Archive for the 'Deutsche Bundestagswahlen 2009' Category

Was Prominente zur Bundestagswahl nicht wirklich gesagt haben …

Die deutschen Bundestagswahlen haben mich √ľber Geb√ľhr interessiert. Es wird Zeit, das Thema auf diesem Blog abzuschliessen, mit den ersten Spr√ľchen, die Prominente nach der Wahl nun wirklich nicht gesagt haben, ich aber beim Stoibern im Spiegel gesehen habe.

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“Als Dankesch√∂n erstmal eine kleine Steuererh√∂hung!”
Angela Merkel, Kanzlerin

“Es wird richtig Spass machen, mit Angie zu regieren.”
Guido Westerwelle, Wahlgewinner

“Ich bin der Oppositionsf√ľhrer aller Deutschen!”
Frank-Walter Steinmeier, Oppositionsf√ľhrer

“Gratulation an Steinmeier zur gewonnenen Pr√§sidentschaft.”
Mahmud Ahmadinedschad, Diktator

“Von einer derart haushohen Niederlage k√∂nnen andere Parteien doch nur tr√§umen. Insofern sind wir ja wohl die eigentlichen Sieger!”
Franz M√ľntefering, SPD-Vorsitzender

“Man muss die SPD sofort aufl√∂sen und an die umliegenden Parteien verteilen!”
Muammar al-Gaddafi, UNO-Mitglied

“Von mehr Freiheit f√ľr den kleinen Mann merke ich nichts!”
Roman Polanski, Regisseur

“F√ľr Steinmeier die verdiente Quittung daf√ľr, dass er mir die Agenda 2010 untergeschoben hat…”
Gerhard Schröder, Ex-Kanzler

“Die Wahlprognosen waren diesmal sogar genauer als die Resultate.”
J√ľrgen W. Falter, Wahlforscher und Professor f√ľr Politologie

Bis in vier Jahren, tsch√ľss

Claude Longchamp

Politologische Intervention

Wenn Franz Walter ausholt, wird es gef√§hrlich. Denn der G√∂ttinger Parteienforscher beherrscht die politologische Intervention wie kaum ein anderer. Seine Aufs√§tze im “Spiegel” sind mit spitzer Feder geschrieben, – am liebsten in Sachen SPD, der er selber angeh√∂rt.

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Franz Walter, Professor f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t G√∂ttingen, versteht die politologische Intervention als Beitrag zur Entwicklung der Politik und wird daf√ľr von Fachkollegen gerne der Unwissenschaftlichkeit bezichtigt.

Unmittelbar nach der Bundestagswahl schrieb Walter treffsicher: “Alle Welt wird √ľber Namen raunen, wird √ľber den k√ľnftigen starken Mann/die starke Frau orakeln. Wowereit oder Gabriel oder Nahles oder Scholz – das wird die Sozialdemokratologen besch√§ftigen. Doch dass dieses Spiel keinen politischen Ertrag abwirft, haben all die zahlreichen Vorsitzwechsel in der Partei w√§hrend der letzten Jahre hinl√§nglich bewiesen.”

Walters Analyse ist anders: Der SPD schl√§gt er einen F√ľnf-Punkte-Plan f√ľr eine innerparteiliche demokratisch Kultur vor:

1. “Die Sozialdemokraten haben endlich anzuerkennen, dass sie weder die Mutter noch die alleinige politische Repr√§sentanz des Spektrums links von der Mitte sind.”
2. “Die Anf√ľhrer der SPD haben grunds√§tzlich ihren fatalen, ja entwertenden Umgang mit den eigenen Mitgliedern, Multiplikatoren, Anh√§ngern zu √ľberdenken. Mit Ausnahme der letzten sechs Wahlkampfwochen sind diese Gruppen f√ľr die SPD-Spitze n√§mlich nicht mehr wichtig.”
3. “Die Kandidaten der Sozialdemokratie sollten k√ľnftig durch das S√§urebad eines gro√üen demokratischen Nominierungsprozesses gehen m√ľssen.”
4. “Die Sozialdemokraten haben zu kl√§ren, was sie eigentlich wollen. Alle Organisationsreform, alle neuen Leute an der Spitze allein werden nicht das Geringste bewegen, wenn die Partei nicht wei√ü, wer sie ist, f√ľr wen sie Politik machen will, auf welchem Wege, zu welchem Ziel und mit welchen Weggenossen.”
5. “Die SPD wird diesen Kl√§rungsprozess anders als in fr√ľheren Jahren nicht als Scharm√ľtzel von Cliquen und Clans f√ľhren d√ľrfen, sondern als eine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung gesellschaftsbezogener Str√∂mungen.”

Während viele akademischen WahlforscherInnen seit Sonntag abend 18 Uhr schweigen, mischt sich Walter lustvoll ein, sagt, was er denkt, und schreibt es, dass man es versteht. Damit trägt er viel zu Verbreitung politikwissenschaftlicher Erkenntnisse bei.

Genau das ertragen nicht alle KollegInnen auf den Lehrst√ľhlen. Der ausgewiesene Parteienforscher mit Standardwerken zur SPD und FDP muss sich regelm√§ssig Kritik gefallen lassen, seine Popularisierungen gingen auf Kosten der Wissenschaftlichkeit. Anerkennt wird, dass er mit seiner Fachkenntnis die tektonischen Verschiebungen in der Gesellschaft genau verstehe, aber nicht aber theoretisch verorten k√∂nne.

Die Universit√§t G√∂ttingen versuchte gar, das Seminar f√ľr Politikwissenschaften zu streichen. Da wusste Walter in eigener Sache politisch zu intervenieren. Das Wissenschaftsministerium bezeichnete ihn 2007 als ‚ÄěAush√§ngeschild der nieders√§chsischen Hochschullandschaft‚Äú und baute seinen Lehrstuhl aus.

Claude Longchamp

SPD im Tief – eine Auslegeordnung aus der Sicht der Wahlforschung

Die SPD ist die klare Verliererin vom vergangenen Wahlwochenende. Ein Minus von 11,3 Prozentpunkten bei den Zweitstimmen ist in der Wahlgeschichte Deutschlands f√ľr die Nachkriegszeit einmalig. Grund genug, nach den Ursachen zu fragen, welche die Wahlforschung bisher aufdecken konnte.

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Quelle: Der Spiegel

Antwort der Wahlforschung 1: Parteibindungen
Die f√ľr die SPD harmloseste Variante der Auslegeordnung besteht darin, das Klagelied auf das Ende der Volksparteien mitzusingen. Erstens ist es nicht neu; vielmehr geh√∂rt es in Deutschland seit den 80er Jahren zum festen Bestandteil der Wahlnachbetrachtungen der beiden gr√∂sseren Parteien. Zweitens trifft es nicht nur die SPD, denn auch die CDU leidet darunter, und neuerdings ist auch die CSU davon erfasst worden. Doch genau das hilft nicht zu verstehen, weshalb die SPD selbst f√ľr eine sozialdemokratische Partei der Gegenwart einen regelrechten Einbruch erlebte. Vielmehr muss es spezifische Gr√ľnde hierf√ľr f√ľr die Aufweichung von Parteibindungen geben.

Die Wahlforschung kennt neben der Parteibindung als l√§ngerfristiger Orientierung von B√ľrgerInnen an politischen Parteien zwei kurzfristiger Faktoren: die Personen- und die Themenorientierung der Parteien.


Themenkompetenzen der Parteien nach dem Bundestagswahlkampf 2009

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Quelle: Wahlen nach Zahlen

Antwort der Wahlforschung 2: Themenkompetenz
Themenkompetenzen werden gegenw√§rtig im Umgang mit den Ursachen und Folgen der globalen Finanzmarktkrise analysiert. Die Kompetenzzuschreibungen an die Adresse der SPD am Ende Wahlkampfes zeigen unver√§nderte St√§rken beim Umgang mit ArbeitnehmerInnen; keine andere Partei, weder in Regierung noch in Opposition kommt hier an die SPD heran. Das gilt weitgehend auch f√ľr die SPD als Garant sozialer Gerechtigkeit. Anders sieht es aus, wenn man die grossen Herausforderungen der unmittelbaren Zukunft betrachtet. Nicht einmal der Anteil, der weiterhin zur SPD steht, hievt in dieser Frage die eigene Partei auf den Spitzenplatz. Das gilt weitgehend auch, wenn es darum geht, Deutschland wirtschaftlich voranzubringen. Die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands ist der grossen Themenbereich, bei dem die Partei versagt, denn das ist das Feld, auf dem sich der bisherige Regierungspartner CDU/CSU vorteilhaft platzieren konnte. Hinzu kommen einige themenspezifische Konkurrenzen: Genannt seien die FDP, wenn es um Steuern und Haushaltspolitik geht, die Gr√ľnen in der Gesundheitspolitik und die Linke bei der sozialen Frage.

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Quelle: Wahlen nach Zahlen

Antwort der Wahlforschung 3: Personenprofile

Generell f√§llt auf, dass die SPD kein thematischer Hoffnungstr√§ger mehr ist. Das gilt letztlich auch f√ľr den Spitzenkandidaten. Frank-Walter Steinmeier punktete zwar als Person und Aussenminister in der bisherigen Regierung. Als Kanzleranw√§rter versagte er aber deutlich: Gerade mal 33 Prozent w√ľnschten sich ihn als neuen Bundeskanzler. Brandt, Schmidt und Schr√∂der kamen da regelm√§ssig auf absolute Mehrheiten; ja, selbst Oskar Lafontaine schnitt bei seinem misslungenen Griff nach der ganzen Regierungsmacht noch besser ab als Steinmeier. Das hat mitunter auch damit zu tun, dass die bisherige Amtsinhaberin Angela Merkel 2009 einen Spitzenwert f√ľr ihre Person erreichte, der sogar mit denen von Helmut Kohl zu seinen besten Zeiten keinen Vergleich scheuen muss.

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Antwort der Wahlforschung 4: Mobilisierung
2009 gelang es der SPD nicht, eine machtpolitische Alternative zu pr√§sentieren. Die M√∂glichkeit eines rot-rot-gr√ľnen B√ľndnisses, das vor 4 Jahren ausgereicht h√§tte, wurde fr√ľhzeitig ausgeschlossen, und die Hoffnung auf eine rot-gr√ľn-gelbe Koalition gr√ľndete vor allem in der Verzweiflung der Sozialdemokraten, aus der Umklammerung durch die CSU heraustreten zu k√∂nnen. Inhaltlich wirkte sie nicht vorbereitet, und im Wahlkampf attackierte man regelm√§ssig das Neoliberale des m√∂glichen Koalitionspartners. Ein Ganzes entstand daraus nicht, das einen Machtwechsel realistisch erscheinen liess. So blieb letztlich nur die Fortsetzung der grossen Koalition – und damit die H√∂chststrafe, wie es der Generalsekret√§r der SPD selber bezeichnete. Motivierend und mobilisierend wirkt das garantiert nicht.

Erste Bilanz

Am 27. September 1998 wurde Gerd Schr√∂der zum Nachfolger von Helmut Kohl als Bundeskanzler gew√§hlt. Mit ihm wurde die Wende zur rot-gr√ľnen Regierung begr√ľndet, die sich dem Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus verpflichtet f√ľhlte. Die Welle der linken Erneuerung ist auf den Tag genau nach 11 Jahren Regierungszugeh√∂rigkeit ausgelaufen. Die Wende der Wende folgte.

Das Ende einer Aera, gepräft durch die Suche nach dem Dritten Weg
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Quelle: Der Spiegel

Die SPD wird erst dann wieder aus ihrer Krise heraustreten, wenn sie sich verj√ľngt und programmatisch so positioniert, dass sie allein oder mit anderen wieder realistisch einen Machtanspruch stellen kann. Das wird dauern.

Claude Longchamp

Die Implosion der SPD

Die erste Analyse der Wählerwanderungen kommt bei der SPD zu einem eindeutigen Befund: Die Partei ist regelrecht implodiert.
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Die SPD schmerzen nicht nur die 11,3 Prozent, die sie am WählerInnen-Kuchen seit den Bundestagswahlen 2005 verloren hat. Schlimmer noch ist der Befund der Analyse zur WählerInnen-Wanderung, die eine negative Bilanz in alle Richtungen kennt. Bei der Bilanz von Zu- und Abwanderung hat die SPD ein Minus von rund 5 Millionen Wählenden aus dem Jahre 2005.

Den gr√∂ssten Verlust kennt die SPD gegen√ľber den Nicht-W√§hlerInnen.
An zweiter Stelle steht die Abwanderung zu anderen Linksparteien.
Als Drittes folgt der Uebergang zur neuen b√ľrgerlichen Koalition.
Und selbst gegen√ľber Parteien, die kein Mandat erringen konnten, verliert die SPD Stimmen.

Keine Partei kennt ein so umfassend negatives Profil. Die CDU/CSU hat zwar √§hnlich wie die SPD M√ľhe, bestehende W√§hlerInnen zum W√§hlen zu motivieren, verliert aber nur im b√ľrgerlichen Lager. Und die Linke ist f√ľr die Gr√ľnen beschr√§nkt zur Konkurrenz geworden.

Das Mobilisierungsprobleme der ehemaligen Volksparteien ist eklatant. Es ist der sichtbarste Ausdruck der grossen Koalition, des Mangels an thematischer Trennschärfe und der fehlenden Wahlkampfstimmung. Bei der SPD kommen wohl auch das Fehlen einer Machtperspektive hinzu, denn ihr blieb letztlich nur die Hoffnung auf die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit CDU/CSU.

Die Situation der SPD erschwert eine eindeutige Korrektur. Geht die Partei nach links, muss sie mir weiteren Abg√§ngen an die Regierungskoalition rechnen. Weicht sie dagegen nach rechts, ist mit einem verst√§rkten W√§hlerInnen-Anteil insbesondere der Linken, vielleicht auch der Gr√ľnen zu rechnen.

In einer solche Situation gibt es in der Regel nur eins: Die Grundposition nicht radikal ver√§ndern, das Spitzenpersonal aber gr√ľndlich erneuern, die VerterterInnen der verschienen Str√∂mungen besser einbinden und die parteiinterne Arbeit neu machen, bis der Magnet wieder funktioniert.

Wichtiger ist die generelle Erneuerung der Partei, denn sie ist in der bisherigen Form implodiert.

Claude Longchamp

Besser als der Ruf: die Wahlforschung nach den Bundestagswahlen

Kurz vor der Wahl steigt auch unter den ForscherInnen der Adrenalin-Spiegel, sodass Klagen √ľber den Zustand der Profession in der Oeffentlichkeit laut werden. Zwei davon sind in der letzten Woche √∂ffentlich ausgetragen worden. Ein Ueber-, R√ľck- und Ausblick eines halbwegs Aussenstehenden zur (deutschen) Wahlforschung.

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“Was entscheidet beim W√§hlen?”, besch√§ftigt die Wahlforschung. Interdisziplin√§r ausgerichtet hat sie sich trotz einige Defiziten auf hohem Niveau etabliert.

Klage Nummer 1
Rezensent Frank Decker, Professor f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t Bonn, nahm das Erscheinen des politikwissenschaftlichen Standardwerkes zu den Bundestagswahlen 2005 kurz vor Ende der Legislatur zum Anlass, um kritische Fragen zur Grundlagenarbeit in der Wahlforschung zu stellen. Konkret monierte er drei Schw√§chen: Erstens, die Uebersicht zu den Wahlen 2005 erscheint viel zu sp√§t. Fast vier Jahre Produktionszeit f√ľr ein Buch sei heute deplatziert. Das w√ľssten selbst die Herausgeber, die einen Teil ihrer Ergebnisse schon vorg√§ngig publiziert h√§tten. Zweitens, die Sprache der Wahlforschung leidet. Die Anwendungsforscher seien sich gewohnt, zu einem Publikum aus Nicht-Fachleute sprechen zu m√ľssen; den Grundlagenforscher gehe das mit ihrem Fachjargon ab – beides merke man den entsprechenden Publikationen an. Drittens: Die Theorie- und Methodendiskussion stagniere. Vor allem behandle die politikwissenschaftliche Forschung Wahlen als Entscheidungen in der Mediengesellschaft stiefm√ľtterlich.

Klage Nummer 2:
Andreas W√ľst, ein junger Wahlforscher im akademischen Sektor, geriet in Wallung, nachdem Mathias Jung, Direktor der Forschungsgruppe Wahlen im ZDF verk√ľndete: “Knapp, aber sicher.” Damit meinte dieser den Vorsprung von CDU/CSU und FDP in den Wahlumfragen. Er machte das am Freitag vor der Wahl zur eigentlichen Prognose, einem Moment, zu dem sich ARD und ZDF verpflichtet hatten, keine weitere Umfragen mehr zu machen. Der Politikwissenschafter nahmen das zum Anlass, um √ľber die Trendwende unter dem Demoskopen zu spekulieren. Demnach gebe die Wahlforschung an, prognosef√§hig zu sein, selbst wenn sie den Prozess der Meinungsbildung nicht bis zum Wahltag verfolge. Oder die Umfrageinstitute machten Erhebungen kurz vor der Wahl, die sie nicht ver√∂ffentlichten.

R√ľck- und Ausblick

Nun wissen wir es wenigstens im Nachhinein alles besser: Die Wahlforschung hat bei den deutschen Bundestagswahlen 2009 korrekt gearbeitet. Der Ausreisser 2005, der bei allen Umfrage-Instituten die Wähleeranteile der CDU/CSU-Stärke betraf, hat sich nicht wiederholt. Unter dem Druck der öffentlichen Schelte von 2005 haben sich die Praktiker weiterentwickelt, selbst wenn ihre Lösungen die Methodenspezialisten nicht immer befriedigen.

Demoskopie ist und bleibt daten-getrieben, auch wenn gelegentlich Erfahrung und Intuition die reine Wissensbasis ergänzt. Das hat mit den Bedingungen zu tun, unter denen Wahlrealitäten entstehen: Diese werden durch den produktiven Wettbewerb der politischen Konkurrenten bestimmt. ForscherInnen, die anwendungs-orient arbeiten, sind dem näher als grundlagen-orientierte WissenschafterInnen.

Die grösste Schwäche der Wahlforschung bleibt, dass es keine genuin politologische Theorie des Wählens gibt, die uns gestern schon klar gemacht hätte, warum man heute nicht mehr SPD, aber FDP wählte. Weil das spezifisch Politologische an der Wahlforschnung fehlt, bleiben die parteiunspezifischen Zugänge der Oekonomen, Psychologen und MedienwissenschafterInnen stetige Verlockungen sind, wenigstens interdisziplinär der Sache auf der Spur zu bleiben.

Von der Politologen-Kritik im kritischen Moment bleibt damit nicht viel √ľbrig, – am ehesten noch, dass die Grundlagen- und Anwendungsforschung auch in Deutschland verschiedene Sph√§ren des wissenschaftlichen Arbeitens sind, die nach je eigenen Gesetzm√§ssigkeiten funktionieren und dabei nicht immer zum Vorteil der Profession Klagen auf dem Marktplatz der √∂ffentlichen Eitelkeiten austragen.

Claude Longchamp

Prognosetools im Praxistest

Die zweite Vorlesung an der Uni Z√ľrich zur Wahlforschung bot am Freitag vor der Entscheidung Gelegenheit eine Uebersicht zu den Prognosen zu den deutschen Bundestagswahlen zu geben. Jetzt kann man sie die eher theoretischen Ueberlegungen aufgrund des Praxistests √ľberpr√ľfen.

Zur Sprache kamen (unter anderem) Stärken und Schwächen der drei Tools, die bei den Bundestagswahlen 2009 angewandt wurden: politökonomische Schätzgleichungen, Wählerbefragungen und Wahlbörsen.

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Weitere Ergebnisse finden sich hier aufgearbeitet.

Zwischenzeitlich kann man nicht nur eine konzeptionelle Beurteilung vornehmen, vielmehr ist es auch möglich, die Instrumente zu bewerten.

. Die Befragungen lagen gr√∂sstenteils richtig. Generell wurden die gr√∂sseren Parteien leicht √ľbersch√ľtzt, w√§hrend die kleineren minimal zu schwach ausgewiesen wurden. Damit lag die Ueberzahl der Institute bei den Koalitionsaussagen richtig.
. Die Wahlb√∂rsen √ľbersch√§tzten die SPD recht klar, und sie lagen auf der b√ľrgerlichen Seite leicht zur√ľck. Die Koalitionsaussage war bis eine Woche vor der Wahl falsch, suggerierte sie doch eine Fortsetzung der grossen Koalition.
. Die Sch√§tzgleichung zu deutschen Wahlen, die Thomas Gschwend entwickelt hat, lag f√ľr die siegreiche Koalition von CDU/CSU und FDP richtig, wenn sie auch den W√§hleranteil √ľbersch√§tzte.

Aus diesen Beobachtungen heraus kann man zwei Folgerungen ziehen: Umfragen, die kurz vor Schluss gemacht werden, sind das präziseste Prognosetool. Der Ausreisser von 2005 hat sich nicht wiederholt; bedingt war er durch die Unsicherheit, die durch die neu auftretende Linke entstanden war. Politökonomische Schätgleichungen haben sich etabliert, auch wenn man noch zu wenig Erfahrungen mit ihrer Robustheit hat. Schliesslich können auch Wahlbörsen eingeschränkt verwendet werden.

Es ist nicht auszuschliessen, dass sich die drei Tools gegenseitig beeinflussen: Schätzgleichungen liefern als Erstes Prognosen. Die können Umfrageergebnisse beeinflussen, namentlich die Gewichtung von Rohdaten. Schliesslich bestimmt beides Erwartungshaltungen, auch die der Börsianer.

Claude Longchamp

last minute Befragungen zu den deutschen Bundestagswahlen 2009

In Deutschland gibt es zwei Vorgehensweisen mit Umfragen in der letzte Woche vor der Wahl: Die Institute, die f√ľr ARD (dimap) und ZDF (FGW) arbeiten, verzichten auf neue Erhebungen. Derweil publizieren andere Institute wie Allensbach, Forsa und info diese Woche nochmals aufdatierte Umfrageergebnisse.

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Uebersicht √ľber die jeweils letzten Befragungen der sieben Institute, die zu den kommenden Bundestagswahlen forschten

Die beiden Umfrageserien f√ľr die √∂frentlich-rechtlichen Fernsehanstalten werden in den letzten sieben Tagen ausgesetzt, um jedem Vorwurf, in letzter Minute beeinflussend zu wirken, begegnen zu k√∂nnen. Publikation in dieser Zeit werden in der Regel mit der grossen Zahl unentschiedener W√§hlerInnen begr√ľndet, die mit jedem Tag vor der Wahl abnimmt.

Die Umfragen der letzten Tage zeigen eine Angleichung der St√§rken des rechten und des linken Blockes, wobei CDU/CSU und FDP in der Regel knapp vorne sind. Am klarsten ist das bei der Forschergruppe Wahlen mit 3 Punkten Unterschied der Fall. Institutsleiter Matthias Jung sprach den auch bereits von einem knappen, aber sicheren Sieg f√ľr die neue Koalition. 2 Prozentpunkte Differenz weisen die Befragungen von dimap, GMS und Allensbach auf. Forsa sieht genau einen Prozentpunkt Unterschied, w√§hrend bei Emnid beide Bl√∂cke gleich stark sind. Einzig Aussenseiter info sieht einen Vorsprung f√ľr die drei linken Parteien SPD, Gr√ľne und Linke von 3 Prozentpunkten.

Claude Longchamp

Beschreiben, diagnostizieren, erklären und vorhersagen

Was muss ein Wahlforscher, eine Wahlforscherin in der Praxis k√∂nnen? Vier F√§higkeiten sollte man entwickeln: die der Beschreibung von Wahlen, der Diagnose von Ergebnisse, der Erkl√§rung von Ursachen hierf√ľr und der Vorhersage von Wahlen. Das ist eine der Quintessenzen aus meiner ersten Einf√ľhrung in die Vorlesung der Wahlforschung.

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J√ľrgen Falter, Professor f√ľr Politikwissenschaft in Mainz, einer der f√ľhrenden Wahlforscher in Deutschland, der eine eigene Praxis entwickelt hat

Das letzte ist gleichzeitig das Spektakul√§rste und Schwierigste. Wer weiss, wie etwas ausgeht, und das im Voraus mitteilt, ist eine gemachte Person in der Wahlforschung. Und trotzdem sollte man nicht damit anfangen. Denn es gibt vielfach nur Ans√§tze f√ľr Prognose, keine fertigen Theorien, keine eindeutigen Methoden.

Die Forschung ist heute vor allem im Bereich der Erklärung tätig. Wenn das Ergebnis bekannt ist, will man es erklären können. Die Ursachenklärung ist etwas weniger schwierig als die Vorhersage. Denn sie hat eine andere Logik. In diesem Bereich gibt es sehr wohl Theorie, Methoden und Verfahren, die sich in den Fachdisziplinen bewährt haben.

WahlforscherInnen k√∂nnen nicht immer warten, bis sie aufwendige Untersuchungen abgeschlossen sind. Sie m√ľssen aus ihrem Wissen heraus, aber auch mit ihrer Erfahrung eine geeignete Diagnose stellen k√∂nnen, was Sache sein k√∂nnte. Dabei st√ľtzen sie sich in der Regel auf fr√ľhere Untersuchungen, und machen sie Analogieschl√ľsse zu Geschehenem anderswo oder fr√ľhr, um eine F√§hrte zu legen, die ans Ziel f√ľhren kann.

Die einfachste, aber grundlegendste F√§higkeit von Wahlforschung ist die Beschreibung: Beim Ergebnis ist das in der Regel sehr einfach. Schwieriger ist es, wenn es um Prozesse geht, beispielsweise um den Wahlkampf, und um das Umfeld, in dem dieser stattfindet. Schwierigkeiten ergeben sich auch, weil man f√ľr die wissenschaftliche Beschreibung eine Fachsprache braucht, um nicht ideologischen Fallen der Politiksprache zu erliegen.

Die Grundlagenforschung konzentriert sich in der Regel auf die Entwicklung der beiden ersten Fähigkeiten. Sie sind auch die beiden, die am stärksten theorie-orientiert sind. Die Anwendungsforschung ist nicht so eingeschränkt. Gerade die Kompetenz zur Diagnose, zur Deutung eines Geschehens, um es verständlich zu machen, ist hier wichtig. Und auch die Beschreibung will gelernt sein, denn sie kommt der Realität am nächsten, und sie bildet gleichzeitig die Basis, auf der alle anderen Kompetenzen erst entwickelt werden können.

Ausgestattet mit diesen wissenschaftstheoretischen Kompetenzen kann man sich als WissenschafterIn in eine Praxis begeben.

Claude Longchamp

Die Krux mit den Ueberhangmandaten

Nicht-Deutschen muss man das Wort “Ueberhangmandate” erl√§utern. Denn in Bern ist das unbekannt. Daf√ľr wird in Berlin spekuliert, dass eine b√ľrgerliche Regierung in Deutschland insk√ľnftig alleine dadurch legitimiert sein k√∂nnte. Worum geht es?

Die Gesamtzahl der Sitze, die einer Partei in einem Bundesland zustehen, wird zun√§chst durch die Zweitstimme bestimmt. Hat eine Partei innerhalb eines Bundeslandes mehr Direktmandate, als ihr nach Zweitstimmen Mandate des Landeskontingents zust√ľnden, entstehen √úberhangmandate. Die Partei darf die zus√§tzlichen Sitze aus √úberhangmandaten behalten, obwohl sie damit mehr Abgeordnete entsendet, als ihr eigentlich zustehen. Durch diese √úberhangmandate erh√∂ht sich die Zahl der Abgeordneten im Bundestag. Noch nie waren es mehr als 16 Mandate, die so zus√§tzlich zu den 299 Mandaten der Bundesl√§nder und den 299 f√ľr Deutschland geschaffen wurden.

Der Friedrichshafener Politologe Joachim Behnke, Verfasser eines Standardwerkes zum deutschen Wahlsystem, gilt als einer der besten Rechner, wenn es um Ueberhangmandate im deutschen Bundestag geht. Demnach kann diesmall alleine die CDU/CSU mit 20 Ueberhangsmandaten rechnen. Forsa-Chef Manfred G√ľllner ist mit 14-18 etwas zur√ľckhaltender; doch sein Kollege Richard Hilmer von Infratest dimap h√§lt sogar noch mehr Ueberh√§nger f√ľr m√∂glich.

Das kann absurde Folgen haben, insbesondere wenn sich die Volksparteien ungleich stark sind. So k√∂nnte die CDU/CSU bei einem W√§hlendenanteil von 35 Prozent durchaus mehr Direktmandat erringen, als ihr zustehen, w√§hrend das bei der SPD aufgrund ihres voraussichtlichen Anteils von 25 Prozent weniger wahrscheinlich ist. In der Endabrechung kann es deshalb theoretisch sein, dass SDP, Gr√ľne und Linke mehr Stimmen haben als CDU/CSU und FDP, aber weniger Mandate.

F√ľr diesen Spezialfall hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits angek√ľndigt, ohne R√ľcksicht auf W√§hleranteile auf die parlamentarische Mehrheit zu setzen. Sie will Schwarz-Geld, auch wenn die Differenz nur eine parlamentarische Stimme betr√§gt und diese auf einem Ueberhangmandat basiert.

Unter ver√§nderten Umst√§nden haben die SchweizerInnen gerade eine vergleichbare Diskussion erlebt, deren Ergebnis allgemein umgekehrt gelesen wird. Im Schweizer Bundesrat sollen die Parteien ihre Anspr√ľche nur entsprechend im W√§hlerInnen-Anteil, nicht aufgrund der Zahl Parlamentsabgeordneter anmelden k√∂nnen, hiess es letzte Woche in Bern. Wahrscheinlich auch, weil es in der Schweiz keine Ueberhangmandate gibt …

Claude Longchamp

Wahlb√∂rsen zu Deutschland: eher grosse als b√ľrgerliche Koalition

Die f√ľhrende Prognose-B√∂rse bei den deutschen Bundestagswahlen heisst ‚ÄěWahlstreet‚Äú. 9 Tage vor der Wahl haben CDU/CSU einen Marktwert von 33.7, gefolgt von der SPD mit 24.8 und der FDP, die auf 13.2 kommt. An viertes Stelle sind die Gr√ľnen mit 11.5, gefolgt von der Linken mit 10.8. Marktanteile in Wahlb√∂rsen entsprechen dem W√§hlerInnen-Anteil bei der effektiven Wahl.

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Wahlbörsen prognistizieren mit den Mitteln des Marktes Wahlausgänge recht zuverlässig, bieten aber keine Möglichkeit, das Wählerverhalten zu analysieren.

Betrieben wird die virtuelle Wahlb√∂rse f√ľr Deutschland vom Institut f√ľr Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen, die damit ein Forschungsprojekts zur politischen Einstellungs- und Meinungsforschung durchf√ľhrt. Dabei setzt jeder Teilnehmer, jede Teilnehmerin ein Startkapital von maximal 50 Euro ein und kann mit diesem Einsatz Aktien der Parteien ihren Erwartungen zum Ausgang der Wahl handeln. Kommt es zu einem Tausch, stellt sich der Marktwert der Partei ein. Da sich die Aussch√ľttungen am Wahltag nach dem tats√§chlichen Wahlergebnis orientieren, besteht ein Anreiz f√ľr die H√§ndlerInnen, ihr eingesetztes Geld so zu investieren, dass ihr Depot m√∂glichst genau dem Wahlausgang √§hnelt.

Gem√§ss Wahlstreet verlieren bei der Bundestagswahlen 2009 sowohl SDP wie CDU/CSU. Es legen die drei kleineren Parteien ausserhalb der grossen Koalition zu. Am meisten profitieren w√ľrde die FDP.

Bez√ľglich der Koalitionsaussage vermittelt Wahlstreet das Bild eines offenen Rennens. Der Kurswert f√ľr eine CDU/CSU-Koalition mit der FDP liegt bei 48.4, jener f√ľr eine Fortsetzung der bestehnden Koalition bei 49.4.

Unterst√ľtzt vom Schweizer Fernsehen realisiert auch www.wahlfieber.ch eine vegleichbare Wahlb√∂rse. Deren H√§ndlerInnen sind bez√ľglich der CDU/CSU noch skpetischer, rangieren aber die Linke h√∂her. Koalitionsaussagen werden nicht gehandelt, doch reicht es letztlich nur f√ľr eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen CDU/CSU und SDP.

Claude Longchamp