Archive for the 'Linkbesprechungen' Category

politReport spiegelt die Schweizer e-Medien

“Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der hĂ€ufigst zitierte Politiker im ganzen Land?” So etwa lautet das Motto des neuen politReport zur Schweizer Politik im Internet.

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PrÀsenz der BundesratskandidatInnen in den Schweizer e-Medien gemÀss politreport.

Seit diesem Jahr gibt es auf dem Web eine neue Dienstleistung zu Politik und Medien. UrsprĂŒnglich fĂŒr Deutschland konzipiert, existiert auch in der Schweiz ein Ableger der politReports. Seit FrĂŒhling 2009 ist die Kommunikationsagentur Furrer.Hugi&Partner in Bern Partner des Projekts, und jĂŒngst verkĂŒndete NZZ-Online, mit politReprot zu kooperieren.

Laufend ausgewertet werden rund 800 Schweizer Online-Medien und politische Blogs. TÀglich um 6 Uhr kann man den neuen Parteien-Index abrufen, welcher die e-PrÀsenz der schweizerischen Parteien und ihrer PrÀsidenten aufzeigt.

Momentan dreht sich alles um die Ersatzwahl in den Bundesrat. Das entsprechende Kandidaten-Rating belegt den Eindruck, dass es an ĂŒbergeordneten Trends in der MedienprĂ€senz noch fehlt. Pascal Broulis, Dominique de Bumann, Fulvio Pelli und Urs Schwaller waren seit den Sommerferien die am meisten diskutierten Kandidaten. Aufgestiegen sind sie in der Zitierung mit der AnkĂŒndigung ihrer Kandidatur; doch hat sich danach keiner wirklich ganz oben halten können.

Gerne hĂ€tte man neben der PrĂ€senz von PolitikerInnen auch eine quantitative Analyse der Bewertungen in den e-Medien gehabt. Denn das macht solche Instrumente ĂŒber die eher zweifelhafte PR-Binsenwahrheit hinaus interessant, es egal sei, wie man dargestellt werde; Hauptsache man komme vor. Wie schnell PrĂ€senz ohne eigene Botschaft die Fremdkritik entscheidend wird, musste beispielsweise Fulvio Pelli in den letzten 10 Tagen erfahren.

Claude Longchamp

Erster Wirtschaftsatlas der Schweizer Kantone

BAK Basel veröffentlichte heute ihren neuen Wirtschaftsatlas der Schweiz. Er erlaubt, zentrale volkswirtschaftliche Daten auf kantonaler Basis nachzuschlagen, die es bisher kaum gab.

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Der Kanton ZĂŒrich trĂ€gt am meisten zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz bei. An zweiter Stelle steht der Kanton Bern, gefolgt von der Waadt, von Genf, vom Aargau und von St. Gallen. Am Ende befinden sich Appenzell-Innerrhoden, Obwalden, Uri, Nidwalden und Glarus. Bezogen auf EinwohnerInnen liegen Baselstadt und Zug ganz vorne, und es ist wiederum Appenzell Innerrhoden, diesmal gefolgt von Fribourg ganz hinten.

Der neue Wirtschaftsatlas gibt indessen nicht nur zum Bruttoinlandprodukt der Schweizer Kantone eine Uebersicht. Er enthÀlt auch Angaben zu ErwerbstÀtigen, zur Verteilung der Wirtschaftsektoren nach Gliedstaaten, und wie sich die alte und neue Oekonomien in ihnen entwickelt.

Aufdatiert ist in der ersten Ausgabe alles bis und mit 2008. Doch sind auch zurĂŒckliegende Werte greifbar, sodass VerĂ€nderungen vor und wĂ€hrend der aktuellen Krise abgeschĂ€tzt werden können.

Das fĂŒhrt denn auch zu teilweise ĂŒberraschenden SchlĂŒssen. So ist im Jahresvergleich die Wirtschaft in den Kanton Jura und Neuenburg am meisten gewaschen, weil sie krisenresistente Branchen wie Uhren und InvestitionsgĂŒter haben. Derweil haben ZĂŒrich und Genf – die beiden grossen FinanzplĂ€tze – am wenigsten dazu beigetragen.

Wer aktuelle Trends und Strukturdaten zu den Regionen in der Schweiz auf kantonaler Basis braucht, wird hier auf dem Web in Vielem erstmals in nĂŒtzlicher Frist fĂŒndig.

Claude Longchamp

Wider die Negierung der Ethik des Marktes

Die öffentliche Kontroverse ĂŒber Wirtschaftsethik, die von Ulrich Thielemann an der UniversitĂ€t St. Gallen entfacht wurde, geht weiter. Es schaltet sich via Weltwoche auch das Liberale Institut aus ZĂŒrich ein und verteidigt die Ethik des freien Marktes.

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Pierre Bessard, Direktor des ZĂŒrcher Liberalen Instituts, sieht im freien Markt den besten Garanten fĂŒr ethisches Handeln.

Mit Verve vertritt Pierre Bessard, neuer Direktor des Liberalen Instituts wortreich die These, der freie Markt sei die umfassendste moralische Institution des Menschen ĂŒberhaupt. Denn nur der freie Markt respektiere die individuelle Eigentumsrechten, weil hier in jeder nur mit seinem Wissen, seinem Geld, kurz: mit seinen Produktionsfaktoren handeln könne.

Die unversale Ethik des Marktes setze sich, fĂ€hrt Bessard fort, immer und ĂŒberall durch, – selbst wenn sie unterdrĂŒckt werde. Deshalb entstĂŒnden mit dem freien Markt ĂŒberall Werte wie Ehrlichkeit, ZuverlĂ€ssigkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit – und Effizienz.

Bessard hĂ€lt den Markt fĂŒr die grösst möglich denkbare menschliche Gemeinschaft ĂŒberhaupt, verbunden durch das Netzwerk des Tasuches. Die Wahlfreiheit der Konsumenten sei es, welche den Anbieter diszipliniere. Wer unehrlich oder rĂŒcksichtslos tausche, setze sein Vermögen aufs Spiel.

Mit der Ausbreitung des Marktes, folgert der liberale Vordenker, zivilisiere auch die Welt. Der Wettbewerb löse den Kampf ab. Deshalb bringe der freie Handel auch Frieden, im Binnenmarkt, wie auch international.

“GĂ€be es einen Freidensnobelpreis fĂŒr Ordnungen und Institutionen, keine hĂ€tte ihn so sehr verdient wie der freie Markt”, empfiehlt sich Pierre Bessard als VerkĂŒnder der Wahrheit selber. Denn er unterlĂ€sst es nicht, gegen die UniversitĂ€ten zu polemisieren, denen nicht nur ein fundiertes VerstĂ€ndnis des freien Marktes abhanden gehe. Man sei an Schweizer Hochschilen auch versucht, sich gerade mit Wirtschaftethik dem grössten Produzenten von Ethik, dem Markt an sich, zu entziehen.

Ohne Zweifel, klare Worte, mit klaren Absichten, die nicht nur gehört, sondern auch kommentiert werden dĂŒrften.

Claude Longchamp

Diagnosen fĂŒr die Welt nach dem amerikanischen Zeitalter

Wie entwickelt sich die Welt? Ueber die Wirtschaftskrise hinaus, stellt sich die Frage, welche Rolle die USA inskĂŒnftig einnehmen werden. Denn allgemein rechnet man mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Asiens. Weniger eindeutig sind die Haltungen dagegen, wenn es um die Frage geht, wie sich die fĂŒhrende, aber angeschlagene Weltmacht hierzu stellen wird. Zwei typische Beispiele hierzu.

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“Der Aufstieg der Andern. Das postamerikanische Zeitalter” heisst der Bestseller von Fareed Zakarias, der im Sommer 2008 in den Staaten, anfang 2009 auch in der deutschen Uebersetzung von Thorsten Schmidt erschien, und seither so etwas die Basis der Analyse in einer multipolaren Welt gilt.

»Goodbye, America«, lautet der etwas bittere Refrain von Fareed Zakaria, dem in indischen Bombay geborenen Politikwissenschafter der Harvad University. Dennoch bleibt der Chefredaktor von Newsweek International und regelmÀssige Kommentator auf CNN zuversichtlich.

FĂŒr ihn ist zwar klar, dass eine epochalen Machtverschiebung stattfindet. Nach dem Siegeszug der westlichen RationalitĂ€t zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert und dem kometenhaften Aufstieg Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert durchlĂ€uft die Welt gerade eine dritte Phase. Sie erlebt das Ende der amerikanischen Vorherrschaft und den »rise of the rest«, den Aufstieg der ĂŒbrigen MĂ€chte.

“The Post-American World” heisst das Buch im Amerikanischen, das bewusst das Wort vom Niedergang vermeidet, denn es will dem offensichtlichen Machtverlust der USA eine Pointe abgewinnen: »Globalisierung der Welt – das war die amerikanische Vision«, und davon hhaben andere LĂ€nder profitiert und den Anschluss geschafft, vor allem China und Indien.

Fareed Zakaria hat offensichtlich Sympathien fĂŒr die Demokraten von Barack Obama. Er ist ĂŒberzeugt, Amerika werde seine Krise meistern, sobald es die Spaltung der Gesellschaft ĂŒberwunden habe. Aussenpolitisch gibt er Obama den Rat, sich um die »Einbeziehung der aufsteigenden LĂ€nder« kĂŒmmern und die neuen GroßmĂ€chte China und Indien so weit integrieren, bis diese aus eigenem Interesse die globale Ordnung tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzten.

HĂ€rter mit den Amerikanern ins Gericht geht Parag Khanna, ebenfalls aus Indien stammend und Politikwissenschafter in den USA und Grossbritannien. In seinem Buch “Der Kampf um die Zweite Welt” tritt Amerika nĂ€mlich als gerupfter Riese auf, von einem entfesselten Kapitalismus verunsicherte, im Irakkrieg blamierte Supermacht, die ihren Machtverlust noch gar nicht begriffen hat. Selbst wenn das Land unverĂ€ndert die konkurrenzfĂ€higste Volkswirtschaft der Welt habe, schreibt Khanna, sei die politische Macht lĂ€ngst neu verteilt worden: Asien wird – mit oder ohne Amerika – das 21. Jahrhundert gestalten.

Folgt man Khanna, wird die Welt kĂŒnftig von drei Imperien beherrscht werden, von den Vereinigten Staaten, von China und von der EuropĂ€ischen Union, wĂ€hrend Russland keine entscheidende Rolle spiele, weil dessen Volkswirtschaft nichts Nennenswertes zustande bringe. Auf Khannas Landkarte gehört Russland deshalb zur Zweiten Welt, genauso wie der Nahe Osten, Lateinamerika und Afrika. Hier, in der Zweiten Welt, tobt nach Khanna der Kampf um Einflusszonen, und hier entscheide sich, wie viel Macht die geopolitischen MachtsphĂ€ren in die Waagschale werfen können.

Die beiden Thesen sind hilfreich, das aktuelle Verhalten der GrossmĂ€chte zu analysieren. NĂŒtzlich sind hierfĂŒr auch die beiden BĂŒcher, welche die generelle Sichtweise ausfĂŒhren. Ihre LektĂŒre sei empfohlen, nicht zuletzt auch, um den Wandel der politikwissenschaftlichen Perspektiven, die unter der Bush-Administration und dem Schlagwort des Kampfes der Kulturen galten, zu realisieren.

Claude Longchamp

Fareed Zakaria: Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter, MĂŒnchen 2009
Parag Khanna: Der Kampf um die zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung, Berlin 2008

youtube statt Aepfel

Meinungsbildung ist das Eine, Mobilisierung das Andere. Denn nur eine abgegebene Stimme kann eine gute Stimme sein. Diesmal verteilen die BefĂŒrworterInnen der PersonenfreizĂŒgigkeit keine Aepfel an Stadtmenschen, um zu gewinnen. Sie setzen dem Zeitgeist folgend auf youtube, um mit Ironie die Bankgesellen von ihrem Bildschirm an die Urne zu bewegen.

Das sagt sich die Schweizerische Bankiervereinigung. Sie liess einen Clip produzieren und ins Netz stellen, der sich wie auch andere Aktiviten von Bankersvote ganz besonders an die Banker richtet. Leider sei ihm beim AusfĂŒllen des Stimmzettels die Tinte ausgegangen, und seine Kollegen hĂ€tten momentan auch nichts FlĂŒssiges, lamentiert ein Bankangestellter auf der ZĂŒricher Bahnhofstrasse. Der Clip kontert die Ausrede: Man mĂŒsse schon bessere GrĂŒnde haben, um sich an der Volksabstimmung vom 8. Februar 2009 nicht zu beteiligen.

Das Video auf www.youtube.com nimmt einen in Umfragen gut bekannten Sachverhalt auf. Mehr Menschen, die befragt wurden, habe in der Sache eine Meinung, als effektiv Stimmen gehen. Trotz erleichterter Stimmabgabe via Post. Sie sollen mobilisiert werden!

Produziert wurde das Video von der Agentur von Campaigner Peter Metzinger. Schon 2005 erhielt er von der befĂŒrwortenden Seite der PersonenfreizĂŒgigkeit den Auftrag, etwas zur Ausschöpfung der Stimmberechtigten zu unternehmen. Damals stimmten wir in dieser Sache im September ab; die Aepfel an den BĂ€umen standen in voller BlĂŒte und wurden Zentnerweise unter die urbanen Leute verteilt, um sinnlich fĂŒr die PersonenfreizĂŒgigkeit zu werben. Diesmal ist es deutlich kĂ€lter in der Schweiz, die am 8. Februar 2009 ĂŒber das gleiche Thema entscheidet. Das dĂŒrfte die Kampagnenaktionisten dazu gefĂŒhrt haben, via Internet zu mobilisieren.

Claude Longchamp

Börsianer und PersonenfreizĂŒgigkeit

Abstimmungsbörsen auf Internet geben nicht nur die Erwartungen der HÀndler zum wahrscheinlichsten Abstimmungsausgang wieder. Sie folgen den Ergebnissen veröffentlichter Umfragen, ob diese real oder fiktiv sind. Das mindert den Wert von Wahlbörsen als unabhÀngige Abstimmungsprognosen erheblich.


Quelle: Wahlfieber zur PersonenfreizĂŒgigkeit

Seit lĂ€ngerem gibt es auf Internet auch zu politischen Themen der Schweiz die Rubrik “Wahlfieber”. Die Chancen von BundesrĂ€ten gewĂ€hlt zu werden oder von Abstimmungsvorlagen durchzukommen, werden dabei wie an AktienmĂ€rkten gehandelt. Sie entstehen zwischenzeitlich weltweit Prognosen dazur, was die Erwartungshaltung der anonymen HĂ€ndler sind.

Gestern abend 17 Uhr erschien die erster der beiden SRG-Umfragen zur Volkabstimmung vom 8. Februar 2009 zur PersonenfreizĂŒgigkeit. Das Hauptergebnis lautete: 49 Prozent sind bestimmt oder eher dafĂŒr, 40 Prozent bestimmt oder eher dagegen. 11 Prozent der beteiligungswilligen BĂŒrgerInnen sind unentschieden.

Die Veröffentlichung des Ergebnisses brachte Bewegung in die Abstimmungsbörse “Wahlfieber”. Der Marktwert der Ja-Aktien stieg postbewendend von 50 auf 54. Jener verringerte sich leicht, von gut 50 auf knapp 50.

In den Tagen zuvor war fast nichts gegangen in der Abstimmungsbörse zur PersonenfreizĂŒgigkeit. Der Wert der Nein-Aktie lag meist leicht ĂŒber dem des Ja-Papiers. Die letzte wirkliche Bewegung hatte es an Weihnachten gegeben. Damals schnellt der die Nein-Aktie auf ĂŒber 53, ihrem bisher höchste Wert, wĂ€hrend die Ja-Aktien vorĂŒbergehen einen Wert von 48 notiert. Vorausgegangen war damals die Publikation einer Umfrage durch den “Blick”. Die Werte, die genannt wurden (40 dafĂŒr 50 dagegen, 10 unentschieden), erwiesen sich nachtrĂ€glich als erfunden.

Was lernt man daraus? Abstimmungsbörsen wurden eingefĂŒhrt, weil man annimmt, dass eine genĂŒgend grosse Zahl von HĂ€ndlern, die auf den Ja- resp. Nein-Anteil wetten, den Einfluss individueller PrĂ€ferenzen auf den erwarteten Abstimmungsausgang verringern. Das ist möglicherweise auch der Fall. Doch die HĂ€ndler an der Politbörse lassen sich insgesamt durch die gleichen Ereignisse beeinflussen. In erster Linie durch Umfragen in Massenmedien, und zwar unabhĂ€ngig davon, ob die Veröffentlichungen auf realen oder fiktiven Erhebungen basieren.

Das relativiert den Wert von Wahlbörsen als unabhÀngige Prognose-Instrumente doppelt!

Claude Longchamp

swissvotes – die neue Datenbank zu Schweizer Volksabstimmungen

Gerade rechtzeitig fertig geworden, um am Kongress der Schweizer Politologen prÀsentiert werden können, ist die neue Abstimmungsdatenbank www.swissvotes.ch.

Entstanden ist die neue Datenquelle am Institut fĂŒr Politikwissenschaft der UniversitĂ€t Bern als Frucht mehrerer Forschungsprojekte unter der Leitung von Wolf Linder. Christian Bolliger, ein junger Schweizer Politikwissenschafter, der eine vorzĂŒgliche Dissertation zu politischen Parteien und Volksabstimmungen verfasst hat, zeichnet fĂŒr den Aufbau der Datenbank verantwortlich; Yvan
Rielle und Dominik Wyss halfen bei der Entstehung der neuen Fundgrube zu Volksabstimmungen. Denn sie enthĂ€lt erstmals zu allen eigenössischen Volksabstimmungen seit 1848 in der Schweiz …

… Eckdaten zum Typ der Vorlage und dem Thema, zur Urheberschaft und der Anzahl der gesammelten Unterschriften,
… Meilensteine des politischen Entscheidungsprozess und die dazugehörigen Quellen,
… Abstimmungsempfehlungen von Bundesrat und Parlament sowie von Parteien und VerbĂ€nden,
… Abstimmungsergebnisse der Gemeinden, Bezirke und Kantone als Tabellen oder Karten zum Herunterladen,
… Originalquellen und Verweise auf die Protokolle des Parlaments, die Botschaften des Bundesrates und weiterfĂŒhrende Literatur,
… Beschriebe aller Abstimmungen seit 1966 des Jahrbuchs Schweizerische Politik (AnnĂ©e Politique Suisse) und
… Grundlageninformationen zur Geschichte der Volksrechte oder zur Entwicklung der Parteien und der VerbĂ€nde.

FĂŒndig wird hier nicht nur, wenn Informationen sucht, sondern auch Daten beziehen will. Der gesamte Datensatz, welche der Datenbank zugrunde liegt, steht fĂŒr die Forschung zur freien VerfĂŒgung. Das Ganze ist handlich, und wird sich hoffenlich schnell in der Forschung durchsetzen.

Nur eines vermisse ich auch hier: eine Dokumentation zu AbstimmungskĂ€mpfen, die es Ă€hnlich wie ballotpedia in den USA erlauben wĂŒrde, eine Geschichte der politischen Abstimmungskommunikation zu entwerfen.

Schade auch, dass diese Innovastion am Kongress nur auf der Leinwand beim Kaffee prĂ€sentiert wurde, und niemand der Wert dieser neuen Quelle fĂŒr historische und politologische Forschung in einer Session in Evidenz brachte!

Claude Longchamp

www.ballotpedia.org: beispielhafte Abstimmungsdokumentation 2.0

Knapp 1500 Freiwillige machen in den USA vor, wie Abstimmungsdokumentation 2.0 aussieht. In weniger als zwei Jahren haben sie mit ballotpedia das Referenzprojekt fĂŒr die lokale direkte Demokratie geschaffen, dem man ein schweizerisches Pendant wĂŒnschen wĂŒrde.

Das amerikanische Vorbild
In der Selbstdarstellung ist “ballotpedia” eine freie online EnzyklopĂ€die, die auf kooperativer Mitarbeit beruht. Sie umfasst im Wesentlichen Volksabstimmungen auf der Ebene von Bundesstaaten, die Ergebnisse, die Akteure, die Kampagnen und das Recht, das die Entscheidungen regelt.

Kooperieren kann jedermann und -frau, der oder die sich registriert. Knapp 1500 Personen haben sich dieser einfachen Prozedur unterzogen. Sie arbeiten, wie man das von wikipedia her kennt, wenn auch nach klareren Vorgaben via Checklisten, was man mitteilen soll und was nicht. Und es gibt eine harte EinschrĂ€nkung: Wer Vandalismus betreibt, wird fĂŒr immer gesperrt.

Begonnen hat das Projekt im Mai 2007. Der innert kĂŒrzester Zeit erreichte Stand lĂ€sst sich sehen: Mehr als 16’000 Artikel sind seither zu Themen wie BĂ€renjagd in Alaska oder Einwanderungsbestimmungen fĂŒr Kubaner in Florida entstanden, sofern darĂŒber abgestimmt worden ist. Berichtet wird, wer fĂŒr, wer gegen eine Vorlage ist, was die Argumente der beiden Seiten sind, wie die Kampagnen verliefen, welche Medien wie berichten, wer vielfiel Geld aufgewendet hat und was die Umfragen sagen. Bei zurĂŒckliegenden Abstimmungen wird selbstredend das Resultate berichtet, allenfalls auch auf Nachanalysen verwiesen. ErgĂ€nzt wird das ganze mit Links auf websiten zum Thema, die als Belege und weiterfĂŒhrende Informationen dienen.

Und die Schweiz?
Der Schweiz wĂŒrde ihr eigenes “ballotpedia” gut anstehen: Die Dokumentationen der Bundeskanzlei beschrĂ€nkt sich auf eidgenössische Abstimmungen und umfasst das Kampagnengeschehen nicht. Das gilt auch fĂŒr www.ch.ch, der e-government-Plattform von Bund und Kantonen. Die Dokumentation von “c2d” bezieht sich auf Abstimmungen in der ganzen Welt, doch sind die Informationen dazu ausgesprochen knapp gehalten, denn das zentrale Interesse gilt der Institutionenanalyse in der direkten Demokratie.

Gerade fĂŒr die Analyse von Prozessen der Meinungsbildung – insbesondere von der Politik- und Kommunikationswissenschaft als zentrale ErklĂ€rungsgrössen fĂŒr Volksentscheidungen bezeichnet – fehlt es in der Schweiz eine geeigneten Dokumentation, die aktuell und rĂŒckwĂ€rtig materialgestĂŒtzte Untersuchungen zulassen wĂŒrde.

Wer macht den Anfang, die LĂŒcke im Mutterland der direkten Demokratie zu beheben?

Claude Longchamp

Project syndicate: Quelle der Weltanalyse

2008 hat unter anderem gezeigt, wie interdependent die Welt von heute ist. Genau das stellt die Frage, ob auch unsere Bewusstsein mit dieser Vernetzung mithĂ€lt. Eine interessante Möglichkeit, das zu versuchen, ist die Auseinandersetzung mit dem “project syndicate”.

Die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten, aber auch die US-amerikanischen Wahlen haben das Weltbewusstsein befördert. Globale Rezession, multipolare Weltordnung sind zu neuen Schlagworten geworden, welche die weltweite Diskussion ĂŒber Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neu lanciert haben.

Wer die Debatten verfolgen will, die in den Zentren der Wissenschaft und der Publizistik rund um den Erdball gefĂŒhrt werden, dem sei das “project syndicate” empfohlen. Das Prager Netzwerk, das seit 1995 besteht und sich gegenwĂ€rtig an 400 Zeitungen in 150 Staaten, die gemeinsame eine Auflage von 50 Millionen Ausgaben haben, wendet, veröffentlicht seine Analysen und Kommentare seit lĂ€ngerem auch auf Internet. Zu Wort kommen Fachleute und NobelpreistrĂ€ger, StaatsmĂ€nner und Aktivistinnen, aber auch Philosophen und GeschĂ€ftsleute mit internationaler Ausrichtung. Finanziert wird sie von Georges Soros’ “Open Society Foundation” und zahlreichen weitere Stiftungen namentlich aus Europa.

Die Internet-Publikation wird wöchentlich (The World in Words) aufdatiert. Rund 20 fĂŒhrende DenkerInnen, unter ihnen Chris Patten (vormals EU Kommissar), Joshka Fischer (vormals deutscher Aussenminister), Joseph Stiglitz (NobelpreistrĂ€ger fĂŒr Oekonomie), Joseph Nye (US-Politologe) oder Naomi Wolf (feministische Aktivistin) kommen mit einer monatlichen Rubrik zu Wort. Uebergeordnete Themen sind der Klimawandel, Wirtschaftswachstum und politische Ordnung, die Menschenrechte und der Islam und die Welt der Islam. Der medinzinische und der technologische Fortschritt werden mit seinen Auswirkungen auf Gesellschaft und Mensch separat thematisiert.

FĂŒr mich besonders interessant ist schliesslich die Rubrik “Worldly Philosophers“, die in Kooperation mit dem Wiener Institut fĂŒr die Wissenschaften vom Menschen betrieben wird, und sich fĂ€cherĂŒbergreifend, grossen Themen der sozialwissenschaftlichen Analyse widmet.

In der Schweiz sind der L’Agefi, Le Temps und der Tagesanzeiger Mitglieder des Projekts. Dennoch ist es hierzulande zuunrecht unbekannt geblieben. Die Internetausgabe könnte da Abhilfe schaffen, denn man kann die updates bequem via RSS abonnieren. Zu den grossen Vorteilen dieser Publikation zĂ€hlt, dass die BeitrĂ€ge meist gleichzeitig auf Englisch, Arabisch, Chinesisch, Tschechisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Russisch erscheinen.

Die BeitrĂ€ge sind meist persönlich gehaltene Analyse und Kommentare. Sie verbergen ihre Standpunkte kaum. Als Ganzen lĂ€sst die Plattform keine eindeutige politische Ausrichtung erkennen, sie ist pluralistisch ausgerichtet. Wer mit seiner Allgemeinbildung zur Welt mit eben deren Entwicklung mithalten will, sei die LektĂŒre wĂ€rmstens an Herz gelegt!

Claude Longchamp

Statistik ĂŒber alles

Statistik ist ĂŒberall, und doch nirgends. Sie bestimmt und verschwindet. Das soll sich Ă€ndern. statistia dokumentiert das Denken und Handeln der Deutschen umfassend. Und ist dafĂŒr als Innovation des Jahres 2008 auf dem www ausgezeichnet worden.

Schauen Sie Fernsehen? Schlagen Sie ein Zeitung auf? Surfen Sie auf Internet? Ueberall begegnen Sie Grafiken und Prozentwerten, die auf Statistiken basieren. Gehe es um die Belastungen der Haushaltskasse, die beliebtesten Vornamen fĂŒr Knaben und MĂ€dchen oder um die Zeit fĂŒr den eigenen Medienkonsum, ĂŒberall will man Ranglisten haben, Verteilungen kennen, Zielgruppen unterscheiden können. Doch wĂ€r behĂ€lt das die Uebersicht? Wer vergisst nicht gleich alles? Wer hilft einem Bleibendes von Momentanem zu treffen?

Die Antwortet lautet: statista. Tim Kröger und Friedrich Schwandt haben die Idee 2007 geboren, und sie gingen im Mai 2008 damit ins Netz. Binnen kĂŒrzester Zeit haben Sie ihre Website als zuverlĂ€ssige Auskunftsquelle etablieren können. Ende des vergangenen Jahres erhielten sie dafĂŒr den deutschen startup-Preis, den ein Jury aus Fachleute, Medienschaffenden und Investoren fĂŒr die besten neue Website des Jahres vergibt.

Aufgeteilt in 18 Rubriken sind mehrere Millionen Statistiken kostenlos fĂŒr Jedermann abrufbar. Die Daten stammen allesamt von namhaften und seriösen Instituten wie dem Institut fĂŒr Demoskopie Allensbach, dem Deutsches Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung sowie dem Statistisches Bundesamt und erfĂŒllen somit alle wissenschaftlichen Standards. Gleichzeitig schafften es die GrĂŒnder, Kopperationen mit den grĂ¶ĂŸten Medienplayern in Deutschland zu schließen – darunter Spiegel Online und bild.de. Die Partner stellen Statista ihre Daten gegen eine kleine GebĂŒhr zu VerfĂŒgung. Die angelieferten Datenpakete werden mit neuesten PrĂ€sentationmitteln aufbereitet und den Nutzern der Plattform kostenlos zur VerfĂŒgung gestellt. Zur Zielgruppe von Statista zĂ€hlen professionelle Nutzer aus Wirtschaft, Medien und Wissenschaft. Bislang finanziert sich Statista weitgehend ĂŒber Werbung.

Ich habe mich eine gute Weile umgesehen auf statista. Nachdem ich jahrlang voluminöse StatistikbĂ€nde gewĂ€lzt habe, um dann doch nicht das zu finden, was ich brauche, spricht mit die Hamburger Website besonders an. NatĂŒrlich gibt es auch hier eine UeberfĂŒlle an Informationen. Doch die Elektronik erleichtert die schnelle Suche, das Grafiktool gibt einen raschen Ueberblick, und die die Filterungsmöglichkeiten lassen vertiefende AbklĂ€rungen zu. In meinem Fachgebiet weiss ich das Meiste auch, doch schon ein wenig darĂŒber hinaus, habe ich so binnen Kurzem viel Interessantes erfahren, sodass man sich wĂŒnschen wĂŒrde, dass die Macher die BeschrĂ€nkung auf deutsche Statistiken zugunsten einer besseren Uebersicht, wenigstens ĂŒber den ganzen deutschsprachigen Raum aufgegeben wĂŒrden.

Claude Longchamp