Archive for the 'Blogosphäre' Category

Kurse, Vorträge und Fernsehserie 2010

Diese Woche startet meine Lehrveranstaltung an der Uni St. Gallen. Doch bleibt dies nicht der einzige Kurs, den ich in nächster Zeit halten werde. Hier eine Uebersicht.

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Kurse
18. März 2010 IDHEAP Lausanne (Fachhochschulniveau):
“Politische Meinungsbildung” (auf französisch) im Rahmen der Höheren Kaderausbildung des Bundes
Dieser Kurs wird allenfalls am 27. Mai 2010 wiederholt.

25. März 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
“Politische Lobbying” im Rahmen des CAS Medienarbeit

21. Juni 2010 IPMZ Transfer Uni ZĂĽrich (Uniniveau, Weiterbildung)
Politische Kampagnen und ihre Erfolgsaussichten im Rahmen der Weiterbildung “Politische Kommunikation fĂĽr Regierung und Verwaltung”

10./11. September 2010 ZhaW Winterthur (Fachhochschulniveau)
“Politische Meinungsbildung und Demoskopie” im Rahmen des Nachdiplomstudiums “Politische Kommunikation”

27. Oktober 2010 MAZ Luzern (Fachschulniveau):
“Politische Lobbying” im Rahmen des CAS Medienarbeit

18. November 2010 Wirtschaftsfachschule Bern (Fachschulniveau)
“Gemeindepolitik: technokratisch oder demokratisch?” im Rahmen der Ausbildung von GemeindepolitikerInnen

Vorträge
Zu meinen Kursen kommen vorerst die nachstehenden Vorträge:

24. April 2010: Generalversammlung von Foraus (Forum Aussenpolitik)
“Wie kann man die Agenda der Schweizerischen Aussenpolitik beeinflussen?”

30. April 2010 Weiterbildungsreihe des Klosters Disentis

“Direkte Demokratie: eine Eigenheit der Schweiz, die es Wert ist, richtig verstanden zu werden”

27. Mai 2010 Verein ZĂĽrcher Politologen
“Politikwissenschaft in der Praxis: Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Politikforschung”

4. Juni 2010 Gemeinde Reinach (BL)
“Wieviel Bevölkerung erträgt die Planung – wieviel Planung erträgt die Bevölkerung?”

19. November 2010 Naturforschende Gesellschaft Winterthur

“Sind ‘Wahl- und Abstimmungsprognosen’ eine Wissenschaft?”

7. Dezember 2010: Rotary Club Bern

“Urbanes LebensgefĂĽhl in Bern: Was ändert sich fĂĽr die Politik?”

Bei den Vorträgen haben ich für im August bis Oktober 2010 noch einige Termine offen.

Fernsehserie
Schliesslich sei erwähnt, dass im Juli im Rahmen der “Sternstunde Geschichte” eine Fortsetzung der vierteililgen Fernsehserie zur Schweizer Geschichte vorbereitet wird, an der ich aktiv teilnehmen werde, die im Herbst 2010 ausgestrahlt werden wird.

Die LektĂĽre der politischen Wesen.

Rund 200′000 Besuche hatte dieses Blog 2009. Zirka doppelt so viele Seiten wurden dabei konsultiert. In einem Drittel der Fälle war es die jeweilige Hauptseite. Zwei Drittel der Besuche steuerten eine Rubrik an oder hatten einen der Beiträge zum Ziel.

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Entscheidend ifür die Nutzung eines Beitrags ist das allgemeine Google-Rating. Hinzu kommen Verlinkungen auf anderen Seiten. Sie bringen punktuellen traffic; gelegentlich bleiben die BesucherInnen länger hängen. Die regelmässige Kundschaft ist recht klein, dafür auch recht treu. Sie kommt im Wochenrhythmus ein- oder mehrmals vorbei, um das Neueste zu konsultieren. Diskussionen flackern leider nur dann auf, wenn tagesaktuellen Themen behandelt werden. Die Nutzung der Beiträge wird von Kommentaren nur beschränkt beeinflusst.

Wichtiger ist es hier, eine klare Themen-Nische auf dem Web besetzt zu haben, sodass die speziell Interessierten auf zoon politicon vorbei schauen kommen. Die verschiedenen Beiträge zur den Hochrechnung für die SRG sind ein typisches Beispiel dafür.

Was sonst noch häufig konsultiert wurde, zeigt die nachstehenden Zusammenstellung.

20 Beiträge, die 2009 am meisten aufgerufen wurden

1. Samuel Schmid im Tief oder Keine Volkswahl des Bundesrates (ca. 2500 Aufrufe 2009)
2. Meine top ten Liste Buchliste zur politischen Kommunikation (ca. 1900)
3. Sind wir Menschen alle ein rreemm? (ca. 1200)
4. Die Schweiz ist das 25. Land des Schengener Abkommens (ca. 800)
5. 13 Gründe warum Obama Präsident wird (ca. 700)
6. Politologie fĂĽr die ZeitungslektĂĽre (ca. 650)
7. Freiheiten und Demokratie weltweit vermessen (ca. 600)
8. Die Vorbereitung der Hochrechnung zu PersonenfreizĂĽgigkeit (ca. 500)
9. Demokratie-Muster (ca. 500)
10. Boulevard-Demoskopie (ca. 500)

11. Hochrechnung von Abstimmungen (ca. 450)
12. Die gläsernen ParlamentarierInnen (ca. 450)
13. Hochrechnungen zum Abstimmungssonntag (ca. 400)
14. Das Tableau der Bundesratswahlen (ca. 400)
15. Warum Julia Onken fĂĽr die Minarett-Initiative ist (ca. 400)
16. Reimann – der Zukunftstyp des nationalkonservativen Politikers (ca. 400)
17. Samuel Huntington, Autor von “Kampf der Kulturen”, verstorben (ca. 350)
18. BefĂĽrworter der Minarett-Initiative waren besonders mobilisiert (ca. 350)
19. Der grosse politische Kompass (ca. 350)
20. Anonyme Beamte, Journalisten und Politologen proben den Regierungssturz (ca. 350)

Wenn mein Wille, ein politisches Wesen zu sein, nicht nächlässt, gibt’s auch 2010 wieder zahlreiche Beiträge zu Themen, die einen Politikwissenschafter oder eine Politikwisenschafterin in der Praxis vielleicht etwas angehen oder von Nutzen sein können.

Es würde mich freuen, Sie und andere mehr weiterhin zu meinen LeserInnen zählen zu dürfen!

politReport spiegelt die Schweizer e-Medien

“Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der häufigst zitierte Politiker im ganzen Land?” So etwa lautet das Motto des neuen politReport zur Schweizer Politik im Internet.

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Präsenz der BundesratskandidatInnen in den Schweizer e-Medien gemäss politreport.

Seit diesem Jahr gibt es auf dem Web eine neue Dienstleistung zu Politik und Medien. UrsprĂĽnglich fĂĽr Deutschland konzipiert, existiert auch in der Schweiz ein Ableger der politReports. Seit FrĂĽhling 2009 ist die Kommunikationsagentur Furrer.Hugi&Partner in Bern Partner des Projekts, und jĂĽngst verkĂĽndete NZZ-Online, mit politReprot zu kooperieren.

Laufend ausgewertet werden rund 800 Schweizer Online-Medien und politische Blogs. Täglich um 6 Uhr kann man den neuen Parteien-Index abrufen, welcher die e-Präsenz der schweizerischen Parteien und ihrer Präsidenten aufzeigt.

Momentan dreht sich alles um die Ersatzwahl in den Bundesrat. Das entsprechende Kandidaten-Rating belegt den Eindruck, dass es an übergeordneten Trends in der Medienpräsenz noch fehlt. Pascal Broulis, Dominique de Bumann, Fulvio Pelli und Urs Schwaller waren seit den Sommerferien die am meisten diskutierten Kandidaten. Aufgestiegen sind sie in der Zitierung mit der Ankündigung ihrer Kandidatur; doch hat sich danach keiner wirklich ganz oben halten können.

Gerne hätte man neben der Präsenz von PolitikerInnen auch eine quantitative Analyse der Bewertungen in den e-Medien gehabt. Denn das macht solche Instrumente über die eher zweifelhafte PR-Binsenwahrheit hinaus interessant, es egal sei, wie man dargestellt werde; Hauptsache man komme vor. Wie schnell Präsenz ohne eigene Botschaft die Fremdkritik entscheidend wird, musste beispielsweise Fulvio Pelli in den letzten 10 Tagen erfahren.

Claude Longchamp

Erster Wirtschaftsatlas der Schweizer Kantone

BAK Basel veröffentlichte heute ihren neuen Wirtschaftsatlas der Schweiz. Er erlaubt, zentrale volkswirtschaftliche Daten auf kantonaler Basis nachzuschlagen, die es bisher kaum gab.

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Der Kanton Zürich trägt am meisten zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz bei. An zweiter Stelle steht der Kanton Bern, gefolgt von der Waadt, von Genf, vom Aargau und von St. Gallen. Am Ende befinden sich Appenzell-Innerrhoden, Obwalden, Uri, Nidwalden und Glarus. Bezogen auf EinwohnerInnen liegen Baselstadt und Zug ganz vorne, und es ist wiederum Appenzell Innerrhoden, diesmal gefolgt von Fribourg ganz hinten.

Der neue Wirtschaftsatlas gibt indessen nicht nur zum Bruttoinlandprodukt der Schweizer Kantone eine Uebersicht. Er enthält auch Angaben zu Erwerbstätigen, zur Verteilung der Wirtschaftsektoren nach Gliedstaaten, und wie sich die alte und neue Oekonomien in ihnen entwickelt.

Aufdatiert ist in der ersten Ausgabe alles bis und mit 2008. Doch sind auch zurückliegende Werte greifbar, sodass Veränderungen vor und während der aktuellen Krise abgeschätzt werden können.

Das fĂĽhrt denn auch zu teilweise ĂĽberraschenden SchlĂĽssen. So ist im Jahresvergleich die Wirtschaft in den Kanton Jura und Neuenburg am meisten gewaschen, weil sie krisenresistente Branchen wie Uhren und InvestitionsgĂĽter haben. Derweil haben ZĂĽrich und Genf – die beiden grossen Finanzplätze – am wenigsten dazu beigetragen.

Wer aktuelle Trends und Strukturdaten zu den Regionen in der Schweiz auf kantonaler Basis braucht, wird hier auf dem Web in Vielem erstmals in nĂĽtzlicher Frist fĂĽndig.

Claude Longchamp

Meine Top Ten Buchliste zur politischen Kommunikation bei Wahlen

Et voilĂ : Einige meiner aktuellen Favoriten zur politischen Kommunikation im Zusammenhang mit Wahlen!

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• Lilleker, Darren: Key Concepts in Political Communication. Verlag: Sage Publications, Beverly Hills 2006, 224 Seiten.
Das Buch ist eine systematische und leicht zugängliche Einführung in 50 Kernkonzepte, Strukturen und die professionelle Praxis der politischen Kommunikation. Systematisch beleuchtet der Autor in einer detaillierten Analyse sowohl praktische als auch theoretische Themengebiete der Materie.

• PR-Kampagnen. Über die Inszenierung von Öffentlichkeit, herausgegen von Röttger, Ulrike, Verlag: VS, Wiesbaden 2008, 380 Seiten.
Ulrike Röttgers Buch gilt als Standardwerk des erfolgreichen Campaignings. Unternehmenskampagnen, Wahlkampagnen, Sozialkampagnen: Namhafte und kompetente Autoren beleuchten alle Formen der öffentlichkeitswirksamen PR. Weiterer Pluspunkt der Untersuchung sind die lesenswerten Fallstudien zu aktuellen Kampagnen.

• Lau, Richard R., Redlawsk, David P.: How Voters Decide. Information Processing in Election Campaigns, Verlag: Cambridge University Press, Cambridge 2006.
Die Autoren analysieren die vier primären Entscheidungsstrategien bei der Wahl eines erfolgversprechenden Kandidaten. Mit einer neuartigen Experimentiermethode untersuchen die Forscher individuelle und kampagnenbezogene Faktoren, die den Wähler bei der Wahl einer Entscheidungsstrategie beeinflussen.

• Brader, Ted: Campaigning for Hearts and Minds. Verlag: University of Chicago Press, Chicago 2006, 280 Seiten.

Emotionale Elemente eines Wahlkampfs erzeugen unterschiedliche Effekte in der Bevölkerung. Gerade die mediale Inszenierung der Kandidaten zielt aufs Herz des Wählers. Mit Umfragen und Experimenten nähert sich der Autor dem noch wenig erforschten Phänomen und liefert die erste umfassende wissenschaftliche Studie über den emotionalen Aspekt der Stimmabgabe.

• Trent, Judith S., Friedberg, Robert V.: Political Campaign Communication. Principles and Practices, Verlag: Rowman & Littlefield, Lanham 2007, 448 Seiten

Die aktualisierte Ausgabe dieses Klassikers analysiert nicht nur die US-Wahlkämpfe aus den Jahren 1996 bis 2006. Trent und Friedberg berücksichtigen zusätzlich das Anfangsstadium des Wahlkampfs 2008. Ein neues Kapitel beschäftigt sich mit dem Internet, das gerade im amerikanischen Wahlkampf eine zentrale Rolle spielt.

• Podschuweit, Nicole: Wirkung von Wahlwerbung. Verlag: Reinhard Fischer, München 2007, 182 Seiten.

Wahlwerbung wirkt – wie genau, ist bis jetzt jedoch kaum erforscht. Anhand von Werbetrackingdaten analysiert die Autorin, wie die Bevölkerung im Bundestagswahlkampf 2002 Parteienwerbung wahrgenommen hat. Sie untersucht, wie Wahlwerbung sich in die Erinnerung einprägt, die Aufmerksamkeit erregt, die Entscheidung beeinflusst und verarbeitet wird.

• Green, Donald P., Gerber, Alan S.: Get out the Vote! How to Increase Voter Turnout!, Verlag: Brookings Institution Press, Washington DC 2008.

Der Klassiker der Schlussmobilisierung: Wissenschaftliche Methoden und praxisorientierte Darstellung geben einen detaillierten Überblick der gängigen Methoden von Tür-zu-Tür-Wahlkampf bis Telefonaktionen – und bewerten klar den Wirkungsgrad der Techniken.

• Pumarlo, Jim: Votes and Quotes. A Guide to Outstanding Election Campaign Coverage. Verlag: Marion Street Press, Chicago 2007, 160 Seiten.
Gute Wahlkampfberichterstattung will vor, während und nach der Kampagne koordiniert sein. Jim Pumarlo zeigt auf, in welcher Weise die Medien für Wahlkampfzwecke nutzbar gemacht werden können. Außerdem beschreibt er, wie die Meinung des Lesers durch die Wahlberichterstattung beeinflusst wird und sich dann im Wahlverhalten niederschlägt.

• Perlmutter, David D.: Blogwars. The New Political Background. Verlag: Oxford University Press, Oxford 2008, 272 Seiten.

Perlmutter untersucht die rasant wachsende Rolle des Internets am Beispiel populärer Blogs und zeigt, warum vom Präsidenten bis zum Berater immer mehr Politiker auf das neue Kommunikationsmedium zurückgreifen. „Blogwars“ ist die erste vollständige Untersuchung über die neue kontroverse Kraft der Blogs in der Politiklandschaft.

• Balsiger, Mark, Roth, Hubert: Wahlkampf in der Schweiz. Ein Handbuch für Kandidierende, Bern 2007

«Wahlkampf in der Schweiz» ist eine Analyse, die auf einer Befragung von mehr als 1400 Kandidierenden basiert. Sie leitet daraus praktische Tipps ab, für Fragen wie: Welche Strategien sind im Wahlkampf erfolgreich? Was ist bei einer Kampagne zu beachten? Lohnt sich ein eigener Internet-Auftritt?

Wider die Negierung der Ethik des Marktes

Die öffentliche Kontroverse über Wirtschaftsethik, die von Ulrich Thielemann an der Universität St. Gallen entfacht wurde, geht weiter. Es schaltet sich via Weltwoche auch das Liberale Institut aus Zürich ein und verteidigt die Ethik des freien Marktes.

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Pierre Bessard, Direktor des ZĂĽrcher Liberalen Instituts, sieht im freien Markt den besten Garanten fĂĽr ethisches Handeln.

Mit Verve vertritt Pierre Bessard, neuer Direktor des Liberalen Instituts wortreich die These, der freie Markt sei die umfassendste moralische Institution des Menschen überhaupt. Denn nur der freie Markt respektiere die individuelle Eigentumsrechten, weil hier in jeder nur mit seinem Wissen, seinem Geld, kurz: mit seinen Produktionsfaktoren handeln könne.

Die unversale Ethik des Marktes setze sich, fährt Bessard fort, immer und ĂĽberall durch, – selbst wenn sie unterdrĂĽckt werde. Deshalb entstĂĽnden mit dem freien Markt ĂĽberall Werte wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit – und Effizienz.

Bessard hält den Markt für die grösst möglich denkbare menschliche Gemeinschaft überhaupt, verbunden durch das Netzwerk des Tasuches. Die Wahlfreiheit der Konsumenten sei es, welche den Anbieter diszipliniere. Wer unehrlich oder rücksichtslos tausche, setze sein Vermögen aufs Spiel.

Mit der Ausbreitung des Marktes, folgert der liberale Vordenker, zivilisiere auch die Welt. Der Wettbewerb löse den Kampf ab. Deshalb bringe der freie Handel auch Frieden, im Binnenmarkt, wie auch international.

“Gäbe es einen Freidensnobelpreis fĂĽr Ordnungen und Institutionen, keine hätte ihn so sehr verdient wie der freie Markt”, empfiehlt sich Pierre Bessard als VerkĂĽnder der Wahrheit selber. Denn er unterlässt es nicht, gegen die Universitäten zu polemisieren, denen nicht nur ein fundiertes Verständnis des freien Marktes abhanden gehe. Man sei an Schweizer Hochschilen auch versucht, sich gerade mit Wirtschaftethik dem grössten Produzenten von Ethik, dem Markt an sich, zu entziehen.

Ohne Zweifel, klare Worte, mit klaren Absichten, die nicht nur gehört, sondern auch kommentiert werden dürften.

Claude Longchamp

Diagnosen fĂĽr die Welt nach dem amerikanischen Zeitalter

Wie entwickelt sich die Welt? Ueber die Wirtschaftskrise hinaus, stellt sich die Frage, welche Rolle die USA inskĂĽnftig einnehmen werden. Denn allgemein rechnet man mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Asiens. Weniger eindeutig sind die Haltungen dagegen, wenn es um die Frage geht, wie sich die fĂĽhrende, aber angeschlagene Weltmacht hierzu stellen wird. Zwei typische Beispiele hierzu.

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“Der Aufstieg der Andern. Das postamerikanische Zeitalter” heisst der Bestseller von Fareed Zakarias, der im Sommer 2008 in den Staaten, anfang 2009 auch in der deutschen Uebersetzung von Thorsten Schmidt erschien, und seither so etwas die Basis der Analyse in einer multipolaren Welt gilt.

»Goodbye, America«, lautet der etwas bittere Refrain von Fareed Zakaria, dem in indischen Bombay geborenen Politikwissenschafter der Harvad University. Dennoch bleibt der Chefredaktor von Newsweek International und regelmässige Kommentator auf CNN zuversichtlich.

Für ihn ist zwar klar, dass eine epochalen Machtverschiebung stattfindet. Nach dem Siegeszug der westlichen Rationalität zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert und dem kometenhaften Aufstieg Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert durchläuft die Welt gerade eine dritte Phase. Sie erlebt das Ende der amerikanischen Vorherrschaft und den »rise of the rest«, den Aufstieg der übrigen Mächte.

“The Post-American World” heisst das Buch im Amerikanischen, das bewusst das Wort vom Niedergang vermeidet, denn es will dem offensichtlichen Machtverlust der USA eine Pointe abgewinnen: »Globalisierung der Welt – das war die amerikanische Vision«, und davon hhaben andere Länder profitiert und den Anschluss geschafft, vor allem China und Indien.

Fareed Zakaria hat offensichtlich Sympathien für die Demokraten von Barack Obama. Er ist überzeugt, Amerika werde seine Krise meistern, sobald es die Spaltung der Gesellschaft überwunden habe. Aussenpolitisch gibt er Obama den Rat, sich um die »Einbeziehung der aufsteigenden Länder« kümmern und die neuen Großmächte China und Indien so weit integrieren, bis diese aus eigenem Interesse die globale Ordnung tatkräftig unterstützten.

Härter mit den Amerikanern ins Gericht geht Parag Khanna, ebenfalls aus Indien stammend und Politikwissenschafter in den USA und Grossbritannien. In seinem Buch “Der Kampf um die Zweite Welt” tritt Amerika nämlich als gerupfter Riese auf, von einem entfesselten Kapitalismus verunsicherte, im Irakkrieg blamierte Supermacht, die ihren Machtverlust noch gar nicht begriffen hat. Selbst wenn das Land unverändert die konkurrenzfähigste Volkswirtschaft der Welt habe, schreibt Khanna, sei die politische Macht längst neu verteilt worden: Asien wird – mit oder ohne Amerika – das 21. Jahrhundert gestalten.

Folgt man Khanna, wird die Welt künftig von drei Imperien beherrscht werden, von den Vereinigten Staaten, von China und von der Europäischen Union, während Russland keine entscheidende Rolle spiele, weil dessen Volkswirtschaft nichts Nennenswertes zustande bringe. Auf Khannas Landkarte gehört Russland deshalb zur Zweiten Welt, genauso wie der Nahe Osten, Lateinamerika und Afrika. Hier, in der Zweiten Welt, tobt nach Khanna der Kampf um Einflusszonen, und hier entscheide sich, wie viel Macht die geopolitischen Machtsphären in die Waagschale werfen können.

Die beiden Thesen sind hilfreich, das aktuelle Verhalten der Grossmächte zu analysieren. Nützlich sind hierfür auch die beiden Bücher, welche die generelle Sichtweise ausführen. Ihre Lektüre sei empfohlen, nicht zuletzt auch, um den Wandel der politikwissenschaftlichen Perspektiven, die unter der Bush-Administration und dem Schlagwort des Kampfes der Kulturen galten, zu realisieren.

Claude Longchamp

Fareed Zakaria: Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter, MĂĽnchen 2009
Parag Khanna: Der Kampf um die zweite Welt. Imperien und Einfluss in der neuen Weltordnung, Berlin 2008

Vorkampagnen zu Volksabstimmungen: präventive Diskreditierung der jeweiligen Gegnerschaften

Seit Jahren ist es in der Theorie so, dass der Bundesrat mit einer gut sichtbaren Medienkonferenz einen Abstimmungskampf eröffnet. In der Praxis ist das allerdings nicht so eindeutig. Denn es entstehen in wachsendem Masse Vorkampagnen, in denen neuerdings Video-Botschaften die Szene beherrschen.

Vorkampagnen haben verschiedene Aufgaben: Sie wollen Präsenz markieren, um zusätzliche Unterstützung bei Organisationen zu finden, weitere finanzielle Mittel zu sammeln oder zentrale Argumentationsweisen bei wichtigen Multiplikatoren zu platzieren. Zu den zentralen Aufgaben von Vorkampagnen zählt auch, die erwarteten Botschaften der jeweiligen Gegnerschaft im Voraus zu diskreditieren.

Das war auch in den Vorkampagnen zu den biometrischen Pässen exemplarisch der Fall, wobei neu das Internet, beispielsweise Video-Clips auf youtube und Kampagnenwebsiten, eine besondere Rolle zukommt:

Vor allem die welschen AktivistInnen unter den Gegnern des neuen Passes mobilisieren seit Tagen mit einem


TV-Film aus der Sendereihe “Einstein”, der das Sicherheitsargument der BefĂĽrworterInnen zerpflĂĽckt. Eingespannt in die journalistischen Wissenschafgtsreportage werden neutrale ExpertInnen, die aufzeigen, wie man den Chip, die Augenkontrolle und die FingerabdrĂĽcke, die Kernpunkte des Sicherheitskonzept, einzeln knacken kann. Die Hinweise sind interessant, wenn sie auch mit der Schlussbotschaft relativiert werden: Den biometrischen Passe zu fälschen, sei bisher nicht gelungen, wenn auch fĂĽr SpezialistInnen einfach sei, seine Bestandteile zu entzaubern. Immerhin: Was bleibt ist, dass das zentrale Argumente der Ja-Seite relativiert werden kann.

Die BefĂĽrworter der neuen Pässe wiederum bekämpfen die ReferendumsfĂĽhrer direkt, indem sie Teile der Unterschriftensammler diskretieren. Im aktuellen Fall betrifft das die im St. Galler Rheintal domizilierte “Anti-Genozid-Partei“, 2008 gegrĂĽndet, die massgebliche Teil der Signaturen zum Referendum beigebracht habe. Diese verbreite, wie das Newsnetz aufdeckte, unter dem Titel


Das ultimative Ziel der globalen Elite” ein wirres Video, das die Kleinstpartei als Versammlung ĂĽbler christlich-fundamentalistischer Verschwörungstheoretiker ausweise. Schlimmer noch: Der politische Arme der Sekte in der Schweiz agiere von einer Briefkastenadresse in Wil aus selber anonym. Auch hier: Der Schuss vor den Bug der Gegnerschaft wirbelt kräftig, ohne wirklich getroffen zu haben.

Viel Zuverlässiges gelernt über die Sache, über die man Bürger oder Bürgerin entscheiden wird, hat man weder im einen noch im anderen Fall nicht. Das ist auch nicht das Ziel dieser Vorkampagnen. Vielmehr geht es ihren Protagonisten darum, die Glaubwürdigkeit von Botschaften und BotschafterInnen, die man in der Hauptphase des Abstimmungskampfes erwartet, präventiv zu zerstören. Die Aktionen, die man von der anderen Seite erwartet, sollen beschädigt werden, bevor sie stattgefunden haben

Claude Longchamp

Boulevard-Demoskopie: viel gleich gut!

Das Urteil sei brutal: Die sieben Bundesräte der Schweiz seien ungenĂĽgend. Das jedenfalls im Urteil von 18′000 Menschen in einer Blick-Umfrage. Ich halte dagegen: Die hier zitierte Umfrage ist in keinerlei Hinsicht zuverlässig.

hbc51fke_pxgen_r_700x700Grosse Zahl von Meinungsabgaben, unkontrollierte Auswahl, inszenierter Unmut: Das ist Boulevard-Demoskopie, die zwangsläufig ohne Aussagewert ist.

Man kennt das Vorgehen: PolitikerInnen, am besten Regierungsmitglieder, geraten warum auch immer unter Druck. Die Medien nehmen das auf und kritisieren sie emotional.Von der Redaktion gefragte ExpertInnen verstärken den medialen Eindruck. Und zum Schluss gibt es eine Online-Umfrage. Das ist Boulevard-Demoksopie in Form einer Medienkampagne.

Online-Umfragen sind per se nicht repräsentativ. Sie bilden weder die erwachsene Bevölkerung, noch die Stimmberechtigten ab. Sie reflektieren, was die LeserInnen der Plattform, auf der die Umfrage stattfindet, meinen. Und sogar das wird nun eingeschränkt sichtbar. Denn Online-Umfrage lassen in der Regel auch mehrfache Teilnahme interessierter Personen zu. Damit kann man das Gewicht der eigenen Bewertungen erhöhen. Der Versuch, die Gesamtheit der UserInnen zu erfassen, wird gar nicht erst unternommen.

Repräsentative im demoskopischen Sinne meint nicht, dass man ein Bevölkerungssegment möglichst zahlreich vertritt. Repräsentativ sind Umfragen nur dann, wenn alle Einzelteile aus der Grundgesamtheit die gleichen Chancen haben, mit ihrer Meinung berücksichtigt zu werden. Sie ergibt sich nicht von alleine; sie muss hergestellt werden, denn Repräsentativität ist ein Auswahlverfahren. Und: Die Genauigkeit repräsentativer Umfragen hängt von der Zahl Befragter ab. Je mehr es sind, desto kleiner wird der Unschärfebereich.

Grosse Zahlen von Teilnehmenden in Online-Umfrage sagen dagegen gar nichts aus. Vielmehr gaukeln sie Genauigkeit nur vor. Denn grosse Befragtenmengen ohne repräsentative Auswahl nützen gar nichts.

Bei Umfragen auf Medien-Plattformen kommt hinzu, dass die Neuigkeiten während der Befragungszeit einen Einfluss haben. Im aktuellen Fall geht es nicht nur um das, was real passierte. Der Unmut wurde redaktionell auch inszeniert. Etwa mit fünf Rücktrittsforderungen, die während der Befragung plakativ propagiert wurden.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es sei nicht gesagt, dass es gegenwärtig mit der Schweizer Bundesregierung keine Schwierigkeiten geben. Was die BürgerInnen dazu meinen, kann man jedoch auf die hier gezeigte Art in keiner Art und Weise zuverlässig erschliessen.

Claude Longchamp

Zum Vergleich: Die Ergebnisse der letzten, veröffentlichten Repräsentativ-Befragung in dieser Sache.

Gemeinsame Freunde, unterschiedliche Feinde

Seit den US-amerikanischen Wahlen ist die Internetnutzung zur politischen Mobilisierung in aller Politiker Mund. Das gilt neuerdings besondere für den Einsatz von Facebook durch Schweizer ParlamentarierInnen. Jetzt sind die virtuellen Beziehungsgeflechte der BundesparlamentarierInnen auf der populären Internetplattform erstmals untersucht worden.

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Das Beziehungsgeflecht der BundesparlamenterierInnen, die Facebook nutzen, aufgrund der (Un)Aehnlichkeit ihrer “Freunde”.

Typisch fĂĽr die gegenwärtig Entwicklung ist Christian Levrat, SP-Parteipräsident. Bis im November 2008 betrachtet er “Facebook” als reines Gadget. Danach merkte er, dass dieses Medium fĂĽr konkrete politische Arbeit eingesetzt werden kann. Sein Positivbeispiel hat er im Zusammenhang mit den UBS-Boni erlebt. Die vom Chef der SozialdemokratIennen inizierte Gruppe hatte innert Tagesfrist 3000 Mitglieder. Sie wurde mobilisiert, dem Finanzminister Hans-Rudolf Merz einen kritischen Brief zu schreiben. Drei Minuten pro Tag setzt der Freiburger Nationalrat nach eigenen Angaben im Schnitt ein, um ĂĽber seine Foren zusätzlich Ă  jour zu sein.

Michael Hermann, der Zürcher Politgeograf, hat nun erstmals die Netzwerke der 54 Bundesparlamentarier analysiert, die Facebook nutzen. 49 davon sind Mitglieder der Volksvertretung, 5 der Kantonsvertretung. 40 Prozent gehören zur SP, 34 Prozent zur FDP. Klar ist der Zusammenhang mit dem Alter: Bei den über 60jährigen kaum ein Thema, setzt eine Mehrheit der BundespolitikerInnen unter 40 Jahren Facebook bereits heute ein.

Die von der Forschungsgruppe sotomo erstmals erarbeitete Visualisierung der Beziehungsgeflechte via Facebook liesst sich wie jedes MDS: Wer am weitesten auseinander ist, mobilisiert unterschiedliche KlientInnen, wer nahe beisammen erscheint, hat gemeinsame Freinde.

Hermann hält die nachstehenden Strukturen fest: Die Sprachregion, teilweise selbst der Kanton, entscheidet als Erstes, wo ein(e) ParlamentarierIn auf der Grafik erscheint. Die Romand(e)s sind “oben-rechts”, die TessinerInnen “unten-links”. In zweiter Linie finden sich parteipolitische Regionen. Die SP und die SVP mobilisieren zweitens auch via Facebook die gegensätzlichsten Menschen. Es trifft notabene auch fĂĽr die FDP und beschränkt fĂĽr die CVP zu, nicht aber bei den GrĂĽnen, die recht zentral erscheinen.

Es wird interessant sein, die Entwicklung dieses Geflechts in naher Zukunft beobachten zu können. Moment finden die Initiatoren erste Nachahmer, bald schon ist damit zu rechnen, dass der Mainstream das neuartige social networking nutzen wird.

Denn erst wenn es einzelnen Parteien gelingen sollte, die innere Homogenität ihrer e-KlientInnen zu erhöhen und zu verdichten, ist zu erwartet, dass das Aufgezeigte wirklich mehr als ein Gadget ist und die Mobilisierung in Sachfragen oder bei Wahlen beeinflusst kann. So weit sind wir noch nicht wirklich.

Claude Longchamp