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Politiker als Eisverkäufer …

Am Dienstag staunte ich nicht schlecht, denn der Blick am Abend behandelte das Medianw√§hlermodell ebenso ausf√ľhrlich, wie ich es f√ľr meine Wochenvorlesung an der Uni Z√ľrich vorgenommen hatte. Anders als ich glauben die Blick-Leute jedoch, damit das taktische Verhalten von Parteien verstehen zu k√∂nnen, w√§hrend ich die Theorie nur f√ľr die strategische Analyse gelten lasse.

Der Ausgangspunkt ist einfach: Ein Strand von beispielsweise 10 m Breite und 100 m L√§nge sei im Osten und Westen durch Felsen begrenzt, im Norden durch das Meer und im S√ľden durch eine Uferpromenade. An diesem Strand gibt es genau zwei Eisverk√§ufer mit je einem mobilen Eisverkaufsstand, der aber nur l√§ngs der Uferpromenade bewegt werden kann, nicht im Sand. Der Strand ist gleichm√§√üig mit Badeg√§sten gef√ľllt. Beide Eisverk√§ufer bieten das gleiche Eis zum gleichen Preis an. Gesucht ist die optimale Position beider Eisverk√§ufer.

Sprechen sich die beiden Eisverk√§ufer ab, teilen sie den Strand in zwei gleich grosse Rayons auf. Beide bekommen einen Bezirk exklusiv, wenn sie auf die andern verzichten. Ihr idealer Standort ist jeweils in der Mitte ihres Sektors. Stehen sie jedoch in Konkurrenz zueinander, werden sie sich in die Mitte des gesamten Strandes bewegen, und zwar wechselseitig, weil sie da die gr√∂sste Chance haben, alle Besucher anzusprechen. Indes, sie m√ľssen sich bei identischem Eis mit tieferen Preise bek√§mpfen oder aber die neue Glaces anbieten, auf die m√∂glichst viele Strandbesucher stehen.
Auf die Politik √ľbertragen heisst das: Zwei Parteien sprechen sich entweder untereinander ab, wer welche Wahlkreise bekommt, oder sie wetteifern untereinander in allen Wahlkreisen, wobei, in einem Zweiparteiensystem die Partei gewinnt, welche die Pr√§ferenzen der W√§hlerInnen in der Mitte, die Medianw√§hler eben, besser abbildet.

Das so skizzierte Modell ist ebenso h√§ufig kritisiert wie zitiert worden. Weil Parteien nicht einfach Eisverk√§ufer sind, die x-beliebig dem Volk folgen. Vielmehr sind sie gewachsene Gebilde, die Teile der B√ľrger in regionaler, werte- oder interessenm√§ssiger Hinsicht vertreten. Ihren einmal eigenommen Standort k√∂nnen sie nicht einfach √§ndern, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Anders als am Strand, wo die Leute f√ľr einige ausserordentliche Tage hingehen, sie die W√§hlerInnen mehr oder minder permanent da.

Dennoch, die Annahme, dass die Zahl, die Position und das Verhalten der Parteien einen Einfluss hat auf ihre Wahlchancen hat, ist auch politikwissenschaftlich berechtigt.

Bis 1991 funktionierten Schweizer Wahlen weitgehend nach dem Konkordanzmuster, samt Gebietsabsprachen. Dann positionierte sich die SVP neu, als Partei gegen die EU, und liess ihre fr√ľheren Hemmungen fallen, zum Beispiel in Gebieten anzugreifen, die der CVP geh√∂rten. Die Folge kennen wir: Die SVP stieg von der 4. Zur W√§hlerst√§rksten Partei der Schweiz. Auch die Gr√ľnen legten seit den 80er Jahren schrittweise zu, weil sie sich den √∂kologischen Themen annahmen und so vor allem einen Teil der linken W√§hlerschaft f√ľr sich gewinnen konnten. Aufgel√∂st wurde so der Zwang der Parteien, sich gegen die Mitte zu bewegen und die Konkurrenz als Partner zu akzeptieren. Zuerst gab es im linken, dann im rechten Lager politischen Wettbewerb. Die Chancen neuer oder neupositionierter Parteien erh√∂hen sich, gerade in der Schweiz, wenn es ihnen gelingt bisherige Nicht-W√§hlerInnen zu mobilisieren. Die findet man vor allem an den Polen der neuen Konfliktlinie am ehesten: also klar gegen Autos, klar gegen EU. Ihr Erfolg nimmt zu, wenn sie auf diesem Weg auch unzufriedene W√§hlerInnen der bisherigen Parteien f√ľr sich gewinnen k√∂nnen.

Einiges spricht daf√ľr, dass sich die Parteienlandschaft der Schweiz seit den 90er Jahren so entwickelt hat. Neuerdings scheinen die Potenziale, welche die Ver√§nderungen bewirkt haben, jedoch ausgereizt. Denn es verlieren heute nicht nur die traditionellen Mitte-Parteien, auch die Polparteien wachsen elektoral nicht mehr. Vielmehr kennen Schweizer Wahlen mit der BDP und GLP zwei neue Angebote. Entstanden sind beide Parteien als Abspaltungen von Polparteien, die sich zu einseitig positioniert haben: die GLP weil die GPS mit ihrem Etatismus nicht mehr alle √∂kologischen W√§hlerInnen abdeckte, und die BDP, weil die SVP mit ihrer Oppositionsneigung nach der Abwahl Blochers aus dem Bundesrat gem√§ssigte Konservative mit Vertrauen in den Staat bei sich halten konnte. Auch hier gilt: Es sind die nur die Abgespaltenen, die z√§hlen, es werden auch die Neu- und Wechselw√§hlerInnen von Belang.

Meines Erachtens ist die Medianw√§hlertheorie gut und schlecht zugleich. Schlecht ist sie, wenn sie, wie vom Blick zitiert, zur Analyse von taktischen Positionsbez√ľgen verwendet wird. Denn wer sich als bestandene Partei positioniert, setzt sich dem Vorwurf aus, opportunistisch zu sein. Gut ist sie hingegen, wenn sie f√ľr die strategische (Um)Positionierung von Parteien eingesetzt wird. Das heisst auch, dass es nicht um den Tageserfolg der Eisverk√§ufer geht, sondern um die mittel- und langfristige Profilierung von Parteien geht. Dabei darf sie sich zwangsl√§ufig nicht auf das Publikum st√ľtzen, dass an einem Wochenende die Str√§nde bev√∂lkert, sondern muss sich an den Generationen ausrichtigen, die in 10 bis 20 Jahren die Politik ausmachen werden. Zudem, und da endet die Analogie zum Konsumismus ganz: Es geht in der Politik auch um ad√§quate Antworten einer Gesellschaft auf neue Herausforderungen, die durch den Parteienwettbewerb entwickelt und durch die W√§hlerInnen-Entscheidungen bewertet werden.

Oder noch klarer: Die einfachen und kurzfristigen Interessen der Strandbesucher und Eisverkäufer erklären und die Politik nicht; es kommt darauf an, sie in einem gegebenen Politsystem, angesichts vorherrschender Demokratiemuster und unter Einbezug des Beteiligungsverhalten und der Generationenfolge zu bestimmen. Denn erst dann wird das Verhalten neuer Parteien oder eines veränderter Auftritt bis Parteien von Belang. Und nur dann machen Wahlanalysen mit Theorie wie der hier beschrieben Sinn, um zu verstehen, was bei einer Wahl geht.

Claude Longchamp

Lernprozesse in der (angewandten) Wahlforschung der Schweiz

Vor einem Jahr hielt ich an den Aarauer Demokratie-Tagen ein Referat zum Stand der Wahlforschung, mit Blick auf die anstehenden Parlamentswahlen. Letzte Woche nun verfasste ich den R√ľckblick auf eben dieses Ereignis, verbunden mit einer (weiteren) Zwischenbilanz zum Stand der angewandten Wahlforschung. Ein kurzer Vergleich der Einsch√§tzungen, um etwas √ľber Lernprozesse zu erfahren.

Mindestens drei Forschungs- und Umfrageinstitute haben sich daran beteiligt – unseres f√ľr die SRG, Isopublic f√ľr die Sonntagszeitung und Demoscope f√ľr den Sonntagsblick.
Die Ergebnisse, die dabei herausgekommen sind, unterscheiden sich. Weniger hinsichtlich der ‚ÄěPrognosen‚Äú, die √ľber alle einigermassen zutrafen, ohne einzelne Schwachstellen vermeiden zu k√∂nnen. Sie differieren vor allem hinsichtlich des Aufwands, den die Medien als Auftraggeber finanziell, zeitlich und platzm√§ssig betrieben; das hat das SRG-Projekt zum eigentlich Marktleader avancieren lassen. Damit verbunden ist die Nachfrage nach spezialisierten Angeboten, die auf dem kleinen Umfrage-Markt zwischenzeitlich zu haben sind.

Mit dem Wahlbarometer haben wir erstmals versucht, Erklärungsansätze der Parteienwahl systematisch in die Befragungsreihe einzubauen. Es ging darum, was die Wahl einer (grösseren) Partei determiniert:

erstens, das Image der Kampagnen, die Taktik mit Blick auf die Bundesratswahlen, was kurzfristige Determinanten sind,
zweitens, die Personen an der Spitze der Parteien, die Themenkompetenz der Parteien aus der Optik der Wählenden und die Beurteilung des Bundesrates, was man als mittelfristig wirksame Faktoren ansehen kann,
und drittens, die Werthaltungen, die Parteien verkörpern, ohne Zweifel ein langfristig angelegter Bestimmungsgrund der Parteienwahl.

Der so gew√§hlte Ansatz der SRG-Befragung (√ľber dessen Ergebnisse exemplarisch hier berichtet wird) hat sich bew√§hrt; er liefert eindeutig mehr als die bekannten Beschreibungen der Parteist√§rken nach Merkmalsgruppen; er ist auch flexibler als die Messung von Pr√§sidentenimages, um daraus Siege und Niederlagen der Parteien abzuleiten.

Wenn es also offensichtliche Entwicklungen in der Entwicklung von Erklärungen der Parteienwahl gibt, bleiben doch beschränkte Probleme in der Beschreibung der Wahlabsichten. Deren Zuverlässigkeit konnte 2011 erstmals nicht mehr gesteigert werden. Das hängt wohl mit der grösser gewordenen Unsicherheit der Parteienwahl zusammen, ausgelöst mit der wachsenden Kritik an der SVP, welche die Mobilisierungsfähigkeit beeinträchtigte, aber auch mit dem Auftreten neuer Parteien und kurzfristiger Entscheidungen.

Da hat die Umfrageforschung vor allem via Wahlb√∂rsen eine Konkurrenz bekommen. Wenn deren Leistungen bei der Prognose betr√§chtlich sind, darf jedoch eines nicht √ľbersehen werden: Der Wahlforschung, die darauf ausgerichtet ist zu kl√§ren, warum wer wen w√§hlt, sind sie gar nicht dienlich. Denn sie focussieren einzig die Frage, wer gew√§hlt wird. Alles andere, das eigentlich interessiert, behandeln sie gar nicht.

Immerhin, eines zeigten die j√ľngsten Wahlen auch: Immer mehr zeichnet sich wie in der amerikanischen Wahlberichterstattung ab, dass die zuverl√§ssigsten Prognosen, Diagnosen und Analysen nicht aufgrund eines einzigen datengetriebenen Instrumentes gemacht werden, sondern aus der distanzierten Bewertung der verschiedenen Instrumente durch Wahlexperten insgesamt. Das Panel der Berner Spezialisten am Institut f√ľr Politikwissenschaft verweist in diese Richtung. Leider publizierten sie ihre Einsch√§tzungen der Parteien vor der Wahl erst nach der Wahl. Immerhin, ich hatte kurz vor der Wahl Einblick in die Ergebnisse. Wenn ich mir ansehe, was beispielsweise Markus Freitag, seit August 2011 Professor f√ľr politische Soziologie an der Berner Uni, ablieferte, kann ich nur den Hut ziehen. Denn besser als er war niemand. Das wird man 2015 zu beachten haben!

Claude Longchamp

siehe auch meinen Artikel “Prognosen, Trends und Bestandesaufnahmen vor Wahlen”, in: Ziegler, Beatrice, W√§lti, Nivole (Hg.): Wahl-Probleme der Demokratie. Schriften zur Demokratieforschung 5, Z√ľrich 2012, pp. 61-74

Was die Parteienforschung f√ľr die Wahlanalyse zu bieten h√§tte.

Meine dritte Vorlesung zur Wahlforschung an der Universit√§t Z√ľrich besch√§ftigte sich mit der Parteienanalyse. Zur Sprache kamen drei sozialwissenschaftliche Ans√§tze mit unterschiedlicher Sichtweise. Damit schloss ich den Einstieg ins Thema ab.

parteien
Stufen in der Entwicklung des Parteiensystems der Schweiz (1848-2011)

Konfliktlinien
Der eigentliche Klassiker der (makro)soziologischen Analyse von Parteiensystem stammt aus dem Jahre 1968, verfasst von Seymour Lispet und Stein Rokkan. Die Polity eines Landes, sprich das Parteiensystem, aber auch das Wahlrecht und die politische Kultur, sahen sie, in Europa, bestimmt durch zur√ľckliegende Konflikt √∂konomischer und kultureller Natur, entstanden w√§hrend der Reformation, der franz√∂sischen, b√ľrgerlichen und russischen Revolution. Daniele Caramani hat das f√ľr das zwanzigste Jahrhundert nachgezeichnet, und er f√ľgte die Parteiwandlungen angesichts der Totalitarismen, den postmateriellen Wertewandel und den Konflikt zwischen offener und geschlossener Gesellschaft der Gegenwart bei.
Auf die Schweiz angewandt heisst das, der Konfessionalismus durch die Glaubensspaltung pr√§gte lange die politischen Kulturen als geschlossene R√§ume, die Industrialisierung polarisierte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und der Postmaterialismus hat neuen Lebensweisen Platz gemacht. Namentlich mit der Oeffnung der Schweiz unter den Bedingungen der Globalisierung entstand der Gegensatz zwischen modernen, aussenorientierten und traditionellen binnenorientierten Werten. Letzteres hat den Aufstieg der SVP bewirkt, der Postmaterialismus die Gr√ľne Partei entstehen lassen. Die herk√∂mmlichen Polarisierung zwischen Links und Rechts hat die SP der FDP gegen√ľbergestellt, w√§hrend der Gegensatz zwischen FDP und CVP weitgehend durch die Konfession bestimmt wurde.

Organisationstypen

Anders setzten die Parteienforscher Richard Katz und Peter Mair an. Sie analysierten die verschiedenen Organisationstypen der Parteien. Fr√ľhe Demokratie kannten vor allem Eliteparteien, auf in der ersten H√§lfte des 20. Jahrhunderts die Massen(integrations)Parteien folgten. Nach dem zweiten Weltkrieg machten sich die Volksparteien breit, deren Sammlungskraft indessen nachgelassen hat, weshalb neuen Parteitypen entstehen. Katz und Mair sprachen von Kartellparteien, die sich mit dem Staat verschmelzen, w√§hrend Analytiker wie Klaus von Beyme das Hauptmerkmal auf professionalisierte W√§hleransprache legte.
Mit ihren Strukturen waren CVP und FDP lange die typischen Volksparteien der Schweiz, neigen zum Typ Kartellparteien. Das trifft beschränkt auch auf die SP zu; mindestens in den 90er Jahren zeigt sich auch Ansätze einer professionalisierten Wählerpartei. Dieser Typ wird in der Schweiz am klarsten durch die neue SVP repräsentiert. Kleinere Parteien wie die GPS, die BDP und die GLP lassen sich mit dieser Typologie nicht wirklich beschreiben.
Vielleicht braucht es auch einen f√ľnften Typ, um neue Parteien, wie sie in ganz Europa neuerdings entstehen, zu beschreiben. Die niederl√§ndischen Partei der Freiheit jedenfalls passt in keine dieser Schubladen; am ehesten sie sie aber eine (rechts)populistische Protestpartei, die anders als professionalisierte W√§hlerparteien von der Mobilisierung aus dem Moment heraus auf spektakul√§re Wahlerfolge setzten, um Druck auf etablierte Parteien auszu√ľben.

Systematik der Ursachen f√ľr Wahlver√§nderungen
Last but not least, hat die Wahlforschung im Gefolge von Vladimir O. Key eine interesssante Systematik entwickelt, um Veränderungen im Parteiensystems, wie sie bei Wahlen zum Ausdruck zu kommen, typologisch zu erfassen. Unterschieden wird zwischen einer kritischen Wahl, bei der bisherige Wahlentscheidungen namhaft geändert werden, sei es wegen Personen oder Themen, säkularen Dekompositionen aufgrund veränderter Bedingungen des politischen Sozialisation, systemischen Aenderungen, namentlich durch Veränderungen im Wahlrecht, und parlamentarischen Veränderungen, die sich aus der Regierungsbildung ergeben.
Auch das kann man anhand der Schweiz exemplifizieren. Die grossen systemischen Ver√§nderungen waren die Einf√ľhrung des Proporzwahlrechts einerseits, des Frauenwahlrechts anderseits. Sie bleiben nicht ohne Folge f√ľr das Parteiengef√ľge. S√§kularen Ver√§nderungen unterworfen sind namentlich die FDP und CVP, deren W√§hlerschwund langanhaltend ist; √§hnlich kann man auch die Mutation der Linken interpretieren, bei sich sozialdemokratische und gr√ľnen Parteien auseinander entwickelt haben. Die BDP wiederum ist die Folge der Bundesratswahlen von 2007; ihr Wahlerfolg von 2011, vor allem aber auch der der GLP kann als kritische Wahl angesehen werden. Das gilt selbstredend auch f√ľr die SVP-Erfolge zwischen 1995 und 2007.

Vorläufiges Fazit
Meine (selbstkritische) Meinung dazu ist: Die Wahlforschung in der Schweiz ist zu sehr auf einzelne Ph√§nomene und ihre momentanten Auswirkungen auf Parteist√§rken ausgerichtet. Sie vernachl√§ssigt den Wert solche √ľbergeordneter Analysekategorien in der Wahl- und Parteienanalyse zu sehr. Das gilt indessen nicht nur f√ľr Forscher, es trifft auch auf Parteifunktion√§re zu. Ihre Wahlanalysen in eigener Sache abstrahieren weitgehend vom (perspektivischen) Angeboten der sozialwissenschaftlichen Forschung.

Claude Longchamp

Konkordanz in Theorie und Praxis

Die zweite Vorlesung zur ‚ÄěWahlforschung in Theorie und Praxis‚Äú an der Uni Z√ľrich bot Anlass, √ľber die Eigenheiten der Konkordanz-Diskurse in Politik und Politikwissenschaft und den Reformvorschl√§gen, die daraus resultieren, nachzudenken.

‚ÄěIch kandidiere zur Wiederherstellung der Konkordanz‚Äú, sagte Bruno Zuppiger kurz nach seiner Nomination als Bundesratskandidat 2011. Faktisch meinte er, mit seiner Bewerbung gegen Bundesr√§tin Eveline Widmer-Schlumpf antreten zu wollen. Den Rest der Geschichte kennen wir. Zuppiger musste wegen Anschuldigungen seine Kandidatur zur√ľckziehen; der nachnominierte Hansj√∂rg Walther wurde nicht gew√§hlt; die SVP ist unver√§ndert mit nur einem Sitz im Bundesrat vertreten; sie hat, vor√ľbergehend lautstark, den ‚ÄěBruch der Konkordanz durch die andern‚Äú beklagt, um dann doch mit nur einem Vertreter im Bundesrat zu bleiben.

PolitikwissenschafterInnen, die sich wie amerikanisch-niederl√§ndische Politikwissenschafter Arend Lijphart ein Leben lang mit dem Thema ‚ÄěConsociationalism‚Äú auseinander gesetzt haben, kommen zu einem ganz anderen Verst√§ndnis. Konkordanz sei eine Form der Regierungsweise in tief gespaltenen Gesellschaften, um Gewalt in der Politik zu vermeiden, Demokratie zu gew√§hrleisten und Stabilit√§t der Regierung zu garantieren. Ausdruck der Konkordanz seien Proporzwahlrecht f√ľr das Parlament, grosse Koalitionen f√ľr die Regierung, Minderheitenschutz und F√∂deralismus.
Konkordanz, könnte man es zuspitzen, bestimmt sich nicht einfach nach der personellen oder parteipolitischen Zusammensetzung der Regierung; sie ist ein Demokratiemuster, der Umstände wegen.

Eben dieses Demokratiemuster der Schweiz bestimmte Adrian Vatter, Direktor des Instituts f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t Bern, wie folgt:
. Erstens, grundlegend sei, dass nicht die Parteien die Interessenvermittlung dominierten, sondern den Verbänden eine zentrale Rolle in der Willensbildung zukommt; das versachliche den möglichen Parteienstreit.
. Zweitens, Machtteilung werde durch die hohe Bedeutung der Kantone im schweizerischen Politsystems nachhaltig garantiert; das relativere die Möglichkeit, zentral eine Politikrichtung vorzugeben.
. Drittens, die durchdeklinierte direkte Demokratie in der Schweiz beg√ľnstige die B√ľrgerInnen-Partizipation auf allen Stufen; sie wirke m√§ssigend auf politische Einseitigkeiten aus, die sie durch Volksentscheidungen korrigiere.
Mit letzterem geht typischerweise einher, dass Konkordanz auf einer Mehrparteienregierung basiere, die mehr als die knappest mögliche Mehrheit integriere. Nicht entgangen ist Vatter, dass Konkordanz heute auf kantonaler und Bundesebene unterschiedlich gut funktioniere; der Wandel weg vom Spezialfall hin zum Normalfall finde hier schnell statt als in den Kantonen, ohne jedoch schon dort angekommen zu sein.

Wenn Determinanten des politischen Systems auf Konkordanz ausgerichtet bleiben, ein zentrales Element, das Parteiensystem auf Bundesebene mit seiner Aufteilung in neue Akteure und polarisierte Parteien, jedoch in eine andere Richtung weist, stellt sich die Frage, was verändert werden muss. Ich denke, es gibt unter den hiesigen Politologen heute drei typische Antworten darauf:

. Einmal, Regierungskonkordanz bleibt zentral, sie muss aber institutionell erneuert werden, um den veränderten Bedingungen in Medien, Parlament und Regierung Rechnung zu tragen.
. Sodann, das Politsystem ist √ľberholt und muss den neuen Entwicklungen in den Parteien entsprechend in Richtung Alternanz umgebaut werden.
. Schliesslich, die Regierung soll insk√ľnftig alle jene Parteien umfassen, die sich langfristig an konkordanten Regeln ausrichten wollen.

Letzteres vertritt beispielsweise der Genfer Politikwissenschafter Pascal Sciarini; er spricht dabei von der kleinen Konkordanz, die funktionsf√§hig bleibe, auch wenn auf eine Polpartei im Bundesrat verzichtet werde. Zweiteres ist das Steckenpferd von Hanspeter Kriesi, Politologieprofessor in Z√ľrich, demn√§chst in Florenz, der die SP auffordert, in die Opposition zu gehen, sich umfassend zu erneuern und so den politischen Kampf mit der erstarkten Rechten in einem ver√§nderten System aufzunehmen. Ersteres wiederum propagierte j√ľngst Michael Hermann mit seinem Pl√§doyer f√ľr eine Revitalisierung der Konkordanz durch Elemente der Volkswahl des Bundesrates, des Schiedsgerichtes durch das Volk bei uneinigen Parlamentskammern und durch Aufwertung der Bundeskanzlei zu einem Pr√§sidialdepartement mit besonderen Befugnissen.

Ich selber bin ja immer wieder erstaunt zu sehen, wie gut der Sog funktioniert, dass man als grosse Parteien nur in der Regierung Erfolge f√ľr die eigene W√§hlerschaft erzielt, selbst wenn man Probleme auf sich l√§dt. Denn insbesondere das Kollegialsystem wirkt nachhaltig einschr√§nkend auf die Profilierungsm√∂glichkeiten einer Regierungspartei.
Konkordanz ist deshalb eine Herausforderung f√ľr politische Parteien, die dauerhaft Erfolg haben wollen, die sie nicht untersch√§tzen sollten. Ohne Anpassungsleistungen der Parteien an die mehr oder weniger garantierte Teilhabe an der Regierung kann das Demokratiemuster nicht √ľberleben, das bei aller Ver√§nderbarkeit der Schweiz durchaus angemessen bleibt.

Claude Longchamp

Was ich mit der Vorlesung zur Wahlforschung erreichen will

Die Vorlesungszeit hat begonnen: In Z√ľrich unterrichte ich im Bachelor-Programm der Politikwissenschaft erneut Wahlforschung – in Theorie und Praxis. Hier meine Absichtserkl√§rung.

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Ort des Geschehens: Das neue Geb√§ude des Instituts f√ľr Politikwissenschaft an der Universit√§t Z√ľrich

F√ľnf Ziele hat die Wissenschaft, will ich meinen Studierenden der Politikwissenschaft an der Universit√§t Z√ľrich w√§hrend der Vorlesung zur Wahlforschung beibringen:

. die Beschreibung der Wirklichkeiten bei Wahlen
. die Erlärung von Ursache-/WirkungsZusammenhängen
. die theoretische Begr√ľndung von
. die Prognose von Ereignissen und
. das Handeln als Wissenschafter.

Jede dieser Zielsetzungen ist anspruchsvoll, wie mit nicht zuletzt bei der Vorbereitung wieder einmal klar geworden ist.

Denn Medien beschreiben einem, was ist, doch machen sie das nach ihrer eigenen Logik, der die Wissenschaft nicht folgen muss. Ursache- und Wirkungszusammenhänge scheinen Berater besser zu kennen als Forscher, was auf die Akteure ausstrahlt und die Aufgabe der Wissenschaft nicht erleichtert. Theorien wiederum hat die Wissenschaftsgemeinschaft entwickelt, doch stammen die meisten aus den USA Рund sind durch das politische System geprägt, genauso wie in vielem amerikanischen Kultur mitschwingt. Bei den Schwierigkeiten, welche der Prognose von Ereignisse innen wohnen, muss man gar nicht so weit ausholen; die eigenen Erfahrungen reichen da. Und last but not least, wird das Handeln als Wissenschafter schnell missverstanden.

Letzteres war auch schon in den ersten Diskussionen w√§hrend der Lehrveranstaltung der Fall. Das hat wohl damit zu tun, dass Politikwissenschaft – gerade w√§hrend dem Studium – kontemplativ ist. Der zentrale Studienmodus ist der des Schauen, bisweilen der Beschaulichkeit. Erkl√§rungen, die man dazu anbringt, haben √ľberwiegend den Charakter der ex-post-Erkl√§rung. H√§ufig sind die induktiver Natur, eher selten deduktiver. Vorhersagen muss man w√§hrend der ganzen Ausbildung zur PolitikwissenschafterIn allermeistens nichts – und ist vielleicht genau deshalb erfolgreich.

Mir geht es, mit der Vorlesung zur Wahlforschung in Theorie und Praxis, um mehr: Zum Beispiel um die rasche Vermehrung von Politologen in der Wahlpraxis.

Nicht nur, weil zahlreiche Kandidierende ein politikwissenschaftliches Studium hinter sich haben. Auch, weil PolitologInnen heute Generalsekret√§rInnen von Regierungsparteien sind, in Wahlaussch√ľssen arbeiten, die Wahlk√§mpfe durchziehen, in grosser Zahl in Medien dar√ľber berichten oder als ExpertInnen f√ľr Medien arbeiten. Daf√ľr werden sie kaum vorbereitet. Mehr noch, auch PolitikwissenschafterInnen, die sich nicht so nahe an die Aktualit√§t wagen, handeln heute zunehmend in Anwendungsfeldern: beileibe nicht nur als PraktikantInnen in Wahlst√§ben amerikanischer Pr√§sidentschaftskandidatInnen, immer mehr auch als WahlhelferInnen in neuen Demokratien, wo sie daran beteiligt sind, eine vern√ľnftige Wahlpraxis auszubauen. Nicht zuletzt werden PolitikwissenschafterInnen, gerade auch aus der Schweiz, an vielen Orten um Rat gefragt, wie Wahlen konzipiert sein sollten, damit sie ihrer vornehmsten Aufgabe, dem friedlichen Machtwechsel gerecht werden, und nicht selber zum Anlass f√ľr Gewalt werden. Daran zu arbeiten, ist eine der anspruchsvollsten Herausforderungen, auf die man sich fr√ľhzeitig einstellen sollte.

Oder um noch deutlicher zu sagen: WahlforscherInnen, aber auch WahlexpertInnenen sollen zurecht ein politikwissenschaftlichen Studium machen k√∂nnen, dass nicht ideologisch geformt ist, indem nicht nur die Aktualit√§t den Takt angibt. Meines Erachtens braucht es indessen keine Hyper-Spezialisten, die theoretisch alles kennen, von der Praxis aber keine Ahnung haben, die fast alles wissen, aber √ľber fast nichts. Nebst dem K√∂nnen in der Forschung geht es mir auch um Fragen der Relevanz von wissenschaftlichem Wissen, das sich nicht scheut, bisweilen mitten im Geschehen zu stehen, ohne zu glauben, man sei bloss Techniker und ohne zu meinen, man sei der Guru, indes, wie es J√ľrgen Habermas formulierte, ihren eigenen Diskurs im Dialog mit der Politik f√ľhren, wobei Ziel und Mittel des politischen Handelns zum Vorteil beider Seiten aktiv verhandelt werden.

Claude Longchamp

Auf nach Z√ľrich!

Wahlforschung in Theorie und Praxis – heisst meine Lehrveranstaltung im kommenden Fr√ľhlingssemester an der Universit√§t Z√ľrich. Eine erster Einblick.

SCHWEIZ WAHLEN 2011 WAHLSTUDIO
Politikwissenschaft f√ľr den Wahltag: 12 Stunden-Live-Einsatz im Wahlstudio des Schweizer Fernsehens – und was davon f√ľr die Wissenschaft bleibt.

Wahlforschung ist interdisziplin√§r: Zuerst interessierten sich die Juristen f√ľr das Wahlrecht, dann die Statistiker f√ľr die Wahlergebnisse. Geografen vermassen die Resultate in den Regionen und Historiker berichteten √ľber ihren Wandel in der Zeit. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die sozialwissenschaftlichen Besch√§ftigung mit Wahlen zugenommen: Institutionellen Fragen, das Wahlverhalten, die Einfl√ľsse aus Wirtschaft, Gesellschaft und Medien haben an Bedeutung gewonnen, und sie bedingen, Wahlen unter verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Im Fr√ľhlingssemester unterrichte ich Wahlforschung an der Universit√§t Z√ľrich. Die Vorlesung wird vom Institut f√ľr Politikwissenschaft im Rahmen des sozialwissenschaftlichen Bachelor-Studiums angeboten. Die Besonderheit meines Kurses: Er soll in Theorie und Praxis einf√ľhren, also nicht nur √∂konomische und sozialpsychologische Verhaltensmodelle lehren, das Wirken der Parteien und Medien vorstellen und die Auswirkungen des sozialen und politischen Wandels auf die Ergebnisse diskutieren, nein, er wird auch √ľber Projekte der Wahlberichterstattung, L√ľcken der Forschung und die Rolle der PolitologInnen in der Mediendemokratie berichten.

Der zentrale Gegenstand könnte aktueller nicht sein; ich werde vorwiegend Beispiele aus dem Wahljahr 2011 nehmen: Die Nationalrats- resp. Ständeratswahlen, die Bundesratswahlen, aber auch die kantonalen Wahlen sollen zur Sprache kommen.

Detailliert habe ich die Veranstaltung noch nicht geplant. Sie entsteht gegenw√§rtig in “meinem Bauch” – auch als Verarbeitung von Ergebnissen, Analysen, Eindr√ľcken aus dem auslaufenden Jahr. Viel Material hat sich in meinem B√ľro gesammelt, das ich dieser Tage sortiert, bewertet, weggeworfen oder abgelegt habe. Jetzt muss ich Gef√ľhle, Wissen und K√∂nnen nur noch in grossen Ganzes bringen. Hier schon mal die Disposition:

1. Vorlesung: Einf√ľhrung zur Wahlforschung in Theorie und Praxis
2. Mikro-Theorie (I): Das einfache ökonomische Verhaltensmodell
3. Mikro-Theorie (II): Parteibindung, Themen- und Kandidatenorientierung
4. Makro-Theorie (I): Historische Konfliklinien und das Parteiensystem der Schweiz
4. Makro-Theorie (II): postmaterialistischer und nationalkonservativer Wertewandel als neue Konfliktlinien im Parteiensystem der Schweiz
5. Politische Mobilisierung und Wahlbeteiligung
6. Wahlen und Wahlkämpfe in der Mediengesellschaft von heute: zwischen Aufklärung und Propaganda
7. Wahlen und Wahlrecht in der Schweiz
8. Wahlprognosen im Vergleich
9. Modellhafte Analyse der Nationalratswahlen
10. Modellhafte Analyse der Ständeratswahlen
11. Wahlen im Konkordanzsystem: Analyse der Bundesratswahlen 2011
12. PolitologInnen im Wahlgeschehen 2011

In Gedanken mache ich mich auf nach Z√ľrich!

Claude Longchamp

Die neuen Erfolgsfaktoren bei Ständeratswahlen

“Volatilit√§t” ist das Zauberwort der Wahlanalyse, wenn sie das Mass der parteipolitischen Ver√§nderungen von Wahl zu Wahl beurteilen m√ľssen. F√ľr die Wahl 2011 gilt: Nie in der j√ľngeren Wahlgeschichte gab es so viele Aenderungen wie diesmal. Und zwar im National- wie auch im St√§nderat.

volatil
Die Volatilität ist eine Masszahl, um die absolute parteipolitische Veränderung von Sitzen von einer Wahl zur anderen zu beurteilen.

Nun wissen wir es: Nie wurde der St√§nderat so umgekrempelt wie aktuell. Der Volatilit√§tsindex f√ľr die parteipolitischen Ver√§nderungen erreichte den bisherigen H√∂chstwert. Der St√§nderat r√ľckte demnach nicht nur nach links, es ver√§nderte sich auch seine Zusammensetzung. Besser als Bilanzen von Sitzverschiebungen, die Ver√§nderungen in die eine mit denjenigen in die andere verrechnen, eignet sich der Volatilit√§tsindex die Bruottoverschiebungen zu beurteilen. Er ist damit ein Mass f√ľr die Stabilit√§t resp. Labilit√§t der parteipolitischen Zusammensetzung.

Uebertragen auf die individuelle Ebene der gew√§hlten spricht man eher von Fluktuation. Dies ergibt sich aus den R√ľcktritten und Abwahlen. Sie kann analysiert werden, um die alten und neuen Erfolgsfaktoren abzuleiten, wie man StandesvertreterIn wird. Hier eine erste Uebersicht:

Zun√§chst trifft zu, dass das “Bisher” eine starke Empfehlung bleibt. Unfreiwillig ausgeschieden sind Bruno Frick von der CVP Schwyz und Adrian Amstutz aus den Berner SVP-Reihen. Etwas abgeschw√§cht gilt sodann, dass die KandidatInnen aus der Partei des bisherigen Sitzinhabers einen Vorteil haben. Das missriet der FDP in Schaffhausen, und es gelang der SVP der (erzwungene) Personalwechsel im Aargau nicht. In St. Gallen konnte die CVP mit dem Kandidaten, der erst im zweiten Wahlgang antrat, nicht halten.

Quereinsteiger wie Thomas Minder bleiben im Ständerat die Ausnahme. Erfolgversprechend ist es, das Mandat als Höhepunkt einer politischen Karriere anzustreben. Praxiserfahrung einerseits, Bekanntheit anderseits zählen. Dazu zählen, dass man bereits politische Aemter inne haben mussten; förderlich ist auch eine regelmässige, anhaltende Medienpräsenz.

Aus dem Profil der Neugew√§hlten kann man schliesslich folgern, dass ehemalige und bestehende Regierungsr√§tInnen (Eberle/TG, Keller-Sutter/SG) gute Chancen haben, diese Aussage selbst auf Stadtpr√§sidenten (St√∂ckli/BE) ausgeweitet werden kann. Es gibt auch einen Trend gibt, dass PolitikerInnen, die sich als Ratspr√§sidentInnen (Bruderer/AG) einen Namen gemacht haben (2003 Egerszegi, 2011 Bruderer), den Sprung ins St√∂ckli schaffen. Hingegen ist die Qualifikation “Nationalrat/Nationalr√§tin” nicht hinreichend, um in den St√§nderat gew√§hlt zu werden. Das hat auch damit zu tun, dass zahlreiche von ihnen die Doppelkandidatur anstrebten, nicht zuletzt um den Sitz in der grossen Kammer zu sichern; das St√§nderatsergebnis war ihnen sekund√§r.

Die Erfolgskriterien im ersten und zweiten Wahlgang sind unterschiedlich: In der ersten Runde spielt die St√§rke der eigenen Partei als Hausmacht eine wachsende Rolle, im zweiten ist die F√§higkeit der Kandidatur massgeblich, √ľber Parteigrenzen hinweg Positiv- oder Negativ-Allianzen eingehen zu k√∂nnen. Letzteres gelingt der SP immer besser, derweil die SVP gerade hier ein Problem hat. Die bisher wichtige Unterscheidung zwischen Erfolgsfaktoren in der Romandie und in der Deuschschweiz ist eher geringer geworden; daf√ľr gibt es zunehmend divergente Entwicklungen in urbanen und ruralen Kantonen. So sind in Z√ľrich zwei Standesvertreter aus mittelgrossen Parteien erfolgreich gewesen, die breite Ausstrahlung als (mediatisierte) Personen hatten, w√§hrend der Kanton Schwyz neu gleich zwei SVP-Standesherren nach Bern schickt.

Claude Longchamp

Ständeratswahlen: Börsianer erwarten Links-Rutsch

Erst in zwei Wochen wird der St√§nderat komplett sein. Jetzt schon zeichnen sich auf Wahlb√∂rse die Favoriten f√ľr die im ersten Wahlgang offen geblieben Sitze ab. Das spricht f√ľr einen Linksrutsch im St√§nderat.

MARTI
Wir der St√§nderat neu von einer Mehrheit von CVP und SP gef√ľhrt? – Das wenigstens suggeriert eine Uebersicht √ľber die Wahlb√∂rsen in den Kantonen mit anstehenden zweiten Wahlg√§ngen.

Ginge es nur das der Wahlb√∂rse, verteilten sich die noch offenen 11 Sitze f√ľr den St√§nderat wie folgt.

Noch 2 Sitze zu vergeben:

BE: Luginb√ľhl (BDP, bisher), St√∂ckli (SP, neu)
TI: Lombardi (CVP, bisher), Cavalli (SP, neu)
ZH: Diener (GLP, bisher), Gutzwiller (FDP, bisher)

Noch 1 Sitz zu vergeben:

AG: Egerszegi (FDP, bisher)
SO: Bischof (CVP, neu)
SG: Rechsteiner (SP, neu)
SZ: Frick (CVP, bisher)
UR: Stadler (GLP, bisher)

Damit w√ľrde die SP noch drei Sitz (BE, TI, SG) machen gewinnen, w√§hrend die FDP (TI, SO) zwei, die SVP (AG) einen verlieren w√ľrde.

Die CVP käme in der Endabrechnung auf 14 Sitze (-1), die SP auf 12 (+3), die FDP auf 10 (-2), während die SVP bei 4 (-2) stehen bliebe, vor GPS und GLP mit je 2 und BDP resp. (vorläufig) Parteilose mit je 1 Mandat (je 1 plus). Eigentliche Wahlsiegerin wäre die SP, die neu mit der CVP zusammen im Stöckli eine Mehrheit bilden könnte, ohne auf Stimmen der kleinen Parteien angewiesen zu sein.

Sicher, einige der Tipps sind √ľberraschend, so der zum Kanton St. Gallen, wonach der Pr√§sident des Gewerkschaftsbundes, Paul Rechtsteiner, den Chef der SVP Schweiz, Toni Brunner, bezwingen w√ľrde. Recht kanpp sind die Verh√§ltnisse insbesondere in den Kantonen Tessin, wohl aber auch Bern. In beiden F√§llen k√∂nnte der prognostizierte Sitz von links nach rechts wandern.

Nimmt man die jetzige Vorhersage zum vorl√§ufigen Massstab, h√§tte das Ergebnis der St√§nderatswahlen Konsequenzen: Denn die SVP kame neu auf 58 Sitze, genau gleich viele wie die SP. An dritter Stelle l√§ge die CVP/EVP, gefolgt von der FDP. Wegen den Gewinnen der SP und der Abspaltung der GLP von der Zentrumsfraktion w√ľrden diese die Pl√§tze tauschen, ja, die SP w√§re gleich auf mit der SVP. Selbst wenn sich die BDP der CVP/EVP-Fraktion anschliessen w√ľrde, kam man in der Mitte auf 54 Sitze und w√ľrde man auf dem dritten Rang bleiben, allerdings sehr klar vor den FDP.Liberalen. Das w√§re mit Blick auf die anstehende Bundesratswahl nicht ohne!

Wie gesagt: Das sind die Ergebnisse, welche die Wahlb√∂rse gegenw√§rtig suggeriert. Ganz sicher sind sich selbst die B√∂rsianer nicht. Stellt man n√§mlich nicht auf ihre kantonalen Wetten ab, sondern auf die nationale zu allen St√§nderatswahlen 2011, resultiert ein leicht differenter Ausgang. Die Verluste f√ľr die FDP w√§ren noch etwas gr√∂sser, jene f√ľr die SVP etwa kleiner und die SP w√ľrde weniger gewinnen. Allerdings halte ich das eher f√ľr eine Schw√§che der Wahlb√∂rsen, denn die direkte Sch√§tzung des Ausgangs der St√§nderatswahlen ist selber f√ľr ExpertInnen ausgesprochen schwieriger. Etwas zuverl√§ssiger sind das die Annahmen pro Kanton.

Claude Longchamp

Was die BernerInnen bei den Ständeratswahlen in zweiter Linie wählten

Eine Spezialauswertung der Stimmzettel im Kanton Bern zeigt, was die W√§hlenden von Amstutz, Luginb√ľhl, St√∂ckli, von Graffenried und Wasserfallen auf die zweite Linie schrieben. Das hilft, Pr√§ferenzen im 1. Wahlgang verbessert einzusch√§tzen.

Zuerst will ich den Kanton Waadt loben. Bei den Nationalratswahlen kam er wegen der Verzögerungen beim Auszählen schlecht weg. Bei den Ständeratswahlen war der Wahlservice aber super. Das hat mit dem Wahlrecht zu tun. Die WaadländerInnen wählen bei den Ständeratswahlen mit Parteilisten. Alle grossen Parteien haben eine solche. Beim zweiten Wahlgang empfahlen die SP und GPS auf der einen, die FDP.Liberalen und SVP auf der anderen Seite je ein Doppelpack an Bewerbungen. Aus der Wahlstatistik kann man nun ableiten, wieviele Stimmen jede Parteiliste machte und wer von den Vorgeschlagenen bestätigt resp. gestrichen oder ersetzt worden ist.

Abfluss der Zweitstimmen nach Erststimme im 1. Wahlgang bei den Berner Ständeratswahlen
zweistimme
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Im Kanton Bern beispielsweise, wo ein anderes Wahlrecht f√ľr St√§nderatswahlen gilt, weiss man das alles nicht. Wie die Parteig√§ngerInnen im ersten Umgang gew√§hlt haben, w√ľrde man nur mit aufwendigen Umfragen herauskriegen. Wie die Zweitlinie ausgef√ľllt worden ist, kann man durch Ausz√§hlen der Bulletins ersehen. – Leider machen die Wahlb√ľros das nicht automatisch. Zwei Studenten der Politikwissenschaft an der Uni Bern, Samuel Kullmann und Philipp Koch, haben sich die M√ľhe genommen, in zehn gut ausgew√§hlten Gemeinden je eine Stichprobe der abgegebenen Zettel zu ziehen und diese auswerten.

Was sind ihre Schl√ľsse? –

Die W√§hlenden von Amstutz votierten zu 31 Prozent f√ľr Luginb√ľhl, zu 12 Prozent f√ľr Wasserfallen und zu 41 Prozent f√ľr niemanden sonst.
Wer zuerst f√ľr Luginb√ľhl gew√§hlt hatte, schrieb auf der zweiten Linie am h√§ufigsten Wasserfallen (25%) auf, dann St√∂ckli (22%); der GPS-Kandidat von Graffenried kam auf 12 Prozent. 14 Prozent gaben keine Zweitstimme ab. Oder anders gesagt: Die BDP-nahen Luginb√ľhl-W√§hlenden waren auf viele Seite offen.
Die W√§hlenden von Wasserfallen tendierten zu 42 Prozent zu Luginb√ľhl, zu 14 Prozent zu Amstutz und zu 12 Prozent von Graffenried. 19 Prozent liessen die zweite Zeile leer.
St√∂cklis W√§hlerInnen aus derm ersten Wahlgang gaben zu 69 Prozent ihre Stimme von Graffenriede, zu 10 Prozent Luginb√ľhl.
Aehnlich strukturiert waren auch die W√§hlenden von von Graffenried. Sie votierten zu 65 Prozent auch f√ľr St√∂ckli, zu 15 Prozent auf f√ľr Luginb√ľhl.

Alle anderen KandidatInnen machten nur wenige Stimmen auf den Wahlzetteln der Grossen.

Die vorliegende Analyse zeigt, dass die Amstutz-Wählenden am stärksten nur aus Ueberzeugung votiert haben. Fast die Hälfte schrieb, ausser ihrem Favorit, keine weitere Kandidatur auf den Wahlzettel, um die Wahlchancen von Amstutz zu optimieren. Nirgends war dieses Denken so verbreitet wie bei den Wählenden des SVP-Standesherren.
Die Kandidatur von Christian Wasserfallen aus den FDP-Reihen verzettelte die b√ľrgerlichen Stimmen offensichtlich. Der Grund liegt in der Abneigung seiner Anh√§ngerInnen gegen√ľber Amstutz. Die Wasserfallen-W√§hlenden hatten eine klare Pr√§ferenz f√ľr den BDP-Kandidaten, nicht aber f√ľr jenen der SVP. Am zweitmeisten Stimmen machte hier der gr√ľne Bewerber Alec von Graffenried.
Ganz anders verhielt sich das linke Lager. Es hielt insgesamt gut zusammen. St√∂ckli-W√§hlende notierten fleissig von Graffenried, und dessen Supporter votierten ebenso h√§ufig f√ľr St√∂ckli.

Die neuen Ergebnisse pr√§zisieren den Befund, den letzte Woche der “Bund” aufgrund der gleichen Methode, indes nur in einer (unbekannt gebliebenen) Gemeinde ermittelt hatte. Sie decken sich weitgehend mit den Erkenntnissen aus der Studie zum ersten Wahlgang bei den Z√ľrcher St√§nderatswahlen. Auch da zeigte sich, dass die SVP-W√§hlerschaft zwischen Eigenst√§ndigkeit und Isolation votierte, moderat b√ľrgerliche W√§hlende eher zu den gr√ľnen als sozialdemokratischen Bewerbungen tendierten, und die rotgr√ľnen W√§hlenden unter sich Stimmen tauschten. In Z√ľrich wirkte sich das Etikett “Bisherige” st√§rker aus als in Bern, wo sie zwar auch an der Spitze der Nicht-Gew√§hlten stehen, ihre Abst√ľtzung aber nicht so breit ist wie in Z√ľrich.

Schlussfolgerungen auf den zweiten Wahlgang sind nicht direkt m√∂glich; daf√ľr fehlt die Sicherheit mit entsprechenden Ergebnissen. Reevaluierungen werden zeigen, was effektiv spielte. Vorerst bleibt dies Spekulation. Namentlich kann man aus solchen Pr√§ferenzanalysen nicht eindeutig ableiten, wie die Mobilisierung im zweiten Umfang sein wird. Ist sie √ľberall gleich anders, ist das egal. Wenn aber beispielsweise das Land besser mobilisiert als die Stadt, hat das Auswirkungen auf das Wahlergebnis. Es kommt hinzu, dass im ersten Wahlgang mehr die Positionierung der bevorzugten Kandidatur wichtig war, das Taktieren namentlich auf der zweiten Zeile erst danach einsetzt. Im Kanton Bern relevant ist, die bekannte Teilung der Pr√§ferenzordnungen zwischen Stadt/Land, aber auch, was die FDP-W√§hlerschaft macht und was im Berner Jura geschieht. Und: wer im ersten Wahlgang eine Linie leer liess, hat im zweiten Umgang am meisten Spielraum!

Claude Longchamp

Wenn Wählende und Stimmen nicht das Gleiche sind

Man glaubt, schon alles zu wissen, zu den Wähleranteilen der Parteien nach den Nationalratswahlen. Das meiste davon ist Täuschung, behaupte ich. Denn gezählt werden Parteistimmen, nicht Wählende.

Von Aussen gesehen steht das vorläufig amtliche Endergebnis fest: Beispielsweise kam die SVP bei den Nationalratswahlen 2011 auf einen Wählenden-Anteil von 26.6 Prozent. Das entsprach einem Wählendenverlust von 2.3 Prozentpunkten.

Tabelle: Stimmenanteile der Parteien 2011 unter den Partei- und Mischwählenden

wahlen2011
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Doch hoppla, wer genau hinsieht, merkt dass das Bild falsch ist. Die (vorläuifg) amtlichen Endergebnisse der Schweizer Parlamentswahlen nach Proporzverfahren weisen Stimmentanteile, nicht Prozentwerte der Wählendenm, aus.

In Einerwahlkreise ist dies das gleiche. Doch schon in Zweierwahlkreise und in allen gr√∂sseren Wahlbezirken muss das nicht der Fall sein. Identisch w√§re es hier nur, wenn nicht panaschiert w√ľrde, das heisst nicht f√ľr parteifremde KandidatInnen gestimmt w√ľrde.

Doch das ist bei rund der Hälfte der Wählenden der Fall. Sie Wählen mit der Liste X, und sei schreiben Bewerbungen aus der Liste Y auf. Oder sie wählen mit gar keiner Parteiliste, verteilen ihre Stimmen auf Personen verschiedenster Listen.

Erst wenn die gesamten Panaschierstatistiken des Bundesamtes f√ľr Statistik ver√∂ffentlicht sein werden, wird man das genauer kennen. Heute schon k√∂nnen wir dies aber aufgrund der Wahltagsbefragung unseres Instituts absch√§tzen.

Demnach hat die SVP rund 17 Prozent Wählende, die einzig die SVP gewählt haben. Das sind die strammen Parteiwählenden. Die SVP bekam von einem weiter nicht genau bekannten Wählendenkreis zusätzlich rund 10 Prozent an Parteistimmen. Am ehesten waren das, gemäss Wahltagsbefragung, bei mehrheitlich FDP-Wählenden, gefolgt von solchen der CVP oder der SP.

Die SVP ist damit die Partei, die nicht nur den gr√∂ssten Stock an W√§hlenden hat, die nur f√ľr ihre Partei gestimmt haben. Sie ist auch jene Partei, bei der dieser Stock, bezogen auf alle erhaltenen Stimmen, der gr√∂sste ist. 64 Prozent Prozent an allen Stimmen machen die Parteiw√§hlenden aus, 36 Prozent stammen von Mischw√§hlenden.

Das pure Gegenteil findet sich bei der CVP. Sie machte gemäss vorläufig amtlichem Endergebnis 12,3 Prozent der Stimmen. Reine CVP-Wählende machen nach Wahltagsbefragung knapp 6 Prozent der Wählenden aus. Den Rest der Stimmen macht die Partei vor allem bei mehrheitlichen FDP-Wählenden, gefolgt von SP-Wählenden. Die MIschwählenden ergeben 55 Prozent der schliesslichen Parteistimmen. Die nachstehende Tabelle komplettiert das Bild.

Es ist nicht meine Absicht zu verwirren. Doch geht es mir darum, die vereinfachenden Begriffe, wie beispielsweise der Wählenden-Anteil, zu hinterfragen. Wie viele Wählende mindestens eine Stimme der BDP gegeben haben, wissen wir nämlich nicht genau. Wir wissen nur, was der Stimmenteil der Partei ist, und wir können abschätzen, was die Partei- und die Mischwählenden dazu beigetragen haben.

Claude Longchamp