Archive for the 'Wahlforschung' Category

Nationalrat: Was uns die verschiedenen Informationstools zum Wahlausgang sagen

Am Donnerstag war ich in Zug. An der Kantonssschule. Im Rahmen einer Studienwoche für 17jährige GymnasiastInnen hielt ich einen Vortrag über Wahlanalysen. Dabei ging es mir unter anderem darum, über Möglichkeiten und Grenzen der Wahlprognose bei Nationalratswahlen zu berichten.

J. Scott Armstrong, der einen dicken Wälzer über Principles of Forecasting geschrieben hat, kommt zu einem wesentlichen Schluss: Kein noch so entwickeltes Prognosetool ist perfekt. Am besten verwendet man deshalb mehrere Instrumente nebeneinander, um zu vergleichen, was sie ergeben. Gemeinsame Ergebnisse sind wahrscheinlicher. Divergente sind Zeichen für Vorsicht.

wahlprognosen

Anahnd der verschiedenen Informationstools zu den Nationalratswahlen in 14 Tagen kann man das wie folgt ausführen.

Bisher gibt es: Kantonale Wahlübersichten, WählerInnen-Befragungen und Wahlbörsen.

Wahlübersichten haben einen Vorteil. Sie beziehen sich auf effektive Wahlen. Ebenso gewichtig ist ihr Nachteil. Sie liegen zwischen 6 Monaten und über 40 Monaten zurück. Zudem sind die Angebote unterschiedlich, es variiert teilweise das Wahlrecht, und vor allem die Beteiligung ist ungleich. Wahlbefragungen sind da aktueller. Ihre Qualität hängt aber vom Zugang zur gesamte Wählerschaft ab (zum Beispiel auch zu AuslandschweizerInnen), und sie können durch eine selektive Auskunftsbereitschaft in ihrer Aussagegenauigkeit beeinträchtigt werden. In der Schweiz ist 10 Tage vor der Wahl Schluss mit der Publikation von Umfragen. Das ist dann die Zeit der Wahlbörsen, die bis zum Wahltag gemacht werden (dürfen). Sie basieren auf der Weisheit der Schwärme, der Kollektive, die interagieren. Ihre Prognosegüte hängt von der Zahl der Teilnehmenden ab. Je geringer sie ist, desto eher können einzelne Vögel den Schwarm irreführen.

2007 haben sich, wie es Armstrong sagte, alle Instrumente einigermassen bewährt. Die Kantonsanalyse unterschätzten die CVP, die sie im Wahljahr aufbäumte. Die Wahlbörsen waren bei grossen Parteien gut, bei kleinen aber schlecht. Die Wahlbefragungen waren insgesamt korrekt, überschätzten die SP aber etwas, und bildeten die Stärke der SVP nicht hinreichend genug ab. Die Effekte der letzten Tage, vor allem die Krawalle in Bern, die der SVP genützt haben, wurde als wichtigste Begründung hierfür erwähnt.

Und 2011? – Die aktuellen Tools haben drei Gemeinsamkeiten: Es legen BDP und GLP zu. Es verliert die FDP. Allenfalls auch die CVP. Die Grünen halten sich. Und unklar ist der Ausgang bei SP und SVP, denn die Instrumente widersprechen sich hier. Kantonsanalyse sehen die SVP auf der Plusseite, anders als die SP, die eher verliert, während Umfragen und Börsen tendenziell vom Gegenteil ausgehen.

Politisch gesprochen kann man sagen: Alle Hinweise, die wir heute haben, sprechen von einer Verstärkung der Mitte, allerdings neu auf drei Parteien aufgeteilt. Das relativiert die Polarisierung als bisher klarstes Interpretationsmuster deutlich. Noch ist unklar , ob die Polarisierung fortgesetzt wird, das heisst SVP und/oder Rotgrün zulegen oder nicht. Zwischenpositionen, wie die Mitte/Rechts-Position der FDP, haben es dagegen schwer, nachvollzogen zu werden.

LehrerInnen und SchülerInnen dankten mir für diese Klärung!

Claude Longchamp

PS:
Nur wenige Tage davor hielt ich einen ähnlichen Vortrag in St. Gallen. Das St. Gallen Tagblatt fasst meine Abwägungen unter dem Titel zusammen: “SVP verliert, SP gewinnt“. Soviel zur Zwangshaften Konstruktion einer Prognose durch gewisse Medien.

Wahlprognose für den Kanton Zürich – durch die Journalistenbrille gesehen

Die Listen und KandidatInnen für den Nationalrat sind in allen Wahlenkreise bekannt. Jetzt beginnt das Rätselraten zu Sitzgewinnen und -verlusten. Die NZZ macht den Anfang – für den Kanton Zürich.

“Nur wenige Verschiebungen in der Zürcher Abordnung für den Nationalrat in Sicht”, übertitelt die NZZ vom Samstag eine ganzseitige Auslegordnung zu denkbaren Sitzverschiebungen im grössten Wahlkreis bei den anstehenden Wahlen. Legitimiert wird das Ganze durch ein Interview mit dem Kantonsstatistiker Peter Moser, das die Seite mit der Schlagzeile “Träges Parteiengefüge” firmiert (beides nicht online).

Da war, vermute ich mal, der Wunsch des Zeitungshauses der Vater der journalistischen Leseweise. Denn die nachgeschobenen Fakten sind anders:

Prognose von Peter Moser (leider auf seiner website nicht dokumentiert) zur Verteilung der 34 Zürcher Sitze im Nationalrat

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Im Detail verrät sich Redaktor Stefan Hotz gleich selber: Denn sollte die GLP bei ihrer zweiten nationalen Kandidatur drittstärkste Kraft im grössten Kanton der Schweiz werden, wäre das auch in seinen Worten “ein historischer Erfolg”. Und sollte die CVP 2 ihrer 3 Sitze einbüssen, was er nicht ausschliesst, nennt er das vorsorglich schon mal “ein historisches Debakel”.

In der Tat: Zeitgenössisch auffällige Veränderungen in der Parteienlandschaft der Schweiz zeigten sich in Zürich meist früher und deutlicher: So der Niedergang des Wirtschaftsfreisinns, so die Polarisierung zwischen SVP und SP, so der Aufstieg und der Zwist der Grünen, so die CVP, die sich im urbanen Raum platzieren will.

Selbst Rene Zeller, Inlandchef der NZZ, nennt die politischen Verhältnisse in seinem Porträt zum Kanton Zürich ganz einfach “volatil” – zu deutsch: veränderlich. Das wäre meines Erachtens die bessere Einschätzung gewesen, und auch Grund, statt Sicherheit zu vermitteln, den Unsicherheiten nachzugehen. Denn die kantonalen Wahlen im Frühling sind verführerisch nahe an den nationalen, sodass man die Ergebnisse nur zu gerne überträgt. Doch gibt es drei Unterschiede, mindestens 2011:

. zunächst die Beteiligung, die national viel höher ist als kantonal, was gerade die Angaben für SVP und SP unsicher macht;
. dann das Wahlrecht, das kantonal und national bezüglich der Sitzverteilungen ungleich wirkt, indem die kleinen kantonal profitieren;
. und schliesslich das politische Klima, dass sich seit dem April erheblich verändert hat, dominiert doch nicht mehr der Reaktorunfall in Fukushima das politischen Klima, während heute der starke Franken, die Aengste zu Arbeitsplatzverlagerungen und die Bocksprünge des Investmentbanking den Rahmen der Wahl abgeben.

So schliesse ich: Besser als journalistisch-auktorial Ruhe verbreiten zu wollen, wäre es gewesen, die dieser Parameter Wirkungen auf grüne, linke, rechte und Zentrumsparteien aufzuzeigen.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen: Börsianer legen Zwischenbilanz fünf Wochen vor der Wahl vor.

Wie gut Wahlbörsen bei Schweizer Wahlen funktionieren, weiss man (noch) nicht. Denn Erfahrungen hat man damit bisher nicht sammeln können. Die Wahlbörse von SRF ist das Wagnis 2011 dennoch fast flächendeckend eingegangen. Eine Zwischenbilanz.

Danach analysiert, was die Ständeratswahlen 2011 bringen, setzen die Börsianer auf die SVP. Das die wählerstärkste Partei der Schweiz in der kleinen Kammer untervertreten sei, ist als Botschaft hinüber gekommen. Die Wettbrüder und -schwester rechnen mit drei Sitzgewinnen, zulasten von FDP (-3) und CVP (-2). Stabil sehen sie die SP, GPS und GLP. Das gilt auch für die BDP, während die Einschätzungen zu den beiden restlichen noch nicht gemacht sind. Am ehesten noch geht man von einem Sitzgewinn des Parteilosen Thomas Minder in Schaffhausen aus.

Die Beurteilung der Situation in den 9 Kanton der deutschsprachigen Schweiz sind sehr ungleich. Am wenigsten unsicher ist man in Glarus und Luzern. Im Glarnerland prognostizieren die Börsianer die Wiederwahl der beiden Bisherigen Freitag (FDP) und Jenny (SVP). In Luzern rechnet man mit einer parteipolitischen Stabilität. Graber (CVP) sollte es schaffen, ebenso Theiler, der Neue für die FDP.

Auch im Kanton Solothurn erreichen zwei Kandidaten zwischenzeitlich das absolute Mehr: Zanetti, der Bisherige von der SP und Bischof, der neue von der CVP. Er liegt von Fluri, der für die FDP den Sitzen halten soll, aber auch von Wobmann, dem Herausforderer der SVP. Sicher ist hier nichts, denn die Tagesschwankungen lasse auch einen anderen Schluss zu: Die drei bürgerlichen Kandidaten werden in einen zweiten Wahlgang geschickt.

Eine ähnliches Bild zeichnen die Wahbörsen im Thurgau, in Schaffhausen und in Zug. Ueberall hat es einen Favoriten: Eberle, Germann und Brunner von der SVP, die Hälfte der Stimmen machen könnten. Ueberall ist das Verfolgerfeld recht nahe zusammen, aber unter der 50 Prozent-Marke. Im Thurgau liegen namentlich Häberli-Koller (CVP) und Graf-Litscher (SP) sehr nahe zusammen, in Schaffhausen gilt dies für Minder (Parteilos) und Heydecker (FDP) und in Zug für Bieri (CVP) und Eder (FDP).

Die grösste Unsicherheiten orten die Börsianer in Zürich, Bern, St. Gallen und Aargau. Keine(r) der BewerberInnen erreicht hier das absolute Mehr im ersten Wahlgang. In Zürich (Diener vor Guttwiller vor Blocher vor Hardegger) und St. Gallen (Brunner vor Keller-Sutter vor David vor Rechsteiner) sieht es nach einem Vierkampf aus, in Bern (Amstutz vor Stöckli vor Luginbühl) und Aargau (Bruderer vor Giezendanner vor Egerszegi) nach einem Dreikampf. Dabei könnte es auch zu Nicht-Wiederwahlen kommen, jedenfalls im ersten Wahlgang, der Luginbühl (BDP, BE), Egerszegi (FDP, AG) und David (CVP, SG) liegen je auf dem dritten Rang.

Konkrete Sitzgewinne der SVP halten die Börsianer in St. Gallen und Zug möglich, der einzige Parteilose mit Chancen ist der Schaffhauser Minder, der sich, sollte er gewählt werden, einer grünliberalen Fraktion anschliessen würde. Nicht nur erfreulich sieht es für die FDP in Solothurn und Aargau aus, aber auch in Schaffhausen und Zug. Die CVP könnte in St. Gallen Federn lassen, dafür in Solothurn den Ausgleich schaffen. Umgekehrt liegt es im Bereich des spekulativ Möglichen, den Sitzverlust nach dem Abgang von Sommaruga in der Bundesrat sei es in Bern oder im Aargau wettmacht.

Wie gesagt, zunächst ist das Spielerei, die weder theoretisch gesichert ist, noch mit Erfahrungswerten punkten kann.

Immerhin, die vorgelegte Zwischenbilanz ist nicht einfach unerheblich. Sie legt nahe, dass gerade im urbanen Umfeld der deutschsprachige Schweiz die Fragmentierung der politischen Lager hoch ist, sodass die Allianzbildungen, möglicherweise erst im zweiten Wahlgang den Ausschlag geben werden, wer die Kantone in der kleinen Kammer der Bundesversammlung vertritt. Deshalb füge ich bei: Schade, dass es keine so interessanten Gradmesser für die französisch- und italienischsprachige Schweiz gibt.

Was den generellen Trend angeht, wäre die erwartete Veränderung nicht einfach belanglos. Denn CVP und FDP hätten, auch wenn sie geschlossen gemeinsam stimmen würden, erstmals keine Mehrheit mehr. Diese ergäbe ich nur noch unter Einbezug der SVP, oder aber als Allianz aus CVP, SP, GPS und GLP.

Claude Longchamp

Analyse von Ständeratswahlen – Forschungsseminar an der Uni Bern

Programm Forschungsseminar “Analyse von Ständeratswahlen”
Herbstsemester 2011, Master “Schweizerische und vergleichende Politik”, IPW, Universität Bern

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Zielsetzung
Die Wahlforschung in der Schweiz hat sich weitgehend auf die Analyse von Nationalratswahlen konzentriert. Die Erforschung der Ständeratswahlen blieb weitgehend aus.
Das Forschungsseminar für Fortgeschrittene, das ich im Herbstsemester 2011 im Rahmen des Master-Programms am IPW der Universität Bern anbiete, will dem entgegenwirken.
Ziel des Seminars ist es, ein Modell zur Prognose und Erklärung von Ständeratswahlen zu erarbeiten.
Das soll aufgrund der laufenden und zurückliegenden Wahlen in die kleine Kammer geschehen, durch Fallstudien und vergleichende Analysen über die Kantone, allenfalls auch über die Zeit hinweg.
Das Seminar berücksichtigt den spärlichen Forschungsstand, den die Politikwissenschafter Hanspeter Kriesi und Romain Lachat repräsentieren. Es nimmt aber auch Ansätze der Analyse auf, die Statistiker Peter Moser, Marc-André Röthlisberger und Stephan Tschöpe entwickelt haben, und es will auch einen Zugang zu den Ueberlegungen bieten, die sich PolitikerInnen für ihre Wahlkämpfe machen.
Untersuchen wollen wir den Einfluss von Kontextfaktoren, von Personenmerkmalen und von Kommunikationsstrategien bei Ständeratswahlen. Geleistet werden die Arbeiten in Form studentischer Gruppenarbeiten, die wir gemeinsam diskutieren, welche die Studierenden ausarbeiten, und die am Schluss des Seminars präsentiert werden muss. Die letzte sitzung dient der Sichtung von Ergebnissen, die wir in unser anfänglich postuliertes Modell einbauen wollen, um so einen plausibilisierten Anstoss für künftige Forschungen zu geben.

Zielgruppe
Das Forschungsseminar, das sich an Studierende des Masters “Schweizerische und vergleichende Politik” richtet, setzt grundlegende Kenntnisse der Methoden und Verfahren der empirischen Politikforschung voraus; von Nutzen ist es, Kompetenzen in der vergleichenden Forschung zu haben. Erwartet wird die regelmässige Mitarbeit im Seminar einerseits, die aktive Beteiligung an einem studentischen Forschungsprojekt andererseits. Diese muss mündlichen und schriftlich präsentiert werden. Alles zusammen fliesst in die Note ein. Ein eigentliche Prüfung gibt es nicht.

Termine
23.9. Einführung: Wahlforschung und Modellbildung zur Erklärung und Prognose von Wahlen
30.9. Gemeinsame Entwicklung von Ideen für Forschungsprojekte zu Kontextfaktoren, Persönlichkeitsmerkmalen und Kommunikationsstrategien
7.10. Diskussion Forschungsstand anhand ausgewählter Dokumente
14.10 Beschlussfassung zu studentischen Forschungsprojekte im Rahmen des Forschungsseminars
21.10 Exkurs I: Hochrechnung Ständeratswahlen 2011 im Kanton Bern, Präsentation durch Stephan Tschöpe, Hochrechner gfs.bern

23.10. Wahltag

28.10. Diskussion ausgewählter Erstanalysen der Ständeratswahlen
4.11. dito
11.11. Kampagnenstrategien im Ständeratswahlkampf, Referat von und Diskussion mit Ursula Wyss, Ständeratskandidatin SP im Frühling 2011
18.11. Exkurs II: Prognose von Ständeratswahlen
10 Uhr Prognose der Ergebnisse erster Wahlgänge, Präsentation Peter Moser, Kantonsstatistiker Zürich
11 Uhr Prognose der Ergebnisse zweiter Wahlgänge aufgrund der Resultate im ersten Wahlgang, Präsentation Martin Röthlisberger, Mathematiker Bern

27. 11. Nachwahltag für Ständeratswahlen

2.12. Präsentation der Gruppenarbeiten I: Analyse von Kontextfaktoren
9.12. Präsentation der Gruppenarbeiten II: Analyse von Personenfaktoren
16.12. Präsentation der Gruppenarbeiten III: Analyse von Kommunikationsfaktoren
23.12. Schluss: Modellbildung zur Ständeratswahl für Theorie und Praxisbesprechung: Was wir neu über Ständeratswahlen in der Schweiz wissen

Wo die Fraktionen im Nationalrat stehen.

In den 90er Jahren gab es ein Debatte über die Perspektiven des Parteiensystem in der Schweiz. Die Polarisierung zu Zeiten des Kalten Krieges hatte sich aufgelöst: bürgerlich vs. links war kein probates Klassifikationsschema mehr. Dafür sprach man von der Tripolarisierung des Parteienlandschaft.

In den 80er Jahren waren die Grünen entstanden, samit der Auto- und Freiheitspartei als Antipoden, und es formierte sich nach 1992 die SVP neu, zu Lasten von FDP und CVP sowie auf Kosten rechter Kleinparteien. Von der Tri-Polarität des Parteiensystems war lange die Rede. Gemeint war damit, dass sich ein nationalkonservativer Pol, ein Zentrumslager und ein rotgrüner Pol herausbilden würde.

Gestern habe ich die politische Landkarte des Nationalrates 2007 bis 2011 im Berner “Bund” gesehen. MIchael Hermann, der Zeichner, hat sie mir zur Verfügung gestellt. Sie hat mich schlagartig an die These der Tripolarisierung erinnert.

politischeLandkarte_kl Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Zunächst: SP und GPS, verstärkt durch CSP und PdA bilden im Nationalrat recht geschlossen das linke Lager. Die beiden hauptäschlichen Partei gruppieren die ihre Volksvertreter nahe um ihr jeweiliges Zentrum. Das ist links und untereinander kaum unterscheidbar. Wirtschafts- und gesellschaftspolitisch sind die Grünen minimal konservativ, die SP ein Müh über dem Strich liberal.

Misst man politische Positionen aufgrund des Abstimmungsverhaltens, bildet die SVP der Gegenpol. Auch diese Fraktion ist in sich weitgehend geschlossen. Mehr oder weniger rechts-konservativ sind sie alle. Auch die zugewandten Parlamentarier der EDU und der Lega.

Die Grafik suggeriert, dass es einen dritten Pol gibt, bestehend aus FDP.DieLiberalen, aus CVP, BDP, GLP und EVP. Denn ihre NationalrätInnen neigen fast alle zu liberalen Positionen, bisweilen leicht rechts der Mitte wie bei der FDP und BDP, resp. links davon wie bei GLP und EVP. Die Geschlossenheiten sind hier geringer als an den äusseren Polen. Besser noch steht die FDP da, schlechter die BDP und stark aufgerissen die CVP. Zwischen dem Gewerkschafter Meinrado Robbiani aus dem Tessin, und dem Gewerbler Arthur Löpfe ist mehr Platz als zwischen allen Parteiexponenten der anderen politischen Parlamentsgruppen.

Das alles spricht für einen sachpolitisch dritten Pol, wie er 2010 in den Gesprächen zur Allianz der Mitte vorübergehend zum Ausruck kam. In verschiedenen Kantonen funktioniert das auch, wie nicht zuletzt die Listenverbindungen zum Ausdruck bringen. Doch auf nationaler Ebene herrscht die Abgrenzung vor: Die Spitzen von FDP und CVP verstehen sich nicht, markieren den eigenen Auftritt, und gifteln in Interviews gegeneinander.

Das geht es nicht um die Sache, aber um die Macht. Beide Parteien beanspruchen zwischen den Polen den Lead zu haben. Die FDP hat dafür mit der LP fusioniert, die CVP kooperiert auf Fraktionsbasis mit GLP und EVP, und mit der BDP gibt es im Bundesrat Uebereinstimmungen. Die Nähe hat zur Folge, dass man meist ähnlich stimmt, sich partei- und wahlpolitisch aber abgrenzt.

Wegen solchen Prestigeüberlegungen stimmt das Seznario, das man vor 15 Jahren diskutierte, nicht. Mehr oder weniger erwartungsgemäss haben sich die Pole entwickelt, während die Parteien und Fraktionen der Mitte gegen den gegenteiligen Weg gegangen sind.

Claude Longchamp

Zur Prognose von Wahlergebnissen

Wahlprognosen haben wieder Konjunktur. Vor allem in der mediatisierten Oeffentlichkeit sind zum unverzichtbaren Bestandteil der Wahlberichterstattung geworden. Leider haat das Bewusstsein zu Möglichkeiten und Grenzen, Stärken und Schwächen mit der Aufmerksamkeit nicht mitziehen können – nicht zuletzt, weil sich die wissenschaftliche Wahlforschung gerade in der Schweiz dem Thema nicht wirklich angenommen hat.

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Das ist in den USA anders, neuerdings auch in Deutschland in Bewegung geraten. Eben erschienen ist unter dem Titel “Die Prognose von Wahlergebnissen” die Konstanzer Dissertation von Jochen Gross, die sich den Wahlvorhersagen zwischen 1949 und 2009 annimmt. Untersucht wurden hier WählerInnen-Befragung, Wahlbörsen und Prognosemodelle. Geklärt wurden methodologische Aspekte, aber auch die empirische Leistungsfähigkeit.

Für Prognosen im eigentlichen Sinne eigenen sich gemäss Gross nur Modell und Börsen. Wahlbefragung erfüllen die Kriterien nicht wirklich, sodass sie fälschlicherweise mit Prognose gleichgesetzt werden. In Deutschland erfüllen die Modellrechungen von Gschwend diese Bedingungen und Wahlbörse, wie sie von der Uni Stuttgart vorgelegt worden sind. Die Leistungsfähigkeit der Tools zeigt indessen, dass alle Verfahren mit gewissen Probleme behaftet sind, egal wie gut ihre konzeptionelle Begründung ist oder der freie Zugang zu Sekundäranalysen gewährleistet wird. Deshalb kann man auch Wahlbefragungen in die Evaluierung miteinbeziehen.

Um die Prognosegüte zu testen, wurden in der Dissertation zahlreiche Hypothesen aufgestellt, die sich allerdings nur teilweise bewährten. Vor allem konnte der in der lehre zentral diskutierte Einfluss der Methodenwahl nicht bestätigt werden. Dies trifft auf den Stichprobenumfang wie auch die Befragungsdauer zu. Nicht belegebar ist zudem, dass at random Stichproben genauer sind als andere Verfahren der Befragtenauswahl. Verifiziert werden konnten hingegen, dass die Prognosegüte von der Wahlbeteiligung abhängig. Je tiefer sie ist, um so schwieriger sind Vorhersagen. Im Zeitverlauf vor der Wahl entstehen die besten Prognosen nicht ganz am Schluss, sondern gegen den Schluss hin. Denn in Befragungen unmittelbar vor der Wahl mischen sich störende Verweigerungseffekte mitein. Schliesslich sind Abweichungen bei kleinen Parteien wahrscheinlicher als bei grossen.

Was Praktiker schon lange sagen, vermutet nun auch die Wissenschaft. Wahlumfragen kommen ohne Gewichtungen nicht aus. Und der Einfluss solche Vorgehensweisen überlagert möglicher Effekte des methodischen Designs. Kritisiert wird dabei, dass bei solchen Ponderationen zu wenig Transparenz herrsche, widersprochen wird aber der verbreiteten Ansicht, dass Affinitäten zwischen Instituten und Parteien darauf eine Einfluss haben. Denn die Phase der politischen Gefälligkeit ist längst jener der professionellen Vorgehensweise gewichen.

So bilanziert die Doktorarbeit: Die Sonntagsfrage weise ein “durchaus passable Prognosegüte” auf, denn sie generiere “im Durchschnitt weitaus bessere Vorhersagen als ihre Ruf nahe legt.” Die Probleme variierten eher wahlspezifisch, denn instituts- oder methodenspezifisch, wie nicht zuletzt das Beispiel der Bundestagswahlen 2005 zeigte. Entsprechend verzichtet die Studie darauf, Wahlbörsen und Prognosemodelle eine systematisch höhere Leistungsfähigkeit zuzuschreiben. Wahlbörsen haben sich in den USA bewährt, sind allerdings nicht systematisch evaluiert worden. Offen gelassen wird die Frage, ob sie von WählerInnen-Befragung unabhängig sind, wie das von den Anbietern meist unterstellt wird. Bei Prognosemodell wird festgehalten, dass auch sie im Einzelfall erstaunliche Leistungen hervorbringen würden, sich die Anwendung aber auf Regierungsmehrheiten beschränkten, nicht auf einzelne Parteien.

So wertvoll die Dissertation auf dem Wege zu einem differenzierten Verständnis von Prognosen und ihren Instrumenten ist, so einseitig ist doch der mitschwingende Unterton, der stark von der akademischen Wahlforschung geprägt ist. Diese hat namentlich in der unmittelbaren Nachkriegszeit, inspiriert von der Psychologie und Oekonomie Fortschritte gemacht. Die Grundlagenforschung beschränkte sich allerdings weitgehend auf die ex-post-Erklärung von Wahlen, für die Gründe identifizierte, die theoretische Rückschlüsse erlauben. Die Prognose wurde weitgehend der angewandten Umfrageforschung überlassen, ohne dass sich da ein permanenter Gedanken- und Erfahrungsaustauch entwickelt hätte. Erst die Konkurrenz durch neuen Prognosetools, die entweder aus der Mathematisierung der Sozialwissenschaften stammen oder aber mit der Weisheit der (interagierenden) Schwärme begründet werden, beginnt sich die politikwissenschaftliche Wahlforschung ihrer Schwächen in der Entwicklung systematischer Prognosen von Wahlen selber bewusst zu werden.

Vieles von dem, was in Deutschland gilt, kann man für die Schweiz auch vermuten, mit aller Wahrscheinlichkeit in noch höherm Masse, wie meine gelegentlichen Kommentare zu diesem Thema erahnen lassen. Typisch hierfür auch, dass sich der Verband der Markt- und Sozialforscher zu Beginn des Jahres nicht Willens zeigte, ein entsprechenden Beobachtungssystem für die Schweiz aufzuziehen, dass die Informationen sichern würde, die für eine kritische Diskussion notwenig wären.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen in Bern und St. Gallen: Börsianer machen erste Triage unter den Kandidaturen

Die Börsianer der Wahlwette auf der Plattform von SRF sehen in Bern und St. Gallen je einen Dreikampf um die Ständeratssitze. Keine Bewerbung würde es im ersten Wahlgang schaffen.

Kürzlich wurden die Wahlbörsen zu verschiedenen Ständeratswahlen lanciert. Jene zu den Kanton Bern und St. Gallen sind zwischenzeitlich allgemein einsehbar. Sie vermitteln einen ersten Eindruck über die Wahlchancen Bisheriger, namhafte HerausfordererInnen und AussenseiterInnen.

In St. Gallen führt Toni Brunner (SVP) die Wahlwette an. Es folgen Karin Keller-Sutter, die Neu aus der FDP, und Eugen David, der Bisherige von der CVP. Die Wettgemeinschaft gibt ihnen 47, 44 resp. 40 Prozent WählerInnen-Anteil. Einigen Abstand haben Paul Rechsteiner (SP) mit 34% und Yvonne Gilli (GPS) mit 20%. Noch weiter zurück liegt BDP-Kandidat Gehrig mit 15 Prozent.

In Bern liegt ebenfalls ein SVP-Bewerber an der Spitze. Hier ist es der Bisherige Adrian Amstutz mit 44%, gefolgt vom BDP-Ständerat Werner Luginbühl, der auf 42 Prozent kommt. SP-Kandidat Hans Stöckli rangiert mit 39 Prozent auf dem dritten Platz, gefolgt von Wasserfalls (FDP) mit 30 Prozent und Alec von Graffenried (GPS) mit 27 Prozent. Die anderen Interessenten für einen Ständeratssitz aus dem Kanton Bern sind weit zurück; sie bringen es alle nicht auf 10 Prozent.

Die Bisherigen haben im Urteil der Börsianer keinen eindeutigen Startvorteil. Das kommt Eugen David von der CVP zu spüren, der nur auf dem 3. Platz startet. Schliesslich sei erwähnt, dass man Wahlchancen nicht nur nach Parteistärken beurteilt hat.

Die Wahlwetten legen nach ihrem Start nahe, dass Stöckli in Bern der gewichtigste Herausforderer ist, und es in St. Gallen zu einem Zweikampf zwischen Brunner und Keller-Sutter kommt, bei dem auch David die Zeche bezahlen könnte.

Gemeinsam ist beiden Wahlwetten, dass die Stimmen recht verteilt wurden. Deshalb würde, wenn es so bliebe, auf Anhieb niemand den Sprung zur (Wieder)Wahl schaffen. Alle müssten in einen zweiten Wahlgang. Leider gibt die Börse hierzu keine Auskunft. Dies obwohl alles erst dann entschieden würde.

Die Wahlbörsen der anderen Kantone, namentlich Zürich, Aargau, Solothurn., Thurgau, Glarus und Appenzell-Ausserrhoden werden in den folgenden Tagen publik gemacht.

Claude Longchamp

Wahlbörse: Erste Erwartungen zum Ausgang der Ständeratswahlen

Ginge es nach den Börsianer, wäre der nächste Ständerat etwas polarisierter zusammengesetzt und leicht linker als der bisherige. Mal schauen!

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Uebersichten zum Ausgang der Ständeratswahlen 2011 fehlen weitgehend. Deshalb bleibt die Unsicherheit gross, wie die Fraktionsstärken mit Blick auf die Bundesratswahlen sein könnten.

Ein Versuch, den wesentlichen Mangel der Wahlprognostik zu beheben, stellen die Wahlbörsen dar. Bei Nationalratswahlen werden sie durch die Wählerbefragungen konkurrenziert. Bei den Ständeratswahlen stehen sie weitgehend alleine.

2007 gab es hierzu noch keine Wahlbörsen. Deshalb kann man die Treffergenauigkeit des Instruments bisher auch nicht evaluieren.

Immerhin, die Wahlbörse von SRF klärt seit einigen Tagen die Erwartungshaltungen zu den Wahlen 2011 ab, zur Gesamtzusammensetzung des kommenden Ständerats, und zur den Ausgängen in den Kantonen Bern, Aargau und St.Gallen.

Was die Uebersicht betrifft, gehen die Börsianer von je zwei Verlusten für CVP und FDP aus, zwei Gewinne werden der SP vorausgesagt, je einen der SVP und die GPS. Stabil würden die GLP und BDP bleiben.

Von der anfangs Jahr durch die SVP angekündigte Machtübernahme in der “Dunkelkammer” der Nation hält die Wettgemeinschaft demnach nicht viel. Eher noch gilt, dass es zu einer “nachholenden Polarisierung” im Ständerat kommt, verbunden mit einem leichten Linksrutsch.

Machtpolitisch würde sich nicht viel ändern: CVP und FDP hätten gemeinsam unverändert eine Mehrheit, wenn auch nur noch eine ganz knappe. Dafür bekäme Mitte/Links die Möglichkeit, in Allianz die Abstimmungsgänge in der kleinen Kammer zu bestimmen.

Ob bewusst oder nicht, die Börsianer verlängern damit ziemlich genau den Trend bei den jüngsten Ständeratswahlen.

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Nicht ausschliessen kann man zudem, dass in den gehandelten Erwartungen eine leichte Linkstendenz steckt. Bei den Nationalratswahlen jedenfalls ist die SRF-Wahbörse das Tool mit der linkesten Vorschau.

So bleibt als gegenwärtig wahrscheinlichste Annahme aufgrund der Börse: Stabilität mit bescheidenen Veränderungen, leicht polarisierte Zusammensetzung mit möglicherweise gestärkter rotgrüner Vertretung.

Oder jemand rechnet alle Ausgangslage nach dem Züricher Modell einmal durch!

Claude Longchamp

Ein neues Modell für die Analyse von Ständeratswahlen

Einmal mehr, Peter Moser, der Leiter des Statistischen Amtes des Kanton Zürich, erweist sich als der kreativste amtliche Statistiker der Schweiz. Nach zahlreichen Innovationen zur Typisierung von Gemeinden, Analysen von Regierungsratswahlen und ähnlichem legt er nun eine Analysemodell für Ständeratswahlen vor.

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Moser weiss, wo von er spricht. Im Arbeitspapier auf Internet charakterisiert er seinen Versuch, Ergebnisse von Ständeratswahlen abzuschätzen wie folgt: “Die folgenden Szenarien für das Resultat beruhen auf Erfahrungswerten aus vergangenen Majorzwahlen und den Eckpunkten der diesjährigen Ausgangslage, soweit derzeit bekannt. Gebündelt werden diese Informationen einem einfachen, den freien Flug der Fantasie etwas disziplinierenden mathematischen Modell. Es zeigt sich, unter welchen Voraussetzungen welches Resultat in den Ständeratswahlen zu erwarten ist.”

Und das sind die drei idealisierten Ausgänge für die Zürcher Ständeratswahlen:

Szenario 1 “Jede Partei ist sich selber am nächsten”:
Niemand schafft im ersten Wahlgang das absolute Mehr, Blocher (SVP) liegt an der Spitze, gefolgt von Hardegger (SP), weil ihre Parteien die wählerInnen-stärksten sind. Das spüren vor allem die beiden Bisherigen, Diener (glp) und Gutzwiller (FDP), welche die Plätze 3 und 4 belegen.. Der zweite Wahlgang entscheidet über alles.

Szenario 2 “Bürgerlicher Schulterschluss”:
Die Kandidaten von SVP und FDP liegen an der Spitze, verfehlen das absolute aber ebenfalls. Alle anderen liegen zurück, insbesondere die Bisherige Diener. Erneut entscheidet der zweite Wahlgang über alles.

Szenario 3 “Business as usual”:
Die beiden Bisherigen schwingen oben aus. Bei schaffen knapp das absolute Mehr und sind wieder gewählt. SVP und SP scheitern trotz Hausmacht. Ein zweiter Wahlgang ist nicht mehr nötig.

Natürlich: Jedes Szenario basiert auf Annahmen, die auch anders getroffen werden können. Wie in allen Modellrechnungen basiert das Ergebnis auf der Parameterwahl.

An Mosers Vorschlag überzeugt mich folgendes:

Erstens, er ersetzt die impliziten Annahmen durch expliziete Annahmen. Intuition ist gut, könnte man sagen, Reflexion ist besser.
Zweitens, seine Modelle orientieren sich an durchaus plausiblen Hypothesen: dem Bisherigen Bonus, der politischen Allianzbildung und dem Parteienkalkül, formalisiert sie aber.
Drittens, macht der Statistiker das, was er am besten kann: Rechnen!

Wahrscheinlich, könnte man sagen, ist man damit noch nicht am Ende der Analysen. Aber weiter, als die üblichen Einschätzungen der Politikstrategen und Medienschaffenden, die nicht selten von Absichten, Hoffnungen und Taktiken geleitet sind!

Ein Prognose des Wahlausgangs hat man deshalb noch nicht. Aber vernünftigen Annahmen was geschieht. Die Szenarien können nämlich als Idealtyp für die Analyse dienen, was die Politik und die Medien tun. Zum Beispiel die NZZ, welche die Wahl von Gutzwiller und Blocher empfiehlt. Oder die FDP, die davon nichts will, und alleine in den Wahlkampf zieht. Mehr noch, wenn das Ergebnis einmal vorliegt, wird man es mit den drei Folien, die hier entwickelt wurden, schnell einschätzen können – auch hinsichtlich der Wirkungskräfte, die dazu geführt haben.

Schon mal ein ganz grosses Merci, Peter Moser. Der Kommentator am Wahltag windet ihnen jetzt schon ein Kränzchen. Und wünscht sich Nachahmer unter den Statistikern der anderen Kanton – oder findige Studierende, die das Zürcher Modell auf die Ständeratswahlen in den anderen Kantonen adaptieren.

Claude Longchamp

Wie sich der Wahlkampf 2007 entwickelte

Man erinnert sich: 2007 stand der Wahlkampf zu den Parlamentswahlen ganz im Zeichen der SVP-Kampagne. Ein kleiner Rückblick und Ausblick zu den Gemeinsamheiten und Unterschieden mit dem Wahlkampf 2011.

Am 27. August 2007 schrieb Bettina Mutter im Tagesanzeiger: “Die SVP sagt, Linke und Grüne schmiedeten ein Komplott, um Christoph Blocher aus dem Bundesrat zu drängen. Andere Parteien meinen, das sei billiger Wahlkampf.” Nachträglich weiss man es. Die SVP fürchtete sich zurecht, wenn auch im falschen Moment.

Parteipräsiden Ueli Maurer brachte die Befindlichkeit der Partei an der Medienkonferenz desselben Tages auf den Punkt. Wenn Blocher abgewählt wird, zerstört Links-Grün das bewährtes Konkordanzsystem. Die SVP muss dann den Bundesrat verlassen und aus der Opposition heraus politisieren. Um das zu verhindern, kündigte er eine eigentliche Kampagnenoffensive an.

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Wie Medienanalysen des FOeG an der Uni Zürich zeigten, löste die Kontroverse eine riesige Medienressonanz aus. Während Tagen war die SVP mit Abstand die am meisten behandelte Partei in den Medien. Gefordert war vor allem die CVP, beschuldigt mit Rotgrün zu paktieren. In die Bedrängnis geriet auch die FDP, deren Bundesrat Couchepin am meinte, kein Land brauche einen Douce – womit klar war, wen er gemeint hatte.

Erst nach Wochen flaute die Geschichte etwa ab. Noch einmal befeuert wurde sie durch die Sondersession der eidgenössischen Räte anfangs Oktober 2007, die sich dem Geheimplan beschäftigte. Für den Samstag danach hatte zudem die SVP für den 6. Oktober zu ihrer Manifestation in Bern aufgerufen – dem geplanten Höhepunkt ihres Wahlkampagne, der mit der Eskalation auf Berns Strassen zum Tiefpunkt des Wahlkampfes wurde. Medial hatte auch das der Partei genützt. Ihre Medienpräsenz erreicht in den drei letzten Wochen nochmals Höchstwerte, von denen die anderen Parteien nur träumen konnten.

“Ereignisorientierter Wahlkampf” analysierte ich dieses Vorgehen im Nachhinein.. Dabei ist nicht einmal entscheidend, wer was auslöst. Wichtiger ist, wer wie damit umgehen kann. Das spin doctoring findet in den Schweiz nicht in obskuren PR-Büros statt, wie man das oft behauptet, sondern in den Parteien selber, die jeden Tage beurteilen, was ihnen nützen und schaden kann. Wer mit seinen Kampagnen schnell reagieren kann, der wird so zum Treiber, der den Takt vorgibt und sie die anderen Akteure dominiert und die Medienberichterstattung auf dieser Art und Weise steuert.

Dazu gehört auch der Lead im gekauften Raum. Auch hier dominierte die SVP praktisch unbestritten. Sie begann als Erstes mit der Wahlwerbung, sie intensivierte sie vor allem anderen, und sie investierte auch das grösste Geldvolumen in Plakate, Inserate und Druckschriften.

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Der Vergleich der beiden Indikatoren für Wahlkampfaktivitäten mit den Trends im Wahlbarometer legten folgende Zusammenhänge nahe: Profitiert haben dürften SVP und FDP von ihren Investitionen im gekauften Raum. Der SVP dürfte zudem die Medienpräsenz genützt haben, weil sie so den Wahlkampf dominierte. Die SP wurde zusehends verdrängt, und galt in der Schlussphase als mitverantwortlich für die Krawalle in Bern, was ihr geschadet haben dürfte.

Und heute? Einen “6. Oktober” wird es dieses Mal wohl nicht mehr geben, ist doch die Hauptstadt für Manifestationen der Parteien kurz vor der Wahl gesperrt worden. Dennoch zeigt sich, dass die SVP versucht ist, eine vergleichbare Kampagne mit vorbereiteter Volksinitiative, Plakatwerbung und Zupsitzung mit Inseraten zu fahren. Klar wurde auch, dass die Dramatisierung bisher nicht wirklich gelingt, weil die beabsichtigte Focussierung der Wahlen 11 auf die Ständeratswahlen und da auf das Treffen im Kanton Zürich nicht wie erwartet funktioniert. Deshalb polarisiert die SVP auch weniger. Die Bundesratswahlen wurden als Wahlziel 2011 gestrichen. Inoffiziell will man einen zweiten Sitz, wenn es nicht reichen sollte, werde man 2015 mit drei Bundesräten zurück kehren.

Allerdings, auch das wird momentan immer deutlicher: Keine der anderen Parteien kann in die Lücke, die so im Wahlkampf 2011 entstanden ist, wirklich nützen, um sich besser als die anderen zu profilieren. Entweder sind die Verhältnisse durch die globalen Ereignisse so unübersichtlich geworden, oder der Wahlkampf 2011 steht uns noch bevor!

Claude Longchamp