Archive for the 'Umfrageforschung' Category

Britische Befragungsinstitute trafen Wahlergebnis weitgehend

Die letzten Befragung zu den britischen Unterhauswahlen lagen mehrheitlich richtig – mit einem Abstrich bei den Liberaldemokraten.

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Selbstdarstellung ICM, dem Institut mit den genauesten Wahlbefragungen

ICM kam mit ihre Umfrage am Vortag der britischen Unterhauswahlen den effektiven Parteistärken am nächsten. Der durchschnittliche Fehler bei den drei grossen Parteien resp. den aufaddierten anderen Parteien beträgt 1,25 Prozentpunkte. Bei keiner Partei gab es eine Abweichung von mehr als 2 Prozent. Das kann als schwarz gelten!

Akkurat war auch die letzte Befragungswelle von Populus, Harris und Mori. Sie wiesen einen mittleren Fehler von 1,75 Prozentpunkte auf. Alle überschätzten sie aber die Stärke der Liberaldemokraten um einiges.

Das ist denn auch eine der interessantesten Beobachtungen, über die UKPollingReport heute zu den Wahlvorbefragung in Grossbritannien berichtet. Nachdem Labour bei frühreren Wahlen regelmässig überschätzt worden war, kam es diesmal zu einem gegenteiligen Effekt. Dafür stuften die Umfragen die Liberaldemokraten stärker ein, als sie am Ende waren.

Es mag Zufall sein, dass die genaueste Umfrage überhaupt nicht am Vortag, sondern am Vorvortag gemacht wurde. YouGove hatte am 4. April das Endresultat eigentlich fast punktgenau ermittelt. Vielleicht, könnte man auch folgern, folgt das auch einem System.

Denn am letzten Tag wissen alle Befragten, dass die Umfragen mit höchstem Prestige in der Oeffentlichkeit publiziert wird. Und vielleicht annimiert sie das, leicht verzerrende taktische Antworten zu geben.

UKPOLLINGREPORT

Am 6. Mai 2010 wählte Grossbritannien sein neues Parlament. Umfragen berichten über den Stand der Meinungsbildung. Und UKPOLLINGREPORT berichtet bis zum Wahltag über die demoskopischen Berichte. Ein Porträt der Metaberichterstattung.

Die Umfragen zu den britischen Parlamentswahlen überschlugen sich die letzten drei Tage. Mit der TV-Debatte zwischen den Spitzenkandidaten änderte sich die fast fixe Hackordnung unter den Parteien. Die Liberaldemokraten setzten sich gemäss Umfragen von BPIX und YouGov knapp an die Spitze, gefolgt von den Konservativen und den Sozialisten. Vergleiche der Vor- und Nachbefragungen zum Medienevent zeigten, dass insbesondere die unter 40jährigen, etwas weniger auch die Frauen mit ursprünglich konservativer Präferenz zur Meinungsänderung beitrugen, der schon festgeschriebene Umschwung das Wochenende aber kaum überlebte.

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Stand der Dinge bei den britischen Parlamentswahlen: Uebersicht über die einzelnen Umfragen zu den Wahlabsichten gemäss UKPR

UKPollingReport ist eine Plattform zu Umfragen vor den britischen Parlamentswahlen. Sie wird in Kooperation mit YouGov betrieben, berücksichtigt aber alle publizierten Polls. Das alleine hilft, die Uebersicht zu bewahren. Zudem erstellt UKPR einen Index der Parteistärken, der alle Resultate der letzten 20 Tage berücksichtigt. Und es findet sich eine Umrechnung der ermittelten Parteistärken auf erwartete Sitze im Unterhaus.

Beide Indikatoren sind naturgemäss stabiler als einzelne Ergebnisse. Demnach können die Konservativen unter David Cameron mit 34 Prozent der Stimmen rechnen, Labour unter Premier Gordon Brown mit 28 und die Liberaldemokraten unter Nick Clegg mit 27. Umgerechnet in Sitze könnte Labour mit 271 Vertretern stärkste Kraft bleiben, dicht gefolgt von den Conservativen mit 265 Sitzen und den Liberaldemokraten mit 82 Abgeordneten. Mit anderen Worten: gerechnet wird mit einem hung parliament, das heisst einem Unterhaus ohne Mehrheitspartei.

Selbstredend hängt das alles von den Methoden der Umrechnung und der Gewichtung von Umfragen im Index ab. UKPR weiss darum. Doch die alles entscheidende Frage ist welche. Und da gehen die Annahmen auchin Grossbritannien auseinander. Deshalb empfiehlt die Plattform die vergeschlagenen Index als gesichertere Annäherungen, die von tagesaktuellen Ausschlägen und methodischen Unterschieden zwischen den Instituten bereinigt sind.

Ein Blog macht die Plattform zusätzlich interessant. Teilweise resultieren Unmengen von Reaktionen auf Beiträge, wie etwa auf die Umfrage mit den Liberaldemokraten an der Spitze. Da meldeten sich schon mal 1000 Kommentatoren in weniger als 72 Stunden, um ihrer eigenen Analyse Ausdruck zu geben.

Am 6. Mai weiss man, welches Institut genauer resp. welcher Kommentar treffender war, als das rollende Mittel durch den Wahlkampf. Vorher ist dieses sicher zuverlässiger als die Aufgeregtheit einer einzelnen Stellungnahme zu einem einzelnen Medienbericht. Das könnte sich auch die Berichterstatter in den Schweizer Medien zu den britischen Parlamentswahlen zu Herzen nehmen.

Bundespräsidentin Doris Leuthard kommt gut an

Doris Leuthard, die aktuelle Bundespräsidentin, führt das neueste Bundesratsranking von Isopublic an. 77 Prozent der für die Sonntagszeitung resp. Le Matin Dimanche befragten 1003 Wahlberechtigten sind der Meinung, sie sollte in der Bundespolitik eine wichtige Rolle spielen. Damit verbesserte sie sich in den letzten 5 Monaten um 3 Punkte.

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Didier Burkhalter, gerade mal solange im Amt, nimmt mit 68 Prozent Zuspurch neu den zweiten Platz ein, vor Eveline Widmer-Schlumpf (65%, -7 Prozentpunkte) und Micheline Calmy-Rey (61%, +5 Prozentpunkte) und Ueli Maurer (59%, +4%).

Leuthard und Burkhalter polarisieren in der Wahlbevölkerung kaum, Widmer-Schlumpf, Calmy-Rey und Maurer beschränkt, bei positivem Saldo. Genau das ist bei den beiden Schlusslichern nicht der Fall. Denn Hans-Rudolf Merz (44%, -3 Prozentpunkte) und Moritz Leuenberger (43%, -7 Prozentpunkte) ecken bei mehr Wahlberechtigten an, als sie Unterstützung finden. Damit polarisieren sie erheblich.

Eigentliche Gewinnerin der letzten Monate ist die Genfer Sozialdemokratin Calmy-Rey; sie legte am meisten zu. Ihr Parteikollege Zürcher Leuenberger verlor dafür mit der Bündnerin Widmer-Schlumpf von der BDP am meisten. Insgesamt verlieren die BundesrätInnen leicht an Zustimmung.

Bei den Wahlabsichten der Parteien halten sich die aktuellen Veränderungen der Messung vom 4. bis 17. Februar 2010 in engen Grenzen. Eine klarere Sprache ertönt, wenn man die jüngsten Messwerte mit den Wahlergebnissen 2007 vergleicht. Demnach gewinnt Calmy-Reys SP (+1,9%) und Leuthards CVP am ehesten hinzu (+1,4%). Die FDP, neu durch Burkhalter repräsentiert, verliert weiter (-1,2%). Noch grösser wären die Einbussen der SVP (-4,8%). Davon profitieren würde vor allem dei BDP (+4,3%, 2007 aber noch gar nicht existent).

Die Trends bei den BundesrätInnen sind klarer und plausibler. Jene bei den Parteien widersprechen teilweise den kantonalen Wahlergebnisse diametral, und auch den Messwerten von Isopublic für die Gemeindewahlen in der Stadt Zürich. Diese sehen bei der SVP keine wirkliche Trendwende zum Schlechteren, und bei der SP keine gesicherter zum Besseren.

Umfragen sind Bestandesaufnahmen – nicht mehr und nicht weniger

Zu den gröberen Missverständnissen in der öffentlichen Verwendung von Umfragen zählt, dass sie an sich als Prognosen gelesen werden. Meine Erfahrung lehrt mich vielmehr: Umfragen helfen, die Unsicherheit vor einer Entscheidung einschränken, nicht die Realität, die kommt, vorweg zu nehmen.

Hätten alle Menschen zu jedem Zeitpunkt eine feste Meinung, wäre alles ganz einfach. Man könnte heute eine Befragung aller oder eines Teils davon machen und wüsste, was morgen geschieht.

Doch trifft diese Annahme nicht zu!

Es gehört zum Wesen von Prozessen, nicht stabil, sondern dynamisch zu sein. Und es zählt zu den Eigenschaften sozialer Prozesse, nicht nach einer einfachen Mechanik zu funktionieren.

Vielmehr sind Meinungsbildungsprozesse interaktiv. Es lassen sich Einflussgrössen benennen, wie das Handeln der PolitikerInnen, der Medien, die politische Grosswetterlage und die Kampagnen vor einer Enscheidung. Genaue Zustände vorherzusehen, ist dagegen fast unmöglich.

Der Dispositionsansatz versucht dieser Auffassung von kollektiver Meinungsbildung gerecht zu werden. Entwickelt wurde er, um das Zusammenspiel von öffentlicher Meinung und Bürgermeinungen in konkreten Sachfragen zu analysieren.

Stimmabsichten sind weder stabil, noch entwickeln sie sich beliebig. Sie sind veränderlich, folgen dabei aer Gesetzmässigkeiten. Bei Abstimmungen kennt man verschiedene Effekte, die Veränderungen bewirken, recht gut:

1. Teilnahmeabstinenz: Unentschiedene oder Unschlüssige beteiligen sich nicht.
2. Meinungsaufbau: Unentschiedene bewegen sich am Schluss in beide Richtungen, nicht weil sie für etwas sind, aber weil sie gegen etwas sind.
3. Meinungsumschwung: Latent Entschiedene ändern ihre Meinung am Schluss in die umgekehrte Richtung.

So viel man darüber aus der Sicht der Theorie weiss, so gering sind die bisherigen empirischen Kenntnisse. Das macht es bisweilen schwierig, genau zu sagen, was nach einer Befragung geschieht. Trendbefragungen helfen, diese Unsicherheit zu verringern. Wo sie bleit, verzichten wir lieber darauf, mit wenig begründeten Faustregeln Extrapolationen von Umfragewerten zu machen, um Abstimmungsergebnisse zu prognostizieren.

Das hat für Medien und KonsumentInnen eine wichtige Konsequenz: Prognose müssen ausbleiben, vor allem dann, wenn die Dynamik der Meinungsbildung erst angefangen hat, in Veränderung begriffen ist, und wir nicht wissen, wo das alles endet. Wo man das im Griff hat, kann man Prognosen machen.

Von Umfragen sollte man nicht alles, aber auch nicht einfach nichts erwarten: Umfragen helfen, die Unsicherheiten vor einer Entscheidung einschränken, nicht aber die Realität, die kommen wird, vorweg zu nehmen.

Mein Dank an die Analysten-Konkurrenz

Noch schwankt “20 Minuten“, wenn es um Umfragen aus dem gfs.bern geht. Sohat die Redaktion nachgehakt. Bei der KollegeInnen-Konkurrenz. Was dabei herauskam, überrascht auch mich!

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Quelle: St. Galler Tagblatt

“Wer die Schweizer Politologieprofessoren nach der Glaubwürdigkeit von Claude Longchamp und seinen Studien fragt, kommt schnell zum Schluss: Claude Longchamp ist zwar keineswegs unumstritten. Die Fehler bei der Minarettabstimmung aber, so der Tenor der Experten, liege weniger an Longchamps Fähigkeiten, als dass es die Grenzen solcher Demoskopie-Prognosen aufzeige.

Michael Hermann, Sozialgeograf an der Uni Zürich, sagt: «Es ist einfach sehr schwierig, das Verhalten von Menschen vorauszusagen.» Georg Lutz, Professor für Poltikwissenschaft an der Uni Bern, meint: «Ich sage nicht, dass jemand besser Prognosen machen kann. Ich sage aber, dass man sich der Grenzen solcher Umfragen besser bewusst sein muss.»

Deshalb nehmen die Politikwissenschaftler auch die Medien in die Verantwortung. Besonders das Schweizer Fernsehen, welche die Untersuchungen bei Longchamp jeweils bestellt, muss Kritik einstecken. «Die SRG verkauft Longchamps Umfragen, die nur Bestandesaufnahmen sind, als Prognose», sagt die Politologin Regula Stämpfli.

Dies sei eine zeitlang gut gegangen, weil die Umfragen den Abstimmungsergebnissen mehr oder weniger entsprachen. «Jetzt rächt es sich, dass beim Fernsehen der Unterschied zwischen Umfrage und Prognose nie zum Thema gemacht wurde», meint Stämpfli.

Der Genfer Politologieprofessor Simon Hug vermutet, dass auch Longchamp damit nicht immer glücklich ist: «Ich habe das Gefühl, dass er oft gedrängt wird, mehr zu sagen, als er eigentlich kann.» Auch Hermann nimmt Longchamp in Schutz: «Er hat vor der Minarettabstimmung gewarnt, dass gerade diese Kampagne einen ungewöhnliche Dynamik habe.»

Die Medien hätten diesen Einwand aber kaum beachtet und lediglich die nackten Zahlen weitergegeben. Und weil Longchamp der einzige sei, der Prognosen abgebe, sei er auch der einzige, der Prügel beziehe, wenn sie daneben gingen.

Wirklichen Anlass zur Kritik gibt bei Claude Longchamp nur eine Sache: Die mangelnde Transparenz darüber, wie seine Umfrageergebnisse zustande kommen. Besonders dezidiert kommt die Kritik von den Universitätsprofessoren Simon Hug. Er meint: «Es ist fragwürdig, dass Longchamp seine Datenbasis und seine Methodik nicht veröffentlichen muss, obwohl die Umfragen von der SRG und damit mit öffentlichen Geldern finanziert werden.» In den USA und Frankreich würden Umfragedaten deshalb öffentlich gemacht.

Wenn die Daten offen lägen, würde man Longchamps Methodik nachvollziehen können, so Hug. «Es würde eine Debatte unter Politologen entstehen, dank der Fehler beseitigt und das System verbessert werden könnte.» Kann man der heute veröffentlichten Nachanalyse also trauen? «Ja», meint Regula Stämpfli: «Claude Longchamp bleibt ein solider Berufskollege, da man von ihm weiss, dass er aus Fehlern nicht nur viel lernt, sondern dann auch wirklich qualitativ Besseres herausbringt.»

Hierzu habe ich zwei Wünsche:

1. Eine Umfrage per se ist keine Prognose. Denn nur unter der Annahme, dass alle eine Meinung haben und diese nicht mehr ändern, wäre die Umfrage dem Ergebnis gleich. Doch stimmt die Annahme für keine einzigen der 53 untersuchten Abstimmungen für die SRG.
2. Abstimmungsumfragen sind nicht der letzte Stand der Dinge, weil die letzte vor eine Abstimmung 16-18 Tage vor dem letzten Abstimmungssonntag gemacht werden muss, um spätestens am 11. Tag vor der Abstimmung veröffentlich zu sein.

Zurecht wird im 20 min Artikel erwähnt, man stelle nur auf Zahlen ab, nicht auf Analysen und Interpretationen. Deshalb lege ich meine publizierten Untersuchungen immer offen. Sie steht just in time auf Internet abrufbar. In meinem letzten Blog bin ich bewusst auf solche Probleme eingegangen. Ansätze, Methoden und Vorgehenswesen sind in jedem Bericht beschrieben. Ich freue mich, wenn man sie inskünftig genauer liesst, kommentiert und mit Verbesserungen versieht.

Und noch etwas: Am meisten würde mich freuen, wen Journalisten aufhöhren würden, aus allem und jedem eine “todsichere Prognose” zu machen. Auch hierzu lohnt es sich, in meinem Bericht zur Minarett-Initiative nachzuschlagen.

Soziale Erwünschtheit in Umfragen zum Minarett-Verbot

Lange habe ich geschwiegen, was die SRG-Befragungen zur Minarett-Initiative beitrifft. Das war übrigens nicht der Fall, weil ich mich nicht äussern wollte, jedoch weil ich keine ungeprüften Aussagen in die Welt setzen wollte. Hier der Stand der Abklärungen.

Widerlegte Annahmen

Eine gfs-interne Untersuchung sowie eine externe eines unabhängigen Experten liegen zwischenzeitlich vor. Sie wurden weitgehend parallel erstellt, ohne dass ein direkter Gedankenaustausch stattfand. Sie vertiefen eine erste Analyse, die in der ersten Woche nach der Abstimmung gemacht worden war.

Die externe Evaluierung kommt zum Schluss, die Befragungen seien handwerklich korrekt und methodisch nach dem internationalen Standard erstellt worden. Beide Analysen widerlegen die Annahme, die Nutzer von nicht eingetragenen Handies seien für die ausgetretenen Probleme entscheidend. Dafür spricht vor allem, dass die gleiche Umfrage in den beiden anderen Vorlagen zu Ergebnissen vom 29. November mit der üblichen Genauigkeit führt.

Soziale Erwünschtheit ganz allgemein
Vielmehr legen beide Abklärungen das Hauptaugenmerk auf das Phänomen der sozialen Erwünschtheit. Damit bezeichnet man Verzerrung in Umfrage-Ergebnissen nicht-statistischer Art. Sie treten auf, weil Antworten, die normativ konform sind, anziehender wirke werden als umgekehrte.

Wäre die letzte Umfrage zur Minarett-Initiative am Freitag vor der Volksabstimmung gemacht resp. am Samstag davor publiziert worden, und wären die Mehrheiten gegensätzlich gewesen, würde man zurecht von Lügen in Umfragen sprechen.

Diese Uebersetzung von sozialer Erwünschtheit ist jedoch irreführend. Die letzte Befragung war am Abstimmungstag rund 18 Tage alt. Das lässt genügend Spielraum für spätere definitive Entscheidungen offen, die zu relevanten Verschiebungen in den Ja- und Nein-Anteilen führen. Auch die letzte Umfrage ist keine Prognose, sondern eine Momentaufnahme.

Soziale Erwünschtheit bei Entscheidungsambivalenz
Soziale Erwünschtheit in Abstimmungsbefragungen tritt dann auf, wenn während der Meinungsbildung erhebliche Ambivalenz vorliegt, die scih erst mit der verbindlichen Entscheidung zugunsten einer eindeutigen Stellungnahme aufgelöst wird.

Konkret: Ein Sympathisant der FDP weiss, dass seine Partei gegen die Initiative ist. Doch lassen ihn seine Alltagserfahrungen zweifeln, die Vorlage abzulehnen. Mit Muslimen verbinden ihn am Wohnort oder in den Medien nicht nur gute Erfahrungen. Dieses Gefühl hat in den letzten Jahren sogar zugenommen, und es ist seither der Nährboden, dass man auf Parolen gegen die Islamisierung der Schweiz anspricht – selbst wenn man bedenken hat, dass es zur wirtschaftlichen oder politischer Gegenmassnahmen bei einer Initiative-Annahme kommt.

In der Umfrage sagt diese Person, sie sei unentschieden, lässt aber bei den Argumenten erkennen, sie könnte zustimmen.

Soziale Erwünschtheit unter Kooperationsbereitschaft bei Interviews

Soziale Erwünschtheit kann auch aus einem anderen Grund zu Antwortverzerrungen führen. Vor allem dann, wenn der eigene Standpunkt in Abweichung zur Mehrheitsmeinung in der Politik gesehen wird, kann man versucht sein, ein Interview zu verweigern. Das wiederum führt zu unterschätzten Anteilen in der ausgewiesenen Zustimmung in der Umfrage, während die ausgewiesene Nein-Anteile zu hoch sind.

Auch hier ein Beispiel: Eine Frau, die wenig politisch ist, nicht immer an Abstimmungen teilnimmt, bei der Minarett-Abstimmung aber mit Ja stimmen will, getraut sich weniger schnell, ein Interview zu gewähren, als ein hochpolitischer Parteigänger, der auf der Nein-Seite steht.

Stand der Dinge
So hoch die Uebereinstimmung beider Evaluierungen in der Diagnose der Minarett-Befragungen ist, so schwer fällt es allen zu sagen, wie stark die benannten Effekte sind. Das hat mit den nur ansatzweise entwickelten Methoden zu tun, soziale Erwünschtheit empirisch messen zu können. Sicher ist vorerst nur, dass der erste der beiden Effekte wichtiger ist als der zweite.

Sicher ist auch, dass das ein seltener Fall ist, weshalb wir von einem durch das Thema bedingten Spezialfall sprechen, der aber bei diesem thema recht systematisch aufkommt, und zwar bei den Vor- wie bei den Nachbefragungen.

Beeinflussung vielfach vermutet, aber nie belegt.

Für PolitikerInnen ist bisweilen schnell alles klar: Umfragen, vor politischen Entscheidungen veröffentlicht, beeinflussen das Ergebnis. Die Wissenschaft nimmt das als Hypothesen auf und überprüft ihre Trifftigkeit. Dabei kommt sie zu anderen Schlüssen als der politische common sense.

Eine Zusammenstellung der diesbezüglichen Forschungsresultate hat jüngst Alexander Gallus, Politikwissenschafter und Professor an der Universität Rostok, der sich auf Demoskopiewirkungen spezialisiert hat, geliefert und sie zuhanden des Deutschen Bundestages resp. der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht.

Zunächst unterscheidet Gallus mögliche Beeinflussungsfelder; namentlich sind das die Beteiligung und die Entscheidung selber. Dann sichtet er Hypothesen, die hierzu entwickelt wurden. Speziell erwähnt er bei den Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung:

. Mobilisierungs-Effekte: Demnach förderten Umfragen, speziell bei unsicherem Ausgang, die Beteiligung an der Entscheidung.
. Defätismus-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Mobilisierung der veraussichtlichen Verlierer.
. Lethargie-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung der angenommenen Gewinner.
. Bequemlichkeits-Effekt: Demnach verringerten Umfragen die Beteiligung von Unschlüssigen.

Bezogen auf die Auswirkungen auf die Entscheidfindung selber unterscheidet der Autor zwei Effekte:

. Bandwagon-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Gewinners.
. Underdog-Effekt: Demnach kommt es zu einem Meinungwandel zugunsten des voraussichtlichen Verlierers.

Die Arbeitshypothesen lassen sich mit den Theorien des rationalen Wählens resp. mit Identifikationstheorien auch begründen. Doch, und das ist nach Ansicht von Gallus massgeblich, hat die bisherige Demoskopie-Forschung keine stichhaltigen Beweise für für die Trifftigkeit der Hypothesen liefern können. “Handfeste Belege für die Richtigkeit dieser Vermutungen konnten bislang freilich nicht erbracht werden”, fast er den Stand der Dinge zusammen. Das gelte, so der Autor, sowohl für die Beteiligung wie auch für die Entscheidungen selber.

In der Schweiz ist das nicht anders. Das bisher grösste Forschungsprojekt, das sich speziell mit Umfragen vor Abstimmungen beschäftigte, das auch mit Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds gefördert wurde, kam zu einem Null-Ergebnis. Belegbar sind einseitige Auswirkungen auf die Meinungsbildung nicht.

Oder anders gesagt. Zu jedem Beispiel, das erwähnt nach der jüngsten Abstimmung erwähnt wird, gibt es ein Gegenbeispiel.

Stimmungsbarometer am Vorabend der Volksentscheidungen.

Morgen, 29. November 2009, entscheidet die Schweiz in drei Volksabstimmungen über die Spezialfinanzierung des Luftverkehrs, das Verbot von Kriegsmaterialausfuhr und resp. des Baus von Minaretten. Die österreichische Internetplattform Wahlfieber sagt, was geschieht. Mehr weiss man morgen zwischen 13 und 14 Uhr, wenn die Hochrechnungen vorliegen.

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Trends in den Erwartungshaltungen der Börsianer zur Finanzierung Luftverkehr, Verbot Kriegsmaterialausfuhr und Bauverbot von Minaretten.

“Ja, Nein, Nein”, prognostizieren die Wahlbörsen von Wahlfieber. Gerechnet wir mit einer Zustimmung von 64 Prozent zur Luftverkehrsvorlage der Behörden. Derweil nehmen die Trader an, beide Volksinitiativen scheitern. Bei der Minarett-Initiative gehen sie von 56, bei der Kriegsmaterialausfuhr von 58 Prozent Ablehnung aus.

Aktuelle Umfragen sind nicht verfügbar. Anders als Wahlbörsen unterliegen sie dem Reglement der Schweizer Institute für Markt- und Sozialforschung, das auf Wunsch der Politik vorsieht, die letzten 10 Tage vor einer Volksabstimmung nichts Neues mehr zu veröffentlichen. Damit sind die letzten Umfragen von Abstimmungen in der Schweiz zwischen mindestens zwei Wochen alt, wenn die letzte Abstimmungsurne geschlossen wird.

Die Händler via Internet kümmern solche Selbsteinschränkungen der Umfrageinstitute wenig. Sie setzen ihr Geld auf den erwarteten Ausgang. Sie bekommen ihre Geld vermehrt zurück, wenn sie den richtigen Wert vorhersehen. Anders als bei üblichen wetten, können sie ihre Meinung ändern, falls sie unterwegs einen anderen Ausgang prognostizieren. Wenn sie also die Zustimmung an der Börse unterbewertet finden, können sie Aktien kaufen resp. solche der Ablehnung verkaufen. Damit spiegelt der gemeinsame Aktienwert die aggregierten Erwartungen, die aus den jeweils individuellen Beobachtungen stammen.

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Wer gewinnt bei den Ersatzwahlen in den Zürcher Regierungsrat? – Ernst Stocker, entschieden die Börsianer schon sehr früh und sehr eindeutig.

Sicher ist, dass solche Informationssysteme keine Stimmabsichten messen, aber Erwartungshaltungen wiedergeben und dabei objektiver sind als individuelle Einschätzungen. Fehlerfrei sind sie aber nicht. Denn die Ergebnisse hängen von der Intensität des Handels ab, was wiederum durch die Aufmerksamkeit und Ereignisse in der Sache bestimmt wird. Das belegt die Wahlfieber-Kurve zur Ersatzwahl in den Zürcher Regierungsrat. Hierzu gab es bei Wahlfieber nur kurz Spannung, dann entschieden sich die Händler schnell und konstant für Ernst Stocker.

Claude Longchamp

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Sekundärzitierungen von Umfragen sind so eine Sache …

Wer kennt das nicht: 10, 50 oder 100 Menschen stehen in einer Reihe. Der Erste sagt dem Zweiten etwas, sodass es die anderen nicht hören. Dann ist der Zweite gegenüber dem Dritten dran und so fort. Der Letzte berichtet dann dem Ersten, was er über ihn gehört habe. Zum Staunen aller verändert sich die Botschaft durch ihre Weitergabe bis ins Unkenntliche.

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Kommunikationsprobleme sind auch in der Vermittlung von Studienergebnissen häufig, wenn man mehr aus den Resultaten machen will, als möglich ist.

“24 Heures” publizierte letzte Woche eine Umfrage von MIS zum Verhältnis von SchweizerInnen zu Muslimen. Auf einen Nenner gebracht, lautete das Ergebnis: Ein Muslim kann ein guter Schweizer sein. Dem Islam als Ganzes stehen die BewohnerInnen des Landes aber distanziert gegenüber.

“32 – 38 – 24″, so lauten die Zahlen für ein positives, neutrales oder negatives Verhältnis zu Angehörigen des Islams gemäss MIS Befragung. Entsprechend sind die BewohnerInnen der Schweiz in vielen Frage, die den Islam betreffen, gespalten. In der Minarett-Frage sind 46 Prozent dagegen.

Fachmännisch gesprochen sind das alles Einstellungselemente: Bewertungen von Sachfragen, welche den aktuellen Informationsstand und die momentane Gefühlslage reflektieren. Da Entscheidungen auch Informationen und Stimmungen einer Kampagne reflektieren, können Prädispositionen und Entscheidungen identisch sein, müssen aber nicht.

Journalistisch ist das der Knackpunkt. Nicht selten wird alles mit allem gleichgesetzt! Denn besteht ein Zwang in den Medien, aus allen Umfragen vor Abstimmungen eine Prognose zu machen. Egal, ob auf gesicherter oder ungesicherter Basis.

Das konnte man Ende letzter Woche wieder einmal schön feststellen. Die Meinung zu Minaretten, wie sie “24 Heures” richtig wiedergab, wurde in “20 Minuten” zur unvermittelten Stimmabsicht über die anstehende Initiative. Eine Minderheit sei für Minarette, eine relative Mehrheit für die Initiative. “Rund zwei Wochen vor der Abstimmung seien noch 15 Prozent unentschieden”, lautete die Zusammenfassung der Studie.

In der österreichischen “Kleinen Zeitung” kams dann noch dreister: “Die Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz hat gute Erfolgsaussichten”, wird der Artikel eingeleitet; übertitelt ist er mit: “Mehrheit für Anti-Minarett-Initiative”!

Quod erat demonstrandum: Mit jeder Weitergabe ändert sich die ursprüngliche Botschaft!

Claude Longchamp

Mehrheit lehnt Minarett-Initiative ab

35 Prozent dafür, 51 Prozent dagegen. Das ist das Hauptergebnis einer Repräsentativ-Befragung von Isopublic für den Tages-Anzeiger, die heute abend in der online-Ausgabe erschienen ist.

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Quelle: newsnetz.ch

Mehrheiten für die Initiative gibt es nur an der Basis der SVP. 52 Prozent sind hier dafür, 37 Prozent dagegen. Ueber dem Mittel ist die Zustimmungsbereitschaft bei den Menschen mit einer anderen Konfession resp. bei konfessionslosen BürgerInnen. Hinzu kommt eine leicht überdurchschnittliche Ja-Tendenz bei den Frauen. Doch überwiegt auch hier das Nein. Am klarsten gegen die Initiative eingestellt sind die SP-WählerInnen, gefolgt von jenen der FDP und den Männern. Bei Katholiken wie Reformierten resultieren Nein-Mehrheiten.

Der “Tages-Anzeiger” wertet das Ganze in der online-Ausgabe als “knapp”. Man kann das auch anders sehen, denn bei Initiativen ist es zwar nicht ausgeschlossen, aber wenig wahrscheinlich, dass eine Nein-Mehrheit ins Gegenteil kippt. In der Regel sind Unschlüssige zu Beginn eines Abstimmungskampfes eher spätere GegnerInnen. Ob eine Ausnahme vorliegt, wissen wir nicht mit Sicherheit. Dagegen spricht, dass das bereits die zweite Befragung von Isopublic ist, welche eine Nein-Mehrheit ausweist. Eine erste, für die reformierte Kirche, zeigte noch 37 Prozent auf der Ja-Seite und erst 49 Prozent im Nein-Lager. Trotz der leicht höheren Zustimmung titelten die Medien damals: Mehrheit dagegen.

Claude Longchamp