Archive for the 'IPW Uni Zürich' Category

Auf Vortragstournee

Meine Vorträge der Herbst/Winter-Saison 2010 stehen vor der Tür. Hier eine Uebersicht, zu was ich in diesem Jahr in Vorträgen oder Kursmodulen noch sprechen werde.

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“Woher kommt die Schweiz, was ist sie, und wohin treibt sie?” Diesen Fragen gehe ich zahlreichen Vorträgen und Kursen bis Ende Jahr nach.

Für 2010 ist mein Haus voll. Was ich 2011 mache, werde ich bald einmal entscheiden. Sicher stehen da Theman aus dem Wahljahr im Vordergrund.

Referat und Kurse Herbst/Winter 2010

10./11. September 2010: “Demoskopie und Oeffentliche Meinung”, Kursmodul im CAS Politische Kommunikation der Zürcher Hochschule Winterthur

24. September 2010: “Wahlen: Betätigungsfeld von PolitologInnen am Beispiel der Schweizer Bundesratswahlen”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

29. September 2010: “Entstand die Schweiz 1291? Eine Provokation”, Referat zum fulehung vor dem Mittelalterverein Thun

1. Oktober 2010: “Das Parteiensystem der Schweiz und in europäischen Staaten: politologische, soziologische und historische Herleitungen”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

8. Oktober 2010: “Alles nur noch Eigennutz? Möglichkeiten und Grenzen von “rational choice” Modellen als Erklärungsansätze für das Wahlverhalten”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

15. Oktober 2010: “Individuen oder Gruppen? Wahlentscheidung im Lichte der Sozialpsychologie”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

22. Oktober 2010: “Vom Sein und Schein der Wahlen in der Mediengesellschaft”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

25. Oktober 2010: “Verschwinden die Mittelschichtsfamilien in der Schweiz?”, Referat vor dem BürgerInnen-Forum Kirchberg

27. Oktober 2010: “Lobbying. Eine neue Form der politischen Einflussnahme bahnt sich ihren Weg”, Kursmodul im CAS Medienarbeit des MAZ.Die Schweizer Journalistenschule

29. Oktober 2010: “Selects. Das Wahlprojekt der Grundlagenforscher in der Schweiz im Spiegel der internationalen Forschung”,

31. Oktober 2010: “Die Zukunft des politischen Sytems der Schweiz”, Beitrag an der Jugendparlamentskonferenz

4. November 2010: “Direkte Demokratie in der Schweiz und anderswo” (Titel provisorisch), Referat an der Weiterbildungstagung der Bernischen MittelschullehrerInnen

4. November 2010: “Schweizer Werte. Ein übergeordnetes Wahlkampf-Thema 2011?”, Referat vor der FDP Baselland

5. November 2010: “Wahlbarometer. Das Wahlforschungsprojekt der SRG”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

12. November 2010: “Politische Partizipationsforschung: Wer entscheidet bei Schweizer Wahlen und Abstimmungen?”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

18. November 2010: “Politische Theorie – wozu?”, Kursmodul im Rahmen des Politiklehrgangs des Berner Bildungszentrums für Wirtschaft

19. November 2010: “Europa-Abstimmungen in der Schweiz: Was man aus Abstimmungsergebnisse und -analysen über den Willen der Bürgerschaft ableiten kann”, Kursmodul im Rahmen des Politiklehrgangs des Berner Bildungszentrums für Wirtschaft

19. November 2010: “Sind Abstimmungsprognosen eine Wissenschaft?”, Referat bei der Naturforschenden Gesellschaft Winterthur

26. November 2010: “SRG Trends: Eine Bilanz zu Abstimmungsuntersuchungen vor Volksabstimmungen”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

3. Dezember 2010: “Warum wer wie stimmt? Die VOX-Analysen als Instrument der Nachanalyse von Schweizer Abstimmungsentscheidungen auf der BürgerInnen-Ebene”, Kursmodul im Rahmen der Lehrveranstaltung Wahlforschung an der Uni Zürich

7. Dezember 2010: “Die Schweiz, das Land, die Städte – richtige oder falsche Prioritätensetzung?”, Referat vor dem Rotary Club Bern

Auf zur neuen Wahlforschung!

Zum zweiten Mal in Folge werde ich im Herbstsemester 2010 an der Universität Zürich die Vorlesung zur Wahlforschung halten: eine grosse Herausforderung für einen Praktiker der Forschung im Tummelfeld der Theoretiker zu bestehen!

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Lichthof Hauptgebäude Uni Zürich, wo ich im Herbstsemester wieder unterrichten werde

Die erste Austragung der Vorlesung war ein voller Erfolg. Mehr als 50 Studierende kamen zu dieser (nicht-obligatorischen) politikwissenschaftlichen Veranstaltung. Ihr Feedback war überwiegend positiv. Gelobt wurden der gebotene Stoff, die Art der Präsentation während den Vorlesungsstunden, und der Bogen von der Theorie zur Praxis. Begeistert war man von den Bezügen zur Aktualität, zu Beginn der Stunden – wenn sie auch gelgentlich zu lange waren. Wie überhaupt, die Menge der Unterlagen und Themen, die angesprochen wurden wohl etwas zu gross waren.

Nun bekomme ich im Herbstsemester eine gute Gelegenheit, die Schwachpunkte anzugehen und die Starkpunkte auszubauen. Dafür habe ich den besten Prüfling der erster Runde, (Blogger) Simon Lanz, angestellt. Er überarbeitet gegenwärtig alle Unterlagen aus Sicht eines Lernenden.

Am 24. September beginnt die Vorlesung. Der Einstieg wird den Bundesratswahlen gewidmet sein, konkret der Frage, wie man sie gesamtgesellschaftlich analysieren, im politischen System verorten kann, und welche Beweggründe die ParlamentarierInnen die eine oder andere Kandidatur favorisieren lassen. Frischeres Material dafür kann man nicht haben.

Der erste Teil der anschliessenden Semesterveranstaltung wird den theoretischen Ansätzen gewidmet sein, wie sie in den verschiedenen Sozialwissenschaften entwickelt worden sind, um die Ausprägung von Parteiensystem zu untersuchen, ökonomische und psychologische Elemente im Wahlverhalten zu bestimmen, und die Transformation von Wahlkämpfen in der sich abzeichnenden Mediengesellschaft zu bestimmen.

Der zweite Teil wird sich mit der doppelten Praxis beschäftigen: der Grundlagenforschung einerseits, die von UniwissenschafterInnen betrieben wird, um sich bestehende Theorie zu testen, und der Anwendungsforschung anderseits, die mit dem Zweck betrieben wird, die im vielfältiger werdenden Realitäten zu untersuchen. Dabei werde ich mich, anders als das erste Mal, nicht fast ausschliesslich auf Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlentscheidungen konzentrieren, sondern, ausgehend vom Schweizer Beispiel, Abstimmung und Wahlen etwa gleichwertig behandeln. Der Ausblick wird den Wahlen 2011 gewidmet sein: der Neubestellung des Parlamentes und – nicht zu vergessen, der Regierung!

Ich freue mich auf die grosse Herausforderung, eine zeitgemässe, spannende und fliessende Vorlesung an der Universität Zürich halten zu können.

Claude Longchamp

“Protestkampagne” ja, “soziale Bewegung” nein!

Pause. Zwischen zwei Vorlesungen eine Viertelstunde Unterbrechung. Zeit für einen kleinen Schwatz mit StudentInnen in den Gängen der Universität Zürich, wo die Securitas an uns vorbei patroulliert. Unweigerlich setzt das Gespräch bei den StudentInnen-Protesten der letzten Tage an. Einige Notizen zum Thema.

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Es gäbe Missstände mit der Umsetzung von Bologna – etwa für Studierende, die arbeiteten, sagt mein Gegenüber. Der Zwang zur Prüfung beschleunige das Studium, sei aber unter StudentInnen unbeliebt, fügt er hinzu. Diese Unzufriedenheit werde nun von linken Gruppen instrumentalisiert; bürgerliche Studentengruppen würden da nicht mitziehen.

Nach meinem Besuch vor einer Woche bei den Demonstrierenden sei ich erstaunt gewesen, entgegne ich, wie harmlos das Ganze sei. Der Diskurs sei sachbezogen, anders als es die Konfrontation mit dem Rektor war. Von einer tiefgreifenden Revolte, wie ich sie selber in den 70ern noch erlebt habe, würde man nicht viel merken. In der Stadt spreche man kaum über das, was in der Uni passiere.

Schlug da mein romantisierender Blick auf meine eigene Studentenzeit durch, frage ich mich, als ich im Zug sitze? – Und schlage die herumliegende “Zeit” auf. Dieter Rucht, 63, bekannter Soziologe in Berlin, analysiert das Geschehen an den deutschen Universitäten wie folgt: Von Sozialer Bewegung mag er nicht mehr sprechen. Die Arbeiterbewegung oder die Bürgerrechtsbewegung hätte eine andere Gesellschaft gewollt. Die Studierenden von heute forderten bessere Studienbedingungen. Protestkampagnen seien das, wie man sie seit einige Jahren an den Unis kenne.

Es protestierten heute nicht weniger als früher. Was aber fehle, sei der provokative Gestus. Früher hätten die Studenten schnell mal alle gegen sich gehabt, die Polizei, die Wasserwerfen, die Springerpresse. Das habe sie radikalisiert, charismatische Persönlichkeiten an der Spitze der Proteste hervorgebracht und sie zu einer Bewegung mit politischen Ziele geformt.

Rucht schätzt, die Studentenproteste hätten seit den späten 80er Jahren eine neue Qualität erhalten. Sie seien pfiffig, seien ein wenig, aber nicht zu frech, denn sie stellten die Frage nach der besten Bildung, was durchaus im Einklang mit bürgerlichen Werten stehe. Trotz abstrakter Kritik am Neoliberalismus, interessierten konkrete Sachen wie andere Lehrverhältnisse, bessere Ausstattungen und mehr ProfessorInnen. Das sichere ihnen die Unterstützung eines Teiles der UniversitätslehrerInnen und BildungspolitikerInnen zu.

Die Stellungnahme von Kurt Imhof, dem Zürcher Soziologie-Professor, passt gut dazu. “Reinfuttern, rauskotzen, und vergessen” ist wohl etwas zugespitzt, trifft aber die Stimmung, welche die Studierenden in der Uni mobilisierte. “Raustreten, umkrempeln, und hoffen” hält auch der Sympathisant der Studentenproteste nicht für die Schlagworte der Zeit.

Claude Longchamp

The “state of the art” in der akademischen Wahlforschung der Schweiz.

Die 10. Zürcher Vorlesung zur Wahlforschung war dem Stand der Dinge in der Schweiz gewidmet. Ausgangspunkt bildete das grösste akademische Wahlforschungsprojekt selects, das seit 1995 betrieben wird.

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Wahlentscheidung und Alter 2007: Bis 50 lassen sich politischen Generationen erkennen, darüber hinaus dominieren Lebenslaufeffekte mit Rechtstendenz

Beeindruckend am selects Projekt ist vor allem die Datenlage. Die repräsentativen Nachbefragungen basieren auf einer Grosszahl Interviews, die nationale, teilweise auf kantonale Aussage erlauben. Zu den für mich wichtigsten Forschungsergebnissen zählen insbesondere Erkenntnisse zur Altersabhängigkeit von Wahlentscheidungen. Denn in ihnen reflektiert sich bis heute die jüngere Zeitgeschichte der Schweiz. Wählende zwischen

… 18 und 24, in der Jetztzeit sozialisiert, kennen einen überdurchschnittliche SVP-Anteil;
25 und 44, in der Zeit nach dem Waldsterben politisiert, unterstützen über dem Mittel die Grünen.
35 und 54, durch den Aufburch der 68er geprägt, neigen mehr als der Schnitt zur SP.

Das sind nicht nur die Parteien, die sich elekotral am stärkersten erneuert haben; es sind auch die, welche Denk ihrer Verankerung in neuen politischen Generationen WählerInnen-Gewinne verzeichnen konnten. Bei der SP ist der Zyklus offensichtlich ausgelaufen, während er bei Grünen nicht mehr erneuert, bei der SVP aber ungebrochen anhält. Bei CVP und FDP lassen sich entsprechende Phänomene nicht, allenfalls nicht nicht erkennen.

Nebst solche Stärken kennt die akademische Wahlforschung in der Schweiz auch Schwächen. Unverändert stark ist ihre Ausrichtung an den länger- und mittelfristigen Determinanten von Wahlentscheidungen. Die kurzfristigen Einflüsse, namentlich jene, die sich aus dem Wahlkampf ergeben, werden noch immer kaum untersucht. Das gilt speziell für stark medialisierte Monente des Wahlkampfes wie zentrale Fernsehsendungen im Vorfeld der Wahl. Es gilt aber auch generell für Veränderungen der Meinungsbildung in der Mediengesellschaft, die durch Personalisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung geprägt wird, während die sich die schweizer Wahlforschung unverändert an Sachthemen als Wahlhilfen ausrichtet.

Datenmässig darf sich die Wahlforschung in der Schweiz nicht mehr ausschliesslich oder vorwiegend auf Nachanalysen und KandidatInnenbefragungen stützen. Medienanalysen und Trendbefragung müssen hinzu genommen, um die Dynamiken des jeweiligen Wahlgeschehens besser verstehen zu lernen. Wünschenswert wären zudem Panelbefragungen, welche die kurfristige Meinungsbildung bei einer Wahl untersuchen würden, aber auch die biografische Entwicklung der politischen Entscheidungen auf Dauer untersuchen würden.

Namentlich der Vergleich von Studiendesigns der Wahlforschung in der Schweiz und etwa jener in Deutschland zeigt, dass die Schweiz den Anschluss an die internationalen Trends immer noch sucht.

Claude Longchamp

Der Superwahlkampf der SVP.

Die SVP gewann die Nationalratswahlen 2007 mit dem historisch besten Ergebnis einer schweizerischen Partei seit Einführung des Proporzverfahrens für die Bestellung der Volksvertretung. Eine Analyse der Wirkungsfaktoren im Wahlkampf-Benchmark präsentierte ich während meiner achten Vorlesung zur Wahlforschung an der Uni Zürich.

28,9 Prozent der Stimmen entfielen bei den Nationalratswahlen 2007 auf die SVP. Damit etablierte sich die Partei in einer Liga, in der nur noch sie figuriert. Einzigartig war auch ihr viel bestaunter und viel kritisierter Wahlkampf

Ergebnisse der dynamischen Wirkungsanalyse
Eine Wirkungsanalyse anhand der Wahlbarometer-Umfragen zeigt in einer für die Schweiz erstmals untersuchten dynamischen Betrachtungsweise, was und wann davon mobilisierend und identifizierend war:

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Für grösseres Bild auf Grafik klicken.

Demnach waren für die WählerInnen konstant wichtig, dass sich die Partei klar rechts positionierte. Förderlich wirkte sich die hohen Identifikationsangebote insbesondere mit dem Parteipräsidenten Ueli Maurer aus. Und auch der allgemeine Eindruck, den besten Wahlkampf zu führen, überzeugte die WählerInnen.

Doch das erklärt nicht, warum sich die Kampagne der SVP in Fahrt kam. Das Geheimnis erhellen kann man erst aus der Konstellation der variablen Erklärungsansätze.

Zwei Themen zeigten vor allem im Sommer 2007 Effekte: die Debatte über die kriminelle Ausländer der Einsatz für Sicherheit in der schweizerischen Gesellschaft stärkten im August die Vorstellung der SVP als themaktivste Partei. Das verschaffte ihr nicht nur ein Profil, wie es bis am Schluss keine andere Partei kannte. Es definierte auch das Klima, in dem der mediale Wahlkampf schliesslich stattfand.

Dieser focussierte erst mit dem Geheimplan für die Abwahl von Christoph Blocher wirklich auf die SVP, weil die Ereignishaftigkeit des Dramas der Medienlogik entgegen kam. Im gleichen Zeitfenster intensivierte die SVP das kommerzielle Politmarketing weit über das Mass aller anderen Parteien hinaus.

Die Ausrichtung der Kampagne auf die Wiederwahl Blochers, die für die weltanschaulich geprägten WählerInnen bereits genügend zu erhalten hatte, brachte schliesslich die Oeffnung zu Wählenden, für weniger Themen, mehr aber Personen wichtig sind.

Kritisch war die Lage nur während der Manifestation in Bern, die eskalierte und dardurch die Medienaufmerksam nochmals einengte. Doch sicherte gerade die mediale Verarbeitung dieses Ereignisses die Verbindung der emotionalisierten Wählerschaft mit der Partei.

Vorläufige Bilanz
Drei der in der Mediengesellschaft massgeblichen Kriterien des Wahlerfolgs wurden fast ausschliesslich durch die Kampagne der SVP bestimmt: die Themenführung und die Personenorientierung lagen klar bei ihr, und das Meinungsklima weitgehend durch sie bestimmt.

Die Befindlichkeit der Wählenden war so emotional produktiv angespannt, was die Mobilisierung beförderte. Gebtrieben war die Dynamik des Wahlkampfes durch die Medien, welche die SVP nicht eindeutig favorisierten, ihr aber mehr Raum als allen anderen einräumten. Geformt wurde der Prozess zudem durch die intensivsten Aufwand während der Kampagne.

Insgesamt stiess diese für schweizerische Verhältnisse in neue Dimensionen vor, weshalb man sie auch als “Superwahlkampf” bezeichnen kann.

Claude Longchamp

Wahlen in der Mediengesellschaft: gerade in der Schweiz ein Forschungsthema wert.

Die siebte Zürcher Vorlesung zur Wahlforschung, die ich an der Universität Zürich hielt, beschäftigte sich mit dem Forschungsfeld “Wählen und Wahlen in der Mediendemokratie”. Gerade hier zeigte sich, sie wie gross die Forschungslücken hierzulande sind.

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Medialisierte Impressionen aus dem Wahlkampf 2007

Noch ist es umstritten, ob wir in einer Mediendemokratie leben. Otfried Jarren, der führende Medienwissenschafter der Uni Zürich, scheint das zu bejahen, denn er schreibt bereits Lehrbücher zur politischen Kommunikation in der Mediendemokratie. Und Benjamin Weinmann die Professionalisierung, Emotionalisierung und Personalisierung der politischen Kommunikation bei Schweizer Wahlen für ein Fakt, sodass man von einer erheblichen Modernisierung der Wahlkampfkommunikation sprechen könne.

Meine Beurteilung ist differenziert: Ich bin der Auffassung, dass sich die Kommunikationskulturen vor allem bei Abstimmungen und Wahlen im Sinne eines mediengesellschaftlichen Trends entwickeln. Doch die Institutionen der Schweizer Wahlen machen diese Entwicklung kaum mit, sodass eine Neutralisierung der Veränderungen stattfindet.

Das sieht man etwa beim Werbeaufwand der Parteien, bei ihren Medienkampagnen, bei der Wahlberichterstattung der Massenmedien: Parteien werden auf SpitzenkandidatInnen reduziert, Information durch Emotionsmanagement abgelöst und die Milizler in Wahlkampagnen werden mehr und mehr durch Profis ersetzt. Und dennoch: Es finden keine Bundesratswahlen statt, die Wahlkreise sind unverändert die Kantone und die politische Werbung in Fernsehen und Radio der SRG bleiben untersagt. Das alles spricht für ein “stop an go” der mediengesellschaftlichen Trends in der Schweiz.

Die Wahlforschung scheint aber selbst die Mischung von traditionellen und modernen Elementen der Wahlkampfkommunikation auszublenden. Werden Analyse auf der Mikro-Ebene durch solche der Meso- oder Makro-Ebene ergänzt, konzentriert man sich vorwiegend auf die Kampagnen von Parteien und KandidatInnen. Medienkampagnen wurde noch fast nirgends untersuch oder nicht in den Zusammenhang mit den Wahlergebnissen gestellt.

Schade, denn es gibt offensichtlich interessante Fragestellungen, die noch weitgehend unbeackert sind. Drei erwähne ich hier:

. Die Wahkampfausgaben 2007, soweit sie sich Dingfest machen lassen, variieren fast linear im Links/Rechts-Spektrum. Am meisten gab der Wahlsieger, die SVP, aus
. Der Vergleich der Parteistärken bei nationalen und kantonalen Wahlen spricht dafür, dass die SVP klar verschieden gut abschneidet. National kommt sie auf annähernd 29 Prozent, kantonal im Schnitt auf 22 Prozent.
. Der Wahlkampf der SVP 2009 entspricht dem, was meinen Superwahlkampf nennen könnte. Er setzte wie der keiner anderen Partei auf Themen, Emotionen und Personen. Und erreichte ein eindeutige Propaganda-Dominanz.

Ich will hier kein Plädoyer für einfache und einseitige Zusammenhänge halten. Denn ich weiss, dass die Grünen finanziell keinen aufwendigen Wahlkampf führten und dennoch bei den Parlamentswahlen 2007 zulegen konnten. Ich werbe aber dafür, 2011 klar mehr Energie und Mittel in die Erforschug der Zusammenhänge zwischen Medienarbeit einerseits und Wahlergebnissen anderseits zu investieren – auch seitens der Wissenschaft. um empirisch gehaltvolle Fallstudien zu bekommen, welche die Diskussion der übergeordneten Fragestellungen erlauben.

Claude Longchamp

Ab- und Aufbau von Parteibindungen.

Die sechste Zürcher Vorlesung zur Wahlforschung behandelte die Dealignment/Realignment-Perspektive in der Analyse von Parteien. Ich halte das für den besten Ansatz, um mittelfristige Veränderungen in den Voraussetzungen von Wahlergebnissen zu verstehen.

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Bei aller Kritik, die das sozialpsychologische Konzept der Parteiidentifikation zwischenzeitlich erfahren hat: Die “emotionalen Mitgliedschaft” in Parteien bleibt eine entscheidende Verhaltensgrösse bei Wahlen. Sie ist aber weniger konstant, als man lange meinte. Und sie ist nicht die einzige individuelle Entscheidungsgrösse.

Dealignment: Abbau von Parteibindungen
Zahlreiche Studien vor allem von Russel Dalton, der Messungen der Verbreitung von Parteiidentifikation länderübegreifend verglichen hat, dass diese insgesamt zurückgehen. Er nennt das dealignment, zu Deutsch Erosion von Parteibindungen. Immer mehr BürgerInnen haben keine Parteibindung mehr, weil sie auch ohne solche politisieren können und wollen, oder weil sie sich für (Parteien)Politik nicht interessieren. Extrapolitiert man das, kommt man zum Schluss, dass sich eine Politik ohne Parteien etablieren wird.

Realignment: Aufbau von Parteibindungen
Dem muss man jedoch die dealignment-Perspektive, die der Neueinbindung gegenüber halten. Diese Neueinbindung kann taktischer Natur sein; sie kann sich in kritischen Wahlen äussern oder durch Wahlrechtsänderungen ausgelöst werden. Aus meiner Sicht entscheidend ist aber eine vierte Begründung: Die Neueinbindung von Menschen durch mittelfristige Prozesse wie die Verarbeitung von neuen Konflikten über eine Wahl hinaus.

Bei ErstwählerInnen ist das selbstredend. Der Aufbau von Parteibindungen bei Frauen kommt hinzu. Schliesslich weiss man, dass sich ausgehend von höheren Bildungsschichten neue Muster im Verhältnis von BürgerInnen und Parteien zeigen.

Das Beispiel Schweiz
Das Beispiel der Schweiz ist typisch für einen Realignment-Zyklus über eine Wahl hinaus. Zwar sank der Anteil parteigebundener Menschen grob gesprochen zwischen 1980 und 2000 von knapp 50-60 Prozent auf rund 30 Prozent. Seither nehmen die Anteile Parteigebundener aber wieder zu, sodass wir heute wieder annähernd gleich viele Parteibindungen kennen wie vor 30 Jahren.

Allerdings sind die neuen Parteienbindungen nicht die alten. Sie sind rund um die Verarbeitung neuer Fragestellungen entstanden. Erwähnt seien der Postmaterialismus oder der Nationalkonservatismus. Profitiert haben davon die SVP einerseits, die Grünen, zeitweise auch die SP anderseits. Neueinbindungen haben zunächst an den Polen stattgefunden. Der Prozess scheint nun an ein Ende zu gelangen. Das eröffnet im Zentrum neue Möglichkeiten, wie sich an der Entstehung neuer Parteien Mitte-Links und Mitte-Rechts zeigt, die neue Partei-Ein-Bindungen repräsentieren.

Wer weiss, vielleicht erfasst diese Entwicklung bald auch die Mitte!

Claude Longchamp

Wählen – aus der Sicht der Sozialwissenschaften

In meiner Zürcher Vorlesung zur Wahlforschung geht es gegenwärtig um die Theorie des Wählens. Vier verschiedene Annäherungen kommen zur Sprache: soziologische, psychologische, ökonomische und kommunikative Ansätze beleucht den individuellen Wahlakt aus verschiedenen Blickwinkeln. Eine kurze Uebersicht.

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Die Soziologie hält die Familie für den wichtigsten Ort der politischen Sozialisation. So wie die Eltern wählen, so sind auch die Vorgaben für die Jugendlichen. Denn man fühlt sich im Milieu, in das man hineingeboren wurde, in der Regl wohl. Man weiss darum, beispielsweise aus eine katholischen Haus zu kommen oder aus der Arbeiterschaft, dem Bürgertum resp. ist bei den Bauersleuten gut aufgehoben und drückt das mit einer über Generationen unveränderten Parteiwahl aus. Mobilität wiederum ist der wichtigste Grund für Aenderungen in der Wahltendenz aufgrund der Herkunft. Das beginnt mit der Schule, setzt sich eventuell in einem Studium fort, für das man in eine entfernte Stadt geht, neue Lebensweise kennen lernt und sich, vor allem wenn man sich als neue Generation versteht, politische ausrichtet.

Die Psychologie hat uns das Konzept der Parteiidentifikation nahegebracht. Beträchtliche Anteile der Wählenden gehen eine länger anhaltende, bisweilen lebenslange Bindung mit einer Partei ein. Sie wird als psychologische Parteimitgliedschaft verstanden. Diese Bindung ist primär emotionaler Natur. Greift die eigene Partei an, geht man mit; wird sie angegriffen, steht man schützend vor sie. Dies vereinfacht auch den Wahlentscheid, denn der wird nicht von Mal zu Mal gefällt, sondern aufgrund der Parteibindung. Themen, welche die bevorzugte Partei im Wahlkampf vorbringt, aber auch KandidatInnen, die sie zur Auswahl stellt, können die vor vorgeformte Wahlbereitschaft in einer konkreten Situation aktualisieren.

Die Oekonomie interessiert sich vor allem dafür, wie Wahlentscheidungen zwischen zwei gegensätzlichen KanidatInnen oder Parteien zustande kommen. Sie gehen davon aus, dass die WählerInnen ihre Mittel bei der Wahl optimal einsetzen wollen. Sie entscheiden sich, wie sie die Regierungsbildung mit ihrer Stimme am besten einsetzen können. Dabei gehen sie von thematischen Präferenz aus, aufgrund derer sie sich über die Parteienstandpunkte informieren, um sich dann für die Partei resp. die KandidatIn zu entscheiden, die ihnen positionsmässig am nächsten steht. Wirtschaftsthemen wie Arbeitslosigkeit, Inflation, Wachstum sind dabei die entscheidenden Kriterien der Parteiauswahl.

Die Kommunikationswissenschaft interpretiert die Wahlentscheidung als Prozess, während dem die Wählenden vorwiegend medial verfügbare Informationen über Parteien und KandidatInnen verarbeiten. Sie machen das aber nicht als unbeschriebene Blätter, sondern auf der Basis einer Grundlinie, die ihre Herkunft, ihre Werte und ihre Interessen reflektiert. Parteien und KandidatInnen, die in einer bestimmten Situation zur Auswahl stehen, lassen diese Grundlinie oszillieren, verleihen ihr Gestalt, geben ihre Farbe und Inhalt. In der Regel sind bei diesem Meinungsbildungsprozess die Netzwerke im eigenen Umfeld entscheidend. Je weniger über Politik aber geredet wird, umso wahrscheinlicher ist es, dass die Medienpräsentationen selber die Wahlentscheidungen prägen.

Soweit die vier Zugänge, jedenfalls auf der Ebene der Individuen! Ueber die Konsequenzen für die Parteien bald mehr.

Claude Longchamp

Klassiker der Wahlforschung:
Paul Lazarsfeld et. al. (1944): The People’s Choice. New York.
Angus Campbell et. al. (1960): The American Voter. New York.
Downs, Antony (1957): A Economic Theory of Democracy. (deutsch.: Oekonomische Theorie der Demokratie, 1968).
Schmitt-Beck, Rüdiger (2000). Politische Kommunikation und Wählerverhalten, Ein internationaler Vergleich. Wiesbaden.

Als Einführung:
Bürklin, Wilhlem, Klein, Markus (1998): Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung. 2. Auflage.

Der schweizerische Nationalkonservatismus in der Gestalt der SVP

Die vierte Zürcher Vorlesung zur Wahlforschung war der Entstehung und Transformation von Parteiensystemen in Europa gewidmet. Mit Bezug auf die schweizerische Gegenwart war der Nationalkonservatismus ein zentrale Thema, das von der politischen Philosophie wie auch der massenmedialen Publizistik mehr behandelt wurde als von der Politikwissenschaft.

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Nationkonservatismus wird meist als Sammelbegriff für verschiedene politische und gesellschaftliche Bewegungen innerhalb des Konservatismus verwendet. Ihren gemeinsamen Kern haben sie im Streben nach einem unabhängigen Nationalstaat, und ihr wichtigster politischer Programmpunkt ist die Ablehnung der Einwanderung.

Parteipolitisch gesehen ist der Nationalkonservatismus verschiedenerorts zu Hause: bei den amerikanischen Republikanern und bei den britischen Tories findet man ihn. Ohne Zweifel hat er gerade im alpinen Raum breiten Rückhalt. Das gilt etwa für die österreichische BZOe, die (vormalige) italienische Alleanza nazionale und die Schweizerische Volkspartei. Anti-europäische Haltungen sind gerade in diesen Parteien stark verankert; nationale oder regionale Identitäten werden von Nationalkonservativen als wichtigste Barrieren gegen supra- und internationale Organisationen gesehen, die mit der zugelassenen Migration die Eigenheiten der nationalen und regionalen Kulturen bedrohen. Nicht selten geht der Nationalkonservatismus Verbindungen zu religiösen Strömungen ein, welche die christlichen Werte der westlichen Gesellschaft verteidigen. Gerne kennt er auch Schriftstellern und Intellektuellen Anhänger.

Selber verwende ich den Begriff seit den Wahlen 1999 um die weltanschauliche Entwicklung der SVP zu charakterisieren. Themen wie die Ueberfremdung der Schweiz, der schleichende EU-Beitritt, Probleme im Asylwesen und Missbräuche in den Sozialversicherungen haben der ehemaligen Mittelstandspartei eine neue Identität gegeben, Wahlsiege und Macht gebracht, konservativen Gesellschaftsvorstellungen Auftrieb verliehen und den politischen Stil in der Schweiz durch einen anhaltenden Rechtspopulismus verändert.

Diese Perspektive bevorzuge ich gegenüber der des (alpinen) Rechtsextremismus resp. des Rechtsautoritarismus. Zwar zeigen sich Elemente, wie sie etwa Herbert Kitschelt für die Analyse neuer Strömungen im Parteiensystem herausgearbeitet habt, auch innerhalb der SVP. Und es ist unbestritten, dass sich die SVP als Gegenpol zu linkslibertären Strömungen versteht, wie es Kitschelt in seiner Erweiterung der klassischen Links/Rechts-Achse durch Weltanschauungen herausgearbeitet hat, die für die Gewinner und Verlierer des Globalisierungsprozesses typisch sind.

Doch verstellt die Rechtsextremismus-Analyse den Blick auf das Entscheidende an der Transformation der SVP. Denn anders als der Rechtsextremimus, der durch seine Programmatik in der Regel nur Aussenseiter und Minderheiten anspricht, ist der Nationalkonservatismus eine populäre Strömung innerhalb der Wählerschaft, die sich in einer breiten Unterstützung einer restriktiven Asylpolitik ausdrückt, die den Patriotismus bürgerlicher Parteien kontert und die namhafte Teil der Unterschichten anspricht. Typischer als antidemokratische Haltungen der Rechtsextremen sind bei der SVP zudem staatskritische Positionen aufgrund der propagierten Eigenverantwortung und geforderten Steuersenkungen, die eher dem liberalkonservativen Spektrum zuzurechnen sind.

Zu den Eigenheiten der SVP gehört aber, dass sie sich gegen politischen Bewegungen zwischen dem Nationalkonservatismus einerseits, dem Rechtsextremismus anderseits offen erweist, um das Entstehen einer Partei rechts von ihr zu verhindern. Das ergibt sich aus der Grösse und Funktion der Partei, die zwischenzeitlich am meisten Wählende in der Schweiz hat und die – anders als die Republikaner in den 70er Jahren – für sich beanspruchen kann, das rechtskonservative Spektrum alleine abzudecken.

Claude Longchamp

Literatur:

Analysen des Nationalkonservatismus in der Schweiz
Claude Longchamp (2000): Die nationalkonservative Revolte in der Gestalt der SVP. Eine Analyse der Nationalratswahlen 1999 in der Schweiz, in: Fritz Plasser/Peter A. Ulram/Franz Sommer (Hg.): Das österreichische Wahlverhalten. Wien: WUV, 393-423
Hanspeter Kriesi (u.a.) 2005: Der Aufstieg der SVP. Acht Kantone im Vergleich, Zürich: NZZ-Verlag

Vergleichende Analysen des Rechtspopulismus
Hans-Georg Betz 2001: Exclusionary Populism in Austria, Italy, and Switzerland, in: International Journal 56: 393-420
Oscar Mazzoleni: Nationalisme et populisme en Suisse. La radicalisation de la ‘nouvelle’ UDC. Lausanne 2003

Vergleichende Analysen des alpinen Rechtsradikalismus

Anthony J. McGann/Herbert Kitschelt 2005: The Radical Right in the Alps. Evolution of Support for the Swiss SVP and Austrian FPÖ, in: Party Politics 2/2005: 147-171

Zur Verortung von Grundlagen- und Anwendungsforschung in den Sozialwissenschaften

Die heutige dritte Vorlesung an der Universität Zürich zur Wahlforschung war der Wissenschaftstheorie und -praxis gewidmet. Dabei stellte ich ein Schema vor, das ich speziell zur Verortung von Grundlagen- und Anwendungsforschung in den Sozialwissenschaften entwickelt habe.

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Karl Popper Wissenschaftstheorie bildet den Ausgangspunkt. Wirklichkeit und Wissenschaft werden getrennt. Wissenschaft ist der Wahrheitssuche verpflichtet. Dabei nähert sie sich der Realität heuristisch an. In dieser Phase müssen fehlerhafte Beobachtungen und widersprüchliche Konsequenzen ausgeschlossen werden. Was sich darüber hinaus bewährt, wird verallgemeinert. Etablierte Theorien zeichnen sich dadurchaus, dass sie in der Regel Ableitungen zulassen, die Prognosen liefern, welche mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Doch bin ich nicht bei der klassischen Zweiteilung von Induktion und Deduktion stehen geblieben. Vielmehr habe ich die Logik der Forschung nach dem deutschen Soziologen Volker Dreier viergeteilt, der die Wissenschaftspraxis untersucht hat. Demnach kommen die Konstruktion und Reduktion hinzu. Denn die Beobachtung der Forschung selber zeigt, dass die Induktion nur zu brauchbaren Hypothesen führt, auf denen eigentliche Theorien konstruiert werden müssen. Und die Deduktionen sind selten so trennschaf, dass sie ohne Reduktionen der entwickelten Vielfältigkeit zu eindeutigen Ergebnissen führen. Das Erste ist eine Präzisierung der Arbeit in der Grundlagenforschung, das zweite in der Anwendungsforschung.

Damit bin ich beim eigentlichen Zweck des Schema. Die Grundlagenforschung, meist von akademischen ForscherInnen betrieben, beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung von Theorien. Dabei setzt sich zunächst auf die Falsifikation von Irrtümern, zusehens aber auf die Bestätigung und Verfeinerung von an sich bewährten Hypothesen. Minimales Ziel ist die Erklärung von bestehenden Sachverhalten, maximales die Prognose neuer Zustände oder Trends. Die Anwendungsforschung übernimmt diese zwei Operationen, erweitert sich aber durch zwei andere Kompetenzen: die Beschreibung des Ist-Zustandes einerseits, die Deutung dessen, was ist anderseits. Beides kommt dann zum Zug, wenn es um Realitätsausschnitte geht, für die noch keine gesicherten Theorien bestehen. Das ist so, ob ausseruniversitäre oder universitäre WissenschafterInnen angewandt forschen.

Claude Longchamp