Archive for the 'Globle Wirtschaftskrise' Category

Was man zur Finanzmarktkrise lesen sollte

Hat sich die Oekonomie seit der Finanzmarktkrise bewegt? Eine gute Frage, und Versuche guter Antworten.

ie Pleite von Lehman Brothers löste eine global beispielslose Finanzmarktkrise aus, die wiederum die Weltwirtschaft durcheinander wirbelte und die Politik der USA und der EU erschĂŒtterte. All das hat namentlich die viel gescholtenen Oekonomen aufgerĂŒttelt, ĂŒber ihr Wissen und dessen Grundlagen nachzudenken. Die NZZ am Sonntag listete einige der Werke auf, die zu lesen sich lohnt. Gerne gebe ich die weiter, von denen ich das auch sagen kann.

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Wider die Ignoranz …

Andrew Ross Sorkin: Die Unfehlbaren, Spiegel-Verlag 2010
Die typische Spiegel-Reportage mit 200 Beteiligten, im Genre eines Krimis verfasst

Nouriel Roubini, Stephan Mihm: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft. Campus-Verlag, Frankfurt 2010
Dr. Doom der Finanzmarktkrise, weil er sie der Bedeutung der Schrottpapiere fĂŒr das Schrottsystem vorhersah

Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus-Verlag, Frankfurt 2009
Einflussreicher Wirtschaftsberater und Kritiker des Schattenbanksystems das neu reguliert werden sollte

Joseph Stiglitz: Im freien Fall. Vom Versagen der MĂ€rkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, Siedler, MĂŒnchen 2010

US-NobelpreistrÀger und Gegner freier MÀrkte, die ohne staatliche Rahmenbedingungen nicht funktionieren

George A. Akerlof. Robert J. Shiller: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, Campus, Frankfurt 2009
Rational-choice-Analyse missinterpretieren das reale Wirtschaftsverhalten, das viel instinktiver ist und Impulsen folgt

Carmen Reinhard, Kenneth Rogoff: Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen. Finanzbuchverlag 2010

800 Jahre Finanzkrisen zwischen zwei Buchdeckeln analysiert, um den regelmÀssigen Zusammenhang von Verschuldung und Krise auszuloten

Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes. Die harte WĂ€hrung der Geschichte. Econ-Verlag, Berlin 2009
Reagierte 2008 sofort, unverbesserlicher Optimist, gemÀss dem wir trotz kleinen AusschlÀge in der besten aller Wirtschaftszeiten leben; lÀsst sich auch als Gegenprogramm lesen

Ein Buch, das mit als Ganzes gut gefallen hat, findet sich nicht auf der Liste der Sonntagszeitung. Es ist das schmale, aber gehaltvolle BĂ€ndchen von Roger de Weck mit seinen Schlussfolgerungen fĂŒr ein sinnvolles Handeln in Zukunft.

Roger de Weck: Nach der Krise? Gibt es einen anderen Kapitalismus? Nagel&Kimche, 2010

Wer also noch einige Tage frei hat, kann sie auch nutzen, um sich in einer relevanten Frage weiter zu bilden.

Claude Longchamp

Ratlosigkeit, Angst und Zorn

Ralf Dahrendorf ist der Altmeister der Gegenwartsanalyse. Letzte Woche las ich von ihm unter dem Titel “Die Revolution bleibt aus!” eine Kolumne, die mir angesichts der ersten Ergebnisse zur Wahl ins EuropĂ€ische Parlament unweigerlich wieder in den Sinn kommt.

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Ralph Dahrendorf, vormals EU-Kommissar, Soziologe, analysierte letzte Woche die Stimmungslage in Europa treffend

Die Grundstimmung beschrieb der liberal eingestellte, in der Oeffentlichkeit sehr prĂ€sente Soziologe so: Die Welt wird durch die Wirtschaftskrise geschĂŒttelt. Doch steckt sie nicht in einer revolutionĂ€ren Situation. Es gibt keine Energie der VerĂ€nderung. Denn es ĂŒberwiegt die Ratlosigkeit. Sie ist gepaart mit Angst. Und diese verbindet sich mit Zorn.

Diese Mischung, sagt der Professor fĂŒr sozialen und politische Theorie, kann jederzeit explodieren, wo auch immer. Das soll aber nicht darĂŒber hinweg tĂ€uschen, dass die realen Aussichten fĂŒr die meisten BĂŒrgerInnen nicht rosig sind. Und das nicht nur fĂŒr den Moment.

Dahrendorf, vormals EU-Kommissar fĂŒr Deutschland, verglich in der Kolumne die jetzige Stimmungslage mit der der 30er Jahren des 20. Jahrhunderts MustergĂŒltig erarbeitet worden seien die Reaktionsweisen der Arbeiterschaft nicht durch Karl Marx, sondern durch Marie Jahoda. Wer galubte, es folge die Zeit des Aufbruchs, liege falasch. Denn damals wie heute ĂŒberwog und ĂŒberwiegt die Resignation. Und die ist keine politisch gestaltende Kraft. Maximal eine der Abrechnung.

Die Resultate zur Wahlbeteiligung, mit 43 Prozent ein historischer Tiefstwert (und gar noch tiefer als bei schweizerischen Parlamentswahlen!), aber auch die AusschlÀge bei den Parteien lassen kaum einen anderen Schluss zu.

Claude Longchamp

Eigenverantwortung statt Eigennutzen

Die kulturkritische Debatte zu den zukĂŒnftigen Werten der FĂŒhrungskrĂ€fte in den Unternehmen wird auch in der Schweiz immer deutlicher. Symptom hierfĂŒr ist die jĂŒngste Sonderbeilage “Weiterbildung und Karriere” der Neuen ZĂŒrcher Zeitung.

“Eigenverantwortung statt Eigennutzen”, das könnte man als Titel ĂŒber den Extrabund in der heutigen NZZ setzen. Das wird angesichts der öffentlichen Kritik am Shareholder-Value-Denken und -Handeln insbesondere in Banken bald schon zum Programm.

Einleitend zur Beilage kritisieren Doris Aebi und René Kuehni den erfolgten Kulturwandel insbesondere in der Finanzbranche. Ursache der Krise sei eine vom angelsÀchsischen Investment Banking beeinflusste, auf kurzfristigen Erfolg und persönliche Gewinnmaximierung ausgerichtete MentalitÀt. Das dichte Netz an Informationstechnologie haben dieser VerÀnderung global gefördert und die Bedeutung nationaler Regulatoren relativiert.

Jetzt, wo die sich selbst erzeugende Blase geplatzt sei, suche die Wirtschaft, von wĂŒtenden Kunden, enttĂ€uschten AktionĂ€ren und verunischerten ArbeitnehmerInnen getrieben, nach einem neuen Aufbruch. Denn die FĂŒhrungskrĂ€fte der Zukunft mĂŒssen einen radikale Erneuerung, die kulturelle Gegenrevolution bringen.

Dialog, Exzellenz und AufmĂŒpfigkeit werden als neue Leitwerte in der Ausbildung von FĂŒhrungskrĂ€ften empfohlen. Die Manager der Zukunft mĂŒssten eine Kultur des Vertrauens entwickeln, GestaltungsfreirĂ€ume ermöglichen und Entwicklungsmöglichkeiten zulassen, um von der Dominanz monetĂ€rer Anreize wegzukommen.

Die beiden InhaberInnen eines UnternehmensberatungsbĂŒros in ZĂŒrich fordern, dass Firmen Leute an ihre Spitze berufen, die Eigenverantwortung von Eigennutzen setzten, nicht der nun bekannten Gier, sondern dem unternehmerischen Interesse folgten und damit die langfristige gedeihliche Entwicklung von Unternehmen ermöglichten.

Der Aufruf aus einer liberalen, wenn auch erneuerten Sicht leuchtet durchaus ein!

Claude Longchamp

“animal spirits” statt “rational choice”.

“Um zu verstehen, wie die moderne Weltwirtschaft in die Sackgasse geraten ist, mĂŒssen wir unser Wissen erneuern”, fordert der NobelpreistrĂ€ger von 2001 George Akerlof mit seinem Kollegen Bestsellerautor Robert Shiller. Wie andere Grössen ihres Faches, haben sie mit kritischer Distanz zum Geschehen herauszufinden versucht, was angesicht der Weltwirtschaftskrise schief gelaufen ist und ihre Folgerungen in einem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch prĂ€sentiert.

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Unter den Lösungen Akerlofs und Shillers fĂ€llt eine besonders auf: Der kĂŒhl-rational handelnden “homo oeconomicus” soll durch ein realistischeres Modell ersetzt werden. Denn die prominenten Autoren sind ĂŒberzeugt, dass Volkswirtschaften zu Hysterien neigen, die in Exzesse, Manien und Paniken auarten, wenn sie sich selbst ĂŒberlassen werden. BegrĂŒndet sehen sie das in der ökonomischen Theorie, die in iher dogmatischen Form die Nutzenfunktionen gesellschaftlicher Normen ganz vernachlĂ€ssige.

Ursachen der jĂŒngsten InstabilitĂ€ten seien die “animal spiritis”, die Urinstinkte, die je nach dem in eine euphorische oder abgelöschte Grundstimmung verfallen können, schreiben die Oekonomen. Der Herdentrieb, der von der Börse ausgehe, verstĂ€rke danach den wirtschaftlichen Auf- oder Abschwung, – im Guten wie im Schlechten.

Die Banken hĂ€tten aus kurzsichtigem Eigenintresse heraus gehandelt, als sie Kredite fĂŒr HauskĂ€ufe an zahlungsunfĂ€hig mittel- und Unterschichten vergaben. “Es mag zwar sein, dass ein solches Vorgehen nicht illegal ist, doch in unseren Augen kann man die besonders marktschreierischen GeldhĂ€user durchaus als korrupt bezeichnen”, halten Akerlof und Shiller unmissverstĂ€ndlich fest.

Aus ihrer Sicht ist das Vorgehen dann ökonomisch sinnvoll, wenn klar definierte Eigentumsrechte und transparenten Informationen gegeben sind. Doch genau das sei mit der Entwicklung neuer Finanzinstrumente nicht gegeben gewesen und systematisch negiert worden. Und: “Wenn diese Bedingungen nicht garantiert werden können, entwickeln sich MĂ€rkte dysfunktional.”

Das haben in der Schweiz auch die Grossbanken erlebt, bei denen die Abschreibungen 2007 und 2008 drei Viertel des Eigenkapitals vernichteten, schreibt die “NZZ am Sonntag” heute. Der Analyse der beiden hier genannten Oekonomie-Professoren stimmt sie zu. Die Massnahmen, die auf ein weises, vom Staat geprĂ€gtes Laissez-faire hinaus laufe, hĂ€lt sie jedoch fĂŒr zu vage.

Claude Longchamp

George A. Akerlof, Robert J. Shiller: Animal Spirits. Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, Campus Verlag 2009.

Die unvernĂŒnftige Vernunft

Die Krise auf den FinanzmÀrkte zwingt Investoren zu Lernprozessen und die Wirtschaftswissenschaft zur Hinterfragung ihrer Entscheidungstheorien. Das tÀte beispielsweise auch der Wahlforschung gut, die im Schwang der unkritischen Gedankenlosigkeit mitgegangen ist.

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Daniel Kahneman, Professor fĂŒr Psychologie an der Princeton UniversitĂ€t, 2002 mit dem Nobelpreis fĂŒr Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

“Die weitaus schwĂ€chste Aktie der Welt ist jene der Logik AG, denn ihre Gesetze werden von der Börse nie verfolgt”, wetterte einst der Börsenguru AndrĂ© Kostolany. Mehr als der Vernunft folge die Börse der Erwartung, und in die mische sich der Herdentrieb.

Daniel Kahneman, der israelisch-amerikanische Psychologe, der 2002 als Nicht-Fachmann den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, hat sich solchen Fragen angenommen und den rational handelnden Akteur, von dem die Oekonomie so gerne ausgeht, durch ein psychologisch determiniertes Subjekt ersetzt.

Ausgangspunkt von Kahnemans Ueberlegungen ist, dass sich die meisten Menschen fĂŒr gute Autolenker halten, ihr Handeln rationalisieren und sich so ĂŒberschĂ€tzen. Bei MĂ€nnern kommt das typischerweise mehr vor als bei Frauen.

Das trifft auch auf Investoren zu. Zu deren grossen Fehlern gehört die Ueberreaktion im Moment. Kurzfristiger Aktivismus sei, sagt Dahneman, gerade in Zeiten der Unsicherheit, kein guter Ratgeber. Denn er wird durch Angst und Ueberreaktion bestimmt. Diese wiederum seine nicht unerheblich, weil soziale Ansteckung die Börse reagiere, wie der Herdentrieb in der Wissenschaft genannt wird.

Institutionelle Anleger sind, so die Forschung, von diesen Probleme etwas weniger befallen als private. Das hat mit ihrem gegenĂŒber privaten Anlegern erhöht strategischen Verhalten zu tun, mĂŒssen sie doch ihre Entscheidung stĂ€rker begrĂŒnden, und sind sie, wegen der AusdrĂŒcklichkeit und Schriftlichkeit von Entscheidungen, kritisierbarer. Damit wĂ€chst die Chance von effektiven Lernprozessen statt nachtrĂ€glichen Rationalisierungen.

Diese Einsicht in der empirischen Wirtschaftsforschung ist so gut, dass man sie auch in der Wahlforschung anwenden sollte. Denn da hat (dank dem Herdentrieb?) der rational-choice-Ansatz zwischenzeitlich eine zentrale Stellung inne. Unverkennbar sind seine Verdienste bei der Analyse individualistischer Entscheidungen; problematisch ist aber, wenn das tel quel mit vernĂŒnftigem Entscheiden gleichgesetzt wird, handelt es sich doch nicht um nicht mehr als wissenschaftliche Rationalisierungen.

Claude Longchamp

Verantwortungsethik statt Eigennutzenmaximierung

Mit einem Satz ĂŒber das “fehlende Unrechtsbewusstsein” der Schweiz in Sachen Bankgeheimnis hat er die wohl grösste Kontroverse ĂŒber Wissenschaft und Politik, die in letzter Zeit in der Schweiz stattgefunden hat, ausgelöst. PolitikerInnen, Professorinnen, Rektoren und JournalistInnen handelten den Fall ab. Jetzt Ă€ussert sich Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der UniversitĂ€t St. Gallen, ĂŒber das GrundsĂ€tzliche an der Debatte.

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Die Erschaffung der “Göttin DS” wĂ€re nur nach ökonomischen Gesichtspunkte nie geschehen, kritisiert der St. Galler Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann die vorherrschende Sichtweise in den Wirtschaftswissenschaften und der Ausbildung von ManagerInnen.

In einem lĂ€ngeren Interview im “Magazin” definiert sich Thielemann als AufklĂ€rer, der seit lĂ€ngerem Forschung zur Wirtschaftsethik betreibe, sie auch im Praktischen anwende, wei sie nicht l’art pour l’art bleiben solle.

Sinnbildlich dafĂŒr ist seine Interpretation der Entstehung der französischen DS, denn als die Firma CitroĂ«n daran ging, einen Nachfolger fĂŒr den Traction Avant zu finden, habe man den Ingenieuren gesagt, ihr habt alle Freiheiten, macht, was ihr wollt. Heraus kam das bekannte, flunderartige Fahrzeug, die Göttin “Deesse”, voll von mehr oder minder nĂŒtzlichen Innovationen, bei denen sich die Ingenieure austoben konnten. Das Kunstwerk sei nur möglich, weil der ökonomische Gesichtspunkt nicht der Einzige war.

Die Ursache der gegenwĂ€rtige Krise, so der Wirtschaftsethiker, sei die Entfesselung der Gier im Namen der MarktglĂ€ubigkeit. Entstanden sei sie mit der Gewinnmaximierung zugunsten von Investoren als einzige legitime Anspruchsgruppe. Doch dazu gebe es heute eine Gegenbewegung, die im Theoretischen beginne. Denn was man als Gier bezeichne, habe in der in der Oekonomie lange als rational gegolten. Grund dafĂŒr sei, dass die Wirtschaftswissenschaft zur Wissenskirche verkommen, keine Wissenschaft mehr senn. Denn anders als in der Psychologie oder Soziologie, sei der Pluralismus widerstreitender Denkschulen in der Oekonomie weitgehend verschwunden.

Gelernt werden mĂŒsse heute wieder, was IntegritĂ€t heisse, denn das eigene Erfolgsstreben hĂ€nge von der Legitimierbarkeit ab. Verantwortung mĂŒsse an den UniversitĂ€ten wieder gelehrt und gelernt werden.

Verantwortungsethik alleine werden jedoch nicht genĂŒgen. Wichtiger noch sei die Ordnungsethik, die verantwortungsvolles Handeln stĂŒtze. Damit seien in erster Linie die Gesetze des Rechtsstaats gemeint, die als institutionelle RĂŒckenstĂŒtzen wirken wĂŒrden. Denn ohne Ordnungsethik sei der Verantwortungsbewusste rasch der Dumme. Das zu verhindern, sei die Aufgabe der Politik.

Thielemann gibt sich ungern prognostisch, glaubt aber, wir seien mit der gegenwĂ€rtigen Krise in eine neue Zeit unterwegs. Die MarktglĂ€ubigkeit sei als allein selig machendes Paradigma gescheitert. Der Markt brauche auf allen Stufen Begrenzungen. Das sei nur in der Theorie etwas neues. Denn das Menschenbild des Homo Ɠconomicus, der Mensch also, der alles zu seinem Eigennutzen maximiert, sei nicht nur moralisch nicht rechtfertigungsfĂ€hig, sondern entspreche auch nicht dem SelbstverstĂ€ndnis eines normal sozialisierten Menschen.

Oder noch deutlicher: Der Kern des Problems ist das entgrenzte Erfolgstreben, doziert Thielemann. Denn das verletze den kategorischen Imperativ. Im «Reich der Zwecke», in der humanen Gesellschaft also, hat alles «entweder einen Preis — oder WĂŒrde», formulierte dies Immanuel Kant.

Claude Longchamp

Die Zukunft Chimerikas

Er ist der Optimist unter allen Analytikern der USA in der Zeit nach der Finanzkrise: Niall Ferguson, 45, britischer Historiker an der amerikanischen Harvard University. Der begnadeste Geschichtsprofessor seiner Generation, publizistisch vor allem im Fernsehen und mit Artikeln und BĂŒchern dazu aktiv, erfand (mit Moritz Schularik) auch den Begriff “Chimerika”, ein Schachtelwort aus China und Amerika, weil die Oekonomien beider LĂ€nder engstens miteinander verhĂ€ngt seien.

Stellt man sich die Wirtschaft beider LÀnder als die eines einzigen vor, kommt dieses Chimerika auf 13 Prozent der Landmasse, stellt ein Viertel der Erdbevölkerung, kommt auf etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts und auf circa die HÀlfte des globalen Wirtschaftswachstums der letzten sechs Jahre.

Sehr einfach ausgedrĂŒckt, besorgte die eine HĂ€lfte, die Westchimeriker, das Sparen und die andere, die Ostchimeriker, das Ausgeben. Die USA erzeugten Wachstum durch Bauen mit Schulden, wĂ€hrend die Chinesen mit höher Produktion zu tiefen Löhnen Kredite vergaben. Doch dann enthĂŒllte eine Welle geplatzter Hypotheken an Kreditnehmer mit schlechter BonitĂ€t, wie instabil Chimerika war.

“Wie immer bei Blasen”, sagt der Wirtschaftshistoriker, “ging schnelles Geld mit einer laxen Kreditvergabe und glattem Betrug einher.” Der Kollaps am Immobilienmarkt habe deshalb so verheerend gewirkt, weil die Banken die ursprĂŒnglichen Kredite gebĂŒndelt, in Scheibchen geschnitten und durcheinander gewĂŒrfelt und sie an Investoren in aller Welt verkauft hĂ€tten. Die Rating-Agenturen ihrerseits hĂ€tten die Premium-Etage dieser Produkte als AAA eingestuft: Quintessenz der Finanz-Alchemie. Als sich das vermeintliche Gold erst in Blei und dann in GiftmĂŒll zurĂŒckverwandelt habe, waren die Folgen fatal.

Eine unausweichliche Konsequenz der Kreditkrise ist, dass die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit langsamer wachsen werden: eher ein als zwei Prozent pro Jahr statt der drei oder vier Prozent wie bisher. Dagegen kann Chinas Semi-Planwirtschaft, angetrieben von staatlich verordneten Investitionen in die Infrastruktur und wachsender Nachfrage der Konsumenten, auch weiterhin bequem um acht Prozent jÀhrlich wachsen.

Mit einem von Amerika abgekoppelten China scheint das Ende Chimerikas nahe. Und mit dem Ende Chimerikas muss sich das globale Machtgleichgewicht verschieben, prognostiziert der Historiker. China kann andere SphÀren globaler Einflussnahme erkunden, zum Beispiel im rohstoffreichen Afrika.

“Jedoch”, bilanziert Ferguson, “die Geschichte hat einen Dreh. Kommentatoren sollten, bevor sie Niedergang und Fall der Vereinigten Staaten prophezeien, immer zögern, sagt der Optimist. Die USA haben schon mehr als eine katastrophale Finanzkrise ĂŒberlebt und sind jeweils geopolitisch gestĂ€rkt aus ihr hervorgegangen, galubt Ferguson aus der Geschichte herauslesen zu können. Der Grund dafĂŒr ist, dass solche Krisen, so schlimm sie daheim auch scheinen mögen, Amerikas Rivalen offenbar noch hĂ€rter treffen.”

Ferguson ist fĂŒr seine publizistischen Offensiven zugunsten der amerikanischen Finanzwelt ist in Fachkreisen vielfach kritisiert worden. Ein Teil der Kritik betrifft die mediale PrĂ€senz, der andere die NĂ€he zur Propagnada fĂŒr den Turbokapitalismus. Der Vorwurf, Halbwahrheiten mit phantasievollen Spekulationen, akademisch gekleidet, aber nur spĂ€rlich belegt zu veröffentlichen, hat dem Tausendsassa der gegenwĂ€rtig Historikerzunft nicht geschadet. 2010 kehrt er nach Grossbritannien zurĂŒck, um an der LSA ĂŒber die Finanzgeschichte der Welt zu forschen und zu lehren.

Claude Longchamp

Niall Ferguson: The Ascent of Money: A Financial History of the World, Penguin Books 2008 (dt. Der Aufstieg des Geldes. Die WĂ€hrung der Geschichte, Berlin 2009)

Diagnosen fĂŒr die Welt nach dem amerikanischen Zeitalter

Wie entwickelt sich die Welt? Ueber die Wirtschaftskrise hinaus, stellt sich die Frage, welche Rolle die USA inskĂŒnftig einnehmen werden. Denn allgemein rechnet man mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Asiens. Weniger eindeutig sind die Haltungen dagegen, wenn es um die Frage geht, wie sich die fĂŒhrende, aber angeschlagene Weltmacht hierzu stellen wird. Zwei typische Beispiele hierzu.

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“Der Aufstieg der Andern. Das postamerikanische Zeitalter” heisst der Bestseller von Fareed Zakarias, der im Sommer 2008 in den Staaten, anfang 2009 auch in der deutschen Uebersetzung von Thorsten Schmidt erschien, und seither so etwas die Basis der Analyse in einer multipolaren Welt gilt.

»Goodbye, America«, lautet der etwas bittere Refrain von Fareed Zakaria, dem in indischen Bombay geborenen Politikwissenschafter der Harvad University. Dennoch bleibt der Chefredaktor von Newsweek International und regelmÀssige Kommentator auf CNN zuversichtlich.

FĂŒr ihn ist zwar klar, dass eine epochalen Machtverschiebung stattfindet. Nach dem Siegeszug der westlichen RationalitĂ€t zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert und dem kometenhaften Aufstieg Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert durchlĂ€uft die Welt gerade eine dritte Phase. Sie erlebt das Ende der amerikanischen Vorherrschaft und den »rise of the rest«, den Aufstieg der ĂŒbrigen MĂ€chte.

“The Post-American World” heisst das Buch im Amerikanischen, das bewusst das Wort vom Niedergang vermeidet, denn es will dem offensichtlichen Machtverlust der USA eine Pointe abgewinnen: »Globalisierung der Welt – das war die amerikanische Vision«, und davon hhaben andere LĂ€nder profitiert und den Anschluss geschafft, vor allem China und Indien.

Fareed Zakaria hat offensichtlich Sympathien fĂŒr die Demokraten von Barack Obama. Er ist ĂŒberzeugt, Amerika werde seine Krise meistern, sobald es die Spaltung der Gesellschaft ĂŒberwunden habe. Aussenpolitisch gibt er Obama den Rat, sich um die »Einbeziehung der aufsteigenden LĂ€nder« kĂŒmmern und die neuen GroßmĂ€chte China und Indien so weit integrieren, bis diese aus eigenem Interesse die globale Ordnung tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzten.

HĂ€rter mit den Amerikanern ins Gericht geht Parag Khanna, ebenfalls aus Indien stammend und Politikwissenschafter in den USA und Grossbritannien. In seinem Buch “Der Kampf um die Zweite Welt” tritt Amerika nĂ€mlich als gerupfter Riese auf, von einem entfesselten Kapitalismus verunsicherte, im Irakkrieg blamierte Supermacht, die ihren Machtverlust noch gar nicht begriffen hat. Selbst wenn das Land unverĂ€ndert die konkurrenzfĂ€higste Volkswirtschaft der Welt habe, schreibt Khanna, sei die politische Macht lĂ€ngst neu verteilt worden: Asien wird – mit oder ohne Amerika – das 21. Jahrhundert gestalten.

Folgt man Khanna, wird die Welt kĂŒnftig von drei Imperien beherrscht werden, von den Vereinigten Staaten, von China und von der EuropĂ€ischen Union, wĂ€hrend Russland keine entscheidende Rolle spiele, weil dessen Volkswirtschaft nichts Nennenswertes zustande bringe. Auf Khannas Landkarte gehört Russland deshalb zur Zweiten Welt, genauso wie der Nahe Osten, Lateinamerika und Afrika. Hier, in der Zweiten Welt, tobt nach Khanna der Kampf um Einflusszonen, und hier entscheide sich, wie viel Macht die geopolitischen MachtsphĂ€ren in die Waagschale werfen können.

Die beiden Thesen sind hilfreich, das aktuelle Verhalten der GrossmĂ€chte zu analysieren. NĂŒtzlich sind hierfĂŒr auch die beiden BĂŒcher, welche die generelle Sichtweise ausfĂŒhren. Ihre LektĂŒre sei empfohlen, nicht zuletzt auch, um den Wandel der politikwissenschaftlichen Perspektiven, die unter der Bush-Administration und dem Schlagwort des Kampfes der Kulturen galten, zu realisieren.

Claude Longchamp

Fareed Zakaria: Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter, MĂŒnchen 2009
Parag Khanna: Der Kampf um die zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung, Berlin 2008

Historischer Moment fĂŒr die Weltwirtschaft – und fĂŒr die Schweiz?

Gastgeber, Grossbritanniens MinisterprĂ€sident Gordon Brown, sprach am G-20-Gipfel vom Durchbruch zur neuen Weltordnung. Die meisten Kommentatoren waren sich einig, einen historischen Moment erlebt zu haben, selbst wenn in einzelnen LĂ€ndern wie der Schweiz die ErnĂŒchterung ĂŒberwiegt. Was wird unser Land fĂŒr SchlĂŒsse daraus ziehen?

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Botschaft aus London an die Schweiz: Aus der Isolation herausfinden, in die das Land mit dem Bankgeheimnis geraten ist. (Quelle: Chapatte/LeTemps)

Vier Massnahmen beschloss der mit Spannung erwartete Gipfel der mĂ€chtigsten Staaten und Organisationen in London, welche die neue Weltordnung begrĂŒnden sollen: ein gigantisches finanzielles StĂŒtzungsprogramm in der Höhe von 1,1 Billionen Franken, das Ende des Bankgeheimnisses, Auflagen fĂŒr Bonuszahlungen in Banken und Versicherungen und strengere Kontrolle fĂŒr Hedge-Fonds und Rating-Agenturen.

StabilitĂ€t, Wachstum und Arbeit verspricht man sich durch die Massnahmen. Erwartet wird, dass man damit die globale Wirtschaftskrise mildern kann, vor allem aber, dass man eine Wiederholung der Ursachen fĂŒr die aktuelle Weltwirtschaftskrise inskĂŒnftig verhindert kann.

Allgemein wurde der Gipfel als Erfolg gewertet. Die zentralen Industrienationen und SchwellenlÀnder zeigten einen ausgleichenden Handlungswillen, der den Protest auf der Strasse beschrÀnkte. Denn mit der neuen Weltordnung soll die Entwicklung der Weltwirtschaft in berechenbare Bahnen gelenkt werden. Nach den Erfahrungen der letzten Monate ist das letztlich zum Wohle aller, wenn auch im Einzelfall mit Nachteilen verbunden.

Entsprechend fĂ€llt die Bewertung in der Schweiz aus. Ihr gelang es nicht, sich unter die Mitglieder der G-20 einzureihen und die Themen resp. Inhalte mitzuentscheiden. Vielmehr fand sie sich wegen ihrer Steuerpolitik in der Isolation. Die Schwarze Liste der Steueroasen konnte zwar abgewendet werden, weil die Schweiz die bisherigen Vorbehalte gegen die OECD-Richtlinien zum Bankgeheimnis aufgab. Dennoch bleibt der Druck, symbolisch mit der PrĂ€senz auf der grauen Liste, bestehen, da man nicht rechtzeitig 12 Doppelbesteuerungsabkommen vorweisen konnte, die den Tatwillen zur Umsetzung belegen. Daran wird die nationale Politik rasch arbeiten mĂŒssen, um aus der Defensive heraus zu kommen, in der die Schweiz mit dem G-20-Gipfel geraten ist.

Claude Longchamp

Grosse Börsenchrashs im Vergleich

Das Blog “dshort.com” erstellt regelmĂ€ssig Uebersichten ĂŒber die Entwicklung der AktienmĂ€rkte wĂ€hrend Wirtschaftskrisen. Das gibt zwar noch keine Prognosen, wie sich die jetzige entwickeln wird, doch kann man ihren bisherigen Verlauf in die zyklischen EinbrĂŒche der jĂŒngeren Börsengeschichte einordnen.

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UnverĂ€ndert war der Börsencrash von 1929 mit der nachfolgenden Grossen Depression als der einschneidendste Moment in der Wirtschaftsgeschichte. Die Krise dauerte mit 34 Monaten bis zum Umschwung fast drei Jahre, und der Dow Jones Index verringerte sich in dieser Zeit um fast 89 Prozent. Der zweitgrösste Einbruch war im Jahre 2000, als die Dotcom-Blase platzte. Es braucht 30 Monate bis sich die Aktienwerte, welche um 49 Prozent gesunken waren, wieder zu erholen begannen. Die Erdölkrise 1973 wirkte sich fast so stark aus (48 % RĂŒckgang), kannte aber mit 21 Monaten bis zur Wende eine vergleichsweise kurze Zeit des RĂŒckgangs.

Die jetzige Krise auf den amerikanische AktienmĂ€rkten, sichtbar seit September 2008, geht genau genommen schon in den 17. Monat des Abschwungs an der Börse. Das Ausmass der Verluste ĂŒbertrifft gemĂ€ss “dshort” mit 53 Prozent jetzt schon jenes der Erdöl- oder Dotcom-Krise bis zu deren Wende.

Wie nachhaltig der gegenwĂ€rtige Einbruch ist, könne noch nicht beurteilt werden, meint Doug Short, der Autor des Blogs, in den 80er Jahren Porfessor fĂŒr Computerwissenschaft an der University of North Carolina war danach Berater von IBM wirkte. Immrhin zĂ€hlt er ihn zu den vier grossen der Wirtschaftsgeschichte der letzten 140 Jahre, die er mit seinem Blog statistisch analysiert und grafisch prĂ€sentiert.

Claude Longchamp