Archive for the 'MIA Uni St. Gallen' Category

Auf nach St. Gallen!

Nach der Lehrveranstaltung in Z√ľrich habe ich auch meinen Kurs in St. Gallen neu konzipiert: Erstmals werde ich ein Seminar zu “Lobbying in Theorie und Praxis” anbieten.

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Universität St. Gallen

Lobbying ist in der allgemeinsten Form Interessenvertretung gegen√ľber der Politik. Zum Beispiel, um Steuererleichterungen zu erhalten, oder Subventionen zu vermehren. Lobbying kommt typischer Weise aber auch dort vor, wo die Politik allgemeinverbindliche Regeln beschliesst, die organisierbare Interessen betreffen.

Das alles ist nicht neu; neu ist indessen dass die Interessenvertretung zu einem eigenen politischen Handeln wird, denn die Symbiose aus Volksvertretung und Interessenvertretung je im Nebenamt ist in Aufl√∂sung begriffen. Aus MilizpolitikerInnen werden Berufsleute, aus ehrenamtlichen Verbandsvorst√§nden werden Gesch√§ftsleitungen mit spezifischen Funktionen. Gar nicht der zunehmenden Verbreitung von Lobbying entsprechen die Regelungen der neuen T√§tigkeit. Seien es gesetzliche Auflagen oder auch Standesregeln: die Schweiz hinkt internationalen Entwicklungen zur Standardisierung und Reglementierung der professionellen Interessenvertretung gegen√ľber der Politik nach.

Hier öffnet sich ein breites Forschungs- und Beratungsfeld, das ich mit meinem Lehrauftrag an der Universität St. Gallen ab 2012 beackern möchte. Einmal geht es darum, die Entwicklungen auf der internationalen Ebene zu verfolgen und mit denen in der Schweiz zu vergleichen, nicht zuletzt um die Frage zu beantworten, was in den kommenden 5 bis 10 Jahren in der Schweiz zu erwarten ist. Dann wird es auch darum gehen, Vorschläge zu erarbeiten, was eine gute Praxis sein könnte, die den Voraussetzungen und Trends im politischen System der Schweiz angemessen ist. Letzteres soll durchaus Auswirkungen zeigen auf die weitere Systematisierung des Lobbyings in der Schweiz.

Die Lehrveranstaltung wird im Herbstsemester 2012 an der Universit√§t St. Gallen stattfinden. Sie wird im Rahmen des Masterprogramms “International Affairs” angeboten werden. Ansprechen will ich damit fortgeschrittene Studierende, die sich vorstellen k√∂nnen, f√ľr internationale Organisationen, aber auch f√ľr nationale Verb√§nde in Stabstellen oder in spezialisierten Agenturen, Interessenvertretung als Beruf auszu√ľben und sich darauf vorbereiten m√∂chten.

Der Einstieg in die Weiterbildung findet als 3t√§tiger Blockkurs statt. In der ersten Semesterwoche wird es ein Kickoff-Meeting f√ľr Interessierte geben. Die Blockveranstaltung wird w√§hrend der kleinen Semesterferien stattfinden. Die Pr√ľfung besteht aus der Pr√§sentation einer Seminararbeit in schriftlicher und m√ľndlicher Form. Letzteres wird von der Gesch√§ftsleitung des gfs.bern stattfinden, welche den praktischen Nutzen beurteilen wird; ersteres werde ich mit Blick auf die Entwicklung einer Theorie des Lobbyings im Politsystem der Schweiz bewerten.

Die Blockveranstaltung wird an zwei Tagen in St. Gallen durchgef√ľhrt werden, w√§hrend des dritten Tages werden wir Lobby-Organisation in Bern beuschen. Dabei werden die Teilnehmenden eingef√ľhrt werden in die Theorien des Lobbyings, aber auch die Studien √ľber die Verbreitung auf nationaler und europ√§ischer Ebene kennen lernen. Sie formulieren alleine oder in Gruppen ein kleines Forschungsprojekt, das neue Aspekte des Handelns von Lobbyisten oder der Regelung des Lobbyings aufzeigen soll. Mit den Besuchen in Bundesbern sollen Kontakte zu ausgew√§hlten relevanten Akteuren hergestellt werden. Der Blockkurs soll die Teilnehmenden auf die Ausarbeitung des Forschungsprojektes abschliessend vorbereiten. Diese ist bis Semesterende fertigzustellen.

Ich freue mich, im neuen Jahre mit der neuartige Veranstaltungs(reihe) an der HSG beginnen zu können!

Claude Longchamp

Ständeratswahlen in der Schweiz: Vorschläge zur Analyse zwischen Theorie und Praxis

Das Blockseminar zur Analyse von St√§nderatswahlen in der Schweiz an der Universit√§t St. Gallen ist vorbei. Ein ordnender R√ľckblick.

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Wird am 23. Oktober 2011 neu bestellt: der Ständerat der Schweiz, die zweite, gleichberechtigte Kammer der Bundesversammlung

18 Lektionen in 3 Tagen sind eine Herausforderung. Mit dem Blockseminar in der ostschweizer Metropole erspare ich mir viel Reisezeit zwischen Bern und St.Gallen. Die Energie braucht man aber, um w√§hrend den Verhandlungen permanent pr√§sent zu sein. Meiner Meinung nach wirkte sich diese Veranstaltungsform vorteilhaft auf das Lernklima aus. Denn so vertieft kann man eine Thema w√§hrend den √ľblichen Wochensitzung nicht verarbeiten. Daf√ľr ist die Distanz zu den Inputs gr√∂sser, wenn man regelm√§ssige Abst√§nde zwischen den Sitzungen hat.

Aufschlussreich waren die drei Referate “von aussen”: Regierungsr√§tin Karin Keller-Sutter reflektierte √ľber den Mainstream in der st. gallischen Politik, den sie gerne in Bern vertreten w√ľrde. Aus ihrer Warte sind erfolgreiche Kampagnen b√ľrgerInnen-nah, dezentral, authentisch – und ohne √ľbergeordnete parteipolitische Absichten. Auch TV-Journalist Hanspeter Tr√ľtsch betonte die Vielfalt der Schweiz, wo jeder Kanton anders als der andere ist, weshalb auch Wahlkampfkulturen divers blieben. Die wachsenden Rolle der Medien in der Politikvermittlung f√ľhre zu einer Transformation von Wahlk√§mpfen. Erfolgreichen Politikerprofile bleiben sich √§hnlich, es wechselten aber die K√∂pfe, Auftrittsstile und Kommunikationskan√§le. Hermann Strittmatter wurde seinem Image als Exzentriker unter den Schweizer Werbern vollumf√§nglich gerecht. Erfolg im urbanen Raum, dozierte er, h√§nge davon ab, im Kommunikationswirrwarr nicht unterzugehen. Werbung m√ľsse auffallen, was Kreativit√§t verlange. Von Parteien erwartet einen Kompatibilit√§tstest, bevor sie KandidatInnen nominierten. Gewinne werde schliesslich der oder die, welche(r) keine Fehler mache, indem er oder sie in der Hektik des Wahlkampfes Ruhe bewahre.

Der systematische Teil des Blockseminars besch√§ftigte sich mit Wahlkampftheorien. Allen bekannt sind die Annahmen der rationalen Wahl. Sie haben sich f√ľr die Analyse der kurzfristigen Programmwahl durch die einzelne B√ľrgerIn bew√§hrt. Doch sind sie kaum geeignet, die Konstanten in Wahlergebnissen zu untersuchen, und sie eigenen sich auch nicht gesellschaftlichen Strukturen und ihren Wandel in Wahlresultaten zu bestimmen. Skepsis herrscht auch, dass man damit Personenwahlen treffend untersuchen kann. Das Spannendste in der Forschung findet aktuell dort statt, wo das Handeln der Akteure im Schnittfeld von KandidatIn, Partei und Medien analyisert wird.

Konflikttheorien, welche die Transformation des postindustriellen Staates erhellen, wie das Herbert Kitschelt geleistet hat, geben hier den Rahmen ab. Stefan Dahlems grundlegende Uebersetzung der sozialwissenschaftlichen Wahltheorie in die Mediengesellschaft verdeutlicht, wie sich die Beziehungen zwischen Wählenden und Gewählten verändern. Schliesslich geht es in Wahlanalysen seit langem um das Marketing von Parteien und KandidatInnen, welche eingesetzt werden, um den Wahlerfolg erhöhen.

Drei Thesen haben der gegenw√§rtigen politik- und medienwissenschaftlichen Forschung haben uns inspiriert: uum einen die Medialisierungsthesen, wie sie von Barbara Pfetsch f√ľr die Erforschung von Wahlk√§mpfen vorgeschlagen wurden; sodann die Personalisierungsthesen, die namentlich Skeptiker der Demokratieentwicklung wie Colin Crouch favorisiert werden; schliesslich die Thesen der Modernisierung von Wahlk√§mpfen, die namentlich Pippa Norris eingebracht hat.

Formuliert wurden diverse studentsiche Forschungsarbeiten, die im Schnittfeld von Thesen, Daten und Ergebnissen mit Praxisrelevanz diskutiert wurden. So fragt man beispielsweise nach neuen Stadt/Land-Konflikten in St√§nderatswahlen, die insbesondere die Wahlchancen von linken und rechten Kandidaturen in den Sprachregionen beeinflussen und genutzt werden k√∂nnen, um die Chancen einer Wahl zu erh√∂hen. Mehr wissen will man exemplarisch √ľber Medienstrategien im urbanen Raum, namentlich in Z√ľrich und Genf, wenn es um PolitikerInnen-Vermittlung geht. Dazu werden typologisch ausgew√§hlte Medien untersucht. Und man interessiert sich ausdr√ľcklich f√ľr M√∂glichkeiten und Grenzen der Personalisierung von St√§nderatsbewerbungen, die zwischen staatstragendem und parteiischem Auftritt der BewerberInnen beurteilt werden sollen. Denn bei Nationalratswahlen weiss man, was gegenw√§rtig zieht, und es ist gut, dass wir mehr erfahren, ob sich die Erkenntisse dieser Wahlanalyse auch f√ľr die Untersuchung von St√§nderatswahlen eigenen.

Ich bin gespannt, zu welchen Schl√ľssen die studentischen Forschungsvorhaben f√ľhren, und ob wir danach mehr wissen √ľber das Stiefkind der Schweizer Wahlforschung.

Claude Longchamp

Auf zur Analyse von Ständeratswahlen

Diese Woche findet mein Praxiskurs an der HSG zur “Analyse von St√§nderatswahlen” statt. Besser h√§tte man weder den Zeitpunkt noch den Ort w√§hlen k√∂nnen, denn in St. Gallen kommt es im Herbst zum wohl spektakul√§rsten Showdown bei diesen Wahlen.

In nächsten Semester beschäftige ich mich mit Ständeratswahlen. Das schwor ich mir, als ich die Forschungsberichte zu den Selects-Projekten sah, die sich ausschliesslich auf die Nationalratswahlen konzentrierten. Nun ist es soweit: vom Mittwoch bis Freitag findet mein Blockseminar hierzu statt.

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KandidatInnen bei der diesjährigen Ständeratswahl in St. Gallen sind Toni Brunner (SVP), Karin Keller-Sutter (FDP), Paul Rechsteiner (SP) und Eugen David (bisher, CVP)

Der Praxisbezug wird in verschiedenster Hinsicht gew√§hrleistet: Erstens durch die Aktualit√§t der St√§nderatswahlen 2011. Zweitens durch die Kontroverse √ľber die Funktion des St√§nderats als Vertretung der Kantone oder als Hort der Parteiinteressen. Und drittens gilt es, angesichts des Fehlens einer Theorie von St√§nderatswahlentscheidungen n√∂tig, induktiv vorzugehen, das heisst, den Stand der Dinge und ihre Ver√§nderung zu beobachten.

Gew√§hrleistet wurde der Praxisbezug auch durch den Beizug Externer. Das Er√∂ffnungsreferat h√§lt die St. Galler Regierungsr√§tin Karin Keller-Sutter, nebst Eugen David, Paul Rechsteiner und Toni Brunner eine der vier prominenten KandidatInnen f√ľr den St√§nderat aus St. Gallen. Am zweiten Tag beleuchtet SF-Bundeshausredaktor Hanspeter Tr√ľtsch, weshalb sich selbst nationale Medien neuerdings f√ľr exemplarische St√§nderatswahlen interessieren. Am dritten Tag l√§sst sich der Z√ľrcher Werber Hermann Strittmatter, erfolgreicher Campaigner f√ľr verschiedene linke KandidatInnen bei Majorzwahlen, in die Karten schauen.

Ziel des Blockkurses ist es, eine Gesamtsicht zu bekommen, wie ein Modell zur Erklärung von Ständeratswahlen aussehen könnte. Angesichts des Forschungsstandes hierzu sind rasche Verbesserungen zu erwarten. Denn bis heute gilt, dass der common sense nicht nur die Wahlvorbereitungen in die kleine Kammer regiert, sondern auch die Analysen des Geschehens rund um den Ständerat.

Die Studierenden pr√§sentieren diese ihre Forschungsvorhaben dazu, die sich in der ersten Semsterh√§lfte erarbeitet haben. Ich wiederum werde versuchen, das Wissen der Politik- und Medienforschung zu Personenwahlen in der Mediengesellschaft einzubringen. Ich bin gespannt, zu welchen Schl√ľssen wir kommen. Ich freue mich, wenn der Praxiskurs Resultate erbringt, die man die die Analyse der kommenden St√§nderatswahlen einfliessen lassen kann.

Claude Longchamp

Analyse von Ständeratswahlen

Heute war Auftakt zu meiner Lehrveranstaltung an der Universität St. Gallen. Der Kurs ist einer der neun Praxisprojekte im Rahmen des MIA-Masterlehrgangs an der HSG. Hier meine Zielsetzung.

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Obwohl der Ständerat im bi-kameralistischen Parlament der Schweiz gleich wichtig ist wie der Nationalrat, ist seine Wah bisher praktisch nicht untersucht worden.

Ich habe mich entschieden, mit meine Studierenden St√§nderatswahlen zu analysieren. Ausgel√∂st wurde dieses Interesse durch das j√ľngste Spezialheft der Schweizerischen Zeitschrift f√ľr Politikwissenschaft. Es beansprucht, den Stand der Dinge zur Schweiz darzustellen, behandelt die Wahlen in die kleine Kammer aber mit keinem Artikel.

Ich habe zwei √ľbergeordnete Fragestellungen an den Anfang der Veranstaltung gestellt:

Erstens: Kann man aus den Potenzialen von KandidatInnen sinnvolle Prognosen machen f√ľr das Wahlergebnis? ‚Äď Ich hoffen auf ein Ja.
Zweitens: Wie weit k√∂nnen Aktualisierungen solcher Potenziale in Wahlk√§mpfen des Wahlergebnisses beeinflussen? ‚Äď In denke, dass es auch hier positive Hinweise gibt.

In beiden F√§llen interessieren die Wahlergebnisse als abh√§ngige Variable. Dabei stehen Stimmenzahlen, Stimmenanteile, Beteiligungsanteile zur Verf√ľgung. Ueber die Wahlmotive weiss so nichts, und es gibt praktisch keine Befragungen als Nachanalysen von St√§nderatswahlen, die einem helfen w√ľrden, strategisches und taktisches W√§hlen zu analysieren. Untersuchbar sind aber Wahlergebnisse beispielsweise auf kommunaler Ebene, so im Stadt/Land- oder Sprachenvergleich.

Was die unabhängigen Variablen betrifft, schlage ich ein Raster vor, das bei den Potenzialen die institutionellen Rahmenbedingen, die KandidatInnen-Profile (im Vergleich) und die Allianzbildungen unterscheidet. Bei den Aktualisierungen differenziere ich nach dem Wahlkampf als solchem, nach den Kampagnen der KandidatInnen und nach den Medienstrategien.

Typische Indikatoren der Rahmenbedingungen sind das Wahlrecht, die Sitzzahl, die Zahl der freien Sitze sowie die Gesetzm√§ssigkeiten erster und zweiter Wahlg√§nge. Bei den KandidatInnen-Profilen interessieren die Rollen der Bewerbung vom Amtsinhaber, √ľber die Herausforderung bis zur Aufbau-Kandidatur. Es geht auch um die bisherige politische Karriere, den Leistungsausweise, die Erfahrugnen in Kampagnen, das Parteiimage und die Mitgliedschaften in politisch relevanten Gruppen. Schliesslich sollte man etwas √ľber die Hausmacht der Bewerbungen wissen, die Allianzbildungen √ľber Parteien hinweg und √ľber Absprachen unter Parteien, welche den Wettbewerb bei einer Wahl einschr√§nken.

Bei den Aktualisierungen geht es zun√§chst um das Unfeld einer Wahl, sei es, dass gleichzeitig weitere Wahlen oder Abstimmungen stattfinden. Es interessiert hier aber auch die Dauer des Wahlkampfes, und die Gepflogenheiten in einem Kanton bei solchen Wahlen. Wenn von Kampagnen die Rede ist, sollten die St√§be der KandidatInnen verglichen werden, ihre Budgets, die beanspruchte professionelle Hilfe, die Werbe- und Kommunikationsstrategien sowie die direkte W√§hleransprache und die Mobilisierungsaktionen. Schliesslich sollte man mehr wissen, √ľber die Medienstrategien bei St√§nderatswahlen, wie wichtig ihnen diese sind, welche N√§he und Distanz relevante Medien zu den Bewerbungen haben, wie ihre Redaktionskonzepte sind, wie sie mit Wahlwerbung umgehen, und wie das alles zusammenspielt.

Anlehnungen mache ich hiermit vor allem an das amerikanische Prognoseprojekt von pollyvote und an eine Untersuchung von Mark Balsiger zur Schweiz, der sich grundsätzlich mit Personeneffekten bei Nationalratswahlen beschäftigt hat.

Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Die ersten Diskussionen waren schon mal aufschlussreich. Sie zeigten mir, dass man sich zur weltanschaulichen Polarisierung von Personenwahlen Gedanken macht, dass man mehr √ľber Emotionalisierung in Medienstrategien wissen m√∂chte, und dass beispielsweise das Stadt/Land-Profil der Wahlkreise als Determinanten von linken und rechten Kandidaturen besonders interessiert.

Mehr später!

Claude Longchamp

(Un)Denkbar

Nat√ľrlich ist fast nichts undenkbar. Doch ist deshalb fast alles denkbar? Gedanken √ľber politische Ideologien bei der Lekt√ľre auf der Heimreise von St. Gallen nach Bern.

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Vorbilder der Fusionisten: Margreth Thatcher und Ronald Reagan, die Рin der angelsächsischen Welt Рliberalkonservativem Gedankengut in einer Partei zum Druchbruch verhalfen.

Das Semesterende an der Uni St. Gallen naht. Die Gruppenarbeiten sind gemacht, pr√§sentiert und diskutiert. Die Noten sind geschrieben und die R√ľckblick gehalten. Zeit also, jenseits der Betriebsamkeit in Veranstaltungen wie jener zur “Empirischen Politikforschung in der Praxis” Ausschau zu halten, was sonst noch an der Alma mater auf dem Rosenberg so geht.

Die Zeitschrift “Denkbar“, herausgegeben von der Stiftung Forum Alpium, liegt in vielen Gemeinschaftsr√§umlichkeiten der HSG auf. Begr√ľndet durch Ehemalige des Lyceum in Zuoz, besch√§ftigt es sich mit Demokratie, Freiheit und Dialog. Man steht klar rechts, gibt sich gerne etwas elit√§r, und l√§sst Klaus St√∂hlker als Mann f√ľrs Grobe Kolumnen schreiben.

Empfohlen wird von Jasper Graf von Hardenberg ein neuer “fusionism“: Die Amerikaner seien immer entweder fortschritts- oder traditionsverbunden gewesen. Dazwischen g√§be es wenige Liberale; alleine seien sie aussichtslos, zur Mehrheit zu werden. Ihre Zukunft liege deshalb im Zusammengehen mit den Konservativen. Das spricht daf√ľr, sich nicht bei den Demokraten, aber bei den Republikanern zu organisieren.

Dank Ronald Reagan haben die Fusionisten, deren Organ der National Review in New York ist, in der Tat eine Welle der intellektuelle Hegemonie begr√ľndet. Doch ist das eine Weile her. Faktisch dr√ľckte sich der amerikanische Fusionismus darin aus, dass die verfolgten Ziel konservativ waren, die eingesetzten Mittel aber liberal.

Konkret ist Staatskritik, denn er Staat sei ein bloss ein Steuerstaat, neige zu √ľberbordendener B√ľrokratie und gantiere angesichts grasierenden Kriminalit√§t keine Sicherheiten mehr. Damit entferne er sich zusehends von den konservativen Hoffnungen und m√ľsse er wie bei den Liberalen zur√ľckgebunden werden. An ihnen sei zu erkl√§ren, wie die Konservativen ihre Agenden vorantreiben sollen.

Als Stern am Himmel der neuen Fusionisten in Europa wird der Niederl√§nder Geert Wilders gefeiert. Entstanden sei seine Bewegung aus liberalen Ueberlegungen gegen den Staat. Verbunden habe sich diese mit den Zielen der Nationalisten gegen die EU. Und erfolgreich sei er geworden mit der Polarisierung zwischen christlich-j√ľdischen und islamischen Werten. Nun eile man unaufhaltsam von Wahlsieg zu Wahlsieg.

“Denkbar” empfiehlt deshalb solche Fusionen als Vorgabe f√ľr ganz Europa. Denn “Wahlen gewinnt man mit Werten und Emotionen.”

Klar und deutlich sind die weltanschaulichen Ratschl√§ge, die da geboten werden: Der amerikanische Republikanismus ist das Vorbild, der konservativ gewordene Nationalliberalismus in Europa das Abbild, die konservativen Potenziale das Sucbild. und die ganzen Lehren von rationalen Entscheidungen, wie sie an der HSG f√ľr Wirtschaft und Politik hochgehalten werden, das Trugbild.

Eigentlich hielt ich eine solche Empfehlung bis vor Kurzem an einer liberalen Hochschule f√ľr undenkbar.

Gr√ľnliberale: Stand und Aussichten

Am letzten Mittwoch begann ich meine Lehrveranstaltung an der Uni St. Gallen mit der Frage, wo die Gr√ľnliberalen politisch stehen, und was f√ľr eine Zukunft sie damit vor sich haben. Das war gerade richtig, um f√ľrs Wochenende eingestimmt zu sein.

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Analyse der Z√ľrcher Stadtparteien, wie sie von Smartvote nach den Wahlen vorgenommen wurde: Am besten vertreten wird die glp in der Stadtregierung durch den CVP-Politiker Gerold Lauber (Quelle: smartvote via Tages-Anzeiger

Bei der erste Frage waren die Antworten der Studierenden recht einheitlich: In der politischen Mitte oder unwesentlich davon entfernt, wurden sie eingestuft. Als Kompromiss-Partei zwischen Oekologie und Oekonomie, wurden sie charakterisiert. Und als Folge-Erscheinung der globalen Klimadebatte, wurden sie gedeutet.

Das macht sie gegenw√§rtig f√ľr die Medien attraktiv. Doch es mangelt hinter Verena Diener schnell einmal an bekannten K√∂pfen, die das Politik-Machen verstehen und umstetzen k√∂nne. Es besteht die Gefahr, dass die Erwartungen schneller wachsen als die M√∂glichkeiten.

Politikwissenschaftlich gesehen haben Parteien dann eine Chance, dauerhaft zu bestehen, wenn es ihnen gelingt, eine eigentliche Konfliktlinie zu bewirtschaften, warf ich ein: Dazu gehört eine mehr als momentane gesellschaftliche Spaltung. Dazu zählt, dass daraus ein neues soziales Bewusstsein erwächst und dass dieses durch eine Organisation im politischen System möglichst exklusiv repräsentiert wird.

Von diesen drei Voraussetzungen ist die erste sicher gegeben. Die Oekologiefrage ist seit einer Generation ein politisches Thema, und es ist kein Ende in Sicht. Das er√∂ffnet M√∂glichkeiten. Doch wird sie nicht nur von einer Partei bewirtschaftet. Die Chance der Gr√ľnliberalen ist tats√§chlich die Wertesysnthese, das heisst die Vers√∂hnung von √∂kologischen und √∂konomischen Forderungen auf einer neuen Stufe.

Mit Sicherheit gibt es daf√ľr sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik eine Potenzial. Wie gross es ist, wissen wir aber nicht. Als vorl√§ufiges W√§hlerInnen-Potenzial d√ľrfte es aber reichen, wohl noch nicht ausgesch√∂pft sein. Die zentrale Frage Herausforderung ist also die Organisation des neuen Bewusstseins und der vorhandenen Interessen. Hier stehen die Gr√ľnliberalen vor einer h√∂heren H√ľrde. Denn die Erwartungen in der Bev√∂lkerung und den Medien sind hoch, und die Entwicklung als Partei hinkt dem tendenziell hinten nach.

Trotz dieser drei Beurteilungskriterien blieben in unserer Diskussion unter Master-StudentInnen die Aussichten recht offen: der Durchbruch auf nationaler Ebene 2011, die Etablierung als st√§dtisch einflussreiche Partei, die es in Exekutiven schafft, ohne nationale Repr√§sentation, und das langsame Verschwinden der Partei, wenn andere wie FDP, SP oder Gr√ľne die neuen Positionen bei sich aufnehmen, wurden genannt.
Persönlich neige ich zum zweiten Szenario; es erscheint mir am realistischten.

Angeregt durch diese Auslegeordnung habe ich dem Tages-Anzeiger von heute ein Interview gegeben.

claude.longchamp@unisg.ch

Nun habe ich also eine email an der Uni St. Gallen. Denn im Fr√ľhlingssemester unterrichte ich wieder an der HSG, wie die h√∂chste Bildungsst√§tte der Ostschweizer Metropole immer noch heisst.

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Die HSG im Umbau: baulich und inhaltlich …

Empirische Politikforschung in der Praxis, heisst mein Kurs. Er geh√∂rt zur Masterausbildung im Fachbereich “International Affairs and Governance“. Die Studierenden haben in der Regel einen Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaft oder Oekonomie erworben.

Der Kurs will die TeilnehmerInnen mit der Philosophie, den Themen und der Vorgehensweisen in der angewandte politikwissenschaftlichen Forschung vertraut machen. Er besteht aus sechs vierst√ľndigen Veranstaltungen, und wird im Fr√ľhlingssemster jeden zweiten Mittwoch gef√ľhrt.

Die Themen sind:

. Empirische Politikforschung in Theorie und Praxis
. Theorien, Ergebnisse und Verwendungen der Wahlforschung
. Theorien, Ergebnisse und Verwendungen der Abstimmungsforschung
. Der Forschungsprozess in Theorie und Praxis
. Präsentation der Gruppenarbeiten
. Chancen und Risiken der Umsetzung politikwissenschaftlicher Forschung

Ich pr√§sentiere und diskutiere dabei die g√§ngigen wissenschaftstheoretischen Grundlagen der sozialwissenschaftlichen Forschung. Gezeigt werden auch Beispiele, die in der Praxis der Parteien und der Medien Verwendung fanden und Gr√ľnde der Partei- oder Personenentscheidungen erhellen resp. resp. die Meinungsbildung bei Sachentscheidungen illustrieren.

Die Teilnehmenden sollen bef√§higt werden, aus einer Fragestellung ein emprisch ausgerichtetes Projekt zu formulieren, in einer Gruppenarbeit durchzuf√ľhren, und es vor den Mitstudierenden zu pr√§sentieren. Schliesslich werde ich aus der Erfahrung eines Anwendungsforschers sch√∂pfen, um zu zeigen, unter welchen Bedingungen Forschung hilfreich wird oder nutzlos bleibt.

Wer am Kurs teilnimmt, sollte bereit sein, regelm√§ssig zus√§tzlich Literatur zu verarbeiten und muss, statt einer Pr√ľfung, an einem Gruppenprojekt mitarbeiten resp. in der Veranstaltung aktiv mitmachen.

Wer direkt mit mir Kontakt aufnehmen will, dem sei hier meine St. Galler email empfohlen: claude.longchamp@unisg.ch.

Wie soll man ein allf√§lliges Nein zur Personenfreiz√ľgigkeit interpretieren?

Den Volkswillen bei Abstimmungen zu interpretieren, ist heikel. Politisch wie wissenschaftlich. Denn Entscheidung ist Entscheidung. Doch es ist sinnvoll, diese zu analysieren. Im Normalfall, wie auch im m√∂glichen Spezialfall. Deshalb ist es Zeit, sich ein paar zus√§tzliche Gedanken zu machen, wie ein allf√§lliges Nein zur Personenfreiz√ľgigkeit untersucht werden m√ľsste.


Wie kann man interessenbasierte Interpretationen eines allf√§lligen Neins zum 8. Fabruar 2009 verhindern?- Eine Herausforderung f√ľr die angewandte Politikwissenschaft, halte ich fest, mit der Absicht, sich ihr zu stellen

Die aktuelle Situation
Man erinnert sich: Kaum im Amt als Bundesrat, erkl√§rte Christoph Blocher, es sei nicht die Aufgabe des Bundesrates, den Volkswillen zu interpretieren. Er solle sich an die Entscheidungen des Souver√§ns halten, und er solle danach handeln. Heute ist alles ganz anders: Schon vor der Volksabstimmung √ľber die Personenfreiz√ľgigkeit ist ein Interpretationsstreit entbrannt, wie man ein allf√§lliges Nein interpretieren solle. Speziell die SVP-Exponnenten sind bem√ľht, ihre Sicht der Dinge durchzubringen, wonach ein Nein am 8. Februar 2009 nur ein Nein zur Erweiterung der Personenfreiz√ľgigkeit sei, nicht aber zu dieser als solcher und damit auch kein Verstoss gegen die Bilaterale I.

Zu den Positionen der Gegnerschaft
Die gestrige “Arena“-Sendung zur Volksabstimmung 2009 zeigte, dass die Sache komplizierter ist, denn auf Seiten der Opponenten wurden alle Positionen vertreten: “Nein” heisse Nein zur Erweiterung, meinte etwa Lukas Reimann von der SVP; “Nein” heisse Nein zur Personenfreiz√ľgigkeit an sich, konterte Ruedi Spiess von den Schweizer Demokraten. Ein “Nein” am 8. Februar 2008 w√§re ein Nein zur gesamten Vorlage, √ľber die abgestimmt w√ľrde, erwiderte Bundesr√§tin Eveline Widmer-Schlumpf, was der Bundesrat bis Ende Mai 2009 der EU mitteilen m√ľsste, womit die Bilaterale Vertr√§ge, die seit 2002 in Kraft seien, nach 6 Monaten automatisch auslaufen w√ľrden.

Politisch kann diese Diskussion nur entschieden werden, wenn alle Akteure, die an der Entscheidung beteiligt sind, mitsprechen können: der Bundesrat und das Parlament, die Stimmberechtigten und die Europäische Union.

Die Möglichkeiten der angewandten Politikwissenschaft
Die angewandte Politikwissenschaft kann der Politik in einem Punkt Hilfen anbieten: Sie kann die stark interessen-geleiteten Interpretationen der Akteure auf schweizerischer und europ√§ischer Ebene, die sich auch in der Deutung des Volkswillens √§ussern, mit vertiefenden Untersuchungen spiegeln, kritisieren und einer vern√ľnftigen Interpretation zuf√ľhren.

Statt normative Abstimmungsanalysen zu machen, empfiehlt es sich solche empirisch zu leisten. Ganz einfach gesagt: Die Stimmenden selber sollen sagen können, was sie mit ihren Entscheidungen beabsichtigten.

Gegenw√§rtig wird unter den Analytikern, die so oder so die Volksabstimmung zur Personenfreiz√ľgigkeit untersuchen werden, √ľberlegt, wie angesichts der √ľblichen, aber un√ľbersehbaren Diskussion zur Interpretation eines Neins am 8. Februar 2009 die VOX-Nachbefragung erweitert werden k√∂nnte. Klar herausgearbeitet werden m√ľsste in der Nachanalyse der Volksentscheidung, die diesmal das Institut f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t Bern leistet, …

… wie man im Lager den Nein-Stimmenden seine Ablehnung verstanden hat
… wie man zu einer weiteren Volksabstimmung in der Sache steht,
… wie man bei einer Trennung der Entscheidungen √ľber Fortsetzung und Erweiterung(en) stimmen w√ľrde.

Das Ganze macht nur dann Sinn, wenn die Konsequenzen unterschiedlicher Entscheidungen nicht gleich w√§ren, wie ein allf√§lliges Nein am 8. Februar 2009. Um keinen schweizerischen Bias zu haben, m√ľsste auch er√∂rtert werden, ob man zu Konzessionen in anderen Dossiers wie der Banken-, Steuer-, Landwirtschafts- oder Forschungspolitik bereit w√§re, um Verhandlungen zu einer modifizierten Personenfreiz√ľgigkeit zu erreichen. Und: Ob bei einem Nein die Bilateralen zu Ende sind, und was danach kommen soll, – Alleingang oder EU-Beitritt?

Besser wissensbasierte Interpretionen als interessenbasierte Annahmen
Ich denke, es ist sinnvoll, diese Fragen zu kl√§ren. Das ist keine Aussage zum Ausgang der Volksabstimmung vom 8. Februar. Aber es ist eine rechtzeitige Auslegeordnung f√ľr den Fall B, denn die Nachanalyse startet so oder so am Montag nach der Volksabstimmung. Und sie soll, wie immer, zu einer wissens-, interessenbasierten Interpretation des Volkswillens f√ľhren.

Claude Longchamp

Ein erstes Bild des j√ľngsten SVP-Wahlsiege im Kanton St. Gallen (R√ľckblick auf heute, Teil VI)

(zoon politicon) Letzten Freitag war in meiner Lehrveranstaltung an der St. Galler Universit√§t Pr√ľfungstag, nicht nur f√ľr die Studieren, sondern auch f√ľr mich. Ich glaube, alle k√∂nnen zufrieden sein.

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Visualisierung des SVP-Wahlerfolges im Kanton St. Gallen nach Gemeinden (Quelle: R√ľegger)


Drei Gruppenarbeiten aus dem Kurs “Empirische Politikforschung in der Praxis”

Präsentiert und diskutiert wurden die rechtzeitig fertiggestellt Gruppenarbeiten. Drei davon beschäftigten sich direkt oder indirekt mit dem Wahlsieg der SVP bei den Wahlen 2008 im Kanton St. Gallen. Der war ja spektakulär. Er bracht der aufsteigenden Partei eine klaren Sieg im Parlament und den erstmaligen Einzug in die Regierung. Mit Stephan Kölliker, dem neuen Erziehungsdirektor im Kanton St. Gallen, weiss die SVP neu auch einen der ihren an der Spitze der renommierten Wirtschaftshochschule HSG.

Weder beschleunigtes, noch verlangsamtes WählerInnen-Wachstum
Die erste Arbeit, die sich mit dem Wahlsieg der SVP bei den kantonalen Wahlen (und Schwyz) besch√§ftigte, ging der Frage nach, ob es einen speziellen Blocher-Effekt gibt. Sie √ľberpr√ľfte dies anhang kantonaler und nationaler Trends, und sie verwendete drei Interpretationsm√∂glichkeiten bon Wachstumsraten: Erstens, der Anstieg der SVP im Kanton St. Gallen entspricht der bisherigen Entwicklung der Parteien; zweitens, der Anstieg der SVP verlangsamt sich im Gefolge der j√ľngsten Ereignisse; und drittens, der Anstieg eben dieser Partei beschleunigt sich seither. Die jungen ForscherInnen kamen zum Schluss, der Anstieg der SVP habe sich 2007/8 weder beschleunigt nicht verlangsamt. Die Partei gewinne etwas gleich viel an W√§hlerInnen-Anteil hinzu wie 2004, als es keinen Blocher-Effekt gab. Der Wandel des Parteiensystems im Kanton St. Gallen hat sp√§t, das heisst in den 90er Jahren eingesetzt. Die SVP legt seither zu, weil sie oppositionelle Potenziale sammelt, mit neuen Personen antritt, mit thematischen Positionsbez√ľgen die Medienaufmerksamkeit focussiert und damit eine wertm√§ssig klar erkennbare Parteilinie jenseits der historischen Partei aufbaut(e).

WählerInnen-Gewinne vor allem durch Mobilisierung, kaum jedoch durch Wechselwählende
Die zweite Arbeit versuchte, die Herkunft der W√§hlerInnen-Gewinne der SVP direkt zu sch√§tzen. Sie st√ľtzte sich dabei nicht auf W√§hlerInnen-Befragungen, sondern auf Analysen der Gemeinderesultate in allen 88 Kommunen des Kantons. Hierf√ľr arbeitete sie mit dem Instrument der W√§hlstromanalyse, wie es im benachbarten Oesterreich serienm√§ssig eingesetzt wird. Die Hauptaussage hier war recht klar: 2008 gewann die SVP vorwiegend aufgrund der Mobilisierung bisheriger Nicht-W√§hlerInnen. Die Wahlbeteiligung nahm zwar insgesamt nicht zu, doch verloren die anderen Parteien durch innere Demobilisierung, w√§hrend die SVP in erster Linie durch Neuw√§hlerInnen-Mobilisierung profitieren konnte. Die Wechselwahl-Tendenzen im b√ľrgerlichen Lager blieben ausgesprochen gering; gegen√ľber der CVP ist die Bilanz der SVP nicht signifikant, aber positiv, w√§hrend sie gegen√ľber der FDP eher sogar negativ ist.

Panaschierneigung abnehmend – Parteitreue steigend

Die dritte Arbeit besch√§ftigte sich mit der Panaschierstatistik in den Kantonen St. Gallen und Thurgau. Dabei wurde mit dem Instrument der Parteitreue von W√§hlerInnen gearbeitet, – einem Mass, das anzeigt, wie wahrscheinlich es ist, dass die W√§hlenden einer Partei auch KandidatInnen anderer Parteien unterst√ľtzen. Generell zeigte sich, dass bei den j√ľngsten Wahlen die Parteitreue der Parteiw√§hlerschaften zunahm. Dies gilt ganz besonders f√ľr den Wahlsieger der SVP. Alles in allem sprechen die Daten daf√ľr, dass die Polarisierung zwischen allen Parteien zwischenzeitlich so gross ist, dass die Bereitschaft, Kandidaturen anderer Parteien zu unterst√ľtzen, erstmals zur√ľck geht.

Eine neue These zu den SVP-Wahlsiegen
Das Bild des aktuellen Wahlsiegers verdichtete sich im Verlaufe des vergangenen Freitags zusehends: Das gilt, obwohl die Fragestellungen verschieden waren, – und die Gruppenarbeiten, nicht zuletzt aufgrund des Zeitdruckes – kaum aufgrund einer koordinierten Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsgruppen entstanden. Wenn sie dennoch ein recht einheitliches Bild des Wahlsiegers vermitteln, spricht dies daf√ľr, dass man sich auf verschiedenen Wegen derselben Realit√§t ann√§herte. Die These, die so entstand, lautete: Dank ihrer klaren Positionierung einerseits, ihre Mobilisierungsf√§higkeit anderseits ist dieses Partei f√ľr prinzipiell W√§hlende besonders attraktiv geworden. Je konsequenter sie daran weiter arbeitet, umso eher kann die Partei auf diesem Weg Erfolge erwarten, – selbst wenn sie dabei Gefahr l√§uft, sie in einem gewissen Sinnen von den anderen Parteien zu isolieren.

Schon mal eine ganze Menge, was unsere Truppe von Jung-ForscherInnen nur schon zum j√ľngsten politischen Hauptereignis im Standortkanton der HSG herausfand, mit selber arbeiteten Daten teils gut belegen und in der kritischen Diskussion untereinander auch Aufrecht erhalten konnte.

Alle, die den anspruchsvollen Kurs bis am Schluss durchstanden, haben ihn auf jeden Fall mit Bravour bestanden!

Claude Longchamp

Besprochene Präsentationen:
. Philippe Aeschi: Der aus Christoph Blochers Abwahl resultierte Blocher-Effekt – gibt es den?
. Oliver R√ľegger: Der Sieg der SVP im Kanton St. Gallen
. Maurus Berni, Andrea Cristuzzi: Steigt die Parteitreue der SVP-Wähler seit der Bundesratswahl 2007 an?

Programm f√ľr die Pr√§sentation und Diskussion der Gruppenarbeiten

(zoon politicon) Am kommenden Freitag besprechen wir die Gruppenarbeiten, die Sie eingereicht haben. Wir behandeln 4 Themen, und zwar in der nachstehenden Reihenfolge:

1. “Der aus Christoph Blochers Abwahl resultierte Blocher-Effekt -. gibt es den?”
2. “Der Sieg der SVP im Kanton St. Gallen”
3. “Steigt die Parteitreue der SVP-W√§hler seit der Bundesratswahl 2007 an?”
4. “Abstimmungshypothesen als Prognoseinstrument: Anwendung am Beispiel zweier Initiativen in der Schweiz”

Ihre m√ľndliche Pr√§sentation soll auf dem Arbeitspapier beruhen. Pr√§sentieren Sie in genau 20 Minuten

. ihre Fragestellung
. ihr Design
. die Hypothese(n)
. die verwendeten Daten
. die verwendeten statistische Verfahren
. die Befunde
. die Diskussion der Hypothese(n) und
. ihre Antworten auf ihre Fragestellung.

Jede Gruppe beurteilt zudem eine andere Gruppenpr√§sentation. Die Beurteilung soll 5-10 Minuten gehen. Sie brauchen dazu das Arbeitspapier nicht zu kennen; vielmehr sollen Sie ihre Kritik zur m√ľndlichen Pr√§sentation machen und auf drei Punkte ausrichten:

. Sind die Ergebnisse √ľberraschend/erwartbar, aufschlussreich/banal?
. Ist ihre Herleitung √ľberzeugend/wenig √ľberzeugend, nachvollziehbar/nicht nachvollziehbar?
. Ist die Präsentation verständlich/nicht verständlich und kommt sie zum Punkt/nicht zu Punkt?

Wir bilden hierzu folgende Teams: Gruppe 1 (von oben) beurteilt Gruppe 3 und umgekehrt, Gruppe 2 beurteilt Gruppe 4 und umgekehrt.

Anschliessend diskutieren wir jede Gruppenarbeit 5-10 Minuten im Plenum, und ich geben zum Schluss meine Beurteilung bekannt (5-10 Minuten).

Jeder Zyklus geht so rund 45 Minuten; danach wechseln wir das Thema und die Rollen. Ich freue mich jetzt schon!

Claude Longchamp