwas abgeschw√§cht gilt sodann, dass die KandidatInnen aus der Partei des bisherigen Sitzinhabers einen Vorteil haben. Das missriet der FDP in Schaffhausen, und es gelang der SVP der (erzwungene) Personalwechsel im Aargau nicht. In St. Gallen konnte die CVP mit dem Kandidaten, der erst im zweiten Wahlgang antrat, nicht halten.

Quereinsteiger wie Thomas Minder bleiben im Ständerat die Ausnahme. Erfolgversprechend ist es, das Mandat als Höhepunkt einer politischen Karriere anzustreben. Praxiserfahrung einerseits, Bekanntheit anderseits zählen. Dazu zählen, dass man bereits politische Aemter inne haben mussten; förderlich ist auch eine regelmässige, anhaltende Medienpräsenz.

Aus dem Profil der Neugew√§hlten kann man schliesslich folgern, dass ehemalige und bestehende Regierungsr√§tInnen (Eberle/TG, Keller-Sutter/SG) gute Chancen haben, diese Aussage selbst auf Stadtpr√§sidenten (St√∂ckli/BE) ausgeweitet werden kann. Es gibt auch einen Trend gibt, dass PolitikerInnen, die sich als Ratspr√§sidentInnen (Bruderer/AG) einen Namen gemacht haben (2003 Egerszegi, 2011 Bruderer), den Sprung ins St√∂ckli schaffen. Hingegen ist die Qualifikation “Nationalrat/Nationalr√§tin” nicht hinreichend, um in den St√§nderat gew√§hlt zu werden. Das hat auch damit zu tun, dass zahlreiche von ihnen die Doppelkandidatur anstrebten, nicht zuletzt um den Sitz in der grossen Kammer zu sichern; das St√§nderatsergebnis war ihnen sekund√§r.

Die Erfolgskriterien im ersten und zweiten Wahlgang sind unterschiedlich: In der ersten Runde spielt die St√§rke der eigenen Partei als Hausmacht eine wachsende Rolle, im zweiten ist die F√§higkeit der Kandidatur massgeblich, √ľber Parteigrenzen hinweg Positiv- oder Negativ-Allianzen eingehen zu k√∂nnen. Letzteres gelingt der SP immer besser, derweil die SVP gerade hier ein Problem hat. Die bisher wichtige Unterscheidung zwischen Erfolgsfaktoren in der Romandie und in der Deuschschweiz ist eher geringer geworden; daf√ľr gibt es zunehmend divergente Entwicklungen in urbanen und ruralen Kantonen. So sind in Z√ľrich zwei Standesvertreter aus mittelgrossen Parteien erfolgreich gewesen, die breite Ausstrahlung als (mediatisierte) Personen hatten, w√§hrend der Kanton Schwyz neu gleich zwei SVP-Standesherren nach Bern schickt.

Claude Longchamp

Der St√§nderat r√ľckt nach links

Eben ist die letzte St√§nderatswahl entschieden worden. Im Kanton Solothurn nimmt die CVP der FDP einen Sitz ab. Damit ist auch die kleine Kammer des eidgen√∂ssischen Parlaments komplett. Gegen√ľber 2007 r√ľckt der St√§nderat dank den Sitzgewinnen der SP etwa nach links, und in der kleinen Kammer wurden die kleinen Parteien etwas gest√§rkt. Eine Uebersicht.

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Am besten vertreten ist im neuen St√§nderat die CVP, gefolgt von FDP und SP, die gleich auf sind. Sie stellen 13 resp. 11 KantonsvertreterInnen. Danach klafft eine grosse L√ľcke; die SVP kommt auf 5 Vertreter, die GPS und die GLP auf je 2 Mandate, w√§hrend die BDP 1 Standesvertreter hat. Hinzu kommt Thomas Minder aus Schaffhausen; er will sich als Parteiloser der SVP anschliessen.

Gegen√ľber der Vorwahl im Jahre 2007 legt die SP mit 2 Sitzgewinnen am meisten zu; gest√§rkt werden auch GLP, BDP und Parteilose. Es verlieren die SVP und CVP je 2 Mandate und die 1 hat eines weniger. Halten kann sich die GPS.
Deutlicher nich wird die Entwicklung weg vom Zentrum hin zu rotgr√ľn, wenn man auf die Trends √ľber eine Wahl hinweg abstellt. Augenf√§llig ist der Niedergang der FDP, die im St√§nderat von 1999 noch 18 Sitze hatte. 19 hatte die CVP 1987. Beide Parteien verlieren seither bei den St√§nderatswahlen Mandate, k√∂nnen sich bestenfalls halten.
Im neuen St√§nderat verf√ľgen CVP und FDP noch √ľber eine gemeinsame St√§rkte, die f√ľr das absolute Mehr gerade noch reicht. Die CVP hat die M√∂glichkeit, das auch via SP zu suchen. Hatte diese Partei 1991 nur 3 VertreterInnen in der kleine Kammer, ist sie heute mit 11 auf dem historischen H√∂hepunkt. Aufgestiegen sind auch die GPS und GLP, die beide im St√§nderat von 2003 noch nicht repr√§sentiert waren. Das gilt auch f√ľr die BDP, die offiziell seit neuestem ein St√§nderatspartei ist. Der SVP, st√§rkste Partei im Nationalrat, gelang es dagegen nicht, im St√§nderat zuzulegen. Zum zweiten Mal in Serie verringerte sich die Zahl ihrer Vertreter in der kleinen Kammer.
Spannen CVP, FDP und SVP zusammen, hat das b√ľrgerlichen Lager eine konfortable Mehrheit im St√§nderat. Das k√∂nnen aber auch CVP, SP und GPS erreichen, genauso wie CVP, SP, GLP und BDP. Trotz den Sitzverlusten bleibt die Scharnierfunktion bei der CVP; sie wurde eher noch gest√§rkt, denn sie kann sie in B√ľndnissen von 3 Parteien nach rechts und links herstellen, w√§hrend die FDP das nach links nicht mehr wirklich kann.

Claude Longchamp

Dem Sturm aufs Stöckli ist die Luft ausgegangen

Die SP ist die Wahlsiegerin bei den diesjährigen Ständeratswahlen. Ganz anders als es die SVP anfangs Jahr prophezeit hatte. Eine ausgebaute Version meiner Instant-Analyse.

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Die 3B der SVP: Brunner, Blocher, Baader, Spitzenkandidaten bei den Ständeratswahlen 2011, sind in der Volkswahl alle gescheitert.

Es war nicht Christoph Blochers Tag. Zuerst scheiterte seine zweite Kandidatur f√ľr den St√§nderat im Kanton Z√ľrich grandios. Damit war er indes nicht allein. Nach Bern verlor seine SVP auch den St√§nderatssitz im Aargau, und neben Z√ľrich hatte die SVP auch in St. Gallen keinen Erfolg. Noch schlimmer: Vor laufender Kamera negierte der SVP-Stratege, es habe je einen Generalangriff auf den St√§nderat, den Sturm auf St√∂ckli, gegeben. So ver√§rgert war er.
Die Fakten jedenfalls zeigen, dass die kleine Kammer nicht die Dunkelkammer der Nation ist, wie es im Wahljahr von der SVP beklagt worden ist. Sicher, Namensabstimmungen werden, anders als im Nationalrat, im St√§nderat nicht elektronisch dokumentiert. Doch heisst das nicht, dass man nichts √ľber das Stimmverhalten der Standesvertretungen und die Pr√§ferenzen der kleinen Kammer w√ľsste. Ueberhaupt, seit der j√ľngst erfolgten Renovation des St√§nderatssaals k√∂nnte man die zweite Parlamentsabteilung auch die chambre de lumi√®re nennen.

Der neu erleuchtete Saal wird, bei der Eröffnung der neuen Legislatur, neu besetzt sein. Bis auf den zweiten Sitz in Solothurn ist zwischenzeitlich alles klar: Der neue Ständerat wird 12 oder 13 CVP-VertreterInnen haben, 11 bis 12 Abgeordnete mit FDP-Parteibuch, 11 von der SP, 5 aus den SVP-Reihen, je 2 der GPS und GLP und 1 der BDP. Hinzu kommt der parteilose Thomas Minder, der sich einer Fraktion anschliessen will, ohne schon zu wissen welcher.
Insgesamt ist der neue St√§nderat nicht rechter, sondern linker best√ľckt sein. Verglichen mit 2007 hat die SP zwei Mandate mehr, die GLP, die BDP und die Parteilosen je eines. Die CVP verliert 2 oder 3, die SVP 2, die FDP allenfalls 1. Da w√§hrend den letzten 4 Jahren je ein Sitz von der SVP zur BDP, von der CVP zur GLP und von der SP zur SVP verschob, sind die kurzfristigen Ver√§nderungen quantitativ recht gering.
Stellt man dagegen auf den Ueberblick der letzten 20 Jahre ab, hat sich die SP von 3 auf 11 Sitz gesteigert, und ihren Rekordstand erreicht. Die SVP legte von 4 auf 5 zu, war vor√ľbergehend einmal bei 8. Neu im St√§nderat sind die GPS und die GLP. Zugenommen hat damit die Pluralisierung der vertretenen politischen Richtungen, etwas h√∂her ist auch die Polarisierung. Bezahlt haben diesen Wandel weitgehend die FDP, die von 18 auf 11 oder 12 sinken wird, und die CVP deren Vertretung sich von 16 auf 12 oder 13 verringern k√∂nnte. F√ľr beide Parteien ist dies ein historischer Tiefststand.

Hauptgrund f√ľr diese Entwicklungen sind die Ver√§nderungen in der Allianzbildung. Majorzwahl gewinnt man als Minderheitspartei jedweder Gr√∂sse nur mit √ľberparteilichen Absprachen. Im zweiten Wahlgang m√∂gen diese rein taktisch sein, im ersten sind sie strategisch. Genau das hat sich in den letzten zwei Dekaden ver√§ndert. Gewachsen ist die Zahl der KandidatInnen im ersten Wahlgang, was das parteiegoistische Stimmen vermehrt hat; das hat die Abwahlchancen selbst Bisheriger erh√∂ht, und den direkten Einzug in den St√§nderat erschwert. Dabei hat sich der vormals entscheidende b√ľrgerliche Schulterschluss St√ľck f√ľr St√ľck verringert, was insgesamt allen Parteien rechts der Mitte geschadet hat. Gleichzeitig ist insbesondere im zweiten Wahlgang einiges mehr m√∂glich geworden, vor allem die Abgrenzung gegen√ľber Polparteien.

Was lange links geschadet hat, wirkt sich heute gegen rechts aus. Konnte die SVP bis 2003 ihre Ständeratsvertretung schrittweise verstärken, wird diese seither ebenso von Mal zu Mal geringer. Warum? Hier meine Hypothesen:
Erstens, die SVP hat sich zusehends parteipolitisch isoliert. Sie hat das Profil der Partei bei der Benennung von Missst√§nden √ľber alles gestellt. Das hilft in polarisierten Wahlen neue W√§hlende zu mobilisieren, was im Proporzwahlrecht ein Erfolgsgarant ist. Bei Majorzwahlen kann dies jedoch genau den gegenteiligen Effekt haben. Den n√∂tigen Sprung zur staatstragenden Partei hat sie definitiv nicht geschafft.
Zweitens, die SVP setzte insbesondere bei diesen St√§nderatswahlen auf ihre schwergewichtigen Nationalr√§te. Das ist angesichts der Funktion des St√§nderates, die Kantonsvertretung im Bund zu sein, aber auch der Kultur des √ľberparteilichen aufeinander Zugehens, kein Erfolgsrezept. Zu gut weiss man: zu profilierten K√∂pfen versagt man im St√§nderat gerne die Unterst√ľtzung bei ihren Vorst√∂ssen.
Drittens, die SVP lancierte ihren St√§nderats-Angriff 2011 zentralisiert mit der √ľbergeordneten Botschaft, Licht in die Dunkelkammer zu bringen. Das alleine war ein Anspruch voller Despektierlichkeit, die in einem rechtspopulistischen Umfeld gehen mag, f√ľr eine Kantonsvertretung indessen keine g√ľltige Basis abgibt.
Viertens, die SVP √ľbertrieb es mit ihrer Wahlwerbung. Was 2007 wegen den Inhalten schon Thema war, wurden 2011 schlicht als Versuch gewertet, politischen Erfolg erkaufen zu wollen. Das ruft bei der Konkurrenz Nein hervor, und es hinterl√§sst bei den W√§hlenden den Eindruck, dass mehr vor und weniger hinter der Aktion steckt.

So war das Rezept falsch, auch wenn die Diagnose der SVP nicht einfach von der Hand zu weisen ist. Der St√§nderat hat sich nach strukturell nach links bewegt, f√ľr rote und gr√ľne Parteien ge√∂ffnet. Das hat mit der Neudefinition der politischen Lager zu tun, vor allem zwischen Stadt und Land. Auf dem Land mag der Rechtskurs gehen. Die Doppelvertretung der SVP im Kanton Schwyz ist Ausdruck davon. In den St√§dten ticken die B√ľrgerInnen jedoch anders: nicht mehr nur in der Romandie, auch in beiden Basel, Bern, Aargau und St. Gallen schicken lieber (parteipolitisch)gemischte Doppel nach Bern, die unter sich ausmachen sollen, was wohin das Pendel der ungeteilten Standesstimme in wichtigen Fragen ausschlagen soll, als dass ungeschaut das b√ľrgerliche Lager, das es immer weniger gibt, stimmen w√ľrden.

Auch das ist ein Teil der neuen Abstimmung, Harmonisierung oder Zentrumsbildung, von der man seit diesen Wahlen wieder vermehrt spricht. Wahrlich, kein Tag f√ľr Alt-Bundesrat Blocher, der so vieles erreicht hat, wohl aber nie Z√ľrcher St√§nderat werden wird.

Claude Longchamp

Von der Allianzbildung im neuen Parlament

Die neue Legislatur r√ľckt n√§her, die Fraktionen bilden sich und die letzten Stichwahlen in den St√§nderat finden demn√§chst statt. Ein guter Moment, √ľber Allianzbildung im neuen Parlament nachzudenken.

Noch kennt man die definitive Zusammensetzung des St√§nderats nicht. Unterstellt man aber, dass an diesem Wochenende Verena Diener und Felix Gutzwiller im Kanton Z√ľrich, Bruno Frick in Schwyz, Markus Stadler in Uri sowie Toni Brunner oder Paul Rechsteiner in St. Gallen gew√§hlt werden und sich in einer Woche Pirmin Bischof in Solothurn durchsetzt, wird die SVP unver√§ndert die gr√∂sste Fraktion stellen, neu die SP folgen, dann die vergemeinschaftteten CVP/EVP kommen und die FDP die viertgr√∂sste Gruppe im Bundeshaus sein. Dahinter reihen sich GPS, GLP und BDP ein. Keine eigene Fraktion bilden k√∂nnen die Lega und das MCR; das gilt auch f√ľr den Schaffhauser St√§nderat Thomas Minder.

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Die von links geforderte Mitte-Fraktion aus CVP und kommt offenbar nicht zustande. Das liessen CVP und BDP gestern von sich hören. Damit tauschen die SP und die CVP ihre Positionen in der Fraktionsgrösse definitiv. Die CVP, aufgestockt durch CSP und EVP, rangiert indessen unverändert vor der FDP-Fraktion.

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Was heisst das f√ľr die anstehenden Bundesratswahlen? – Relativ wenig, ist meine erste Antwort. Bezogen auf die Parteist√§rke ist die FDP vor der CVP, wenn man auf die Parlamentssitze abstellt, ist es umgekehrt. Ohne starke Zentrumsfraktion bleibt das numerische und politische Gewicht der neuen Mitte zur√ľck. Die Arithmetik spricht f√ľr je 2 SVP- und SP-Regierungsitze, w√§hrend es auf die verwendete Kennzahl ankommt, ob FDP, CVP auf zwei Sitze kommen. Rechnerisch nicht begr√ľnden l√§sst sich der BDP-Sitz, denn die GPS ist st√§rker. Eveline Widmer-Schlumpf wird man also nur aus der Konstellation heraus f√ľr den neuen Bundesrat empfehlen k√∂nnen: im Sinne des Status Quo, zur personellen Stabilisierung des Gremiums oder als Beitrag zur parteipolitischen Sicherhung der Ausstiegsmehrheit im Bundesrat.

Sachpolitisch sind im kommenden Parlament mehrere Zusammenschl√ľsse mehrheitsf√§hig. Reduziert man das auf zwei Parteien, erf√ľllen SVP und SP das Kriterium im Nationalrat, nicht aber im St√§nderat. Politisch macht das aber am wenigsten Sinne, allenfalls als Blockiermehrheit in der grossen Kammer. Numerisch √ľber keine Mehrheit verf√ľgen SVP und FDP, die beide damit lieb√§ugeln, im Bundesrat eine Mehrheit stellen zu k√∂nnen. Diese w√§re aber in keiner der beiden Kammer abgest√ľtzt, sodass es einen weiteren Partner br√§uchte.

Treten Links und Mitte geeint auf, verf√ľgen sie sowohl im National- wie auch im St√§nderat √ľber eine Mehrheit. Einfach ist das indessen nicht, denn es braucht eine Koordination von GPS, SP, GLP, CVP/EVP und BDP. Das st√§rkt die Position der CVP. Denn kann auch nach rechts Mehrheiten beschaffen. Im St√§nderat reicht es wohl ganz knapp mit FDP und BDP, im Nationalrat indessen nicht. Da braucht es entweder ein Zusammengehen mit der SVP, zumindest mit einer Minderheit deren Fraktion. Generell wird auch die FDP die M√∂glichkeit haben, eine Scharnierfunktion einzunehmen. Kooperiert sie mit den linken neuen Mitte-Parteien, reicht es ebenfalls f√ľr Mehrheiten in beiden Kammern, selbst wenn die CVP dagegen h√§lt. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Allianz ist aber gering. Mehrheitsf√§hig ist schliesslich auch die b√ľrgerliche Allianz, zusammengesetzt aus SVP, CVP/EVP und FDP. Da braucht es die BDP nicht.

Oder anders gesagt: Sichere Allianzen ergeben sich nur aus drei Fraktionen: Das ist der Fall, wenn sich SVP, FDP und CVP absprechen oder wenn dies zwischen SP, CVP und FDP der Fall ist. Denkbar sind aber Allianzen aus SP und CVP, erweitert durch die kleinen Fraktionen von GPS, GLP und BDP, und à la Limit funktioniert dies auch mit der FDP- statt der CVP-Fraktion.

Das ist nicht ganz anders als im alten Parlament, aber auch nicht mehr ganz gleich. Gest√§rkt wurde auf jeden die Mitte/Links-Variante in beiden Kammer, geschw√§cht die Allianzbildung der FDP nach links. Bei einer Fusion oder Fraktionsgemeinschaft von CVP und BDP w√ľrde alles klarer. Denn nur die neue Mitte h√§tte die M√∂glichkeit, sowohl nach rechts wie auch nach links Mehrheiten herzustellen. Die FDP w√§re dieser M√∂glichkeit beraubt.

Claude Longchamp

Das b√ľrgerliche Lager ist nicht mehr

Seit Wochen umtreibt mich ein Thema, das sich in der j√ľngsten St√§nderatswahl im Kanton Bern so klar gezeigt hat: Das b√ľrgerliche Lager geh√∂rt der Geschichte an.

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Orlando im heutigen Bund, als Illustration zur Berner St√§nderatswahl, die ich in einem ausf√ľhrlichen Interview analysierte.

Im Vorfeld der Berner St√§nderatswahlen war viel vom b√ľrgerlichen Schulterschluss die Rede. Nahmhafte Wirtschaftsverb√§nde empfahlen ihn, und die SVP strebte ihn nach dem ersten Wahlgang an. Die ungeteilte Standesstimme diente als Begr√ľndung, dass sich an der Zusammensetzung – 1 SVP, 1 BDP – nichts √§ndern sollte.
Die faktische Szenerie war in dessen anders. Alles begann mit der Ank√ľndigung der St√§nderatskandidatur der FDP – gegen zwei B√ľrgerliche. Um sich Vorteile bei den Nationalratswahlen zu verschaffen, zogen auch verschiedene Kleinparteien mit eigenen Bewerbungen nach. Selbstredend nominierte auch die Linke, um, wie zu Zeiten Sommarugas, wieder im St√§nderat vertreten zu.
Man weiss es, wie es kam: Im ersten Wahlgang setzten sich Amstutz, Luginb√ľhl und St√∂ckli an die Spitze der BewerberInnen und markierten so ihre Favoritenrollen f√ľr die rechte W√§hlerschafte, jene der Mitte und f√ľr das linke Elektorat. Im zweiten Umgang zogen Luginb√ľhl und St√∂ckli an Amstutz vorbei, womit sich die Berner Standesvertretung erstmals aus einem BDP- und ein SP-Mitglied zusammensetzt.

In der Erstanalyse habe ich die Behauptung aufgestellt, dass es das b√ľrgerliche Lager in Bern, wohl auch anderswo nicht mehr geben w√ľrde. Sicher, im Grossen Rat zu Bern, wo SVP, BDP und FDP die Mehrheit haben und einer rotgr√ľn beherrschten Regierung gegen√ľber stehen, stimmt man h√§ufig gemeinsam. Nicht vergessen darf man indessen, dass die gleichen Parteien 2010 angetreten waren, eine Wende im Regierungsrat herbeizuf√ľhren – und grandios scheiterten, nicht zuletzt, weil die Zusammenarbeit nicht klappte, welche der SVP zwei Sitze und damit die F√ľhrungsrolle h√§tte bringen sollen.
Man kann das alles als Ph√§nomen nach einer konkreten Parteispaltung aus der traditionellen SVP heraus abtun, mit der eine gem√§ssigte Zentrumspartei √† la bernoise, und eine rechtskonservative Partei mit Spuren des Z√ľrcher Vorbilds entstanden sind. Es ist aber auch m√∂glich, das als Symptom zu nehmen, dass sich mehr als nur vordergr√ľndiges ver√§ndert.

Was meine ich damit?

Die politische Soziologie lehrt, dass die europ√§ischen Parteien aus der Verarbeitung grundlegender gesellschaftlichen Spaltungen, wie sie die Reformation, die franz√∂sische, b√ľrgerliche, industrielle und russische Reformation hervor gebracht haben, entstanden sind. Formiert wird dies seither durch den Rechts/Links-Gegensatz, wobei b√ľrgerlich die Abgrenzung gegen links bezeichnete, egal aus welcher historischen Konstellation oder sozialen Schicht die W√§hler kamen.

Nun hat die Entwicklung von Gesellschaft und Politik der letzten 30 Jahre gezeigt, dass einiges davon nicht mehr stimmt. Neue Konfliktlinien sind entstanden; Werthaltungen, die bisher unbekannt waren, sind mit nachr√ľckenden Generationen von Bedeutung geworden. Der F√§cher der Parteien hat sich so ver√§ndert. Weltanschaulich mach das Wort “b√ľrgerlich” kaum mehr Sinn, eher spricht man von nationalkonservativen Str√∂mungen, vom liberalen Pol, von christlicher Fundierung von Parteien, oder von Wertesynthesen, die als einzige die Ueberlebensf√§higkeit sichern.

Die Wahlen 2011 haben das eindr√ľcklich best√§tigt. Selbst im Nationalrat gewinnen die Polparteien nicht mehr. Vielmehr zeichnen sich drei, allenfalls sogar vier Lager an: die hegemoniale SVP im rechten, die rotgr√ľnen Parteien links, das neu aufgemischte Zentrum, allenfalls eine Position Mitte/Rechts. Begr√ľndet wird dies damit, dass die bisherigen Parteien ihren Standort nicht mehr in der √ľbergeordneten Gemeinsamkeit suchen, sondern in der Eigenprofilierung, die, durch Abgrenzung am besten markiert werden. Die Polarisierung der letzten Jahre hat nicht nur die ideologische Distanz zwischen den Parteien an den Polen erh√∂ht, sie hat auch das traditionelle Zentrum ausgezehrt, bis es, mit neuen Parteien und neuen Inhalten, in diesem Wahlherbst neu entstanden ist.

Schliesst man sich der Analyse politischer Soziologen, wie der meines St. Galler Kollegen Daniele Caramani an, dann ist das alles nicht einfach so geschehen, sondern Ausdruck der neuen Konfliktlinien, welche die Parteiensysteme pr√§gen: Zu diesen z√§hlt er einmal die Oekologisierung, welche die Gr√ľnen als Pioniere entstehen liess, aber auch gem√§ssigte Parteien wie die Gr√ľnliberalen hervor gebracht hat und innerhalb verschiedener bestehender Parteien zu einer Neuausrichtung gef√ľhrt hat. In der aktuellen Diskussion markiert der Ausstieg aus der Kernenergie diese Konfliklinie, welche die Parteienlandschaft neu aufteilt. Damit nicht genug, auch die Europ√§isierung der Politik ist f√ľr den St. Galler Professor eine neue Spannungslinie, die zur Neudefinition der Parteien gef√ľhrt hat. Der Wandel der SVP als konsequentester Partei gegen die EU z√§hlt dazu, aber auch die Neupositionierung der FDP, die f√ľr die wirtschaftliche Offenheit, zunehmend aber gegen das gesellschaftliche Pendant ist, l√§sst sich hier nennen.

Rekapituliert man das alles, um den Blick auf die aktuellen Parteienlandschaft zu richten, kann man, ganz anders als es die Wahlkampf-Rhetorik der letzten Wochen suggerierte, wohl begr√ľndet zum Schluss kommen, dass es das b√ľrgerliche Lager nicht mehr gibt, dass die Schweizer Parteilandschaft aufbricht, und das wir unterwegs zu neuen Ordnungsmustern des Politischen sind, wie die Nationalratswahlen 2011 zeigten, wie aber auch aus dem Wandel der Berner St√§nderatsvertretung abgeleitet werden kann. Denn da stimmte das Zentrum mit links, was der Definition von b√ľrgerlich zu tiefst widerspricht.

Claude Longchamp

Stöckli ins Stöckli: Bern entsendet eine Mitte/Links-Allianz in den Ständerat

Das Endergebnis der Berner St√§nderatswahlen ist klar: Werner Luginb√ľhl wird mit einem Glanzergebnis als Berner St√§nderat best√§tigt. Drei Viertel aller g√ľltigen Stimmen entfielen auf ihn. Neu ins St√∂ckli zieht Hans St√∂ckli ein. Er erreicht rund 60 Prozent der Stimmen. Damit liegt er klar vor Adrian Amstutz, der bei rund 52 Prozent Stimmenanteil kommt.

Die Spannung vor der Stichwahl zur Berner St√§nderatswahl war gross. Allgemein rechnete man damit, dass Werner Luginb√ľhl, bisheriger Standesherr der BDP, als Kandidat der Mitte gew√§hlt w√ľrde. Offen war indes, ob der Bisherige Adrian Amstutz von der SVP oder Hans St√∂ckli, neu der SP-Kandidat, an zweiter Stelle stehen w√ľrde.

Im ersten Wahlgang lag Adrian Amstutz noch an der Spitze, knapp von Werner Luginb√ľhl und einiges vor Hans St√∂ckli. Im zweiten war alles anders, der der Zwei- und Drittplatzierte zogen am Vizepr√§sidenten der SVP, der erst vor einem halb Jahr St√§nderat wurde, vorbei.

Tabelle: Stimmenanteil der zentralen Kandidaten im ersten und zweiten Wahlgang (Hochrechnung) nach Gemeindetypen
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Lesebeispiel: In SVP Hochburgen machten Amstutz im 1. Wahlgang rund 79 Prozent der Stimmen, im zweiten zirka 85; das entspricht einem Wachstum von 6 Prozentpunkten.

Die Wahlbeteiligung war zwar nicht mehr ganz so hoch wie im ersten Wahlgang. Mit 45 Prozent bleibt aber nur ein Schluss: Das Rennen um die Berner Ständeratswahlen hat breit mobilisiert. Mit Beteiligungsunterschieden lassen sich die Unterschiede im Wahlresultat nicht erklären.

Der Vergleich von der ersten zur zweiten Runde zeigt, was an Stimmen geblieben ist und was sich ver√§ndert hat. Am wenigsten Unterschiede gibt es bei Adrian Amstutz. Er hatte im ersten Wahlgang seinen Plafond bereits weitgehend erreicht gehabt, derweil die beiden anderen Kandidaten das Rennen machten, weil sich ihre W√§hlerInnen vor allem in den agglomerierten Gebieten die Stimmen gegenseitig gaben. Werner Luginb√ľhl legte am meisten zu, weil er von links und auch von rechts etwas mehr holte als im ersten Wahlgang. Dabei ist der Zuwachs links klar wichtiger als rechts. St√∂ckli wurde zweiter, weil er von der b√ľrgerlichen Mitte klar h√§ufiger bevorzugt wurde als Amstutz. Der bleibt zwar der Favorit der Landbev√∂lkerung, vor allem wo die SVP unver√§ndert unangefochten das Sagen hat. Doch erscheinen seine SVP und auch er als Person immer mehr isoliert, sodass es bei Majorzwahlen nicht mehr f√ľr Erfolge reicht.

Damit wird der Kanton Bern im St√§nderat von einer Allianz aus Mitte/Links vertreten, die bei allen Unterschieden im Standort auch Gemeinsamkeiten hat. Die viel beschworene ungeteilte Standesstimme h√§tte es bei einem Duo Luginb√ľhl/Amstutz weder in der Personenfreiz√ľgigkeitsfrage gegeben noch beim Atomausstieg. Ersteres ist schon l√§nger ein Zankapfel zwischen den Nationalkonservativen nach Z√ľrcher Art und der gem√§ssigten b√ľrgerliche Mitte. Zweiteres ist im Wahljahr dazu gekommen, vor allem durch den Schwenker der BDP in Sachen Kernenergie nach den Unfall im japanischen Fukushima.

F√ľr die SVP ist es eine herbe Niederlage. Im Fr√ľhling eroberte sie bei der Ersatzwahl f√ľr Simonetta Sommaruga, die in den Bundesrat gew√§hlt wurde, den Sitz zur√ľck, den sie an die 2008 durch den Wechsel von Werner Luginb√ľhl ohne Abwahl an die BDP verloren hatte. Einige Kommentatoren dachten damals, das sei der Startschuss f√ľr die Hardliner der SVP im St√§nderat. Auf die Nominationen in der SVP f√ľr die St√§nderatswahlen wirkte sich dies verherrend. Fraktionspr√§sident Caspar Baader wurde klar nicht gew√§hlt, auch die denkbaren Bundesratsanw√§rter wie Guy Parmelin und Jean-Francois Rime scheiterten in der Volkswahl. Der heutige Tag lehrt uns, dass die Wahl vom 6. M√§rz eher die Ausnahme als die Regel war. Bei Majorzwahlen bleibt entscheidend, wie die Allianzen spielen. Das war diesmal zwischen rotgr√ľn auf der einen und dem Zentrum, in dem im Kanton Bern neuerdings die BDP das Sagen hat, klarer der Fall. Vom b√ľrgerlichen Schulterschluss, der jahrlang den Ausgang der St√§nderatswahlen bestimmt hat, war in Bern kaum mehr etwas zu merken.

Mit der heute gefällten Entscheidung steht Bern nicht alleine. Im Ständerat der kommenden Legislatur hat die CVP nicht nur mit der FDP eine mehrheitsfähige Allianzmöglichkeit. So wie es jetzt aussieht besteht diese neu auch mit der SP.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen: Börsianer erwarten Links-Rutsch

Erst in zwei Wochen wird der St√§nderat komplett sein. Jetzt schon zeichnen sich auf Wahlb√∂rse die Favoriten f√ľr die im ersten Wahlgang offen geblieben Sitze ab. Das spricht f√ľr einen Linksrutsch im St√§nderat.

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Wir der St√§nderat neu von einer Mehrheit von CVP und SP gef√ľhrt? – Das wenigstens suggeriert eine Uebersicht √ľber die Wahlb√∂rsen in den Kantonen mit anstehenden zweiten Wahlg√§ngen.

Ginge es nur das der Wahlb√∂rse, verteilten sich die noch offenen 11 Sitze f√ľr den St√§nderat wie folgt.

Noch 2 Sitze zu vergeben:

BE: Luginb√ľhl (BDP, bisher), St√∂ckli (SP, neu)
TI: Lombardi (CVP, bisher), Cavalli (SP, neu)
ZH: Diener (GLP, bisher), Gutzwiller (FDP, bisher)

Noch 1 Sitz zu vergeben:

AG: Egerszegi (FDP, bisher)
SO: Bischof (CVP, neu)
SG: Rechsteiner (SP, neu)
SZ: Frick (CVP, bisher)
UR: Stadler (GLP, bisher)

Damit w√ľrde die SP noch drei Sitz (BE, TI, SG) machen gewinnen, w√§hrend die FDP (TI, SO) zwei, die SVP (AG) einen verlieren w√ľrde.

Die CVP käme in der Endabrechnung auf 14 Sitze (-1), die SP auf 12 (+3), die FDP auf 10 (-2), während die SVP bei 4 (-2) stehen bliebe, vor GPS und GLP mit je 2 und BDP resp. (vorläufig) Parteilose mit je 1 Mandat (je 1 plus). Eigentliche Wahlsiegerin wäre die SP, die neu mit der CVP zusammen im Stöckli eine Mehrheit bilden könnte, ohne auf Stimmen der kleinen Parteien angewiesen zu sein.

Sicher, einige der Tipps sind √ľberraschend, so der zum Kanton St. Gallen, wonach der Pr√§sident des Gewerkschaftsbundes, Paul Rechtsteiner, den Chef der SVP Schweiz, Toni Brunner, bezwingen w√ľrde. Recht kanpp sind die Verh√§ltnisse insbesondere in den Kantonen Tessin, wohl aber auch Bern. In beiden F√§llen k√∂nnte der prognostizierte Sitz von links nach rechts wandern.

Nimmt man die jetzige Vorhersage zum vorl√§ufigen Massstab, h√§tte das Ergebnis der St√§nderatswahlen Konsequenzen: Denn die SVP kame neu auf 58 Sitze, genau gleich viele wie die SP. An dritter Stelle l√§ge die CVP/EVP, gefolgt von der FDP. Wegen den Gewinnen der SP und der Abspaltung der GLP von der Zentrumsfraktion w√ľrden diese die Pl√§tze tauschen, ja, die SP w√§re gleich auf mit der SVP. Selbst wenn sich die BDP der CVP/EVP-Fraktion anschliessen w√ľrde, kam man in der Mitte auf 54 Sitze und w√ľrde man auf dem dritten Rang bleiben, allerdings sehr klar vor den FDP.Liberalen. Das w√§re mit Blick auf die anstehende Bundesratswahl nicht ohne!

Wie gesagt: Das sind die Ergebnisse, welche die Wahlb√∂rse gegenw√§rtig suggeriert. Ganz sicher sind sich selbst die B√∂rsianer nicht. Stellt man n√§mlich nicht auf ihre kantonalen Wetten ab, sondern auf die nationale zu allen St√§nderatswahlen 2011, resultiert ein leicht differenter Ausgang. Die Verluste f√ľr die FDP w√§ren noch etwas gr√∂sser, jene f√ľr die SVP etwa kleiner und die SP w√ľrde weniger gewinnen. Allerdings halte ich das eher f√ľr eine Schw√§che der Wahlb√∂rsen, denn die direkte Sch√§tzung des Ausgangs der St√§nderatswahlen ist selber f√ľr ExpertInnen ausgesprochen schwieriger. Etwas zuverl√§ssiger sind das die Annahmen pro Kanton.

Claude Longchamp

Berner Ständeratswahlen: Was die Wahlbörse voraussagt

Ginge es nach den 261 H√§ndlerInnen der Wahlb√∂rse, w√ľrde am kommenden Sonntag nebst dem Bisherigen Werner Luginb√ľhl von der BDP der neue SP-Bewerber Hans St√∂ckli von der SP als Berner Vertreter in den St√§nderat gew√§hlt. Als Ueberz√§hliger ausscheiden w√ľrde Adrian Amstutz, gegenw√§rtiger Standesherr der SVP.

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Gross war das Lob an die Adresse der Wahlbörse nach den Nationalratswahlen. Haften blieb ein Mackel, existierten doch zahlreiche andere Tools zum Wahlausgang, an denen sich die Händler auf Wahlbörse orientieren konnten.

Die Evaluierung der Wahlb√∂rse bei den St√§nderatswahlen steht noch aus. Aufs Ganze gesehen wird mit Verlusten f√ľr die FDP gerechnet, und kleinen Verschiebungen im Minus f√ľr die CVP, resp. im Plus f√ľr die SP und Parteilose. Kein schlechter Tipp, w√ľrde ich sagen.

Die anstehenden St√§nderatswahlen im Kanton Bern sind, im zweiten Wahlgang, der erste Bew√§hrungsprobe f√ľr die Wahlb√∂rsen. Bei Werner Luginb√ľhl, bisheriger Berner Standesherr von der BDP, wetten die H√§ndler auf einen Unterst√ľtzungsanteil von 65 Prozent. Damit erscheint ihnen seine Wahl als gesichert. Spannend wird es danach: Hans St√∂ckli, neuer Kandidat der SP, kommt auf 60 Prozent gesch√§tzte Zustimmung und liegt 2 Prozentpunkt vor Adrian Amstutz, der es auf 58 Prozent bringt.

Im Wahlkampf f√ľr die zweite Runde steigern konnten sich Luginb√ľhl, seit dem 3. November ununterbrochen f√ľhrend, aber auch St√∂ckli, der am 13. November Amstutz √ľberholte. Dieser hatte unmittelbar nach dem 1. Wahlgang ein kleines Hoch; sein wahrgenommenen Chancen sinken seither langsam, aber kontinuierlich.

Wie gesagt, es ist ein erster Test f√ľr die Wahlb√∂rsen bei der Stichwahl zu St√§nderatswahlen. Das Ergebnis stimmt recht gut mit dem √ľberein, was man in den St√§dten zu Verlauf und Ausgang wahrnimmt: Der Trend verl√§uft zuungunsten von Amstutz, seit die BDP das Angebot ausschlug, zwischen Luginb√ľhl und Amstutz ein gemeinsames “P√§ckli” gegen links zu schn√ľren.

Doch bleibt eine Ungewissheit: Gerade der Kanton Bern besteht nicht nur aus den Städten!

Claude Longchamp

Was die BernerInnen bei den Ständeratswahlen in zweiter Linie wählten

Eine Spezialauswertung der Stimmzettel im Kanton Bern zeigt, was die W√§hlenden von Amstutz, Luginb√ľhl, St√∂ckli, von Graffenried und Wasserfallen auf die zweite Linie schrieben. Das hilft, Pr√§ferenzen im 1. Wahlgang verbessert einzusch√§tzen.

Zuerst will ich den Kanton Waadt loben. Bei den Nationalratswahlen kam er wegen der Verzögerungen beim Auszählen schlecht weg. Bei den Ständeratswahlen war der Wahlservice aber super. Das hat mit dem Wahlrecht zu tun. Die WaadländerInnen wählen bei den Ständeratswahlen mit Parteilisten. Alle grossen Parteien haben eine solche. Beim zweiten Wahlgang empfahlen die SP und GPS auf der einen, die FDP.Liberalen und SVP auf der anderen Seite je ein Doppelpack an Bewerbungen. Aus der Wahlstatistik kann man nun ableiten, wieviele Stimmen jede Parteiliste machte und wer von den Vorgeschlagenen bestätigt resp. gestrichen oder ersetzt worden ist.

Abfluss der Zweitstimmen nach Erststimme im 1. Wahlgang bei den Berner Ständeratswahlen
zweistimme
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Im Kanton Bern beispielsweise, wo ein anderes Wahlrecht f√ľr St√§nderatswahlen gilt, weiss man das alles nicht. Wie die Parteig√§ngerInnen im ersten Umgang gew√§hlt haben, w√ľrde man nur mit aufwendigen Umfragen herauskriegen. Wie die Zweitlinie ausgef√ľllt worden ist, kann man durch Ausz√§hlen der Bulletins ersehen. – Leider machen die Wahlb√ľros das nicht automatisch. Zwei Studenten der Politikwissenschaft an der Uni Bern, Samuel Kullmann und Philipp Koch, haben sich die M√ľhe genommen, in zehn gut ausgew√§hlten Gemeinden je eine Stichprobe der abgegebenen Zettel zu ziehen und diese auswerten.

Was sind ihre Schl√ľsse? –

Die W√§hlenden von Amstutz votierten zu 31 Prozent f√ľr Luginb√ľhl, zu 12 Prozent f√ľr Wasserfallen und zu 41 Prozent f√ľr niemanden sonst.
Wer zuerst f√ľr Luginb√ľhl gew√§hlt hatte, schrieb auf der zweiten Linie am h√§ufigsten Wasserfallen (25%) auf, dann St√∂ckli (22%); der GPS-Kandidat von Graffenried kam auf 12 Prozent. 14 Prozent gaben keine Zweitstimme ab. Oder anders gesagt: Die BDP-nahen Luginb√ľhl-W√§hlenden waren auf viele Seite offen.
Die W√§hlenden von Wasserfallen tendierten zu 42 Prozent zu Luginb√ľhl, zu 14 Prozent zu Amstutz und zu 12 Prozent von Graffenried. 19 Prozent liessen die zweite Zeile leer.
St√∂cklis W√§hlerInnen aus derm ersten Wahlgang gaben zu 69 Prozent ihre Stimme von Graffenriede, zu 10 Prozent Luginb√ľhl.
Aehnlich strukturiert waren auch die W√§hlenden von von Graffenried. Sie votierten zu 65 Prozent auch f√ľr St√∂ckli, zu 15 Prozent auf f√ľr Luginb√ľhl.

Alle anderen KandidatInnen machten nur wenige Stimmen auf den Wahlzetteln der Grossen.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass die Amstutz-Wählenden am stärksten nur aus Ueberzeugung votiert haben. Fast die Hälfte schrieb, ausser ihrem Favorit, keine weitere Kandidatur auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen von Amstutz zu optimieren. Nirgends war dieses Denken so verbreitet wie bei den Wählenden des SVP-Standesherren.
Die Kandidatur von Christian Wasserfallen aus den FDP-Reihen verzettelte die b√ľrgerlichen Stimmen offensichtlich. Der Grund liegt in der Abneigung seiner Anh√§ngerInnen gegen√ľber Amstutz. Die Wasserfallen-W√§hlenden hatten eine klare Pr√§ferenz f√ľr den BDP-Kandidaten, nicht aber f√ľr jenen der SVP. Am zweitmeisten Stimmen machte hier der gr√ľne Bewerber Alec von Graffenried.
Ganz anders verhielt sich das linke Lager. Es hielt insgesamt gut zusammen. St√∂ckli-W√§hlende notierten fleissig von Graffenried, und dessen Supporter votierten ebenso h√§ufig f√ľr St√∂ckli.

Die neuen Ergebnisse pr√§zisieren den Befund, den letzte Woche der “Bund” aufgrund der gleichen Methode, indes nur in einer (unbekannt gebliebenen) Gemeinde ermittelt hatte. Sie decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus der Studie zum ersten Wahlgang bei den Z√ľrcher St√§nderatswahlen. Auch da zeigte sich, dass die SVP-W√§hlerschaft zwischen Eigenst√§ndigkeit und Isolation votierte, moderat b√ľrgerliche W√§hlende eher zu den gr√ľnen als sozialdemokratischen Bewerbungen tendierten, und die rotgr√ľnen W√§hlenden unter sich Stimmen tauschten. In Z√ľrich wirkte sich das Etikett “Bisherige” st√§rker aus als in Bern, wo sie zwar auch an der Spitze der Nicht-Gew√§hlten stehen, ihre Abst√ľtzung aber nicht so breit ist wie in Z√ľrich.

Schlussfolgerungen auf den zweiten Wahlgang sind nicht direkt m√∂glich; daf√ľr fehlt die Sicherheit mit entsprechenden Ergebnissen. Reevaluierungen werden zeigen, was effektiv spielte. Vorerst bleibt dies Spekulation. Namentlich kann man aus solchen Pr√§ferenzanalysen nicht eindeutig ableiten, wie die Mobilisierung im zweiten Umfang sein wird. Ist sie √ľberall gleich anders, ist das egal. Wenn aber beispielsweise das Land besser mobilisiert als die Stadt, hat das Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Es kommt hinzu, dass im ersten Wahlgang mehr die Positionierung der bevorzugten Kandidatur wichtig war, das Taktieren namentlich auf der zweiten Zeile erst danach einsetzt. Im Kanton Bern relevant ist, die bekannte Teilung der Pr√§ferenzordnungen zwischen Stadt/Land, aber auch, was die FDP-W√§hlerschaft macht und was im Berner Jura geschieht. Und: wer im ersten Wahlgang eine Linie leer liess, hat im zweiten Umgang am meisten Spielraum!

Claude Longchamp

Hochrechnung der Berner Ständeratswahlen vom Sonntag

Hochrechnungen sind Extrapolationen realer Wahlergebnisse aus Teilen des Kantons auf den ganzen Kanton. Sie haben sich bewährt, wie drei Beispiele aus dem ersten Wahlgang zeigten. Im Kanton Bern wird deshalb auch der zweite Wahlgang vom kommenden Sonntag hochgerechnet.

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Kämpfen am Sonntag um die beiden Berner Ständeratssitze: Adrian Amstutz (SVP, bisher), Hans Stöckli (SP, neu) und Werner Luginbähl (BDP, bisher)


Die Hochrechnungen f√ľr Majorzwahlen im Kanton Bern

Stephan Tsch√∂pe, Politikwissenschafter und Mathematiker, hat mit seiner Lizenziatarbeit ein neues Modell f√ľr Hochrechnungen zu Majorzwahlen erarbeitet, das 2010 bei den Regierungsratswahlen mit Erfolg eingesetzt wurde.

F√ľr die Hochrechnung wird der Kanton Bern in Untergruppen eingeteilt. Diese Untergruppen repr√§sentieren die parteipolitisch unterschiedliche Zusammensetzung des Kantons (z.B.: SVP-Hochburgen, SP-Hochburgen, …). Im Vergleich zum gesamten Kanton sind die Untergruppen homogener in Bezug, so dass sich Referenzgemeinden f√ľr die Hochrechnung besser und strukturierter finden lassen.

Die Referenzgemeinden werden nach dem Prinzip “beste Gemeinde” ausgew√§hlt, also jene Gemeinden, welche am besten f√ľr Kandidat X re-pr√§sentativ sind. Als Referenz f√ľr Wahlen gilt die Vorwahl. Somit werden die besten Gemeinden f√ľr die Untergruppen pro KandidatIn aus dem 1. Wahlgang der St√§nderatswahlen vom 23. Oktober 2011 als Referenz genutzt. F√ľr die kantonale Hochrechnung der Kandidierenden werden die Untergruppen im Verh√§ltnis zu ihrem Stimmen-gewicht im Kanton gewichtet.

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Evaluierung der Hochrechnung zum 1. Wahlgang im Kanton Bern. Der mittlere Sch√§tzfehler betrug um 14 Uhr 30 effektiv nur 0.7 Proezntpunkte; am h√∂chsten war er bei Werner Luginb√ľhl mit 1.1 Prozentpunkten.

Die Kunst dieser Hochrechnung bestand darin, ein Modell f√ľr einen BDP-Kandidaten zu finden, da es eine solche noch nie gab. Im zweiten Wahlgang ist das einfacher, denn der schliesst die (guten) Erfahrungen aus dem ersten Wahlgang bereits mitein.

Die Hochrechnung vom kommenden Sonntag

Wir rechnen aus Zeitgr√ľnden nur die aussichtsreichen KandidatInnen hoch. Es sind dies Adrian Amstutz (SVP), Werner Luginb√ľhl (BDP) und Hans St√∂ckli (SP).

Wir werden den prozentuallen Anteil im Verh√§ltnis zum doppelten absoluten Mehr pro KandidatIn publizieren. Das absolute Mehr wird immer mit 50% definiert. Das absolute Mehr ist zwar nicht f√ľr den 2. Wahlgang notwendig, dient aber uns zur Berechnung der erhaltenen Stimmen.

Der Streubereich bei der 1. Hochrechnung beträgt geschätzt +/-3%. Liegen die Kandidieren näher als diese drei Prozent zusammen, kann nicht gesagt werden, wer gewählt ist. Ein Beispiel verdeutlicht dies:

– Kandidat 1: 48%
– Kandidat 2: 46%
– Kandidat 3: 44%

Es kann somit gesagt werden, dass Kandidat 1 sicher gewählt ist, weil er mehr als 4% Differenz zu Kandidat 3 hat. Es kann aber nicht gesagt werden, wer als 2. gewählt wird, da die Differenz weniger als 3% beträgt.

Die Hochrechnung werdenab 14 Uhr halbst√ľndlich publiziert:

1. Hochrechnung: etwa 14.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-3%)
2. Hochrechnung: etwa 14.30 Uhr (Fehlerbereich: +/-2%)
3. Hochrechnung: etwa 15.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-1%)

In allen Fällen sind die Hochrechnungen klar schneller als das erwartbare Endergebnis.

Sobald das hochgerechnete Ergebnis feststeht, werden wir das Ergebnis w√ľrdigen und Erstanalyse der Wahlen liefern.

Claude Longchamp