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Das bĂŒrgerliche Lager ist nicht mehr

Seit Wochen umtreibt mich ein Thema, das sich in der jĂŒngsten StĂ€nderatswahl im Kanton Bern so klar gezeigt hat: Das bĂŒrgerliche Lager gehört der Geschichte an.

topelement
Orlando im heutigen Bund, als Illustration zur Berner StĂ€nderatswahl, die ich in einem ausfĂŒhrlichen Interview analysierte.

Im Vorfeld der Berner StĂ€nderatswahlen war viel vom bĂŒrgerlichen Schulterschluss die Rede. Nahmhafte WirtschaftsverbĂ€nde empfahlen ihn, und die SVP strebte ihn nach dem ersten Wahlgang an. Die ungeteilte Standesstimme diente als BegrĂŒndung, dass sich an der Zusammensetzung – 1 SVP, 1 BDP – nichts Ă€ndern sollte.
Die faktische Szenerie war in dessen anders. Alles begann mit der AnkĂŒndigung der StĂ€nderatskandidatur der FDP – gegen zwei BĂŒrgerliche. Um sich Vorteile bei den Nationalratswahlen zu verschaffen, zogen auch verschiedene Kleinparteien mit eigenen Bewerbungen nach. Selbstredend nominierte auch die Linke, um, wie zu Zeiten Sommarugas, wieder im StĂ€nderat vertreten zu.
Man weiss es, wie es kam: Im ersten Wahlgang setzten sich Amstutz, LuginbĂŒhl und Stöckli an die Spitze der BewerberInnen und markierten so ihre Favoritenrollen fĂŒr die rechte WĂ€hlerschafte, jene der Mitte und fĂŒr das linke Elektorat. Im zweiten Umgang zogen LuginbĂŒhl und Stöckli an Amstutz vorbei, womit sich die Berner Standesvertretung erstmals aus einem BDP- und ein SP-Mitglied zusammensetzt.

In der Erstanalyse habe ich die Behauptung aufgestellt, dass es das bĂŒrgerliche Lager in Bern, wohl auch anderswo nicht mehr geben wĂŒrde. Sicher, im Grossen Rat zu Bern, wo SVP, BDP und FDP die Mehrheit haben und einer rotgrĂŒn beherrschten Regierung gegenĂŒber stehen, stimmt man hĂ€ufig gemeinsam. Nicht vergessen darf man indessen, dass die gleichen Parteien 2010 angetreten waren, eine Wende im Regierungsrat herbeizufĂŒhren – und grandios scheiterten, nicht zuletzt, weil die Zusammenarbeit nicht klappte, welche der SVP zwei Sitze und damit die FĂŒhrungsrolle hĂ€tte bringen sollen.
Man kann das alles als PhĂ€nomen nach einer konkreten Parteispaltung aus der traditionellen SVP heraus abtun, mit der eine gemĂ€ssigte Zentrumspartei Ă  la bernoise, und eine rechtskonservative Partei mit Spuren des ZĂŒrcher Vorbilds entstanden sind. Es ist aber auch möglich, das als Symptom zu nehmen, dass sich mehr als nur vordergrĂŒndiges verĂ€ndert.

Was meine ich damit?

Die politische Soziologie lehrt, dass die europĂ€ischen Parteien aus der Verarbeitung grundlegender gesellschaftlichen Spaltungen, wie sie die Reformation, die französische, bĂŒrgerliche, industrielle und russische Reformation hervor gebracht haben, entstanden sind. Formiert wird dies seither durch den Rechts/Links-Gegensatz, wobei bĂŒrgerlich die Abgrenzung gegen links bezeichnete, egal aus welcher historischen Konstellation oder sozialen Schicht die WĂ€hler kamen.

Nun hat die Entwicklung von Gesellschaft und Politik der letzten 30 Jahre gezeigt, dass einiges davon nicht mehr stimmt. Neue Konfliktlinien sind entstanden; Werthaltungen, die bisher unbekannt waren, sind mit nachrĂŒckenden Generationen von Bedeutung geworden. Der FĂ€cher der Parteien hat sich so verĂ€ndert. Weltanschaulich mach das Wort „bĂŒrgerlich“ kaum mehr Sinn, eher spricht man von nationalkonservativen Strömungen, vom liberalen Pol, von christlicher Fundierung von Parteien, oder von Wertesynthesen, die als einzige die UeberlebensfĂ€higkeit sichern.

Die Wahlen 2011 haben das eindrĂŒcklich bestĂ€tigt. Selbst im Nationalrat gewinnen die Polparteien nicht mehr. Vielmehr zeichnen sich drei, allenfalls sogar vier Lager an: die hegemoniale SVP im rechten, die rotgrĂŒnen Parteien links, das neu aufgemischte Zentrum, allenfalls eine Position Mitte/Rechts. BegrĂŒndet wird dies damit, dass die bisherigen Parteien ihren Standort nicht mehr in der ĂŒbergeordneten Gemeinsamkeit suchen, sondern in der Eigenprofilierung, die, durch Abgrenzung am besten markiert werden. Die Polarisierung der letzten Jahre hat nicht nur die ideologische Distanz zwischen den Parteien an den Polen erhöht, sie hat auch das traditionelle Zentrum ausgezehrt, bis es, mit neuen Parteien und neuen Inhalten, in diesem Wahlherbst neu entstanden ist.

Schliesst man sich der Analyse politischer Soziologen, wie der meines St. Galler Kollegen Daniele Caramani an, dann ist das alles nicht einfach so geschehen, sondern Ausdruck der neuen Konfliktlinien, welche die Parteiensysteme prĂ€gen: Zu diesen zĂ€hlt er einmal die Oekologisierung, welche die GrĂŒnen als Pioniere entstehen liess, aber auch gemĂ€ssigte Parteien wie die GrĂŒnliberalen hervor gebracht hat und innerhalb verschiedener bestehender Parteien zu einer Neuausrichtung gefĂŒhrt hat. In der aktuellen Diskussion markiert der Ausstieg aus der Kernenergie diese Konfliklinie, welche die Parteienlandschaft neu aufteilt. Damit nicht genug, auch die EuropĂ€isierung der Politik ist fĂŒr den St. Galler Professor eine neue Spannungslinie, die zur Neudefinition der Parteien gefĂŒhrt hat. Der Wandel der SVP als konsequentester Partei gegen die EU zĂ€hlt dazu, aber auch die Neupositionierung der FDP, die fĂŒr die wirtschaftliche Offenheit, zunehmend aber gegen das gesellschaftliche Pendant ist, lĂ€sst sich hier nennen.

Rekapituliert man das alles, um den Blick auf die aktuellen Parteienlandschaft zu richten, kann man, ganz anders als es die Wahlkampf-Rhetorik der letzten Wochen suggerierte, wohl begrĂŒndet zum Schluss kommen, dass es das bĂŒrgerliche Lager nicht mehr gibt, dass die Schweizer Parteilandschaft aufbricht, und das wir unterwegs zu neuen Ordnungsmustern des Politischen sind, wie die Nationalratswahlen 2011 zeigten, wie aber auch aus dem Wandel der Berner StĂ€nderatsvertretung abgeleitet werden kann. Denn da stimmte das Zentrum mit links, was der Definition von bĂŒrgerlich zu tiefst widerspricht.

Claude Longchamp

Stöckli ins Stöckli: Bern entsendet eine Mitte/Links-Allianz in den StÀnderat

Das Endergebnis der Berner StĂ€nderatswahlen ist klar: Werner LuginbĂŒhl wird mit einem Glanzergebnis als Berner StĂ€nderat bestĂ€tigt. Drei Viertel aller gĂŒltigen Stimmen entfielen auf ihn. Neu ins Stöckli zieht Hans Stöckli ein. Er erreicht rund 60 Prozent der Stimmen. Damit liegt er klar vor Adrian Amstutz, der bei rund 52 Prozent Stimmenanteil kommt.

Die Spannung vor der Stichwahl zur Berner StĂ€nderatswahl war gross. Allgemein rechnete man damit, dass Werner LuginbĂŒhl, bisheriger Standesherr der BDP, als Kandidat der Mitte gewĂ€hlt wĂŒrde. Offen war indes, ob der Bisherige Adrian Amstutz von der SVP oder Hans Stöckli, neu der SP-Kandidat, an zweiter Stelle stehen wĂŒrde.

Im ersten Wahlgang lag Adrian Amstutz noch an der Spitze, knapp von Werner LuginbĂŒhl und einiges vor Hans Stöckli. Im zweiten war alles anders, der der Zwei- und Drittplatzierte zogen am VizeprĂ€sidenten der SVP, der erst vor einem halb Jahr StĂ€nderat wurde, vorbei.

Tabelle: Stimmenanteil der zentralen Kandidaten im ersten und zweiten Wahlgang (Hochrechnung) nach Gemeindetypen
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Lesebeispiel: In SVP Hochburgen machten Amstutz im 1. Wahlgang rund 79 Prozent der Stimmen, im zweiten zirka 85; das entspricht einem Wachstum von 6 Prozentpunkten.

Die Wahlbeteiligung war zwar nicht mehr ganz so hoch wie im ersten Wahlgang. Mit 45 Prozent bleibt aber nur ein Schluss: Das Rennen um die Berner StÀnderatswahlen hat breit mobilisiert. Mit Beteiligungsunterschieden lassen sich die Unterschiede im Wahlresultat nicht erklÀren.

Der Vergleich von der ersten zur zweiten Runde zeigt, was an Stimmen geblieben ist und was sich verĂ€ndert hat. Am wenigsten Unterschiede gibt es bei Adrian Amstutz. Er hatte im ersten Wahlgang seinen Plafond bereits weitgehend erreicht gehabt, derweil die beiden anderen Kandidaten das Rennen machten, weil sich ihre WĂ€hlerInnen vor allem in den agglomerierten Gebieten die Stimmen gegenseitig gaben. Werner LuginbĂŒhl legte am meisten zu, weil er von links und auch von rechts etwas mehr holte als im ersten Wahlgang. Dabei ist der Zuwachs links klar wichtiger als rechts. Stöckli wurde zweiter, weil er von der bĂŒrgerlichen Mitte klar hĂ€ufiger bevorzugt wurde als Amstutz. Der bleibt zwar der Favorit der Landbevölkerung, vor allem wo die SVP unverĂ€ndert unangefochten das Sagen hat. Doch erscheinen seine SVP und auch er als Person immer mehr isoliert, sodass es bei Majorzwahlen nicht mehr fĂŒr Erfolge reicht.

Damit wird der Kanton Bern im StĂ€nderat von einer Allianz aus Mitte/Links vertreten, die bei allen Unterschieden im Standort auch Gemeinsamkeiten hat. Die viel beschworene ungeteilte Standesstimme hĂ€tte es bei einem Duo LuginbĂŒhl/Amstutz weder in der PersonenfreizĂŒgigkeitsfrage gegeben noch beim Atomausstieg. Ersteres ist schon lĂ€nger ein Zankapfel zwischen den Nationalkonservativen nach ZĂŒrcher Art und der gemĂ€ssigten bĂŒrgerliche Mitte. Zweiteres ist im Wahljahr dazu gekommen, vor allem durch den Schwenker der BDP in Sachen Kernenergie nach den Unfall im japanischen Fukushima.

FĂŒr die SVP ist es eine herbe Niederlage. Im FrĂŒhling eroberte sie bei der Ersatzwahl fĂŒr Simonetta Sommaruga, die in den Bundesrat gewĂ€hlt wurde, den Sitz zurĂŒck, den sie an die 2008 durch den Wechsel von Werner LuginbĂŒhl ohne Abwahl an die BDP verloren hatte. Einige Kommentatoren dachten damals, das sei der Startschuss fĂŒr die Hardliner der SVP im StĂ€nderat. Auf die Nominationen in der SVP fĂŒr die StĂ€nderatswahlen wirkte sich dies verherrend. FraktionsprĂ€sident Caspar Baader wurde klar nicht gewĂ€hlt, auch die denkbaren BundesratsanwĂ€rter wie Guy Parmelin und Jean-Francois Rime scheiterten in der Volkswahl. Der heutige Tag lehrt uns, dass die Wahl vom 6. MĂ€rz eher die Ausnahme als die Regel war. Bei Majorzwahlen bleibt entscheidend, wie die Allianzen spielen. Das war diesmal zwischen rotgrĂŒn auf der einen und dem Zentrum, in dem im Kanton Bern neuerdings die BDP das Sagen hat, klarer der Fall. Vom bĂŒrgerlichen Schulterschluss, der jahrlang den Ausgang der StĂ€nderatswahlen bestimmt hat, war in Bern kaum mehr etwas zu merken.

Mit der heute gefÀllten Entscheidung steht Bern nicht alleine. Im StÀnderat der kommenden Legislatur hat die CVP nicht nur mit der FDP eine mehrheitsfÀhige Allianzmöglichkeit. So wie es jetzt aussieht besteht diese neu auch mit der SP.

Claude Longchamp

Berner StÀnderatswahlen: Was die Wahlbörse voraussagt

Ginge es nach den 261 HĂ€ndlerInnen der Wahlbörse, wĂŒrde am kommenden Sonntag nebst dem Bisherigen Werner LuginbĂŒhl von der BDP der neue SP-Bewerber Hans Stöckli von der SP als Berner Vertreter in den StĂ€nderat gewĂ€hlt. Als UeberzĂ€hliger ausscheiden wĂŒrde Adrian Amstutz, gegenwĂ€rtiger Standesherr der SVP.

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Gross war das Lob an die Adresse der Wahlbörse nach den Nationalratswahlen. Haften blieb ein Mackel, existierten doch zahlreiche andere Tools zum Wahlausgang, an denen sich die HÀndler auf Wahlbörse orientieren konnten.

Die Evaluierung der Wahlbörse bei den StĂ€nderatswahlen steht noch aus. Aufs Ganze gesehen wird mit Verlusten fĂŒr die FDP gerechnet, und kleinen Verschiebungen im Minus fĂŒr die CVP, resp. im Plus fĂŒr die SP und Parteilose. Kein schlechter Tipp, wĂŒrde ich sagen.

Die anstehenden StĂ€nderatswahlen im Kanton Bern sind, im zweiten Wahlgang, der erste BewĂ€hrungsprobe fĂŒr die Wahlbörsen. Bei Werner LuginbĂŒhl, bisheriger Berner Standesherr von der BDP, wetten die HĂ€ndler auf einen UnterstĂŒtzungsanteil von 65 Prozent. Damit erscheint ihnen seine Wahl als gesichert. Spannend wird es danach: Hans Stöckli, neuer Kandidat der SP, kommt auf 60 Prozent geschĂ€tzte Zustimmung und liegt 2 Prozentpunkt vor Adrian Amstutz, der es auf 58 Prozent bringt.

Im Wahlkampf fĂŒr die zweite Runde steigern konnten sich LuginbĂŒhl, seit dem 3. November ununterbrochen fĂŒhrend, aber auch Stöckli, der am 13. November Amstutz ĂŒberholte. Dieser hatte unmittelbar nach dem 1. Wahlgang ein kleines Hoch; sein wahrgenommenen Chancen sinken seither langsam, aber kontinuierlich.

Wie gesagt, es ist ein erster Test fĂŒr die Wahlbörsen bei der Stichwahl zu StĂ€nderatswahlen. Das Ergebnis stimmt recht gut mit dem ĂŒberein, was man in den StĂ€dten zu Verlauf und Ausgang wahrnimmt: Der Trend verlĂ€uft zuungunsten von Amstutz, seit die BDP das Angebot ausschlug, zwischen LuginbĂŒhl und Amstutz ein gemeinsames „PĂ€ckli“ gegen links zu schnĂŒren.

Doch bleibt eine Ungewissheit: Gerade der Kanton Bern besteht nicht nur aus den StÀdten!

Claude Longchamp

Was die BernerInnen bei den StÀnderatswahlen in zweiter Linie wÀhlten

Eine Spezialauswertung der Stimmzettel im Kanton Bern zeigt, was die WĂ€hlenden von Amstutz, LuginbĂŒhl, Stöckli, von Graffenried und Wasserfallen auf die zweite Linie schrieben. Das hilft, PrĂ€ferenzen im 1. Wahlgang verbessert einzuschĂ€tzen.

Zuerst will ich den Kanton Waadt loben. Bei den Nationalratswahlen kam er wegen der Verzögerungen beim AuszÀhlen schlecht weg. Bei den StÀnderatswahlen war der Wahlservice aber super. Das hat mit dem Wahlrecht zu tun. Die WaadlÀnderInnen wÀhlen bei den StÀnderatswahlen mit Parteilisten. Alle grossen Parteien haben eine solche. Beim zweiten Wahlgang empfahlen die SP und GPS auf der einen, die FDP.Liberalen und SVP auf der anderen Seite je ein Doppelpack an Bewerbungen. Aus der Wahlstatistik kann man nun ableiten, wieviele Stimmen jede Parteiliste machte und wer von den Vorgeschlagenen bestÀtigt resp. gestrichen oder ersetzt worden ist.

Abfluss der Zweitstimmen nach Erststimme im 1. Wahlgang bei den Berner StÀnderatswahlen
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Im Kanton Bern beispielsweise, wo ein anderes Wahlrecht fĂŒr StĂ€nderatswahlen gilt, weiss man das alles nicht. Wie die ParteigĂ€ngerInnen im ersten Umgang gewĂ€hlt haben, wĂŒrde man nur mit aufwendigen Umfragen herauskriegen. Wie die Zweitlinie ausgefĂŒllt worden ist, kann man durch AuszĂ€hlen der Bulletins ersehen. – Leider machen die WahlbĂŒros das nicht automatisch. Zwei Studenten der Politikwissenschaft an der Uni Bern, Samuel Kullmann und Philipp Koch, haben sich die MĂŒhe genommen, in zehn gut ausgewĂ€hlten Gemeinden je eine Stichprobe der abgegebenen Zettel zu ziehen und diese auswerten.

Was sind ihre SchlĂŒsse? –

Die WĂ€hlenden von Amstutz votierten zu 31 Prozent fĂŒr LuginbĂŒhl, zu 12 Prozent fĂŒr Wasserfallen und zu 41 Prozent fĂŒr niemanden sonst.
Wer zuerst fĂŒr LuginbĂŒhl gewĂ€hlt hatte, schrieb auf der zweiten Linie am hĂ€ufigsten Wasserfallen (25%) auf, dann Stöckli (22%); der GPS-Kandidat von Graffenried kam auf 12 Prozent. 14 Prozent gaben keine Zweitstimme ab. Oder anders gesagt: Die BDP-nahen LuginbĂŒhl-WĂ€hlenden waren auf viele Seite offen.
Die WĂ€hlenden von Wasserfallen tendierten zu 42 Prozent zu LuginbĂŒhl, zu 14 Prozent zu Amstutz und zu 12 Prozent von Graffenried. 19 Prozent liessen die zweite Zeile leer.
Stöcklis WĂ€hlerInnen aus derm ersten Wahlgang gaben zu 69 Prozent ihre Stimme von Graffenriede, zu 10 Prozent LuginbĂŒhl.
Aehnlich strukturiert waren auch die WĂ€hlenden von von Graffenried. Sie votierten zu 65 Prozent auch fĂŒr Stöckli, zu 15 Prozent auf fĂŒr LuginbĂŒhl.

Alle anderen KandidatInnen machten nur wenige Stimmen auf den Wahlzetteln der Grossen.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass die Amstutz-WÀhlenden am stÀrksten nur aus Ueberzeugung votiert haben. Fast die HÀlfte schrieb, ausser ihrem Favorit, keine weitere Kandidatur auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen von Amstutz zu optimieren. Nirgends war dieses Denken so verbreitet wie bei den WÀhlenden des SVP-Standesherren.
Die Kandidatur von Christian Wasserfallen aus den FDP-Reihen verzettelte die bĂŒrgerlichen Stimmen offensichtlich. Der Grund liegt in der Abneigung seiner AnhĂ€ngerInnen gegenĂŒber Amstutz. Die Wasserfallen-WĂ€hlenden hatten eine klare PrĂ€ferenz fĂŒr den BDP-Kandidaten, nicht aber fĂŒr jenen der SVP. Am zweitmeisten Stimmen machte hier der grĂŒne Bewerber Alec von Graffenried.
Ganz anders verhielt sich das linke Lager. Es hielt insgesamt gut zusammen. Stöckli-WĂ€hlende notierten fleissig von Graffenried, und dessen Supporter votierten ebenso hĂ€ufig fĂŒr Stöckli.

Die neuen Ergebnisse prĂ€zisieren den Befund, den letzte Woche der „Bund“ aufgrund der gleichen Methode, indes nur in einer (unbekannt gebliebenen) Gemeinde ermittelt hatte. Sie decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus der Studie zum ersten Wahlgang bei den ZĂŒrcher StĂ€nderatswahlen. Auch da zeigte sich, dass die SVP-WĂ€hlerschaft zwischen EigenstĂ€ndigkeit und Isolation votierte, moderat bĂŒrgerliche WĂ€hlende eher zu den grĂŒnen als sozialdemokratischen Bewerbungen tendierten, und die rotgrĂŒnen WĂ€hlenden unter sich Stimmen tauschten. In ZĂŒrich wirkte sich das Etikett „Bisherige“ stĂ€rker aus als in Bern, wo sie zwar auch an der Spitze der Nicht-GewĂ€hlten stehen, ihre AbstĂŒtzung aber nicht so breit ist wie in ZĂŒrich.

Schlussfolgerungen auf den zweiten Wahlgang sind nicht direkt möglich; dafĂŒr fehlt die Sicherheit mit entsprechenden Ergebnissen. Reevaluierungen werden zeigen, was effektiv spielte. Vorerst bleibt dies Spekulation. Namentlich kann man aus solchen PrĂ€ferenzanalysen nicht eindeutig ableiten, wie die Mobilisierung im zweiten Umfang sein wird. Ist sie ĂŒberall gleich anders, ist das egal. Wenn aber beispielsweise das Land besser mobilisiert als die Stadt, hat das Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Es kommt hinzu, dass im ersten Wahlgang mehr die Positionierung der bevorzugten Kandidatur wichtig war, das Taktieren namentlich auf der zweiten Zeile erst danach einsetzt. Im Kanton Bern relevant ist, die bekannte Teilung der PrĂ€ferenzordnungen zwischen Stadt/Land, aber auch, was die FDP-WĂ€hlerschaft macht und was im Berner Jura geschieht. Und: wer im ersten Wahlgang eine Linie leer liess, hat im zweiten Umgang am meisten Spielraum!

Claude Longchamp

Hochrechnung der Berner StÀnderatswahlen vom Sonntag

Hochrechnungen sind Extrapolationen realer Wahlergebnisse aus Teilen des Kantons auf den ganzen Kanton. Sie haben sich bewÀhrt, wie drei Beispiele aus dem ersten Wahlgang zeigten. Im Kanton Bern wird deshalb auch der zweite Wahlgang vom kommenden Sonntag hochgerechnet.

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KÀmpfen am Sonntag um die beiden Berner StÀnderatssitze: Adrian Amstutz (SVP, bisher), Hans Stöckli (SP, neu) und Werner LuginbÀhl (BDP, bisher)


Die Hochrechnungen fĂŒr Majorzwahlen im Kanton Bern

Stephan Tschöpe, Politikwissenschafter und Mathematiker, hat mit seiner Lizenziatarbeit ein neues Modell fĂŒr Hochrechnungen zu Majorzwahlen erarbeitet, das 2010 bei den Regierungsratswahlen mit Erfolg eingesetzt wurde.

FĂŒr die Hochrechnung wird der Kanton Bern in Untergruppen eingeteilt. Diese Untergruppen reprĂ€sentieren die parteipolitisch unterschiedliche Zusammensetzung des Kantons (z.B.: SVP-Hochburgen, SP-Hochburgen, …). Im Vergleich zum gesamten Kanton sind die Untergruppen homogener in Bezug, so dass sich Referenzgemeinden fĂŒr die Hochrechnung besser und strukturierter finden lassen.

Die Referenzgemeinden werden nach dem Prinzip „beste Gemeinde“ ausgewĂ€hlt, also jene Gemeinden, welche am besten fĂŒr Kandidat X re-prĂ€sentativ sind. Als Referenz fĂŒr Wahlen gilt die Vorwahl. Somit werden die besten Gemeinden fĂŒr die Untergruppen pro KandidatIn aus dem 1. Wahlgang der StĂ€nderatswahlen vom 23. Oktober 2011 als Referenz genutzt. FĂŒr die kantonale Hochrechnung der Kandidierenden werden die Untergruppen im VerhĂ€ltnis zu ihrem Stimmen-gewicht im Kanton gewichtet.

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Evaluierung der Hochrechnung zum 1. Wahlgang im Kanton Bern. Der mittlere SchĂ€tzfehler betrug um 14 Uhr 30 effektiv nur 0.7 Proezntpunkte; am höchsten war er bei Werner LuginbĂŒhl mit 1.1 Prozentpunkten.

Die Kunst dieser Hochrechnung bestand darin, ein Modell fĂŒr einen BDP-Kandidaten zu finden, da es eine solche noch nie gab. Im zweiten Wahlgang ist das einfacher, denn der schliesst die (guten) Erfahrungen aus dem ersten Wahlgang bereits mitein.

Die Hochrechnung vom kommenden Sonntag

Wir rechnen aus ZeitgrĂŒnden nur die aussichtsreichen KandidatInnen hoch. Es sind dies Adrian Amstutz (SVP), Werner LuginbĂŒhl (BDP) und Hans Stöckli (SP).

Wir werden den prozentuallen Anteil im VerhĂ€ltnis zum doppelten absoluten Mehr pro KandidatIn publizieren. Das absolute Mehr wird immer mit 50% definiert. Das absolute Mehr ist zwar nicht fĂŒr den 2. Wahlgang notwendig, dient aber uns zur Berechnung der erhaltenen Stimmen.

Der Streubereich bei der 1. Hochrechnung betrÀgt geschÀtzt +/-3%. Liegen die Kandidieren nÀher als diese drei Prozent zusammen, kann nicht gesagt werden, wer gewÀhlt ist. Ein Beispiel verdeutlicht dies:

– Kandidat 1: 48%
– Kandidat 2: 46%
– Kandidat 3: 44%

Es kann somit gesagt werden, dass Kandidat 1 sicher gewÀhlt ist, weil er mehr als 4% Differenz zu Kandidat 3 hat. Es kann aber nicht gesagt werden, wer als 2. gewÀhlt wird, da die Differenz weniger als 3% betrÀgt.

Die Hochrechnung werdenab 14 Uhr halbstĂŒndlich publiziert:

1. Hochrechnung: etwa 14.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-3%)
2. Hochrechnung: etwa 14.30 Uhr (Fehlerbereich: +/-2%)
3. Hochrechnung: etwa 15.00 Uhr (Fehlerbereich: +/-1%)

In allen FĂ€llen sind die Hochrechnungen klar schneller als das erwartbare Endergebnis.

Sobald das hochgerechnete Ergebnis feststeht, werden wir das Ergebnis wĂŒrdigen und Erstanalyse der Wahlen liefern.

Claude Longchamp

StÀnderatswahlen im Kanton Bern: Was bisher geschah, und was noch geschehen könnte

Der zweite Wahlgang zu den StĂ€nderatswahlen rĂŒckt nĂ€her. Damit steigt auch das Interesse, was man aus dem ersten lernen könnte. Eine Auslegeordnung

Die Bund-AuszÀhlung mit einer Gemeinde
Der heutige „Bund“ bringt eine auffĂ€llige Grafik zum ersten Wahlgang der StĂ€nderatswahlen im Kanton Bern. Sie zeigt wie die WĂ€hlenden der 5 hauptsĂ€chlichen Kandidaten die zweite Linie besetzt haben.

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Grafiken anklicken, um sie zu vergrössern

Jene von Adrian Amstutz wollten am hĂ€ufigsten, die Chancen ihres Favoriten optimieren. Sie liessen mehr als die WĂ€hlenden der anderen Bewerber die zweite Linie leer. Gut funktioniert hat das linke BĂŒndnis. Klare Mehrheiten der WĂ€hlenden von Hans Stöckli und Alec von Grafenried haben als zweites den anderen Kandidaten der rotgrĂŒnen Partners aufgeschrieben. Von einem BĂŒndnis auf bĂŒrgerlicher Seite kann man nicht wirklich sprecehn. Die Grafik und der Artikel suggerieren: Die SVP leihte Stimmen, bekam sie aber nicht zurĂŒck.

Wieso weiss der „Bund“ das? – Die Methode hinter dem Artikel ist originell. Man hat effektive Wahlzettel ausgewertet – etwas, das bisher wenig ĂŒblich war, aber im Kommen ist. Die getroffene Auswahl ist allerdings höchstens exemplarisch. AusgezĂ€hlt wurde in einer Gemeinde eine Stichprobe von 1800 Zetteln. Welche es war, erfĂ€hrt man nicht. Obwohl alle Halbeingeweihten auf Bolligen tippen.


Die gfs-Analyse mit allen Gemeinden

Eine etwas andere Auswertung unseres Instituts mit einer anderen Methode, aber in allen Gemeinden vorgenommen, kommt zu differenzierteren SchlĂŒssen:

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Erstens, die Positionierung Kandidaten aufgrund der Stimmenprofile legt die gleiche Rechts/Links-abfolge nahe: Amstutz, LuginbĂŒhl, Wasserfallen, Stöckli und von Graffenried. Die KandidatInnen unterscheiden sich aber auch hinsichtlich der Gemeinden, die ausgesprochen liberal sind. Da fĂŒhrt Wasserfallen knapp vor LuginbĂŒhl und deutlich vor Graffenried, wĂ€hrend Amstutz und Stöckli hinten sind. Amstutz ist da zu rechts-konservativ und Stöckli zu links-etatistisch.

Zweitens, bestimmt man die Distanz der KandidatInnen untereinander auf beiden Dimensionen bestĂ€tigt sich der Unterschied zwischen den Lagern. Das linke hielt zusammen, das rechts nicht. LuginbĂŒhl hat sich eine eigenstĂ€ndige Position schaffen können, zwischen SVP und FDP. Eher differiert zu Amstutz und Wasserfallen in gleichem Masse.

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Unsere Methode erlaubt darĂŒber hinaus, Aussagen ĂŒber die StimmenverhĂ€ltnisse nach der politischen Struktur der Gemeinden zu machen:

. Amstutz, im ersten Wahlgang vorne, erreichte das absolute Mehr in den SVP-Hochburgen, in den bĂŒrgerlich geprĂ€gten Gemeinden und der FDP/BDP-Kommunen. Ein massives Problem hatte er aber in den linken Hochburgen, eingeschrĂ€nkt auch in den Mitte/Links geprĂ€gten ZĂ€hlkreisen. Insgesamt hat regional, nicht parteipolitisch punkten können.

. LuginbĂŒhl, am Ende Zweiter, kennt abgeschwĂ€cht das gleiche Profil. Das heisst, in den SVP-Hochburgen wurde er weniger gut gewĂ€hlt als Amstutz, dafĂŒr machte er in den linkeren Gemeinden bessere Resultate. Er profitierte von den WĂ€hlenden aller KandidatInnen, tendenziell von denen, die Amstutz unterstĂŒtzten am meisten.

. Stöckli, Dritter im ersten Ranking, hat ein komplementĂ€res Profil zu seinen beiden Konkurrenten im zweiten Wahlgang. Im Berner Jura und in den linken Hochburgen lag er ĂŒber dem absoluten Mehr, in den Mitte/Links-Gemeinden verpasste er dieses knapp. DafĂŒr gibt es einen RĂŒckgang seines Anteils in den rechteren Gemeinden. Ordentlich Stimmen machte er noch in moderat bĂŒrgerlich eingestellten Gemeinden.


Unsere Schlussfolgerungen fĂŒr den zweiten Wahlgang

UnabhĂ€ngig davon fragt sich: Was heisst das fĂŒr den zweiten Wahlgang? – ZunĂ€chst sei erinnert, dass die Mobilisierung durch die drei verbleibenden Kandidaten entscheidend sein wird. Die Bund-Analyse abstrahiert davon weitgehend.

Sodann, LuginbĂŒhl fĂ€llt im zweiten Wahlgang wegen seiner breiten AbstĂŒtzung entweder an der Sptize es Feldes, oder am Ende, wenn die Mobilisierung misslingt. Je SVP-orientierter eine Gemeinde ist, desto eher dĂŒrfte Stimmverluste geben, weil seine Partei die Avance fĂŒr ein gemeinsame Sache abgelehnt hat. In den bĂŒrgerlichen geprĂ€gten Gemeinden dĂŒrfte er dafĂŒr vor allem bisherige FDP-Stimmen machen. Und er hat, nicht zuletzt wegen der Energiepolitik, eine sachpolitische Uebereinstimmung mit links, die sich im ersten Wahlgang noch nicht zeigte.

Schliesslich, Amstutz und Stöckli, die parteipolitisch profiliertersten KandidatInnen, haben zwei Optionen: Hochburgen mobilisieren oder in die Mitte Stimmen suchen gehen. Amstutz, der SVP-Hardlinie, kann Ersteres besser, wie er im FrĂŒhling zeigte. Ob es in einer tripolaren Situation fĂŒr die Wahl reicht, bleibt indessen offen. Stöckli wiederum muss, wenn er gewĂ€hlt werden will, ins parteipolitische Zentrum der WĂ€hlenden vorstossen. Er mĂŒsste in den Mitte/Links-Gemeinde stark aufholen und in den gemĂ€ssigt bĂŒrgerlichen Gemeinden mit LuginbĂŒhl-PrĂ€ferenz die zweiten Linie fĂŒr sich gewinnen.

Wem was gelingt, weiss man in 10 Tagen!

Claude Longchamp

Amstutz dank MobilisierungsfĂ€higkeit gewĂ€hlt – Wyss mit Support aus der Mitte und FDP nur knapp geschlagen

Die Karte kennt man. Das zentrale Muster der ErklĂ€rung zur jĂŒngsten StĂ€nderatswahl im Kanton Bern war der Stadt/Land-Gegensatz. Zwischenzeitlich haben wir gerechnet. Adrian Amstutz lag am Ende wegen seiner MobilisierungsfĂ€higkeit vorne, Ursula Wyss holte die Mehrheit der Stimmen von SP bis FDP.

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Adrian Amstutz kam im 2. Wahlgang auf 76 Prozent der Stimmen aus agrarischen Gemeinden. In touristisch geprÀgten Kommunen schaffte er es auf 68 Prozent. 67 Prozent waren es in agrarisch-gemischten Gemeinden, und Mehrheiten von 58 resp. 56 Prozent resultierten in Pendler- resp. Industriegemeinden. Gegenden, die durch Landwirtschaft, Industrie oder Tourismus geprÀgt sind, waren auf seiner Seite. Ursula Wyss erzielte ihr bestes Ergebnis in den stÀdtischen Zentren, 65 Prozent der Stimmen gingen da an sie. 57 Prozent waren es in den einkommensstarken Gemeinden, 52 in den suburbanen und 50,4 in den periurbanen Kommunen. Sie ist die PolitikerInnen der Dienstleistungsgesellschaft.

Dieses Raumprofil hat Auswirkungen auf die parteipolitischen AffinitĂ€ten der beiden KandidatInnen im zweiten Wahlgang. Genaue Prozentwerte lassen sich hier nicht benennen. Doch können AffinitĂ€ten bestimmt und Wahrscheinlichkeiten geschĂ€tzt werden – etwa im Vergleich zu den Grossratswahlen 2010:

Erstens, beide KandidatInnen legten aufgrund der zusÀtzlichen Mobilisierung zu. Bei Amstutz ist der Effekt allerdings einiges höher als bei Wyss. Der linken Bewerberin gelang es aber besser, sich bei den WÀhlerInnen anderer Parteien zu empfehlen.

Zweitens, Amstutz wurde im zweiten Wahlgang mehr als im kantonalen MIttel unterstĂŒtzt, wo seine eigene SVP stark ist. Das gleiche gilt auch, wenn es sich um EDU-orientierte Gemeinden handelt. Schwach trifft dies auch fĂŒr Kommunen mit einem erhöhten EVP-Anteil. In den beiden letzten Gemeindegruppen legte er von 1. zum 2. Wahlgang zu. In den SVP-Gemeinden hatte er sein Potenzial dagegen schon im ersten Wahlgang weitgehend ausgeschöpft.

Drittens, bei Wyss ist der parteipolitische Hintergrund breiter als beim GewĂ€hlten. Sie wurde stĂ€rker als im Mittel gewĂ€hlt, wo die SP stark ist, die GrĂŒnen und/oder die PSA. Doch zeigen Gemeinden mit FDP-, GLP-, CVP- und GFL-Orientierung erhöhte Zustimmungswerte fĂŒr die Sozialdemokratin. StĂ€rker geworden ist im zweiten Wahlgang der Support fĂŒr sie vor allem dort, wo es vergleichsweise viele GLP- und FDP-WĂ€hlende hat. Etwas verbessert hat sie sich auch in den klassischen linken Gemeinden, mit starker SP oder GP-PrĂ€senz.

Viertens, nicht entscheidbar ist, ob die BDP auf die eine oder andere Seite tendierte. Eine eigentliche Bewegung in die eine oder andere Seite konnte die noch junge Partei nicht auslösen.

Was heisst das alles? Der Wahlsieg von StĂ€nderat Adrian Amstutz wurde weitgehend durch seine eigene Partei erkĂ€mpft. Sein bekanntes Hardliner-Profil, verstĂ€rkt durch klar werberische Positionen in der Oeffnungs- und Armeefragen liess sich exemplarisch fĂŒr die Mobilisierung von Personen einsetzen, die bei typischen konsens-orientierten Angeboten nicht angesprochen fĂŒhlen. Dieses Profilierung erschwerte es aber, ĂŒber die direkt angesprochene, konservative WĂ€hlerschaft hinaus, zahlreiche ParteigĂ€nger zu finden.

Ursula Wyss bot in vielem das GegenstĂŒck zu Adrian Amstutz. Doch die SP hat ihre Schlagkraft bei der Mobilisierung ĂŒber die eigene WĂ€hlerschaft hinaus nicht so verbessern können wie die SVP. DafĂŒr war ihre parteipolitische AbstĂŒtzung breiter. Eine klare Mehrheit von RotgrĂŒn, aber auch eine kleine MajoritĂ€t der kleinen Mitte-Parteien und der FDP dĂŒrfte ihr die Stimme gegeben und damit dem RĂŒckstand verkleinert haben.

Partei- und Personeneffekte nach amerikanischem Muster mischten sich bei dieser Wahl exemplarisch. Das zeigt sich auch an der Polarisierung. Amstutz griff mit relevanten Themen seine Gegnerschaft an. Diese reagiert mit negative voting auf das negative campaigning. Gemeint ist damit, dass man jene Kandidatur nicht wĂ€hlte, die einen mehr Ă€rgerte. Die Bilanz am Ende der Kampagne gab dem Sigriswiler recht – doch nur knapp.

Ich ziehe den Hut!

Marc-AndrĂ© Röthlisberger ist Mathematiker und am politischen Leben interessiert. Er hat die beste Prognose fĂŒr den zweiten Umgang zu den Berner Ersatzwahlen in den StĂ€nderat gemacht. Chapeau!

Vor dem 2. Wahlgang zu den Berner StĂ€nderatswahlen wagte der MĂŒnsiger BĂŒrger als einziger eine Prognose in Zahlen. Die Polit-Analysten bewerten die Lage zwar nicht anders, aber wager. FĂŒr Adrian Amstutz kam er auf 51,5 Prozent Stimmen. Effektiv hatte er 50,6 Prozent – das ist weniger als 1 Prozentpunkt Fehlerquote!

Zwei Mal habe ich von „RM“, wie er auf dem zoonpoliticon-Blog erscheint, Post erhalten: einmal vor der Wahl – einmal nach der Wahl. Im Vorfeld begrĂŒndete er seine Annahmen, im Nachhinein kritisierte er sie.

Das ist genau das Richtige vorgehen: Mit expliziten Hypothesen arbeiten, das heisst von begrĂŒndeten Annahmen auszugehen, um dann zu sehen, ob sie sich bestĂ€tigt haben. Wenn ja hat mein ein ErklĂ€rungs/Prognose-Modell, wenn nein, muss man an einem verbesserten hierzu arbeiten.

18 Tage vor der Wahl lauteten Röthlisberger Hypothesen:

. Die Beteiligung geht zurĂŒck, letztlich aber nur wegen, weil von den ehemaligen WĂ€hlerInnen von Christa Markwalder zahlreiche sich fĂŒr keine der verbleibenden Kandidaturen erwĂ€rmen können. Röthliberger ging von 45 Prozent dieser Wahlerschaft, die so reagieren wĂŒrden.
. Bei der StimmenĂŒbertragung: Die Jost-WĂ€hlerInnen gehen weitgehend zu Amstutz, da sie wertkonservativ sind. Die verbleibenden WĂ€hlerInnen von Markwalder gehen zu 60 Prozent zu Wyss, zu 40 Prozent zu Amstutz.
. Neutralisiert hat er weitere denkbare Effekte, die sich aus der Kombination von Wahlen und Abstimmungen ergeben können, die nur im 1. Wahlgang spielten.

Das Ergebnis daraus lautete: Adrian Amstutz wird gewĂ€hlt – und zwar mit 51,5 Prozent bei einer Beteiligung von gut 40 Prozent. Die BegrĂŒndungen: Das Resultat passt ins allgemeine Klima, berĂŒcksichtigt die wichtigsten wertemĂ€ssigen Konfliktlinien und ist Ausdruck des Themenwahlkampfes (vor allem Anti-Eu-Politik) des SVP-Hardliniers.

In der Evaluierung der Prognose kommt Mathematiker Röthlisberger zum Schluss:

. Die MobilisierungsschÀtzung stimmte weitgehend.
. Die Annahmen fĂŒr die (verbliebenen) Markwalder-Stimmen waren korrekt.
. Die Annahmen fĂŒr die Jost-Stimmen war zu stark in Richtung EVP gewichtet. Im urbanen Umfeld ist die EVP nĂ€her bei rotgrĂŒn als bei der SVP.

Marc-AndrĂ© Röthlisberger ist ein Wagnis eingegangen. Das sagt er selber. Gut fĂŒr ihn war, dass er seine Prognose etwas ausserhalb der Oeffentlichkeit machen konnte. Denn die ist nur an „richtig/falsch“ interessiert, nicht an der Frage, warum etwas stimmt oder nicht.

Der Prognostiker ist genau nach Karl Popper vorgegangen: Er hat politische Annahmen (Theorie) formalisiert, mit expliziten Hypothesen gearbeitet (Operationalisierung) und ihre Richtigkeit (Verifikation, Falsifikation) ĂŒberprĂŒft hat. Daraus so kann man nur lernen!

Ein wenig unschlĂŒssig bin ich, weil einiges doch nur SchĂ€tzungen sind. Generalisierung ĂŒber das Beispiel hinaus sind zu erwarten, wenn die verwendeten Parameter abgeleitet werden können. Daran sollte man weiterarbeiten – nicht nur die Spezialisten fĂŒr Zahlen, sondern auch die fĂŒr politische Analysen.

Und: Prognosen im 2. Wahlgang sind einfacher als im 1. Das ist eine grössete Herausforderung an die Kunst der Vorhersage bei StÀnderatswahlen.

Ich bin stolz, einen so findigen Mathematiker in meiner Leserschaft zu haben!

Claude Longchamp

StÀnderatswahlen im Kanton Bern: zum Beispiel Niederönz

Morgen wĂ€hlt der Kanton Bern die Nachfolge fĂŒr Simonettas Sommaruga als StĂ€nderĂ€tin. Wer vorne liegt, weiss man im Verlauf des Nachmittags. Wer nicht solange warten will, macht sich seine eigene Hochrechnung – zum Beispiel mit Niederönz.

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Was aus der Wahlurne von Niederönz bei StÀnderatswahlen hervorgeht, hat gesamtkantonal Bestand

Das beste kleine Abbild des Kantons im ersten Wahlgang zu den Ersatzwahlen in den StÀnderat 2011 war die oberaargauische Gemeinde Niederönz. Bei keiner der vier Kandidaturen war die Abweichung grösser als 1 Prozentpunkt. Und bei der Stimmbeteiligung wich man im untersten Promillebereich ab. Vorne lag Amstutz mit 39.8 Prozent der Stimmen (kantonal: 38.8), gefolgt von Ursula Wyss mit 34.2 Prozent (kantonal 33.6), Christa Markwalder mit 18.7 (kantonal 19.7) und Mark Jost mit 7.3 (kantonal 7.9).

Wenn man es ganz einfach haben will, kann man morgen Sonntag schnell auf das Resultat der Vorortsgemeinde von Langenthal schauen. Denn an ihr kann man schon mal abschĂ€tzen, was Sache werden dĂŒrfte.

NatĂŒrlich sind Einzelbeobachtungen mit Vorsicht zu geniessen. Deshalb empfiehlt es sich, weitere Informationen beizubeziehen. Schauen werde ich in erster Linie auf Vechigen und Kaufdorf in der Berner Agglomeration. Sie waren im ersten Wahlgang ebenfalls recht prĂ€zise Trendgemeinde. Das gilt, mit EinschrĂ€nkungen, auch fĂŒr Plagne im französischen Kantonsteil und Schwanden bei Brienz in der deutschsprachigen Gegend des Kantons Bern.

Das Interessante an den benannten Gemeinden ist, dass keine besonders gross oder klein ist. Es sind typisch bernische Mittelgemeinden mit etwas mehr oder weniger als 1000 EinwohnerInnen. Keine der Kommunen ist ein Zentrum, jedoch liegt auch keine ganz in der Peripherie. Vielmehr haben sie alle etwas Eingemittetes.

Niederönz beispielsweise hat den klassischen Weg einer Berner Ortschaft hinter sich: Zuerst zĂ€hringisches, dann kyburgisches Gut, anschliessend klösterlich via Herzogenbuchsee, dann herrschaftlich bei Bern, kommt es bei der KantonsgrĂŒndung zum Amtsbezirk Wangen. Seit der grossen Kantonsreorganisation ist man beim Verwaltungskreis Oberaargau zugehörig. Die Bevölkerungszahl wuchs seit dem 19. Jahrhundert gemĂ€chlich an, in den letzten 40 Jahren hat sie sich rasch auf rund 1500 Personen verdoppelt. Aus der ehemaligen Bauerngemeinden auf dem Land wurde so eine Agglogemeinde mit gemischter Wirtschaftsstruktur.

Politisch ist die SVP fĂŒhrend: Bei den Nationalratswahlen gab es einen Anteil von 37 Prozent fĂŒr diese Partei, gefolgt von der SP mit 20, der FDP mit 15 und den GrĂŒnen mit 9 Prozent am WĂ€hlerInnen-Kuchen. Niederönz kennt damit, wie der Kanton auch, eine bĂŒrgerlicher Mehrheit und eine starke linke Minderheit. Entsprechend stimmt man. Bei der Waffeninitiative war man mehrheitlich dagegen, bei MĂŒhleberg II mehrheitlich dafĂŒr.

Die grösste Unsicherheit bei dieser einfachen Hochrechnung liegt in der Mobilisierung. Erwartet wird, dass die Teilnahme tiefer sein wird als am 13. Februar. Wenn sie gesamtkantonal gleichmĂ€ssig zurĂŒckgeht, hat das auf die Mustergemeinden keinen Einfluss, wenn nicht schon.

Gespannt warte ich auf die Gemeinde-Resultate morgen!

Claude Longchamp

Die bisher beste Uebersicht zu den Berner StÀnderatswahlen

Das sage einer noch, die Tagespresse habe die Recherche verlernt. Die Berner Zeitung prÀsentiert heute mit einer doppelseitigen Uebersicht zu den Berner StÀnderatswahlen eine tolle Eigenleistung: ein Lob an das Medium, die Parteien und KandidatInnen, verbunden mit einem Gedankengang, der bisher kaum in die Berichterstattung eingeflossen ist.

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Allgemein rechnet man mit einem offen Rennen zwischen Christa Markwalder (FDP), Ursula Wyss (SP) und Adrian Amstutz (SVp), wÀhrend Marc Jost (nicht auf der Bildmontage) nur Aussenseiterchancen eingerÀumt werden.

Das könnte zum Benchmark fĂŒr journalistische Berichte zu StĂ€nderatswahlen werden: Die BZ zeigt heute, wo die 4 Berner StĂ€nderatskandiatInnen in 10 aktuellen Polit-Fragen stehen. Siei spekuliert zurĂŒckhaltend-korrekt, was mögliche WahlausgĂ€nge sein könnten. Sie zeigt, wer im Nationalrat nachrĂŒcken wĂŒrde, je nach dem, wer in den StĂ€nderat wechselt. Sie will auch wissen, was die GewĂ€hlten im Herbst machen, wenn sie zur Widerwahl antreten mĂŒssen, bevor sie sich profilieren konnten. Und Hauptautor Urs Egli behandelt ausfĂŒhrlich, was sich die Parteien den Wahlkampf kosten lassen.

180’000 Franken hat die SP fĂŒr beide möglichen WahlgĂ€ng budgetiert. 120’00 Franken sind es bei der SVP, 100’000 bei der FDP. Die EVP beziffert ihre Ausgaben bei 10’000 Franken. NatĂŒrlich sind das alles Selbstdeklarationen; doch sie erscheinen nicht abwĂ€gig.

Die neue Transparenz ist bemerkenswert. Sogar ĂŒber die Struktur des Mitteleinsatzes wird zwischenzeitlich geredet. Ein Prospekt fĂŒr die 700’000 offiziellen Couverts mit den Unterlagen macht einen erheblichen Teil der Ausgabe aus; die EVP kann sich diese Werbung nicht leisten. DarĂŒber hinaus kosten die Wahlplakate viel, und je nachdem reicht es auch fĂŒr Inserate in Zeitung und AktivitĂ€ten im Internet.

Bei der SP und der EVP bezahlt die Partei den Wahlkampf, bei der SVP und der FDP steuern die KandidatInnen etwas bei. Beide Parteien zÀhlen auch darauf, in der zweiten Runde vom Handels- und Industrieverein ein nicht nÀher beziffertes Zusatzbudget gesprochen zu bekommen.

Wenn das Schule macht, verschwindet eine der oft beklagten Quellen der Intransparenz in schweizerischen WahlkĂ€mpfen. Denn bisher weiss man offiziell wenig darĂŒber, obwohl der Verdacht immer lauter ausgesprochen wird, dass es einen Zusammenhang zwischen Budgethöhe und Wahlerfolg haben könnte.

Besonders herausgestrichen sei, dass die bernischen SVP mitmacht, denn die schweizerische SVP, deren VizeprĂ€sident Adrian Amstutz ist, weigert sich ja standhaft bekannt zu geben, was sie 2011 fĂŒr die Wahlen auszugeben gedenkt.

Doch damit genug des Lobes an die Medien, Parteien und KandidatInnen. Einen Gedankengang, der noch kaum je erörtert worden ist, möchte ich hier als anregung beisteuren. Gleichzeitig mit den Berner Ersatzwahlen in den StĂ€nderat findet die Konsultativ-Abstimmung ĂŒber den Ersatz des Kernkraftwerkes in MĂŒhleberg statt. Der Ausgang dieser Entscheidung erscheint ebenso offen wie der bei den StĂ€nderatswahlen. Doch dĂŒrfte er diesen beeinflussen, wenn es in die zweite Runde geht: Sagt Bern Ja zum einem einem neuen KKW, kann der oder die bĂŒrgerliche FavoritIn deklarieren, er oder sie vertrete in einer der wichtigsten Streitfragen der kommenden Legislatur die Mehrheit der Bevölkerung. Stimmt Bern indessen gegen eines neues AKW, kan sich wohl nur Ursula Ursula Wyss strahlend in der gleichen Rolle prĂ€sentieren.

Spannung gibt es nicht nur am Sonntag, auch der Montag könnte interessant werden, wenn ….

Claude Longchamp