Archive for the 'Wahlforschung' Category

Auf zur neuen Wahlforschung!

Zum zweiten Mal in Folge werde ich im Herbstsemester 2010 an der Universität Zürich die Vorlesung zur Wahlforschung halten: eine grosse Herausforderung für einen Praktiker der Forschung im Tummelfeld der Theoretiker zu bestehen!

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Lichthof Hauptgebäude Uni Zürich, wo ich im Herbstsemester wieder unterrichten werde

Die erste Austragung der Vorlesung war ein voller Erfolg. Mehr als 50 Studierende kamen zu dieser (nicht-obligatorischen) politikwissenschaftlichen Veranstaltung. Ihr Feedback war überwiegend positiv. Gelobt wurden der gebotene Stoff, die Art der Präsentation während den Vorlesungsstunden, und der Bogen von der Theorie zur Praxis. Begeistert war man von den Bezügen zur Aktualität, zu Beginn der Stunden – wenn sie auch gelgentlich zu lange waren. Wie überhaupt, die Menge der Unterlagen und Themen, die angesprochen wurden wohl etwas zu gross waren.

Nun bekomme ich im Herbstsemester eine gute Gelegenheit, die Schwachpunkte anzugehen und die Starkpunkte auszubauen. Dafür habe ich den besten Prüfling der erster Runde, (Blogger) Simon Lanz, angestellt. Er überarbeitet gegenwärtig alle Unterlagen aus Sicht eines Lernenden.

Am 24. September beginnt die Vorlesung. Der Einstieg wird den Bundesratswahlen gewidmet sein, konkret der Frage, wie man sie gesamtgesellschaftlich analysieren, im politischen System verorten kann, und welche Beweggründe die ParlamentarierInnen die eine oder andere Kandidatur favorisieren lassen. Frischeres Material dafür kann man nicht haben.

Der erste Teil der anschliessenden Semesterveranstaltung wird den theoretischen Ansätzen gewidmet sein, wie sie in den verschiedenen Sozialwissenschaften entwickelt worden sind, um die Ausprägung von Parteiensystem zu untersuchen, ökonomische und psychologische Elemente im Wahlverhalten zu bestimmen, und die Transformation von Wahlkämpfen in der sich abzeichnenden Mediengesellschaft zu bestimmen.

Der zweite Teil wird sich mit der doppelten Praxis beschäftigen: der Grundlagenforschung einerseits, die von UniwissenschafterInnen betrieben wird, um sich bestehende Theorie zu testen, und der Anwendungsforschung anderseits, die mit dem Zweck betrieben wird, die im vielfältiger werdenden Realitäten zu untersuchen. Dabei werde ich mich, anders als das erste Mal, nicht fast ausschliesslich auf Wahlen, Wahlkämpfe und Wahlentscheidungen konzentrieren, sondern, ausgehend vom Schweizer Beispiel, Abstimmung und Wahlen etwa gleichwertig behandeln. Der Ausblick wird den Wahlen 2011 gewidmet sein: der Neubestellung des Parlamentes und – nicht zu vergessen, der Regierung!

Ich freue mich auf die grosse Herausforderung, eine zeitgemässe, spannende und fliessende Vorlesung an der Universität Zürich halten zu können.

Claude Longchamp

Alles nur Taktik? Schweizer WählerInnen auf dem Prüfstand

Romain Lachat, akademischer Wahlforscher an der Uni Zürich, widerspricht in einem Blogbeitrag zu einem seiner Forschungsartikel der vorherrschenden Interpretation der Schweizer Wahlforschung. Die Polarisierung der Parteienlandschaft sei stärker als die der Wählerschaft. Diese taktiere bei Wahlen vor allem.

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Romain Lachat: Schweizer WählerInnen wählen extremer als ihre Präferenzen, damit sich etwas in ihrem Sinn verändert.

Da es im Konkordanzssystem nur Minderheitsparteien mit einem begrenzten Einfluss auf die Regierungsposition gibt, können Wählende versucht sein, mit der Unterstützung von Parteien, die extremer als ihre eigenen Präferenzen sind, ihren eigenen Einfluss auf Entscheidungen zu vermehren, argumentiert Lachat. So sei die sachliche Polarisierung der schweizerischen Wählerschaft geringer als man aufgrund der Parteienpolarisierung annehme. Doch zeigten seine Analysen, dass das taktische Wählen im Sinne des “kopmensatorischen Wählens” seit 2003 zunehmen würde.

Nicht zuletzt hätte die damalige Veränderung der Regierungszusammensetzung gezeigt, dass man mit seiner Stimme mehr als nur die Parteistärken im Parlament festlegen könne. Das habe man zwischenzeitlich begriffen, weshalb der Zürcher Politologe glaubt, dass die Polarisierung der Wählerschaft werde 2011 nochmals zunehmen.

Lange Zeit war die akademische Wahlforschung bestimmt durch die Vorstellung, Issue-Voting sei alles entscheidend. Das hat auch das Selects-Projekt geprägt. Zwischenzeitlich sieht man vielerorts, dass das eine gewagte Annahme war. Gewagt ist es aber auch, dass nun durch ein anderes Leitmotiv der Forschung ersetzen zu wollen.

Insofern ist taktisches Wählen neben Themen- und Personenwählen nur eine Möglichkeit, Wahlentscheidungen zu analysieren. Und sie ist nicht einmal neu. 2006, als das Wahlbarometer konzipiert wurde, haben wir das als eine der Hypothesen aufgenommen, die wir (mit beschränktem Erfolg) testeten.

Bemerkenswert ist in der Tat die Polarisierung der schweizerischen Parteienlandschaft für die letzten 15 Jahre, die sich indessen abschwächt. Die SP verliert seit 2006 Wahlen, die Grünen spüren die Konkurrenz der glp in der Mitte und gewinnen nicht mehr automatisch. Das Erstarken der BDP als bürgerliche Kraft ist für gemässigte WählerInnen attraktiv, was FDP und CVP beschäftigt.

Es bleiben die Gewinne der SVP. Meiner Meinung nach sollte man sie weder als reine Themenwahl noch als reine Taktik (”Flugsand”, “Proteststimmen”) interpretieren, sondern als Ausdruck einer neuen politisch-kommunikativen Konfliktlinie. Diese ergibt sich aus dem Wandel der politischen Konkordanzkultur einserseits, dem Erstarken nationalistischer und nationaler Orientierungen anderseits. Beides führt zur Ausbildung eines eigenen Wertehimmels, eigener Verhaltensweisen mit zwischenzeitlich hoher WählerInnen-Bindung.

Wechselwählen: in der Schweiz noch wenig systematisch erforscht

Analysen des Wechselwählens sind wichtig, aber nicht ohne Tücken. Es wäre Zeit, die Methodenstreitfragen bei Seite zu legen, und hierzu ein umfassendes Forschungsprojekt zu machen. Denn das Wechselwählen zeigt am differenziertesten, was sich in der Wählerschaft tut.

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4 Modelle der WechselwählerInnen-Analyse, wie sie für die Schweiz angewendet werden könnten.

Die möglichen Methoden

Repräsentative Befragungen zum Wechselwählen haben einen grossen Vorteil: die BürgerInnen geben selber Auskunft. Dafür geeignete Stichproben müssen aber gross sein und sind deshalb auch teuer. So erstaunt nicht, dass es in der Schweiz noch kaum eine systematische Uebersicht gibt über das Wechselwählen, etwa bei Nationalratswahlen, oder in bevölkerungsreichen Kantonen.

Immerhin gäbe es eine kostenügnstigere Alternative zur Analyse von Befragungsdaten. In Frage käme auch die systematische Untersuchung von offiziellen Gemeindeergebnissen, wobei die Kovarianz von Parteistärken analysiert werden müssten. Sie könnte Aufschlüsse geben, unter welchen Bedingungen eine Partei gewinnt, das heisst, wie weit Wahlbeteiligung oder Verluste anderer Parteien zur Erklärung beigezogen werden können.

Die vier Modelle der Wechselwählerströme
Eine erste Uebersicht über so gewonnene Ergebnisse legt für das Parteiensystem der Schweiz vier Modell der Wechselwählerströme nahe:

Erstens, bei hohem Konsens in Politik und Wahlkampf gibt es nur geringe Wechselbewegung; am häufigsten sind sie von den grossen Parteien zu den Nicht-WählerInnen.
Zweitens, bei (linker) Erneuerung des Parteiensystems kommt es zu Mobilisierungs von NeuwählerInnen meist für die Linke, die ihrerseits Wählende an die Rechte verliert. Diese wiederum kennt Verluste an die Nicht-(Mehr)-Wählenden.
Drittens, die Polarisierung des Parteiensystem führt dazu, dass grossen Parteien links und rechts Neuwählende an sich ziehen, im Verhältnis zu den kleinen Parteien gewinnen, wobei es kaum zu einem Tausch zwischen den Blöcken kommt.
Viertens, bei der Entstehung neuer Parteien schliesslich verlieren meist alle Nachbarn der neue Partei Wechselwählende, und die neue Partei gewinnt bisweilen auch Neuwählende hinzu, während die grossen Parteien Mühe haben, Einbussen an die Nicht-WählerInnen zu vermeiden.

Eine Anwendung davon mit Aggregatdatenanalyse habe ich bei den Berner Grossratswahlen gemacht, mit plausiblen, konsistenten Ergebnissen, die überwiegend dem vierten Modell, mit Erweiterungen für die Rechte auch dem dritten Modell entsprechen.

Eine neues Forschungsprojekt wäre sinnvoll
Die Diskussion über die Operationalisierung solcher Analyseansätze hat sich bisher weitgehend auf Methoden-Streitigkeiten konzentriert. Aus meiner Sicht hat dies nicht weiter geführt. Geschärft wurde zwar das Bewusstsein für Methodenrisiken, nicht aber für Methodenchancen. Sinnvoll wäres, inskünftig eine (Serie von Wahlen) mit beiden Methoden gleichzeitig zu untersuchen, und zwar auf der Basis explizierter Hypothesen zum erwartbaren WechselwählerInnen-Verhalten, wie es hier aufgezeigt worden ist.

Aggregatdatenanalysen hätten den unbestreitbaren Vorteil, dass sie jederzeit erstellt werden könnten, auch rückwirkend, womit die Plausibilität der Hypothesenbildung, der Analysetechniken und der Ergebnisdiskussion erhöht und wohl auch differenziert werden könnte. Individualdatenanalysen könnte dann auf einer verbesserten Grundlage gemacht werden.

In der Schweiz wäre ein solches Projekt besonders bedeutsam, denn Wechselwählen ist nur ein digitaler Entscheid, sondern ein gradueller. Meist beginnt er angesichts gelockerter Parteibindungen mit dem Panaschieren, was ja nichts anderes als parzielles Wechselwählen ist.

Mehr darüber zu wissen, heisst, die Dynamik der WählerInnen-Entscheidungen zu verstehen, die das Parteiensystem verändert.

Grossbritannien wettet, wählt und wartet ab!

Morgen wählt Grossbritannien sein Unterhaus. Um 23 Uhr am Abend wird man wissen, wer wie viele Sitze hat, und was das in WählerInnen-Anteilen bedeutet. Allgemein erwartet wird ein Wahlsieg der Konservativen, der aber nicht für die Mehrheit der Sitze ausreichen wird.

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Die letzten Umfragen auf Basis von repräsentativen Stichproben werden eben auf Internet publik gemacht. Nimmt man den UKPollingReport als eingemitteter Massstab, rechnen die Umfrageinstitute mit 35 Prozent der Stimmen für die Concervatives, 28 Prozent für Labour und 27 Prozent für die LiberalDemocrats. Ein Zehntel der Stimmen würde an alle andern Parteien gehen.

Erstaunlich ähnlich fällt die Wahlbörse aus. Die Wettfreunde halten 35 Prozent für die rechten Konservativen, 27 Prozent für linken Sozialisten und 26 Prozent für die Liberaldemokraten für die wahrscheinlichste Verteilung der Stimmen.

Doch heisst das in Grossbritannien nicht viel. Das ausgeprägte Mehrheitswahlrecht führt dazu, dass nur stärkste Parteien den Sitz in einem Wahlkreis macht. Parteien mit Hochburgen sind da bevorteilt, solche ohne Machtzentren fallen zwischen Stuhl und Bank.

Das wissen auch die Börsianer. Sie geben der Conservatives 286 Sitze im Unterhaus, gefolgt von Labour mit 218 und den Liberaldemokraten mit 114 Sitzen. Die übrigen Parteien kämen demnach auf 32 Abgeordnete. Das würde heissen, dass keine Partei die Mehrheit der Sitze hätte, es aber sowohl für eine Mitte/Rechts, wie auch für eine Mitte/Links-Koalition reichen würde.

Für die Umfrageinstitute ist die Umrechnung der nationalen WählerInnen-Anteile in Sitze ein grösseres Problem. Deshalb dominieren hier Erfahrungswerte für die Auswirkungen, die eine Prozente WählerInnen-Gewinne oder Verluste mit sich bringen. Da lässt eine deutlicher knapperen Wahlausgang erwarten: UKPollingReport, dass die wichtigsten Umfrageserien gewichtet, rechnet mit 274 Sitze für die siegreichen Konservativen, 264 für die Sozialisten und nur 81 für die Liberaldemokraten.

In der Endabrechnung würde das aber das Gleiche heissen: Die Konservativen gewinnen, doch reicht es nicht für die alleinige Mehrheit. Deshalb werden verschiedene Szenarien diskutiert:

Am klarsten wäre es, wenn die Konservativen 326 Sitze und damit die alleine Mehrheit erhielten. David Cameron würde die Regierung direkt stellen können.

Wenn die Konservativen klare Gewinnerinnen wären, aber keine Mehrheit erhielten, wäre eine Minderheitsregierung aus Konservativen mit Duldung der kleinen Parteien denkbar. Die Tories müssten wohl auf 300 Sitze kommen, denn die kleinen Parteien sind für rund 30 Sitze gut.

Wenn das nicht möglich ist, die Konservativen stärkste Partei sind, ist eine Mitte/Rechts-Regierung, namentlich mit den Liberaldemokraten, denkbar.

Wenn schliesslich Labour und Conservatives ähnliche viele Sitze bekommen, ist denkbar, dass Brown Premier bleibt und mit den Liberaldemokraten eine Koalitionsregierung anstrebt. Voraussetzung ist hier wohl, dass sie gemeinsam eine Mehrheit der Abgeordneten stellen.

Wer auch immer mit den Liberaldemokraten koalieren will, muss sich wohl auf ihre wichtigste Systemforderung einlassen, und das extreme Mehrheitswahlrecht revidieren. Ganz ohne ist das weder für die Tories noch für Labour.

Und so bleibt: Grossbritannien wettet, wählt und wartet ab, bis man es weiss!

Polarisierung der Schweiz trotz Konkordanz zwischenzeitlich extrem

Der EU-Profiler, der bei den jüngsten europäischen Wahlen die thematischen Positionen der Parteien analog smartvote untersucht hat, lässt die Profile der schweizerischen Parteien im EU-Vergleich bestimmen. Fazit: Trotz Konkordanzkultur positionieren sich die schweizerischen Parteien, insbesondere die SVP und die SP, für ihre “Familie” extrem.

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Die Positionierung der CVP entspricht ziemlich genau der der europäischen Volksparteien. Für eine europäische liberale Partei ist die FDP etwas zu stark wirtschaftsliberal, gleichzeitig auch zu konservativ. Die SP hat ein sozialdemokratisches Profil, wenn sie auch extremer als das Mittel positioniert ist. Bei den Grünen ist die Uebereinstimmung mit den verwandten Parteien fast perfekt. Die SVP schliesslich passt am ehesten zu den nationalkonservativen Partei, mit einem verstärkten Hang zu wirtschaftsliberalen Positionen.

Die SVP ist mit ihren Wahlsiegen die stärkste politische Kraft in der europäischen Parteienfamilie der Nationalkonservativen. Die FDP liegt im Mittel; ihren Bonus als Staatsgründerin hat sie nach ihren Wahlniederlagen der letzten Jahrzehnte verloren. CVP und SP sind eher schwächer als das europäische Mittel, die Grünen eher stärker.

Kombiniert man Position und Stärke der Parteien miteinander, hat die Schweiz das am stärksten polarisierte Parteiensystem Europas. Die wird vor allem durch die Positionen von SVP und SP bestimmt. Einen direkten Zusammenhang zwischen Polarisierung und Wahlerfolg gibt es aber nicht. Hierfür müssen gemäss Studie sowohl die Wahkämpfe mit ihrem Themen berücksichtigt werden, als auch die soziologischen Voraussetzungen. Zu ihnen zählen der Wohlstand, die Beschäftigtenstruktur, die dominante Konfession und die geografische Lage.

Aus Schweizer Sicht interessiert vor allem das Resultat zum Polarisierungsgrad. Demnach beeinflussen institutionelle Strukturen die Positionierung der Parteien nur bedingt. Vielmehr hängt das von den Konkurrenzsstrategien im Parteienwettbewerb ab. Die Polarisierung das parteipolitischen Landschaft in den letzten 20 Jahren hat der Profilierung der Parteien genutzt, ihre Kooperationsfähigkeit aber geschwächt.

Gemäss Andreas Ladner, dem Hauptautor der Studie, verhindert Konkordanzkultur Positionsbezüge nicht. Sie stele aber erhöhte Anforderungen an die Parteieliten, parteiübergreifend thematischen Konsens nach den Wahlen herzustellen. Nur auf der Basis dieses Willens könne die Konkordanzkultur der Schweiz erneuert und gestärkt werden.

Rechtsradikale Parteien in Europa und der Schweiz: Wer zählt dazu?

In seiner Doktorarbeit schlägt der Fribourger Historiker Damir Skenderovic eine Typologie zur Bestimmung rechtsradikaler Parteien vor. Sie hat erhebliche Konsequenzen auf die Bestimmung der entsprechenden Wähleranteile in europäischen Demokratien – auch in der Schweiz.

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Die neue Typologie …

Die wichtigsten unter rechtsradikalen Parteien sind nach der neuen Definition von Damir Skenderovic die rechtspopulistischen. Ihnen sind drei Eigenschaften gemein: der Bezug auf das “Volk”, das verraten worden sei und von neuen Parteien vertreten werden müsse, die Hochhaltung der kulturellen Differenzen zwischen der Eigengruppe und den Fremdgruppen, und die Anbindung an die Demokratie, insbesondere an ihre direkten Aktionsmöglichkeiten. Ohne Zweifel zählt die Schweizerische Volkspartei (SVP) hierzu.

Die zweitwichtigste ist für Skenderovic die neue Rechte. Anders als die populistischen Parteien ist sie elitär, wird sie von rechtskonservativen Intellektuellen getragen. Sie entwickeln und fördern insbesondere den Diskurs der kulturellen Differenz. In der Schweiz gibt es keine Partei, die dazu passt. In Frankreich sind es die Anhänger von Alain de Benoist.

Und an dritter Stelle rangiert nach Skenderovic die extreme Rechte, klar antidemokratisch, rassistisch und gewaltbereit. Auch dieser Typ rechtsradikaler Partei gibt es in der Schweiz nicht. In Deutschland zählt die NPD hinzu, in Ungarn Jobbik.

Gemäss dieser Einteilung hat die Schweiz den höchsten Anteil Wähler rechtsradikaler Parteien in der Schweiz. Sie resultieren aus dem Ergebnis der SVP. Es folgen die Niederlande und Ungarn mit je 17 Prozent, Belgien und Dänemark mit je 15 Prozent und Oesterreich mit 13 Prozent.

… und ihre Kritik

Mir widerstrebt die Zuordnung aller rechspopulistischer Parteien und deren Wähler zum Rechtsradikalismus. Sie SVP bezeichne sich stilistisch zwar meist auch so, inhaltlich aber überwiegend nationalkonservativ. Das zeigt sich in ihrem Gesellschafts- und Wirtschaftsverständnis, in ihrer europa- und weltpolitischen Programmtik, und ihren Vorstellungen zur Ausländerfrage. Für mich ist die Bindung der SVP an die direkte Demokratie der klarste Beleg, sie nicht tel quel in der rechtsradikalen Parteienfamilie einzuordnen.

Wenn man das so sieht, ist die obenstehende Karte erheblich irreführend. Die Schweiz, das führende europäische Land der Rechtsradikalen, würde wieder weiss eingefärbt werden. Genauer als Wähleranteile, in denen sich auch unterschiedliche Formen des Wahlrechts spiegeln, wären deshalb europaweite Befragungen zu politischen, kulturellen und institutionellen Verständnissen, wenn es gilt, das rechtsradikale potenzial zu bestimmen. Wohl würde man da auch besser sehen, dass zwischen rechtsextrem und neuer Rechte einerseits, und zahlreichen rechts-, national oder auch liberalkonservativen Strömung in den Wählerschaften klare Unterschiede bestehen.

Damir Skenderovic: The radical right in Switerland. Continuity and Chance, 1945-2000, Berghahn Books 2009.

UKPOLLINGREPORT

Am 6. Mai 2010 wählte Grossbritannien sein neues Parlament. Umfragen berichten über den Stand der Meinungsbildung. Und UKPOLLINGREPORT berichtet bis zum Wahltag über die demoskopischen Berichte. Ein Porträt der Metaberichterstattung.

Die Umfragen zu den britischen Parlamentswahlen überschlugen sich die letzten drei Tage. Mit der TV-Debatte zwischen den Spitzenkandidaten änderte sich die fast fixe Hackordnung unter den Parteien. Die Liberaldemokraten setzten sich gemäss Umfragen von BPIX und YouGov knapp an die Spitze, gefolgt von den Konservativen und den Sozialisten. Vergleiche der Vor- und Nachbefragungen zum Medienevent zeigten, dass insbesondere die unter 40jährigen, etwas weniger auch die Frauen mit ursprünglich konservativer Präferenz zur Meinungsänderung beitrugen, der schon festgeschriebene Umschwung das Wochenende aber kaum überlebte.

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Stand der Dinge bei den britischen Parlamentswahlen: Uebersicht über die einzelnen Umfragen zu den Wahlabsichten gemäss UKPR

UKPollingReport ist eine Plattform zu Umfragen vor den britischen Parlamentswahlen. Sie wird in Kooperation mit YouGov betrieben, berücksichtigt aber alle publizierten Polls. Das alleine hilft, die Uebersicht zu bewahren. Zudem erstellt UKPR einen Index der Parteistärken, der alle Resultate der letzten 20 Tage berücksichtigt. Und es findet sich eine Umrechnung der ermittelten Parteistärken auf erwartete Sitze im Unterhaus.

Beide Indikatoren sind naturgemäss stabiler als einzelne Ergebnisse. Demnach können die Konservativen unter David Cameron mit 34 Prozent der Stimmen rechnen, Labour unter Premier Gordon Brown mit 28 und die Liberaldemokraten unter Nick Clegg mit 27. Umgerechnet in Sitze könnte Labour mit 271 Vertretern stärkste Kraft bleiben, dicht gefolgt von den Conservativen mit 265 Sitzen und den Liberaldemokraten mit 82 Abgeordneten. Mit anderen Worten: gerechnet wird mit einem hung parliament, das heisst einem Unterhaus ohne Mehrheitspartei.

Selbstredend hängt das alles von den Methoden der Umrechnung und der Gewichtung von Umfragen im Index ab. UKPR weiss darum. Doch die alles entscheidende Frage ist welche. Und da gehen die Annahmen auchin Grossbritannien auseinander. Deshalb empfiehlt die Plattform die vergeschlagenen Index als gesichertere Annäherungen, die von tagesaktuellen Ausschlägen und methodischen Unterschieden zwischen den Instituten bereinigt sind.

Ein Blog macht die Plattform zusätzlich interessant. Teilweise resultieren Unmengen von Reaktionen auf Beiträge, wie etwa auf die Umfrage mit den Liberaldemokraten an der Spitze. Da meldeten sich schon mal 1000 Kommentatoren in weniger als 72 Stunden, um ihrer eigenen Analyse Ausdruck zu geben.

Am 6. Mai weiss man, welches Institut genauer resp. welcher Kommentar treffender war, als das rollende Mittel durch den Wahlkampf. Vorher ist dieses sicher zuverlässiger als die Aufgeregtheit einer einzelnen Stellungnahme zu einem einzelnen Medienbericht. Das könnte sich auch die Berichterstatter in den Schweizer Medien zu den britischen Parlamentswahlen zu Herzen nehmen.

Mauluege …

Würden Sie ihn wählen? – Ganz sicher bin ich mir jedenfalls nicht …

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John Antonakis, Professor für Leadership, betätigt sich als Wahlprognostiker

“Die sechs Bisherigen und die Simon.” Das ist die Wahlprognose von John Antonakis, Marketingprofessor an der Universität Lausanne. Seit kurzem prognostiziert er Wahlausgänge, vor allem aufgrund der Wahlwerbung.

Seine Begründung: Was wir über Politik wissen, entnehmen wir nicht mehr unserem Alltag, sondern den Medien. Mit der Medialisierung treten Taten und Fähigkeiten jedoch in den Hintergrund, derweil das Imagemanagement wichtiger wird.

Die Bernerzeitung lud John Antonakis ein, eine seiner Wahlprognosen zu erstellen. Denn Antonakis behauptet, das Geheimnis des Wählens entdeckt zu haben. Das Aussehen in der Werbung sei entscheidend, denn im Schnellentscheid wollen wir uns wiedererkennen; korrigiert werde es durch die geleistete politische Arbeit, wenn sie frei von Skandalen sei.

In sieben von zehn Fällen funktioniere das, bilanziert Antonakis. Das heisst auch, dass man sich in 2 von 7 Angaben täuschen kann. Nämlich dann, wenn sich die WählerInnen doch eine Meinung bilden, die mehr als “20 Minuten” in Anspruch nimmt. Wie bei den Neuenburger Regierungsratswahlen, wo der von Antonakis topgesetzte Gesundheitsdirektor trotz der äusserlich gewinnender Merkmale für seine Spitalpolitik abgesetzt wurde.

Mal sehen, wo der Marketing-Professor bei den Berner Wahlen recht und wo er sich irrt, denn ganz so eindeutig ist seine Prognose nicht, wie man beim Schnellesen meinen könnte. Im Test beurteilten 102 StudentInnen die Fotos der RegierungskandidatInnen hinsichtlich Führungskraft, Intelligenz und Kompetenz. Danach machten 236 Studierende mit, die erfuhren, wer bisherig ist und wer für den Jurasitz kandidiert. Das Ergebnis: Für den Jurasitz kürten sie Perrenoud vor Zuber und Astier, des Weiteren wählten sie in dieser Reihenfolge: Pulver, Käser, Simon, Jost, Neuhaus, Egger, Rickenbacher und Rösti.

Ohne die nicht ganz nachvollziehbare Korrektur des grossen Zampanu würde also der bisherige SP-Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher scheitern, und der neue Sunnyboy EVP-Kandidat Marc Jost in die Regierung einziehen. Das könnte auch ganz einfache Erfahrung und nicht Methode sein.

PS:
Volltreffer! Aber nur in der interpretierenden Uebersicht. Im Experiment lag ja offenbar Jost vorne, wurde aber nicht gewählt. Und Rickenbacher, dem man schlechte Karten nachsagte, erreichte das drittbeste Resultat.

Wetten, dass … die BDP am meisten zulegt!

Wer gerne auf Wahlergebnisse wettet, kann das im Freundeskreis tun. Dann geht es meist um eine Flasche guten Wein oder ein Nachtessen. Oder man kann sich auch auf Wahlfieber im Internet einloggen, Geld frei geben, und mit anderen Interessierten über Sieger und Verlierer von Wahlen spekulieren. Wer dem Ergebnis am genauesten kommt, räumt ab, die anderen zahlen.

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Typischer Verlauf für eine neue Partei im Prognosemarkt: Bis das Gleichgewicht gefunden ist, gibt es starke Ausschläge; danach etablierte ein recht konstanter Wert von 9-10 Prozent für die BDP.

Zu den Berner Parlamentswahlen haben die Wettprofis eindeutige Bewertungen entwickelt:

Erstens, grosser Sieger wird die BDP sein.
Zweitens, die GLP wird als kleiner Gewinner hervorgehen.
Drittens, alle anderen Partei(gruppierungen) werden an die beiden neuen Parteien verlieren.

Die anonyme, virtuelle Wettgemeinschaft hat ihre Bewertungen erst im Verlaufe des Wahlkampfes entwickelt. Einen Tag vor der Wahl sieht sie die BDP bei 9.9 Prozent WählerInnen-Anteil. Die GLP kommt demnach auf 4.0 Prozent. Die grössten Verluste werden mit -3 Prozentpunkten der SVP nachgesagt. Je rund 2 Prozent es bei der SP, den Grünen und der FDP. Gleich hohe Verluste werden bei den drei konfessionellen Parteien insgesamt erwartet.

Damit würden sowohl das bisherige bürgerliche Lager wie auch das gewohnte rotgrüne Lager geschwächt. Die Mitte würde wohl stärker, wenn sich BDP und GLP da einreihen, aber auch pluralistischer. Der BDP könnte auf Anhieb eine Leadrolle zufallen, namentlich dann, wenn sie als einzige Partei aus dem Zentrum in der Regierung vertreten sein sollte. Dazu äusserten sich die Wettbrüder und -schwestern in ihrem Spiel “Wetten, dass …” übrigens nicht.

Die für Berner Wahlen erstmals realisierte Wahlbörse ist bis heute abend noch offen … und kann morgen Abend erstmals auch evaluiert werden!

PS:
Auch hier stimmt das Gerüst der drei Kernaussagen. Die BDP übertraf aber die diesbezüglichen Erwartungen der Wettgemeinschaft klar. Und FDP/SP schnitten klar schlechter als erwartet ab. Den Wählerrückgang enger begrenzen konnte dagegen die SVP.

Wer wo steht: Berner RegierungratskandidatInnen im Themenvergleich.

Bern wählt am 28. März 2010 eine neue Regierung. Wer von den Kandidaturen steht wofür? smartvote hilft, sich hier einen raschen Ueberblick zu verschaffen.

Positionierung der Berner Regierungsratskandidaturen nach smartvote
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Die KandidatInnen für die Berner Regierungsratswahlen von links nach rechts: Philippe Perrenoud (SP), Barbara Egger-Jenzer (SP), Bernhard Pulver (Grüne), Andreas Rickenbacher (SP), Maxime Zuber (PSA), Patrick Gsteiger (EVP), Joseph Rothenflue (parteilos), Bruno Moser (parteilos), Marc Jost (EVP), Alexandra Perina-Werz (CVP), Beatrice Simon-Jungi (BDP), Marc Früh (EDU), Hans-Jürg Käser (FDP), Sylvain Astier (FDP), Christoph Neuhaus (SVP) und Albert Rösti (SVP).

Regierungsratswahlen nach dem Mehrheitswahlrecht gelten im Volksmund als Persönlichkeitswahlen. In der Tat wählt man Personen, doch bei der Auswahl spielt die Partei- oder Blockzugehörigkeit die grösste Rolle. Es kommen die Bekanntheit hinzu, wohl auch Regionalaspekte. Dank smartvote weiss man heute besser den je, wer thematisch wo steht.

Das Sozialstaats-Rating polarisiert zwischen dem SP-Regierungsrat Philippe Perrenoud und dem SVP-Kandidaten Albert Rösti. Wenn es um Umweltfragen geht, steht der bisherige Grüne Bernhard Pulver frontal zu Albert Rösti. Am geringsten ist die Polarisierung bei Themen der gesellschaftlichen Liberalisierung. Hier markiert Barbara Egger-Jenzer, die jetzige SP-Regierungsrätin, den liberalen Pol, und der konservative wird durch Christoph Neuhaus, dem gegenwärtig einzigen SVP-Regierungsrat markiert. Handelt es sich um ein Thema der wirtschaftlichen Liberalisierung, geht Hans-Jürg Käser, der FDP-Mann im Regierungsrat voran, und es blockt Barbara Egger-Jenzer. Bei Finanz- und Steuerfragen will Bernhard Pulver am meisten bremsen, während Albert Rösti am heftigsten Gas geben möchte.

Im zweidimensionalen Raum, der bei smartvote normalerweise zur Verortung von KandidatInnen dient, ist Philippe Perrenoud der am klarsten links positionierte Regierungsrat, während Albert Rösti am deutlichsten rechts steht. Er ist gleichzeitig auch der konservativste, während Patrick Gsteiger von der EVP als liberalster erscheint.

smartvote gibt keine Hinweise, wer welche Chancen hat, (wieder)gewählt zu werden. Es macht aber die klare Blockbildung auf linker Seite klar, die höher ist als am rechten Pol. Und es hilft auch, das individuelle Themenprofil der Bisherigen und der Neukandidierenden einiger Massen zuverlässig, vor allem aber übersichtlich zu vermitteln. Das eigentlich sollte die Personenentscheidungen bei den Berner Regierungsratswahlen erleichtern – und damit auch befördern.