Archive for the 'Berner Ständeratswahlen 2011' Category

Das b√ľrgerliche Lager ist nicht mehr

Seit Wochen umtreibt mich ein Thema, das sich in der j√ľngsten St√§nderatswahl im Kanton Bern so klar gezeigt hat: Das b√ľrgerliche Lager geh√∂rt der Geschichte an.

topelement
Orlando im heutigen Bund, als Illustration zur Berner St√§nderatswahl, die ich in einem ausf√ľhrlichen Interview analysierte.

Im Vorfeld der Berner St√§nderatswahlen war viel vom b√ľrgerlichen Schulterschluss die Rede. Nahmhafte Wirtschaftsverb√§nde empfahlen ihn, und die SVP strebte ihn nach dem ersten Wahlgang an. Die ungeteilte Standesstimme diente als Begr√ľndung, dass sich an der Zusammensetzung – 1 SVP, 1 BDP – nichts √§ndern sollte.
Die faktische Szenerie war in dessen anders. Alles begann mit der Ank√ľndigung der St√§nderatskandidatur der FDP – gegen zwei B√ľrgerliche. Um sich Vorteile bei den Nationalratswahlen zu verschaffen, zogen auch verschiedene Kleinparteien mit eigenen Bewerbungen nach. Selbstredend nominierte auch die Linke, um, wie zu Zeiten Sommarugas, wieder im St√§nderat vertreten zu.
Man weiss es, wie es kam: Im ersten Wahlgang setzten sich Amstutz, Luginb√ľhl und St√∂ckli an die Spitze der BewerberInnen und markierten so ihre Favoritenrollen f√ľr die rechte W√§hlerschafte, jene der Mitte und f√ľr das linke Elektorat. Im zweiten Umgang zogen Luginb√ľhl und St√∂ckli an Amstutz vorbei, womit sich die Berner Standesvertretung erstmals aus einem BDP- und ein SP-Mitglied zusammensetzt.

In der Erstanalyse habe ich die Behauptung aufgestellt, dass es das b√ľrgerliche Lager in Bern, wohl auch anderswo nicht mehr geben w√ľrde. Sicher, im Grossen Rat zu Bern, wo SVP, BDP und FDP die Mehrheit haben und einer rotgr√ľn beherrschten Regierung gegen√ľber stehen, stimmt man h√§ufig gemeinsam. Nicht vergessen darf man indessen, dass die gleichen Parteien 2010 angetreten waren, eine Wende im Regierungsrat herbeizuf√ľhren – und grandios scheiterten, nicht zuletzt, weil die Zusammenarbeit nicht klappte, welche der SVP zwei Sitze und damit die F√ľhrungsrolle h√§tte bringen sollen.
Man kann das alles als Ph√§nomen nach einer konkreten Parteispaltung aus der traditionellen SVP heraus abtun, mit der eine gem√§ssigte Zentrumspartei √† la bernoise, und eine rechtskonservative Partei mit Spuren des Z√ľrcher Vorbilds entstanden sind. Es ist aber auch m√∂glich, das als Symptom zu nehmen, dass sich mehr als nur vordergr√ľndiges ver√§ndert.

Was meine ich damit?

Die politische Soziologie lehrt, dass die europ√§ischen Parteien aus der Verarbeitung grundlegender gesellschaftlichen Spaltungen, wie sie die Reformation, die franz√∂sische, b√ľrgerliche, industrielle und russische Reformation hervor gebracht haben, entstanden sind. Formiert wird dies seither durch den Rechts/Links-Gegensatz, wobei b√ľrgerlich die Abgrenzung gegen links bezeichnete, egal aus welcher historischen Konstellation oder sozialen Schicht die W√§hler kamen.

Nun hat die Entwicklung von Gesellschaft und Politik der letzten 30 Jahre gezeigt, dass einiges davon nicht mehr stimmt. Neue Konfliktlinien sind entstanden; Werthaltungen, die bisher unbekannt waren, sind mit nachr√ľckenden Generationen von Bedeutung geworden. Der F√§cher der Parteien hat sich so ver√§ndert. Weltanschaulich mach das Wort “b√ľrgerlich” kaum mehr Sinn, eher spricht man von nationalkonservativen Str√∂mungen, vom liberalen Pol, von christlicher Fundierung von Parteien, oder von Wertesynthesen, die als einzige die Ueberlebensf√§higkeit sichern.

Die Wahlen 2011 haben das eindr√ľcklich best√§tigt. Selbst im Nationalrat gewinnen die Polparteien nicht mehr. Vielmehr zeichnen sich drei, allenfalls sogar vier Lager an: die hegemoniale SVP im rechten, die rotgr√ľnen Parteien links, das neu aufgemischte Zentrum, allenfalls eine Position Mitte/Rechts. Begr√ľndet wird dies damit, dass die bisherigen Parteien ihren Standort nicht mehr in der √ľbergeordneten Gemeinsamkeit suchen, sondern in der Eigenprofilierung, die, durch Abgrenzung am besten markiert werden. Die Polarisierung der letzten Jahre hat nicht nur die ideologische Distanz zwischen den Parteien an den Polen erh√∂ht, sie hat auch das traditionelle Zentrum ausgezehrt, bis es, mit neuen Parteien und neuen Inhalten, in diesem Wahlherbst neu entstanden ist.

Schliesst man sich der Analyse politischer Soziologen, wie der meines St. Galler Kollegen Daniele Caramani an, dann ist das alles nicht einfach so geschehen, sondern Ausdruck der neuen Konfliktlinien, welche die Parteiensysteme pr√§gen: Zu diesen z√§hlt er einmal die Oekologisierung, welche die Gr√ľnen als Pioniere entstehen liess, aber auch gem√§ssigte Parteien wie die Gr√ľnliberalen hervor gebracht hat und innerhalb verschiedener bestehender Parteien zu einer Neuausrichtung gef√ľhrt hat. In der aktuellen Diskussion markiert der Ausstieg aus der Kernenergie diese Konfliklinie, welche die Parteienlandschaft neu aufteilt. Damit nicht genug, auch die Europ√§isierung der Politik ist f√ľr den St. Galler Professor eine neue Spannungslinie, die zur Neudefinition der Parteien gef√ľhrt hat. Der Wandel der SVP als konsequentester Partei gegen die EU z√§hlt dazu, aber auch die Neupositionierung der FDP, die f√ľr die wirtschaftliche Offenheit, zunehmend aber gegen das gesellschaftliche Pendant ist, l√§sst sich hier nennen.

Rekapituliert man das alles, um den Blick auf die aktuellen Parteienlandschaft zu richten, kann man, ganz anders als es die Wahlkampf-Rhetorik der letzten Wochen suggerierte, wohl begr√ľndet zum Schluss kommen, dass es das b√ľrgerliche Lager nicht mehr gibt, dass die Schweizer Parteilandschaft aufbricht, und das wir unterwegs zu neuen Ordnungsmustern des Politischen sind, wie die Nationalratswahlen 2011 zeigten, wie aber auch aus dem Wandel der Berner St√§nderatsvertretung abgeleitet werden kann. Denn da stimmte das Zentrum mit links, was der Definition von b√ľrgerlich zu tiefst widerspricht.

Claude Longchamp

Stöckli ins Stöckli: Bern entsendet eine Mitte/Links-Allianz in den Ständerat

Das Endergebnis der Berner St√§nderatswahlen ist klar: Werner Luginb√ľhl wird mit einem Glanzergebnis als Berner St√§nderat best√§tigt. Drei Viertel aller g√ľltigen Stimmen entfielen auf ihn. Neu ins St√∂ckli zieht Hans St√∂ckli ein. Er erreicht rund 60 Prozent der Stimmen. Damit liegt er klar vor Adrian Amstutz, der bei rund 52 Prozent Stimmenanteil kommt.

Die Spannung vor der Stichwahl zur Berner St√§nderatswahl war gross. Allgemein rechnete man damit, dass Werner Luginb√ľhl, bisheriger Standesherr der BDP, als Kandidat der Mitte gew√§hlt w√ľrde. Offen war indes, ob der Bisherige Adrian Amstutz von der SVP oder Hans St√∂ckli, neu der SP-Kandidat, an zweiter Stelle stehen w√ľrde.

Im ersten Wahlgang lag Adrian Amstutz noch an der Spitze, knapp von Werner Luginb√ľhl und einiges vor Hans St√∂ckli. Im zweiten war alles anders, der der Zwei- und Drittplatzierte zogen am Vizepr√§sidenten der SVP, der erst vor einem halb Jahr St√§nderat wurde, vorbei.

Tabelle: Stimmenanteil der zentralen Kandidaten im ersten und zweiten Wahlgang (Hochrechnung) nach Gemeindetypen
sr_bern
Lesebeispiel: In SVP Hochburgen machten Amstutz im 1. Wahlgang rund 79 Prozent der Stimmen, im zweiten zirka 85; das entspricht einem Wachstum von 6 Prozentpunkten.

Die Wahlbeteiligung war zwar nicht mehr ganz so hoch wie im ersten Wahlgang. Mit 45 Prozent bleibt aber nur ein Schluss: Das Rennen um die Berner Ständeratswahlen hat breit mobilisiert. Mit Beteiligungsunterschieden lassen sich die Unterschiede im Wahlresultat nicht erklären.

Der Vergleich von der ersten zur zweiten Runde zeigt, was an Stimmen geblieben ist und was sich ver√§ndert hat. Am wenigsten Unterschiede gibt es bei Adrian Amstutz. Er hatte im ersten Wahlgang seinen Plafond bereits weitgehend erreicht gehabt, derweil die beiden anderen Kandidaten das Rennen machten, weil sich ihre W√§hlerInnen vor allem in den agglomerierten Gebieten die Stimmen gegenseitig gaben. Werner Luginb√ľhl legte am meisten zu, weil er von links und auch von rechts etwas mehr holte als im ersten Wahlgang. Dabei ist der Zuwachs links klar wichtiger als rechts. St√∂ckli wurde zweiter, weil er von der b√ľrgerlichen Mitte klar h√§ufiger bevorzugt wurde als Amstutz. Der bleibt zwar der Favorit der Landbev√∂lkerung, vor allem wo die SVP unver√§ndert unangefochten das Sagen hat. Doch erscheinen seine SVP und auch er als Person immer mehr isoliert, sodass es bei Majorzwahlen nicht mehr f√ľr Erfolge reicht.

Damit wird der Kanton Bern im St√§nderat von einer Allianz aus Mitte/Links vertreten, die bei allen Unterschieden im Standort auch Gemeinsamkeiten hat. Die viel beschworene ungeteilte Standesstimme h√§tte es bei einem Duo Luginb√ľhl/Amstutz weder in der Personenfreiz√ľgigkeitsfrage gegeben noch beim Atomausstieg. Ersteres ist schon l√§nger ein Zankapfel zwischen den Nationalkonservativen nach Z√ľrcher Art und der gem√§ssigten b√ľrgerliche Mitte. Zweiteres ist im Wahljahr dazu gekommen, vor allem durch den Schwenker der BDP in Sachen Kernenergie nach den Unfall im japanischen Fukushima.

F√ľr die SVP ist es eine herbe Niederlage. Im Fr√ľhling eroberte sie bei der Ersatzwahl f√ľr Simonetta Sommaruga, die in den Bundesrat gew√§hlt wurde, den Sitz zur√ľck, den sie an die 2008 durch den Wechsel von Werner Luginb√ľhl ohne Abwahl an die BDP verloren hatte. Einige Kommentatoren dachten damals, das sei der Startschuss f√ľr die Hardliner der SVP im St√§nderat. Auf die Nominationen in der SVP f√ľr die St√§nderatswahlen wirkte sich dies verherrend. Fraktionspr√§sident Caspar Baader wurde klar nicht gew√§hlt, auch die denkbaren Bundesratsanw√§rter wie Guy Parmelin und Jean-Francois Rime scheiterten in der Volkswahl. Der heutige Tag lehrt uns, dass die Wahl vom 6. M√§rz eher die Ausnahme als die Regel war. Bei Majorzwahlen bleibt entscheidend, wie die Allianzen spielen. Das war diesmal zwischen rotgr√ľn auf der einen und dem Zentrum, in dem im Kanton Bern neuerdings die BDP das Sagen hat, klarer der Fall. Vom b√ľrgerlichen Schulterschluss, der jahrlang den Ausgang der St√§nderatswahlen bestimmt hat, war in Bern kaum mehr etwas zu merken.

Mit der heute gefällten Entscheidung steht Bern nicht alleine. Im Ständerat der kommenden Legislatur hat die CVP nicht nur mit der FDP eine mehrheitsfähige Allianzmöglichkeit. So wie es jetzt aussieht besteht diese neu auch mit der SP.

Claude Longchamp

Berner Ständeratswahlen: Was die Wahlbörse voraussagt

Ginge es nach den 261 H√§ndlerInnen der Wahlb√∂rse, w√ľrde am kommenden Sonntag nebst dem Bisherigen Werner Luginb√ľhl von der BDP der neue SP-Bewerber Hans St√∂ckli von der SP als Berner Vertreter in den St√§nderat gew√§hlt. Als Ueberz√§hliger ausscheiden w√ľrde Adrian Amstutz, gegenw√§rtiger Standesherr der SVP.

bestrw

Gross war das Lob an die Adresse der Wahlbörse nach den Nationalratswahlen. Haften blieb ein Mackel, existierten doch zahlreiche andere Tools zum Wahlausgang, an denen sich die Händler auf Wahlbörse orientieren konnten.

Die Evaluierung der Wahlb√∂rse bei den St√§nderatswahlen steht noch aus. Aufs Ganze gesehen wird mit Verlusten f√ľr die FDP gerechnet, und kleinen Verschiebungen im Minus f√ľr die CVP, resp. im Plus f√ľr die SP und Parteilose. Kein schlechter Tipp, w√ľrde ich sagen.

Die anstehenden St√§nderatswahlen im Kanton Bern sind, im zweiten Wahlgang, der erste Bew√§hrungsprobe f√ľr die Wahlb√∂rsen. Bei Werner Luginb√ľhl, bisheriger Berner Standesherr von der BDP, wetten die H√§ndler auf einen Unterst√ľtzungsanteil von 65 Prozent. Damit erscheint ihnen seine Wahl als gesichert. Spannend wird es danach: Hans St√∂ckli, neuer Kandidat der SP, kommt auf 60 Prozent gesch√§tzte Zustimmung und liegt 2 Prozentpunkt vor Adrian Amstutz, der es auf 58 Prozent bringt.

Im Wahlkampf f√ľr die zweite Runde steigern konnten sich Luginb√ľhl, seit dem 3. November ununterbrochen f√ľhrend, aber auch St√∂ckli, der am 13. November Amstutz √ľberholte. Dieser hatte unmittelbar nach dem 1. Wahlgang ein kleines Hoch; sein wahrgenommenen Chancen sinken seither langsam, aber kontinuierlich.

Wie gesagt, es ist ein erster Test f√ľr die Wahlb√∂rsen bei der Stichwahl zu St√§nderatswahlen. Das Ergebnis stimmt recht gut mit dem √ľberein, was man in den St√§dten zu Verlauf und Ausgang wahrnimmt: Der Trend verl√§uft zuungunsten von Amstutz, seit die BDP das Angebot ausschlug, zwischen Luginb√ľhl und Amstutz ein gemeinsames “P√§ckli” gegen links zu schn√ľren.

Doch bleibt eine Ungewissheit: Gerade der Kanton Bern besteht nicht nur aus den Städten!

Claude Longchamp

Was die BernerInnen bei den Ständeratswahlen in zweiter Linie wählten

Eine Spezialauswertung der Stimmzettel im Kanton Bern zeigt, was die W√§hlenden von Amstutz, Luginb√ľhl, St√∂ckli, von Graffenried und Wasserfallen auf die zweite Linie schrieben. Das hilft, Pr√§ferenzen im 1. Wahlgang verbessert einzusch√§tzen.

Zuerst will ich den Kanton Waadt loben. Bei den Nationalratswahlen kam er wegen der Verzögerungen beim Auszählen schlecht weg. Bei den Ständeratswahlen war der Wahlservice aber super. Das hat mit dem Wahlrecht zu tun. Die WaadländerInnen wählen bei den Ständeratswahlen mit Parteilisten. Alle grossen Parteien haben eine solche. Beim zweiten Wahlgang empfahlen die SP und GPS auf der einen, die FDP.Liberalen und SVP auf der anderen Seite je ein Doppelpack an Bewerbungen. Aus der Wahlstatistik kann man nun ableiten, wieviele Stimmen jede Parteiliste machte und wer von den Vorgeschlagenen bestätigt resp. gestrichen oder ersetzt worden ist.

Abfluss der Zweitstimmen nach Erststimme im 1. Wahlgang bei den Berner Ständeratswahlen
zweistimme
Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Im Kanton Bern beispielsweise, wo ein anderes Wahlrecht f√ľr St√§nderatswahlen gilt, weiss man das alles nicht. Wie die Parteig√§ngerInnen im ersten Umgang gew√§hlt haben, w√ľrde man nur mit aufwendigen Umfragen herauskriegen. Wie die Zweitlinie ausgef√ľllt worden ist, kann man durch Ausz√§hlen der Bulletins ersehen. – Leider machen die Wahlb√ľros das nicht automatisch. Zwei Studenten der Politikwissenschaft an der Uni Bern, Samuel Kullmann und Philipp Koch, haben sich die M√ľhe genommen, in zehn gut ausgew√§hlten Gemeinden je eine Stichprobe der abgegebenen Zettel zu ziehen und diese auswerten.

Was sind ihre Schl√ľsse? –

Die W√§hlenden von Amstutz votierten zu 31 Prozent f√ľr Luginb√ľhl, zu 12 Prozent f√ľr Wasserfallen und zu 41 Prozent f√ľr niemanden sonst.
Wer zuerst f√ľr Luginb√ľhl gew√§hlt hatte, schrieb auf der zweiten Linie am h√§ufigsten Wasserfallen (25%) auf, dann St√∂ckli (22%); der GPS-Kandidat von Graffenried kam auf 12 Prozent. 14 Prozent gaben keine Zweitstimme ab. Oder anders gesagt: Die BDP-nahen Luginb√ľhl-W√§hlenden waren auf viele Seite offen.
Die W√§hlenden von Wasserfallen tendierten zu 42 Prozent zu Luginb√ľhl, zu 14 Prozent zu Amstutz und zu 12 Prozent von Graffenried. 19 Prozent liessen die zweite Zeile leer.
St√∂cklis W√§hlerInnen aus derm ersten Wahlgang gaben zu 69 Prozent ihre Stimme von Graffenriede, zu 10 Prozent Luginb√ľhl.
Aehnlich strukturiert waren auch die W√§hlenden von von Graffenried. Sie votierten zu 65 Prozent auch f√ľr St√∂ckli, zu 15 Prozent auf f√ľr Luginb√ľhl.

Alle anderen KandidatInnen machten nur wenige Stimmen auf den Wahlzetteln der Grossen.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass die Amstutz-Wählenden am stärksten nur aus Ueberzeugung votiert haben. Fast die Hälfte schrieb, ausser ihrem Favorit, keine weitere Kandidatur auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen von Amstutz zu optimieren. Nirgends war dieses Denken so verbreitet wie bei den Wählenden des SVP-Standesherren.
Die Kandidatur von Christian Wasserfallen aus den FDP-Reihen verzettelte die b√ľrgerlichen Stimmen offensichtlich. Der Grund liegt in der Abneigung seiner Anh√§ngerInnen gegen√ľber Amstutz. Die Wasserfallen-W√§hlenden hatten eine klare Pr√§ferenz f√ľr den BDP-Kandidaten, nicht aber f√ľr jenen der SVP. Am zweitmeisten Stimmen machte hier der gr√ľne Bewerber Alec von Graffenried.
Ganz anders verhielt sich das linke Lager. Es hielt insgesamt gut zusammen. St√∂ckli-W√§hlende notierten fleissig von Graffenried, und dessen Supporter votierten ebenso h√§ufig f√ľr St√∂ckli.

Die neuen Ergebnisse pr√§zisieren den Befund, den letzte Woche der “Bund” aufgrund der gleichen Methode, indes nur in einer (unbekannt gebliebenen) Gemeinde ermittelt hatte. Sie decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus der Studie zum ersten Wahlgang bei den Z√ľrcher St√§nderatswahlen. Auch da zeigte sich, dass die SVP-W√§hlerschaft zwischen Eigenst√§ndigkeit und Isolation votierte, moderat b√ľrgerliche W√§hlende eher zu den gr√ľnen als sozialdemokratischen Bewerbungen tendierten, und die rotgr√ľnen W√§hlenden unter sich Stimmen tauschten. In Z√ľrich wirkte sich das Etikett “Bisherige” st√§rker aus als in Bern, wo sie zwar auch an der Spitze der Nicht-Gew√§hlten stehen, ihre Abst√ľtzung aber nicht so breit ist wie in Z√ľrich.

Schlussfolgerungen auf den zweiten Wahlgang sind nicht direkt m√∂glich; daf√ľr fehlt die Sicherheit mit entsprechenden Ergebnissen. Reevaluierungen werden zeigen, was effektiv spielte. Vorerst bleibt dies Spekulation. Namentlich kann man aus solchen Pr√§ferenzanalysen nicht eindeutig ableiten, wie die Mobilisierung im zweiten Umfang sein wird. Ist sie √ľberall gleich anders, ist das egal. Wenn aber beispielsweise das Land besser mobilisiert als die Stadt, hat das Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Es kommt hinzu, dass im ersten Wahlgang mehr die Positionierung der bevorzugten Kandidatur wichtig war, das Taktieren namentlich auf der zweiten Zeile erst danach einsetzt. Im Kanton Bern relevant ist, die bekannte Teilung der Pr√§ferenzordnungen zwischen Stadt/Land, aber auch, was die FDP-W√§hlerschaft macht und was im Berner Jura geschieht. Und: wer im ersten Wahlgang eine Linie leer liess, hat im zweiten Umgang am meisten Spielraum!

Claude Longchamp

Hochrechnung der Berner Ständeratswahlen vom Sonntag

Hochrechnungen sind Extrapolationen realer Wahlergebnisse aus Teilen des Kantons auf den ganzen Kanton. Sie haben sich bewährt, wie drei Beispiele aus dem ersten Wahlgang zeigten. Im Kanton Bern wird deshalb auch der zweite Wahlgang vom kommenden Sonntag hochgerechnet.

detail
Kämpfen am Sonntag um die beiden Berner Ständeratssitze: Adrian Amstutz (SVP, bisher), Hans Stöckli (SP, neu) und Werner Luginbähl (BDP, bisher)


Die Hochrechnungen f√ľr Majorzwahlen im Kanton Bern

Stephan Tsch√∂pe, Politikwissenschafter und Mathematiker, hat mit seiner Lizenziatarbeit ein neues Modell f√ľr Hochrechnungen zu Majorzwahlen erarbeitet, das 2010 bei den Regierungsratswahlen mit Erfolg eingesetzt wurde.

F√ľr die Hochrechnung wird der Kanton Bern in Untergruppen eingeteilt. Diese Untergruppen repr√§sentieren die parteipolitisch unterschiedliche Zusammensetzung des Kantons (z.B.: SVP-Hochburgen, SP-Hochburgen, …). Im Vergleich zum gesamten Kanton sind die Untergruppen homogener in Bezug, so dass sich Referenzgemeinden f√ľr die Hochrechnung besser und strukturierter finden lassen.

Die Referenzgemeinden werden nach dem Prinzip “beste Gemeinde” ausgew√§hlt, also jene Gemeinden, welche am besten f√ľr Kandidat X re-pr√§sentativ sind. Als Referenz f√ľr Wahlen gilt die Vorwahl. Somit werden die besten Gemeinden f√ľr die Untergruppen pro KandidatIn aus dem 1. Wahlgang der St√§nderatswahlen vom 23. Oktober 2011 als Referenz genutzt. F√ľr die kantonale Hochrechnung der Kandidierenden werden die Untergruppen im Verh√§ltnis zu ihrem Stimmen-gewicht im Kanton gewichtet.

hrbe
Evaluierung der Hochrechnung zum 1. Wahlgang im Kanton Bern. Der mittlere Sch√§tzfehler betrug um 14 Uhr 30 effektiv nur 0.7 Proezntpunkte; am h√∂chsten war er bei Werner Luginb√ľhl mit 1.1 Prozentpunkten.

Die Kunst dieser Hochrechnung bestand darin, ein Modell f√ľr einen BDP-Kandidaten zu finden, da es eine solche noch nie gab. Im zweiten Wahlgang ist das einfacher, denn der schliesst die (guten) Erfahrungen aus dem ersten Wahlgang bereits mitein.

Die Hochrechnung vom kommenden Sonntag

Wir rechnen aus Zeitgr√ľnden nur die aussichtsreichen KandidatInnen hoch. Es sind dies Adrian Amstutz (SVP), Werner Luginb√ľhl (BDP) und Hans St√∂ckli (SP).

Wir werden den prozentuallen Anteil im Verh√§ltnis zum doppelten absoluten Mehr pro KandidatIn publizieren. Das absolute Mehr wird immer mit 50% definiert. Das absolute Mehr ist zwar nicht f√ľr den 2. Wahlgang notwendig, dient aber uns zur Berechnung der erhaltenen Stimmen.

Der Streubereich bei der 1. Hochrechnung beträgt geschätzt +/-3%. Liegen die Kandidieren näher als diese drei Prozent zusammen, kann nicht gesagt werden, wer gewählt ist. Ein Beispiel verdeutlicht dies:

– Kandidat 1: 48%
– Kandidat 2: 46%
– Kandidat 3: 44%

Es kann somit gesagt werden, dass Kandidat 1 sicher gewählt ist, weil er mehr als 4% Differenz zu Kandidat 3 hat. Es kann aber nicht gesagt werden, wer als 2. gewählt wird, da die Differenz weniger als 3% beträgt.

Die Hochrechnung werdenab 14 Uhr halbst√ľndlich publiziert:

1. Hochrechnung: etwa 14.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-3%)
2. Hochrechnung: etwa 14.30 Uhr (Fehlerbereich: +/-2%)
3. Hochrechnung: etwa 15.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-1%)

In allen Fällen sind die Hochrechnungen klar schneller als das erwartbare Endergebnis.

Sobald das hochgerechnete Ergebnis feststeht, werden wir das Ergebnis w√ľrdigen und Erstanalyse der Wahlen liefern.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen im Kanton Bern: Was bisher geschah, und was noch geschehen könnte

Der zweite Wahlgang zu den St√§nderatswahlen r√ľckt n√§her. Damit steigt auch das Interesse, was man aus dem ersten lernen k√∂nnte. Eine Auslegeordnung

Die Bund-Auszählung mit einer Gemeinde
Der heutige ‚ÄěBund‚Äú bringt eine auff√§llige Grafik zum ersten Wahlgang der St√§nderatswahlen im Kanton Bern. Sie zeigt wie die W√§hlenden der 5 haupts√§chlichen Kandidaten die zweite Linie besetzt haben.

topelement
Grafiken anklicken, um sie zu vergrössern

Jene von Adrian Amstutz wollten am h√§ufigsten, die Chancen ihres Favoriten optimieren. Sie liessen mehr als die W√§hlenden der anderen Bewerber die zweite Linie leer. Gut funktioniert hat das linke B√ľndnis. Klare Mehrheiten der W√§hlenden von Hans St√∂ckli und Alec von Grafenried haben als zweites den anderen Kandidaten der rotgr√ľnen Partners aufgeschrieben. Von einem B√ľndnis auf b√ľrgerlicher Seite kann man nicht wirklich sprecehn. Die Grafik und der Artikel suggerieren: Die SVP leihte Stimmen, bekam sie aber nicht zur√ľck.

Wieso weiss der “Bund” das? ‚Äď Die Methode hinter dem Artikel ist originell. Man hat effektive Wahlzettel ausgewertet – etwas, das bisher wenig √ľblich war, aber im Kommen ist. Die getroffene Auswahl ist allerdings h√∂chstens exemplarisch. Ausgez√§hlt wurde in einer Gemeinde eine Stichprobe von 1800 Zetteln. Welche es war, erf√§hrt man nicht. Obwohl alle Halbeingeweihten auf Bolligen tippen.


Die gfs-Analyse mit allen Gemeinden

Eine etwas andere Auswertung unseres Instituts mit einer anderen Methode, aber in allen Gemeinden vorgenommen, kommt zu differenzierteren Schl√ľssen:

strwbe

Erstens, die Positionierung Kandidaten aufgrund der Stimmenprofile legt die gleiche Rechts/Links-abfolge nahe: Amstutz, Luginb√ľhl, Wasserfallen, St√∂ckli und von Graffenried. Die KandidatInnen unterscheiden sich aber auch hinsichtlich der Gemeinden, die ausgesprochen liberal sind. Da f√ľhrt Wasserfallen knapp vor Luginb√ľhl und deutlich vor Graffenried, w√§hrend Amstutz und St√∂ckli hinten sind. Amstutz ist da zu rechts-konservativ und St√∂ckli zu links-etatistisch.

Zweitens, bestimmt man die Distanz der KandidatInnen untereinander auf beiden Dimensionen best√§tigt sich der Unterschied zwischen den Lagern. Das linke hielt zusammen, das rechts nicht. Luginb√ľhl hat sich eine eigenst√§ndige Position schaffen k√∂nnen, zwischen SVP und FDP. Eher differiert zu Amstutz und Wasserfallen in gleichem Masse.

tabelle

Unsere Methode erlaubt dar√ľber hinaus, Aussagen √ľber die Stimmenverh√§ltnisse nach der politischen Struktur der Gemeinden zu machen:

. Amstutz, im ersten Wahlgang vorne, erreichte das absolute Mehr in den SVP-Hochburgen, in den b√ľrgerlich gepr√§gten Gemeinden und der FDP/BDP-Kommunen. Ein massives Problem hatte er aber in den linken Hochburgen, eingeschr√§nkt auch in den Mitte/Links gepr√§gten Z√§hlkreisen. Insgesamt hat regional, nicht parteipolitisch punkten k√∂nnen.

. Luginb√ľhl, am Ende Zweiter, kennt abgeschw√§cht das gleiche Profil. Das heisst, in den SVP-Hochburgen wurde er weniger gut gew√§hlt als Amstutz, daf√ľr machte er in den linkeren Gemeinden bessere Resultate. Er profitierte von den W√§hlenden aller KandidatInnen, tendenziell von denen, die Amstutz unterst√ľtzten am meisten.

. St√∂ckli, Dritter im ersten Ranking, hat ein komplement√§res Profil zu seinen beiden Konkurrenten im zweiten Wahlgang. Im Berner Jura und in den linken Hochburgen lag er √ľber dem absoluten Mehr, in den Mitte/Links-Gemeinden verpasste er dieses knapp. Daf√ľr gibt es einen R√ľckgang seines Anteils in den rechteren Gemeinden. Ordentlich Stimmen machte er noch in moderat b√ľrgerlich eingestellten Gemeinden.


Unsere Schlussfolgerungen f√ľr den zweiten Wahlgang

Unabh√§ngig davon fragt sich: Was heisst das f√ľr den zweiten Wahlgang? – Zun√§chst sei erinnert, dass die Mobilisierung durch die drei verbleibenden Kandidaten entscheidend sein wird. Die Bund-Analyse abstrahiert davon weitgehend.

Sodann, Luginb√ľhl f√§llt im zweiten Wahlgang wegen seiner breiten Abst√ľtzung entweder an der Sptize es Feldes, oder am Ende, wenn die Mobilisierung misslingt. Je SVP-orientierter eine Gemeinde ist, desto eher d√ľrfte Stimmverluste geben, weil seine Partei die Avance f√ľr ein gemeinsame Sache abgelehnt hat. In den b√ľrgerlichen gepr√§gten Gemeinden d√ľrfte er daf√ľr vor allem bisherige FDP-Stimmen machen. Und er hat, nicht zuletzt wegen der Energiepolitik, eine sachpolitische Uebereinstimmung mit links, die sich im ersten Wahlgang noch nicht zeigte.

Schliesslich, Amstutz und St√∂ckli, die parteipolitisch profiliertersten KandidatInnen, haben zwei Optionen: Hochburgen mobilisieren oder in die Mitte Stimmen suchen gehen. Amstutz, der SVP-Hardlinie, kann Ersteres besser, wie er im Fr√ľhling zeigte. Ob es in einer tripolaren Situation f√ľr die Wahl reicht, bleibt indessen offen. St√∂ckli wiederum muss, wenn er gew√§hlt werden will, ins parteipolitische Zentrum der W√§hlenden vorstossen. Er m√ľsste in den Mitte/Links-Gemeinde stark aufholen und in den gem√§ssigt b√ľrgerlichen Gemeinden mit Luginb√ľhl-Pr√§ferenz die zweiten Linie f√ľr sich gewinnen.

Wem was gelingt, weiss man in 10 Tagen!

Claude Longchamp

Amstutz dank Mobilisierungsfähigkeit gewählt РWyss mit Support aus der Mitte und FDP nur knapp geschlagen

Die Karte kennt man. Das zentrale Muster der Erkl√§rung zur j√ľngsten St√§nderatswahl im Kanton Bern war der Stadt/Land-Gegensatz. Zwischenzeitlich haben wir gerechnet. Adrian Amstutz lag am Ende wegen seiner Mobilisierungsf√§higkeit vorne, Ursula Wyss holte die Mehrheit der Stimmen von SP bis FDP.

strw2011

Adrian Amstutz kam im 2. Wahlgang auf 76 Prozent der Stimmen aus agrarischen Gemeinden. In touristisch geprägten Kommunen schaffte er es auf 68 Prozent. 67 Prozent waren es in agrarisch-gemischten Gemeinden, und Mehrheiten von 58 resp. 56 Prozent resultierten in Pendler- resp. Industriegemeinden. Gegenden, die durch Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus geprägt sind, waren auf seiner Seite. Ursula Wyss erzielte ihr bestes Ergebnis in den städtischen Zentren, 65 Prozent der Stimmen gingen da an sie. 57 Prozent waren es in den einkommensstarken Gemeinden, 52 in den suburbanen und 50,4 in den periurbanen Kommunen. Sie ist die PolitikerInnen der Dienstleistungsgesellschaft.

Dieses Raumprofil hat Auswirkungen auf die parteipolitischen Affinitäten der beiden KandidatInnen im zweiten Wahlgang. Genaue Prozentwerte lassen sich hier nicht benennen. Doch können Affinitäten bestimmt und Wahrscheinlichkeiten geschätzt werden Рetwa im Vergleich zu den Grossratswahlen 2010:

Erstens, beide KandidatInnen legten aufgrund der zusätzlichen Mobilisierung zu. Bei Amstutz ist der Effekt allerdings einiges höher als bei Wyss. Der linken Bewerberin gelang es aber besser, sich bei den WählerInnen anderer Parteien zu empfehlen.

Zweitens, Amstutz wurde im zweiten Wahlgang mehr als im kantonalen MIttel unterst√ľtzt, wo seine eigene SVP stark ist. Das gleiche gilt auch, wenn es sich um EDU-orientierte Gemeinden handelt. Schwach trifft dies auch f√ľr Kommunen mit einem erh√∂hten EVP-Anteil. In den beiden letzten Gemeindegruppen legte er von 1. zum 2. Wahlgang zu. In den SVP-Gemeinden hatte er sein Potenzial dagegen schon im ersten Wahlgang weitgehend ausgesch√∂pft.

Drittens, bei Wyss ist der parteipolitische Hintergrund breiter als beim Gew√§hlten. Sie wurde st√§rker als im Mittel gew√§hlt, wo die SP stark ist, die Gr√ľnen und/oder die PSA. Doch zeigen Gemeinden mit FDP-, GLP-, CVP- und GFL-Orientierung erh√∂hte Zustimmungswerte f√ľr die Sozialdemokratin. St√§rker geworden ist im zweiten Wahlgang der Support f√ľr sie vor allem dort, wo es vergleichsweise viele GLP- und FDP-W√§hlende hat. Etwas verbessert hat sie sich auch in den klassischen linken Gemeinden, mit starker SP oder GP-Pr√§senz.

Viertens, nicht entscheidbar ist, ob die BDP auf die eine oder andere Seite tendierte. Eine eigentliche Bewegung in die eine oder andere Seite konnte die noch junge Partei nicht auslösen.

Was heisst das alles? Der Wahlsieg von St√§nderat Adrian Amstutz wurde weitgehend durch seine eigene Partei erk√§mpft. Sein bekanntes Hardliner-Profil, verst√§rkt durch klar werberische Positionen in der Oeffnungs- und Armeefragen liess sich exemplarisch f√ľr die Mobilisierung von Personen einsetzen, die bei typischen konsens-orientierten Angeboten nicht angesprochen f√ľhlen. Dieses Profilierung erschwerte es aber, √ľber die direkt angesprochene, konservative W√§hlerschaft hinaus, zahlreiche Parteig√§nger zu finden.

Ursula Wyss bot in vielem das Gegenst√ľck zu Adrian Amstutz. Doch die SP hat ihre Schlagkraft bei der Mobilisierung √ľber die eigene W√§hlerschaft hinaus nicht so verbessern k√∂nnen wie die SVP. Daf√ľr war ihre parteipolitische Abst√ľtzung breiter. Eine klare Mehrheit von Rotgr√ľn, aber auch eine kleine Majorit√§t der kleinen Mitte-Parteien und der FDP d√ľrfte ihr die Stimme gegeben und damit dem R√ľckstand verkleinert haben.

Partei- und Personeneffekte nach amerikanischem Muster mischten sich bei dieser Wahl exemplarisch. Das zeigt sich auch an der Polarisierung. Amstutz griff mit relevanten Themen seine Gegnerschaft an. Diese reagiert mit negative voting auf das negative campaigning. Gemeint ist damit, dass man jene Kandidatur nicht wählte, die einen mehr ärgerte. Die Bilanz am Ende der Kampagne gab dem Sigriswiler recht Рdoch nur knapp.

Ich ziehe den Hut!

Marc-Andr√© R√∂thlisberger ist Mathematiker und am politischen Leben interessiert. Er hat die beste Prognose f√ľr den zweiten Umgang zu den Berner Ersatzwahlen in den St√§nderat gemacht. Chapeau!

Vor dem 2. Wahlgang zu den Berner St√§nderatswahlen wagte der M√ľnsiger B√ľrger als einziger eine Prognose in Zahlen. Die Polit-Analysten bewerten die Lage zwar nicht anders, aber wager. F√ľr Adrian Amstutz kam er auf 51,5 Prozent Stimmen. Effektiv hatte er 50,6 Prozent – das ist weniger als 1 Prozentpunkt Fehlerquote!

Zwei Mal habe ich von “RM”, wie er auf dem zoonpoliticon-Blog erscheint, Post erhalten: einmal vor der Wahl – einmal nach der Wahl. Im Vorfeld begr√ľndete er seine Annahmen, im Nachhinein kritisierte er sie.

Das ist genau das Richtige vorgehen: Mit expliziten Hypothesen arbeiten, das heisst von begr√ľndeten Annahmen auszugehen, um dann zu sehen, ob sie sich best√§tigt haben. Wenn ja hat mein ein Erkl√§rungs/Prognose-Modell, wenn nein, muss man an einem verbesserten hierzu arbeiten.

18 Tage vor der Wahl lauteten Röthlisberger Hypothesen:

. Die Beteiligung geht zur√ľck, letztlich aber nur wegen, weil von den ehemaligen W√§hlerInnen von Christa Markwalder zahlreiche sich f√ľr keine der verbleibenden Kandidaturen erw√§rmen k√∂nnen. R√∂thliberger ging von 45 Prozent dieser Wahlerschaft, die so reagieren w√ľrden.
. Bei der Stimmen√ľbertragung: Die Jost-W√§hlerInnen gehen weitgehend zu Amstutz, da sie wertkonservativ sind. Die verbleibenden W√§hlerInnen von Markwalder gehen zu 60 Prozent zu Wyss, zu 40 Prozent zu Amstutz.
. Neutralisiert hat er weitere denkbare Effekte, die sich aus der Kombination von Wahlen und Abstimmungen ergeben können, die nur im 1. Wahlgang spielten.

Das Ergebnis daraus lautete: Adrian Amstutz wird gew√§hlt – und zwar mit 51,5 Prozent bei einer Beteiligung von gut 40 Prozent. Die Begr√ľndungen: Das Resultat passt ins allgemeine Klima, ber√ľcksichtigt die wichtigsten wertem√§ssigen Konfliktlinien und ist Ausdruck des Themenwahlkampfes (vor allem Anti-Eu-Politik) des SVP-Hardliniers.

In der Evaluierung der Prognose kommt Mathematiker Röthlisberger zum Schluss:

. Die Mobilisierungsschätzung stimmte weitgehend.
. Die Annahmen f√ľr die (verbliebenen) Markwalder-Stimmen waren korrekt.
. Die Annahmen f√ľr die Jost-Stimmen war zu stark in Richtung EVP gewichtet. Im urbanen Umfeld ist die EVP n√§her bei rotgr√ľn als bei der SVP.

Marc-Andr√© R√∂thlisberger ist ein Wagnis eingegangen. Das sagt er selber. Gut f√ľr ihn war, dass er seine Prognose etwas ausserhalb der Oeffentlichkeit machen konnte. Denn die ist nur an “richtig/falsch” interessiert, nicht an der Frage, warum etwas stimmt oder nicht.

Der Prognostiker ist genau nach Karl Popper vorgegangen: Er hat politische Annahmen (Theorie) formalisiert, mit expliziten Hypothesen gearbeitet (Operationalisierung) und ihre Richtigkeit (Verifikation, Falsifikation) √ľberpr√ľft hat. Daraus so kann man nur lernen!

Ein wenig unschl√ľssig bin ich, weil einiges doch nur Sch√§tzungen sind. Generalisierung √ľber das Beispiel hinaus sind zu erwarten, wenn die verwendeten Parameter abgeleitet werden k√∂nnen. Daran sollte man weiterarbeiten – nicht nur die Spezialisten f√ľr Zahlen, sondern auch die f√ľr politische Analysen.

Und: Prognosen im 2. Wahlgang sind einfacher als im 1. Das ist eine grössete Herausforderung an die Kunst der Vorhersage bei Ständeratswahlen.

Ich bin stolz, einen so findigen Mathematiker in meiner Leserschaft zu haben!

Claude Longchamp

Ständeratswahlen im Kanton Bern: zum Beispiel Niederönz

Morgen w√§hlt der Kanton Bern die Nachfolge f√ľr Simonettas Sommaruga als St√§nder√§tin. Wer vorne liegt, weiss man im Verlauf des Nachmittags. Wer nicht solange warten will, macht sich seine eigene Hochrechnung – zum Beispiel mit Nieder√∂nz.

19622
Was aus der Wahlurne von Niederönz bei Ständeratswahlen hervorgeht, hat gesamtkantonal Bestand

Das beste kleine Abbild des Kantons im ersten Wahlgang zu den Ersatzwahlen in den Ständerat 2011 war die oberaargauische Gemeinde Niederönz. Bei keiner der vier Kandidaturen war die Abweichung grösser als 1 Prozentpunkt. Und bei der Stimmbeteiligung wich man im untersten Promillebereich ab. Vorne lag Amstutz mit 39.8 Prozent der Stimmen (kantonal: 38.8), gefolgt von Ursula Wyss mit 34.2 Prozent (kantonal 33.6), Christa Markwalder mit 18.7 (kantonal 19.7) und Mark Jost mit 7.3 (kantonal 7.9).

Wenn man es ganz einfach haben will, kann man morgen Sonntag schnell auf das Resultat der Vorortsgemeinde von Langenthal schauen. Denn an ihr kann man schon mal absch√§tzen, was Sache werden d√ľrfte.

Nat√ľrlich sind Einzelbeobachtungen mit Vorsicht zu geniessen. Deshalb empfiehlt es sich, weitere Informationen beizubeziehen. Schauen werde ich in erster Linie auf Vechigen und Kaufdorf in der Berner Agglomeration. Sie waren im ersten Wahlgang ebenfalls recht pr√§zise Trendgemeinde. Das gilt, mit Einschr√§nkungen, auch f√ľr Plagne im franz√∂sischen Kantonsteil und Schwanden bei Brienz in der deutschsprachigen Gegend des Kantons Bern.

Das Interessante an den benannten Gemeinden ist, dass keine besonders gross oder klein ist. Es sind typisch bernische Mittelgemeinden mit etwas mehr oder weniger als 1000 EinwohnerInnen. Keine der Kommunen ist ein Zentrum, jedoch liegt auch keine ganz in der Peripherie. Vielmehr haben sie alle etwas Eingemittetes.

Nieder√∂nz beispielsweise hat den klassischen Weg einer Berner Ortschaft hinter sich: Zuerst z√§hringisches, dann kyburgisches Gut, anschliessend kl√∂sterlich via Herzogenbuchsee, dann herrschaftlich bei Bern, kommt es bei der Kantonsgr√ľndung zum Amtsbezirk Wangen. Seit der grossen Kantonsreorganisation ist man beim Verwaltungskreis Oberaargau zugeh√∂rig. Die Bev√∂lkerungszahl wuchs seit dem 19. Jahrhundert gem√§chlich an, in den letzten 40 Jahren hat sie sich rasch auf rund 1500 Personen verdoppelt. Aus der ehemaligen Bauerngemeinden auf dem Land wurde so eine Agglogemeinde mit gemischter Wirtschaftsstruktur.

Politisch ist die SVP f√ľhrend: Bei den Nationalratswahlen gab es einen Anteil von 37 Prozent f√ľr diese Partei, gefolgt von der SP mit 20, der FDP mit 15 und den Gr√ľnen mit 9 Prozent am W√§hlerInnen-Kuchen. Nieder√∂nz kennt damit, wie der Kanton auch, eine b√ľrgerlicher Mehrheit und eine starke linke Minderheit. Entsprechend stimmt man. Bei der Waffeninitiative war man mehrheitlich dagegen, bei M√ľhleberg II mehrheitlich daf√ľr.

Die gr√∂sste Unsicherheit bei dieser einfachen Hochrechnung liegt in der Mobilisierung. Erwartet wird, dass die Teilnahme tiefer sein wird als am 13. Februar. Wenn sie gesamtkantonal gleichm√§ssig zur√ľckgeht, hat das auf die Mustergemeinden keinen Einfluss, wenn nicht schon.

Gespannt warte ich auf die Gemeinde-Resultate morgen!

Claude Longchamp

Die bisher beste Uebersicht zu den Berner Ständeratswahlen

Das sage einer noch, die Tagespresse habe die Recherche verlernt. Die Berner Zeitung präsentiert heute mit einer doppelseitigen Uebersicht zu den Berner Ständeratswahlen eine tolle Eigenleistung: ein Lob an das Medium, die Parteien und KandidatInnen, verbunden mit einem Gedankengang, der bisher kaum in die Berichterstattung eingeflossen ist.

Trio1
Allgemein rechnet man mit einem offen Rennen zwischen Christa Markwalder (FDP), Ursula Wyss (SP) und Adrian Amstutz (SVp), während Marc Jost (nicht auf der Bildmontage) nur Aussenseiterchancen eingeräumt werden.

Das k√∂nnte zum Benchmark f√ľr journalistische Berichte zu St√§nderatswahlen werden: Die BZ zeigt heute, wo die 4 Berner St√§nderatskandiatInnen in 10 aktuellen Polit-Fragen stehen. Siei spekuliert zur√ľckhaltend-korrekt, was m√∂gliche Wahlausg√§nge sein k√∂nnten. Sie zeigt, wer im Nationalrat nachr√ľcken w√ľrde, je nach dem, wer in den St√§nderat wechselt. Sie will auch wissen, was die Gew√§hlten im Herbst machen, wenn sie zur Widerwahl antreten m√ľssen, bevor sie sich profilieren konnten. Und Hauptautor Urs Egli behandelt ausf√ľhrlich, was sich die Parteien den Wahlkampf kosten lassen.

180’000 Franken hat die SP f√ľr beide m√∂glichen Wahlg√§ng budgetiert. 120’00 Franken sind es bei der SVP, 100’000 bei der FDP. Die EVP beziffert ihre Ausgaben bei 10’000 Franken. Nat√ľrlich sind das alles Selbstdeklarationen; doch sie erscheinen nicht abw√§gig.

Die neue Transparenz ist bemerkenswert. Sogar √ľber die Struktur des Mitteleinsatzes wird zwischenzeitlich geredet. Ein Prospekt f√ľr die 700’000 offiziellen Couverts mit den Unterlagen macht einen erheblichen Teil der Ausgabe aus; die EVP kann sich diese Werbung nicht leisten. Dar√ľber hinaus kosten die Wahlplakate viel, und je nachdem reicht es auch f√ľr Inserate in Zeitung und Aktivit√§ten im Internet.

Bei der SP und der EVP bezahlt die Partei den Wahlkampf, bei der SVP und der FDP steuern die KandidatInnen etwas bei. Beide Parteien zählen auch darauf, in der zweiten Runde vom Handels- und Industrieverein ein nicht näher beziffertes Zusatzbudget gesprochen zu bekommen.

Wenn das Schule macht, verschwindet eine der oft beklagten Quellen der Intransparenz in schweizerischen Wahlk√§mpfen. Denn bisher weiss man offiziell wenig dar√ľber, obwohl der Verdacht immer lauter ausgesprochen wird, dass es einen Zusammenhang zwischen Budgeth√∂he und Wahlerfolg haben k√∂nnte.

Besonders herausgestrichen sei, dass die bernischen SVP mitmacht, denn die schweizerische SVP, deren Vizepr√§sident Adrian Amstutz ist, weigert sich ja standhaft bekannt zu geben, was sie 2011 f√ľr die Wahlen auszugeben gedenkt.

Doch damit genug des Lobes an die Medien, Parteien und KandidatInnen. Einen Gedankengang, der noch kaum je er√∂rtert worden ist, m√∂chte ich hier als anregung beisteuren. Gleichzeitig mit den Berner Ersatzwahlen in den St√§nderat findet die Konsultativ-Abstimmung √ľber den Ersatz des Kernkraftwerkes in M√ľhleberg statt. Der Ausgang dieser Entscheidung erscheint ebenso offen wie der bei den St√§nderatswahlen. Doch d√ľrfte er diesen beeinflussen, wenn es in die zweite Runde geht: Sagt Bern Ja zum einem einem neuen KKW, kann der oder die b√ľrgerliche FavoritIn deklarieren, er oder sie vertrete in einer der wichtigsten Streitfragen der kommenden Legislatur die Mehrheit der Bev√∂lkerung. Stimmt Bern indessen gegen eines neues AKW, kan sich wohl nur Ursula Ursula Wyss strahlend in der gleichen Rolle pr√§sentieren.

Spannung gibt es nicht nur am Sonntag, auch der Montag k√∂nnte interessant werden, wenn ….

Claude Longchamp