Archive for the 'Umfrageforschung' Category

Trendextrapolationen bringen mehr als reine Messungen ‚Äď Die SRG-Trendumfragen statistisch verl√§ngert

Dem Bewerbungsschreiben f√ľr die Durchf√ľhrung der SRG-Trendbefragungen zu den eidgen√∂ssischen Volksabstimmungen 2016-2019 musste man einen Sch√§tzer beilegen, der aufzeigte, wie oft man in der Vergangenheit mittels Umfrageserien die richtige Mehrheit ermittelt hatte. Hier unsere Darstellung in Kurzform, mit einem Ausblick auf den 5. Juni 2016.

Stellt man alleine auf die zweite von zwei SRG-Umfragen ab, kamen wir f√ľr die beiden letzten Legislaturen bei linken Volksinitiativen auf 100 Prozent Richtige. Bei rechten Volksinitiativen betrug der Wert 89 Prozent. Geringer war er bei Beh√∂rdenvorlagen, bei denen 64 Prozent korrekt vermessen wurden. Das Problem lag da weniger bei falschen Mehrheiten. Vielmehr machte uns recht h√§ufig zu schaffen, dass keine Seite eine ausgewiesene Mehrheit hatte.
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Genau das brachte uns auf den Plan! Mit einer Extrapolation der Ergebnisse aus der ersten zur zweiten Befragung kann man eine dritte erdachte Umfrage simulieren. Projiziert auf den Abstimmungstag, sollte diese dem Endergebnis entsprechen.

Knifflig war hier die Wahl des richtigen Projektionsmodells. Denn es sind verschiedene m√∂glich, alleine aufgrund der Ja- oder der Nein-Anteile, Kombinationen davon oder Differenzierungen nach Vorlagen. Schliesslich entschieden wir uns f√ľr f√ľnf Varianten, die wir gleichwertig nebeneinander stellten. Entscheiden soll der mainstream der Extrapolationen.

Die so erzielten Verbesserungen waren erheblich. Bei linken Initiativen stimmte die Mehrheit unverändert zu 100 Prozent. Bei rechten steigerten wir den Wert auf 94 Prozent. Der Schnitt der Initiativen wird zu 97 Prozent korrekt eingeschätzt. Bei Behördenvorlagen wurde die Mehrheit in 96 Prozent der Fälle richtig vorhergesehen.

Damit liegt man innerhalb des Sicherheitsintervalls, das in den Sozialwissenschaften √ľblicherweise angewandt wird.

Überträgt man dieses Verfahren auf die aktuellen Vorlagen, kann man von einem Ja bei der Asylgesetzrevision ausgehen. (Erinnert sei, dass wir das Fortpflanzungsmedizingesetz nicht untersuchten, da man nach dem klaren Ja vor Jahresfrist zum Verfassungsartikel von einem ähnlichen Ergebnisse beim Gesetz ausging.) Derweil macht es Sinn, mit einer Ablehnung der drei Volksinitiativen zu rechnen.

Die sicherste der vier Aussagen ist die zum bedingungslosen Grundeinkommen. Die unsicherste bleibt die zur Service-Public-Initiative.

Greift man alleine auf die zweite Umfrage zur√ľck, k√∂nnte man gerade bei der Service-Public-Initiative auch von einem denkbaren Ja sprechen. Ber√ľcksichtigt man den nachgewiesenen Trend, ist das jedoch wenig plausibel. Dank des neuen Verfahrens kann man das noch etwas genauer haben ‚Äď wenn auch immer noch nicht ganz sicher!

Claude Longchamp

Trendumfragen zu Volksabstimmungen sind mehr als Momentaufnahmen, aber weniger als Prognosen

Dass Umfragen per se keine Prognosen sind, habe ich schon h√§ufig genug betont. Immer klarer wird jedoch auch, dass sie nicht blosse Momentaufnahmen bleiben m√ľssen. Mit der Zahl vergleichbar gemachter Umfragen steigen die M√∂glichkeiten pr√§zisierter Einsch√§tzungen.

Von Momentaufnahmen spricht man bei einer einmaligen Messung von Einstellungen, Entscheidungsabsichten und Verhaltensweisen. Das ist insbesondere dann sinnvoll, wenn, wie bei der √∂ffentlichen Meinung, Konstanz √ľber die Zeit nicht gesichert angenommen werden kann.

Von Trends sprechen wir, wenn mindestens zwei, besser drei identisch hergestellte Momentaufnahmen vorliegen. Denn das gibt den Zwischenstandsmeldungen eine Perspektive √ľber die Momentaufnahme hinaus. Trends kann man sogar extrapolieren, womit man an sich zu Prognosen gelangt.

Wir haben Ende 2015 als Bilanz unserer Arbeiten f√ľr die SRG alle Abstimmungsfragen seit 2008 reanalysiert, neu extrapoliert und hinsichtlich der Trefferquoten bewertet. Mit Trefferquote meinen wir den Anteil zutreffender Mehrheiten.

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Stellt man einzig auf die erste Welle ab, die in der Regel 45 Tage vor der Volksabstimmung erhoben wird, bleibt die Trefferquote klar zur√ľck. Bei Beh√∂rdenvorlagen bleibt die Mehrheit bis zum Schluss in 56 Prozent der F√§lle gleich, bei Volksinitiativen in 71.4 Prozent der F√§lle. Die zweite Welle verbessert die Einsch√§tzungen namentlich von Volksinitiativen erheblich. Die Trefferquote liegt jetzt bei 94.3 Prozent, w√§hrend sie bei Beh√∂rdenvorlagen nur auf 64 Prozent gesteigert werden kann.

Extrapoliert man die Entwicklungen im Ja- und Nein-Anteil aufgrund von Erfahrungen mit der Schweizer Politik, Abstimmungsk√§mpfen und Trendumfragen auf den Abstimmungstag,¬† ver√§ndert sich das Bild nochmals. Volksinitiativen kennen ¬†jetzt eine Trefferquote von 97.1 Prozent, Beh√∂rdenvorlagen von 96 Prozent. Der Hauptgrund f√ľr die Steigerung bei Beh√∂rdenvorlagen liegt darin, dass der Anteil Unentschiedener h√§ufig recht gross ist, sodass Aussagen recht vage bleiben. Bei Volksinitiativen kann man mit einer Differenzierung zwischen linken und rechten Vorlagen ebenfalls noch einiges verbessern. So ist es m√∂glich, mittels Extrapolation die Genauigkeit bei der Bestimmung der Mehrheit bei linken Initiativen auf 100 Prozent zu steigern, w√§hrend sie bei rechten Initiativen einen Sicherheitsgrad von 94.1 Prozent erreicht.

Quantitative Prognosen bleiben schwieriger, insbesondere bei rechten Volksinitiativen. Punktgenaue Prognosen sind bis heute nicht m√∂glich. Denn das Wechselspiel aus Effekten der Mobilisierung und Meinungsbildung bleibt letztlich ein Geheimnis. Hauptgrund hierf√ľr ist, dass man in den letzten Tagen vor der Volksabstimmung in der Schweiz keine Umfragen mehr machen darf. Nur mit solchen k√§me man diesem Wechselspiel empirisch hinreichend genau auf die Spur.

Umfragen per se haben in der Tat eine nur beschr√§nkte Prognosekraft. Trendumfragen k√∂nnen aber dazu verwendet werden, mittels Extrapolationen auf den Abstimmungstag die Sicherheit qualitativer Aussagen auf jenes Mass zu erh√∂hen, dass man sich in den Sozialwissenschaften w√ľnscht.

Zutreffende Prognosen zeigen zuverlässige Verfahren

Florida hat gez√§hlt, sodass das Endergebnis der US-Pr√§sidentschaftswahlen endlich feststeht. Mit dem Endresultat kann man die G√ľte der Umfragen, der Aggregatoren und der Umrechnungen von W√§hler- auf Elektorenstimmen pr√ľfen.

Pr√§sident Barack Obama bei seiner Wiederwahl Ende Januar 2013 mit 332 von 538 Elektorenstimmen rechnen. Von den gut 120 Mio. W√§hlerInnenstimmen hat er 50,5 Prozent bekommen; sein Widersacher, Mitt Romney, kam auf 47,9 Prozent, w√§hrend 1,6 Prozent der Stimmen auf die √ľbrigen Bewerber entfielen.

Nate Silver, den Star unter den Analytikern der US-Wahlen, hat f√ľr seine Evaluierung nur die Firmen ber√ľcksichtigt, die in den letzten 3 Wochen mindestens 5 Umfragen realisiert haben, sei dies auf nationaler oder auf staatlicher Ebene. Das schr√§nkt Zufallsergebnisse in der Bewertung ein, nicht zuletzt, weil es kurz vor der Wahl eine Tendenz g√§be, die letzte Umfragen eines Instituts dem mainstream unter den Polls anzugleichen, schreibt “Mr. 538″.

Auf Silvers Liste rangiert denn auch IBD/TIPP an der Spitze, realisiert f√ľr Investors.com. Die Abweichung vom Endergebnis betr√§gt hier 0.9 Prozentpunkte; mit einem minimalen Ueberhang f√ľr den Herausforderer. 22 weitere Firmen figurieren auf der Liste: 12 arbeiteten mittels LivePhones, 6 mit Internetumfragen und 5 mit RobotPhone; letztere haben keine Befrager mehr, sondern f√ľhren die Interviews mit einer Automatenstimme durch.

In den letzten drei Wochen entschienen am meisten Umfragen mit dieser Methode – zum Nachteil der Demoskopie, denn sie waren am ungenauesten und sie hatten am deutlichsten einen Bias Richtung Romney.

Leseanleitung:
Entscheidend ist jeweils die 2. Kolonne, welch die mittlere Abweichung der gemachten Umfragen in absoluten Zahlen angibt, w√§hrend die dritte zeigt, in welche Richtung diese im Schnitt ausf√§llt. Wenn Gravis Marketing f√ľr seine 16 Umfragen ein 2,7 erh√§lt wich man im Schnitt 2,7 Prozentpunkte vom Endresultat ab, und zwar, wie Kolonne 3 nahelegt, stets zugunsten der Republikaner. Derweil verteilen sich die geringeren Abweichungen von Mellman auf beide Seiten gleich stark.

Beste Umfragen mit Live-Interviews

Firma/Medium Zahl Abweichung Richtung

. IBD/TIPP 11 0.9 R+0,1
. Mellman Group 9 1,6 R/D +/-0,0
. OpinionResearch/CNN 10 1,9 R+0,8
. CVOTERInternation/UPI 13 2,0 R+2,0
. GroveInsight 18 2,0 R+0.1

Schnitt 10 1,7 R+0,6

Beste Online-Umfragen

. GoogleConsumerSurvey 12 1,6 R+1,1
. RANDCorporation 17 1,8 D+1,5
. Ipsos/Reuters 42 1,9 R+1,4
. AngusReid 11 1,9 R+0,8
. YouGov 30 2,6 R+1,1

Schnitt 22 2,0 R+0,6

Beste Umfragen mit Robotinterviews

. SurveyUSA 17 2,2 R+0,5
. WeAskAmerica 9 2,6 D+0,1
. PublicPolicyPolling 71 2,7 R+1,6
. Gravis Marketing 16 2,7 R+2,7
. RassmusenReports 60 4,2 R+3,7

Schnitt 36 2,9 R+1,7

Ber√ľcksichtigt man die 5 besten jeder Methode, liegen die Umfragen mit LivePhones vorne; ihre mittlere Abweichung betr√§gt 1,7 Prozentpunkte. An zweiter Stelle finden sich die Internet-Umfragen, deren durchschnittlicher Fehler bei 2,0 Prozentpunkten liegt. Mit 2,9 Prozentpunkten deutlich schlechter die Umfrageroboter.

Das zweite wichtige Ergebnis betrifft die Richtung der haupts√§chlichen Abweichung. 19 der 23 Serien √ľbersch√§tzen Romney, nur 4 Obama. Das straft alle Behauptungen als L√ľgen, wonach republikanische W√§hler schwieriger zu befragen seien, inbesondere bei der traditionellen Methoden mit InterviewerInnen.

Vielmehr fallen drei negativ Firmen auf: Gallup, American ResearchGroup und RassmusenReport. Sie haben Romney zwischen 4 bis 7 Prozent systematisch √ľbersch√§tzt; was ausserhalb des Stichprobenfehlers liegt. Hauptgrund hierf√ľr d√ľrften die unbrauchbare Definition der wahrscheinlichen W√§hlerInnen, denn die entsprechenden Angaben versch√§rften in der Regel den Bias zugunsten der Republikaner.

Besser als die genauesten Umfrageserien waren die Aggregatoren. Das √ľberrascht nicht wirklich, denn ihr Vorgehen ist darauf ausgerichtet, Fehleinsch√§tzungen aufgrund von Ausreiser zu vermeiden. Meine Uebersicht hierzu lautet:

Endwerte der Umfrageaggregatoren

Effektiv: 51,3 zu 48,7 (Vereinfachung der Verhältniszahlen durch Reduktion der Angaben auf die beiden Hauptkandidaten)

. NateSilver/“538“ 51,3 zu 48,7 (R/D +/- 0,0)
. Sam Wang/ElectionConsoriumProjection 51,2 zu 48,8 (R+0,1)
. ElectionProjection 50,6 zu 49,4 (R+0,7)
. TalkingPointsMemo 50,5 zu 49,5 (R+0,8)
. RealClearPolitics 50,4 zu 49,6 (R+0,9)

Schnitt R+0,5

Die f√ľnf gebr√§uchlichsten unter ihren haben eine finale Abweichung von maximal 0.9 Prozent; der mittlere Fehler betrug eine halben Prozentpunkt. Genau richtig lag Nate Silvers ‚Äě538‚Äú, w√§hrend alle anderen einen leichten Republikaner-Bias hatten. Am knappsten fiel der bei Sam Wangs Berechnung f√ľr das ElectionProjection der Universit√§t Princeton aus, gefolgt von den Plattformen ElectionProjection und TalkingPointsMemo. Vergleichsweise ungenau war RealClearPolitics ‚Äď der Aggregator, auf den sich die meisten (hiesigen) Massenmedien st√ľtzten. Er √ľbersch√§tzte Romney mit 0,9 Prozentpunkten und legte damit am deutlichsten einen knappen Ausgang nahe. G√§nzlich unangebracht war die Attacke auf Nate Silver aus den R√§ngen der republikanischen Medien, kurz vor der Wahl, weil sie seiner Wahrscheinlichkeitsberechnung keinen Glauben schenken wollten.

(Selber habe ich am meisten auf Pollyvote abgestellt, ein Aggregator, der nicht nur Umfragen, sondern auch weitere Analysetools ber√ľcksichtigt; Die Abweichung hier: 0,3 – und zwar gunsten Romneys. Leider kurz vor der Wahl einem Hacker-Angriff zum Opfer gefallen).

Prognosen von Elektorenstimmen

Effektiv: 332 zu 2106

. Drew Linzer/Votamatic: 332 zu 206
. Josh Putnam/Frontloading: 332 zu 206
. Nate Silver/FiveThirtyEight: 313 zu 225
. Sam Wang/ElectionConsortiumPrinceton: 312 zu 236
. ElectionProjection: 303 zu 235
. RealClearPolitics: 303 zu 235

Es bleibt der Kommentar zur Liste der Abweichungen bei Elecotral College. Alles richtig hatten hier Josh Putnam, Professor f√ľr Politikwissenschaft am Davidson College, North Carolina, gleich auf mit seinem Kollegen Drew Linzer von der Emory University. Nate Silver hatten ebenfalls keinen Fehler, vergab aber die Stimmen nicht blockweise nach Gliedstaaten, sondern multipliziert sie mit Wahrscheinlichkeiten, weshalb er leicht schlechter abschneidet.

Mit einem Fehler (alle Florida, wo man mit einer republikanischen Mehrheit rechnet) folgen das ElectionConsortium, ElectionProjection und RealClearPolitics. Ein schwerer Missgriff machte hier √ľbrigens Karl Rove, der Romney mit 285 Elektorenstimmen als Sieger sah.

Was bleibt?

Erstens, die Umfragen waren recht zuverlässig; die klassischen Telefonbefragung (mit Handynummern) bleibt die beste Methode.

Zweitens, die Aggregatoren sind genauer als die Umfrageserien, weil sie Ausreisser vermitteln. “538” war dabei besser als “RCP”.

Drittens, die Umrechnung von Wähler- auf Elektorenstimmen klappt umso besser, je mehr man rechnet und keine wishfull-thinking Zuschreibungen vornimmt.

Claude Longchamp

Twittprognosis ?????????????

Am Sonntag schon bin ich auf Twittprognosis gestossen; dar√ľber zu bloggen getraute ich mich am 1. April nicht, weshalb ich das heute nachhole. Mit der Frage an die Weisheit der Viele: Wer und was steckt hinter dieser Weise der …

Die neueste Grafik ist spektakul√§r: Eine Prognose f√ľr die Piratenpartei in jedem deutschen Bundesland. Mit 13 Prozent ist Berlin Rekordhalter, w√§hrend in der neueste Spross in der deutschen Parteienlandschaft in Baden-W√ľrttemberg auf 2,5 Prozent kommt.

Vertrieben wird die Darstellung von “twittprognosis”. Genauso wie viele andere, h√∂chst interessante Vorhersagen.
Nur, was twittprognosis ist erf√§hrt man kaum; die k√ľrzeste Selbstdarstellung lautet: “Scientificly ascertained prognoses for elections worldwide based on CATI, Online-Panel, Prognosis, Online-Polls, Face-To-Face-Interviews and Election Results.”
Eine Homepage ausserhalb von Twitter gibt es nicht; selbst google findet hierzu nicht. Auf wikipedia eine grosse Leere, einzig irgendwo versteckt ein Kommentar, der twitter-Dienst suche sich einzunisten, ohne dass man erfahre, was gemacht werden; Fazit, gut geraten sei auch geraten.

An sich finde ich die Weisheit der Viele etwas höchst Interessantes. Hier bleibt die Frage, ist es die Weisheit einiger weniger? Vielleicht hilft mir die Weisheit der Vielen, die mir folgen, weiter, um zu klären, wer und was Twittprognosis ist?

Claude Longchamp

Wie wir uns selber täuschen, wenn wir unsicher sind, was ist.

Ein kleiner Gedanke zu den Reaktionen, die ich bekomme, wenn wir abstimmungsbezogene Umfragen publizieren. Keine Kritik an niemanden, aber ein Experiment, das sich lohnt, bei sich selber zu machen, um sich zu durchschauen.

Die meisten Reaktionen sind typisch. Von einem meiner Auftritte im Fernsehen zu Umfragen bleibt am h√§ufigsten Aeusserliches. Zum Beispiel die neue Umgebung der Pr√§sentation. Die B√ľcherwand mit dem Asterix-Band im Hintergrund. Oder das ich mich am Morgen beim Rasieren geschnitten hatte, und man das Stunden sp√§ter noch sah ‚Äď in der Grossaufl√∂sung.

Aufgrund der √ľbrigen Reaktionen schliesse ich: Geblieben sind auch wenige Zahlen. Beispielswseise jene zum zustimmenden Anteil bei der Zweitwohnungsinitiative, die zahlreiche Gegner in den betroffenen Gebieten schockierte.

Die Kognitionswissenschaft vergleicht das schon mal mit einem ausgeworfenen Ankern. Je un√ľbersichtlicher die Verh√§ltnisse seien, umso eher bleibe ein m√∂glichst konkreter Befund haften, lautet die entsprechende Analyse.

Was meint man damit? Mit der Problematik von Zweitwohnungen haben wir, in der politischen Oeffentlichkeit, wenig Erfahrungen. Eine vergleichbare Abstimmung, die uns gut in Erinnerung w√§re, gibt es nicht. So schiessen die Spekulationen ohne Grundlage ins Kraut. Deshalb bezieht man sich zum Beispiel auf einfache Verhaltensannahmen. In den betroffenen Gebieten sei man geschlossen dagegen, und in den √ľbrigen Regionen beurteile man das aufgrund des Wunsches, eine Zweitwohnung zu erwerben.

Ich will die Richtigkeit solcher Ueberlegung ein wenig bezweifeln. Denn solche Interessendefinitionen sind h√§ufig wunschgeleitet sind. Wer m√∂chte, dass die Initiative scheitert, sammelt alles, was dagegen spricht und formuliert so seine Erwartungen. Besser w√§re esallerdings, auch das Gegenteil zu machen, das heisst alles zu sichten, was zugunsten der Initiative erw√§hnt werden kann, und zu √ľberlegen, wer dann alles daf√ľr stimmen m√ľsste.
Allein das w√ľrde zu mehr selbstkritischer Reflexion f√ľhren. Denn diese ist n√∂tig, will man sich nicht selber t√§uschen. Die gleiche Kognitionswissenschaft kennt nebst der genannten Ankerheuristik zahlreiche andere Mechanismus, die unsere Wahrnehmungen leiten. Sechs weitere Beispiele m√∂gen meinen Gedankengang verst√§rken:

der √ľbertriebene Optimismus: Je parteiischer wir sind, umso optimistischer sind wir, Recht zu haben oder zu bekommen.
die Selbst√ľbersch√§tzung: Je parteiischer wir sind, umso eher √ľbersch√§tzen wir uns selber.
die Best√§tigungs-Tendenz: Je fr√ľher wir uns festgelegt haben, desto eher suchen wir nach Best√§tigung, und blenden wird Zwischent√∂ne aus.
die Konservatismus-Tendenz: Je fr√ľher wir uns festgelegt haben, desto resistenter sind wir einer Neubeurteilung.
die Verallgemeinerungs-Heuristik: Ein paar Bestätigungen unserer Annahmen reichen, und wir sind sicher, richtig zu liegen.
die Verf√ľgbarkeits-Heuristik: Je greifbarer Informationen sind, desto eher halten wir sie f√ľr richtig.

Um eines klar zu sagen: Das alles macht unseren Messwert weder schlechter noch besser. Er ist, in engen Grenzen, f√ľr den Moment der Erhebung richtig. Was daraus bis zum Abstimmungstag wird, ist eine Sache, die auf einem sp√§teren Blatt beschrieben werden wird.

Mit meinem Beitrag wollte ich indessen Hinweise geben, warum wir solche Zahlen zu Unrecht f√ľr richtig oder falsch halten.
Weil wir uns von ganz bestimmten Tendenzen, Routinen und Selbstbildern bestimmen lassen. Die haben mit allgemeinen menschlichen Schwächen zu tun, aber auch mit unserem Standpunkt in der Sache und der vorläufigen Entscheidung.

Vielleicht ist es ganz ratsam, nicht einfach bei Hintergr√ľnden oder einzelnen Zahlen stehen zu bleiben. Daf√ľr ein paar Mechanismen zu durchschauen, die unser √ľber Geb√ľhr optimistisch oder pessimistisch stimmen ‚Äď bevor wir effektiv stimmen!

Claude Longchamp

Volksinitiativen: K√ľrzestfassung der Erkenntnisse zur Meinungsbildung

Nicht nur mit der Meinungsbildung zu Beh√∂rdenvorlagen, auch mit jener zu Volksinitiativen habe mich in den letzten Wochen nochmals systematisch besch√§ftigt. Hier meine diesbez√ľglichen Erkenntnisse in der K√ľrzestfassung.

Eidgenössische Volksinitiative haben es (unverändert) schwer. 17 von 20 scheitern in der Volksabstimmung; 3 werden angenommen. Ein wesentlicher Grund ist, dass die Nein-Kampagnen mehr Wirkungen zeigen als jene der Ja-Seite.

Tabelle
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Viele Initiativ-Komitees legen mit ihrem Anliegen den Finger auf einen wunden Punkt, indem sie ein politisch vernachlässigtes Problem aufbringen. Das ist der Sinn der Initiative. Die andere Seite der Medaille ist, dass sie sich fast ebenso häufig beim Lösungsansatz täuschen, zu kompromisslos sind, um von einer Mehrheit angenommen werden zu können.

Die Ausschaffungsinitiative war eine der ber√ľhmten Ausnahmen. Zwar ging auch hier die Ablehnungsbereitschaft mit dem Abstimmungskampf (von 36 auf 48 Prozent) hoch, und es verringerte sich die Zustimmungstendenz (von 58 auf 52 Prozent). Allein, die Effrekte blieben vergleichsweise gering; und sie bewirkten (f√ľr einmal) keinen Mehrheitswechsel.

Bei linken Initiativen, die gut starten, ist der Meinungsumschwung meist st√§rker. Typisch hierf√ľr steht der Prozess bei der Steuergerechtigkeitsinitiative der SP. Auch sie begann bei 58 Prozent (bestimmt oder eher) Ja; schliesslich waren es genau soviele Nein. W√§hrend der vergangenen Legislatur gab es keinen so gr√ľndlichen Wechsel der Mehrheit wie in diesem Fall..

Geringer ist der Wandel, wenn die Unterst√ľtzung einer Initiative von Beginn weg nur minderheitlich ist. Typisch hierf√ľr die Volksinitiative gegen Beh√∂rdenpropaganda, die in den Umfragen mit 27 Prozent Zustimmung begann, schliesslich bei 25 Prozent landete.

Das alles macht es einfacher, die Dynamik von Meinungsbildungsprozessen bei Volksinitiativen zu beurteilen, als man das bei Behördenvorlagen mit einer Regel machen könnte: Sicher ist, dass mit dem Abstimmungskampf die Opposition steigt, wahrscheinlich, das parallel dazu den Nein-Anteil sinkt. So gut das bekannt ist, so wenig weiss man im Voraus, wie stark die Effekte ausfallen.

Das kann verschiedene Ursachen haben:
Erstens, es macht einen Unterschied, wer der Initiant ist; die Rechte hat Vorteile gegen√ľber der Linke, und daselbst f√ľhrt die SVP die wirkungsvollsten Initiativ-Kampagnen.
Zweitens, es kommt darauf an, ob die Nein-Seite eine Schwachstelle der Initiative findet oder nicht und sie fr√ľhzeitig und intensiv kommuniziert,
Drittens, der (wahrgenommene) Problemdruck entscheidet. Je höher er ist, desto geringer bleibt der Meinungswandel, und geringer er ist, umso grösser fällt der Wandel aus.

Mehr Forschung auf diesem Gebiet w√§re angezeigt. Leisten kann man sie alleine mit Bev√∂lkerungsumfragen nicht. N√∂tig w√§re es, sie mit eine qualititive und quantitative Analyse der Propaganda mit den Verst√§rkereffekte in den Medien zu kombinieren. Leider setzt sich daf√ľr niemand spezifisch ein.

Claude Longchamp

Beh√∂rdenvorlagen: K√ľrzestfassung der Erkenntnisse zur Meinungsbildung

Eine systematisch Durchsicht aller Vorbefragung zu eidgenössischen Volksabstimmungen der letzten Legislaturperiode legt nahe, von 6 typischen Meinungsbildungsprozessen auszugehen. Ausgangslagen, Prädispositionen, Allianzen und Engagements bestimmen den Abstimmugnsausgang.

Man erinnert sich (wahrscheinlich): Die Vorlage zum BVG-Umwandlungssatz scheiterte 2010 hochkant. Was das Parlament bef√ľrwortet hatte, fiel mit 73 Prozent Nein-Stimmen exemplarisch durch. Ganz anderes geschah beim Gegenvorschlag zur Volksinitiative, die Komplement√§rmedizin betreffend. 67 Prozent bef√ľrwortenden dies in der Volksabstimmung.


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Der Vergleich zwischen Vorbefragungen und Abstimmungsergebnissen legt in beiden Fällen nahe, dass Verstärkung vorhandener Prädispositionen die zentrale Wirkung der Kampagne war. Denn sowohl beim BVG Umwandlungssatz als auch bei der Komplementärmedizin standen die Mehrheiten von Beginn weg fest Рselbst annähernd im Verhältnis der Volksabstimmung

Beide Entscheidungen nennen wir “pr√§disponiert”, “stabil positiv resp. vorbestimmt” sind den auch unsere ersten beiden Typen. Die √ľberwiegende Zahl der B√ľrgerInnen haben eine Meinung zum Abstimmungsthema, und sie √§ndern sie nicht, w√§hrend der Kampagnen in der Oeffentlichkeit. Das ist allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Es kommt dann vor, wenn eine politische Entscheidung sichtbare Auswirkungen auf den Alltag vieler hat; dann erfolgt die Meinungsbildung aus eben diesem Alltag heraus, und nicht erst w√§hrend des Abstimmungskampfes. Geht es um handfeste materielle Interesse oder um zentrale Werte, kann man davon ausgehen, dass es selbst aufwendigen Kampagnen nicht gelingt, das Eis zu brechen.

Das pure Gegenteil davon erlebten wir beim Verzicht auf die allgemeine Volksinitiative. Diese Neuerung der Volksrechte, vom Parlament eingef√ľhrt, wurde von eben diesem Parlament wieder zur√ľckgezogen, bevor sie auch nur einmal zur Anwendung gelangt war. Die Bev√∂lkerung war in diese Prozesse kaum involviert, doch waren zur Einf√ľhrung und zur Abschaffung je eine Volksabstimmung n√∂tig.

Wie noch nie zuvor, ergab die Umfrageserie von den Abstimmungen hier einen gr√ľndlichen Meinungswandel. Vor der Kampagne war eine Mehrheit negativ eingestellt. 66 Prozent wollten 6 Wochen vor der Abstimmung noch Nein sagen Das hatte nicht mit vertiefter Besch√§ftigung zu tun, daf√ľr viel mit dem Reizwort Verzicht auf ein Volksrecht. Am Abstimmungstag war dann alles ganz anders. 68 Prozent sagten Ja zur Vorlage. Die Auseinandersetzung mit dem Inhalt, der Einsatz der Politik und der Medien und die Einsicht, nichts zu verlieren, bewirkten dies.

Dieser Fall heisst bei uns “nicht pr√§disponiert”, verbunden mit einer eindeutig von der Ja-Seite beherrschten Willensbildung. Auch er ist insgesamt recht selten, aber unser dritte Typ.

Denn mehrheitlich haben wir es bei Beh√∂rdenvorlagen damit zu tun, dass die Vorbestimmtheit eher positiv ausgerichtet, aber nicht stabil ist. Die Meinunsbildung im Parlament f√ľhrt zu einem Kompromiss, und die Parolen der Parteien im Abstimmungskampf verst√§rken den mainstream. Doch h√§ngt das Ergebnis der Volksabstimmung essenziell vom Engagement in den Kampagnen ab, und so gibt es zwei Varianten: Eine Zustimmungsmehrheit von 50-60 Prozent ist immer dann zu erwarten, wenn die Beh√∂rdenseit die Themenf√ľhrung √ľbernimmt und im Abstimmungskampf von sich aus kommuniziert. Wir nennen das den “labil (positiv) vorbestimmten Typ mit offensiver Ja-Kommunikation “. Ohne das Engagement von Bundesrat und bef√ľrwortenden Parteien w√§re beispielsweise die Unternehmenssteuerreform wohl nicht angenommen worden, vielleicht auch der Biometrische Pass gescheitert.

Krass ist das Gegenbeispiel beim Gegenvorschlag zur Gesundheitsinitiative der SVP gewesen. Im Parlament formierte sich eine b√ľrgerlichen Mehrheit daf√ľr, und die Initianten zogen ihr Begehren vor der Abstimmung zur√ľck. W√§hrend des Abstimmungskampfes zerfiel die bef√ľrwortenden Allianz indessen, was den Stimmb√ľrgerInnen nicht entging, sodass sich die Meinungsbildung in den letzten Wochen vor der Abstimmung deutlich ins Nein entwickelte und die Vorlage schliesslich scheiterte. F√ľr uns ist das der 5. Typ, der labil vorbestimmte mit einem Zerfall der Ja-Seite. Solche Entscheidungen gehen in der Regel negativ aus.

Nur dann, wenn eine Vorlage ganz dem Volksempfinden entspricht und kaum jemand Opposition macht, geht die Sache auch ohne grosse Beh√∂rdenaktivit√§ten durch. Das kommt bei fakultativen Referenden kaum vor, denn dar√ľber wir nur abgestimmt, wenn es eine minimal organisierte und verankerte Opposition gibt. Bei obligatorischen Referenden ist das aber sehr wohl m√∂glich, wie das Beispiel der Forschung am Menschen zeigt – somit ist das unser 6. Typ.

Claude Longchamp

Wahlbarometer: Zustimmung zu BundesrätInnen mehrheitlich РKritik vor allem parteipolitisch motiviert

Im Rahmen des neuesten Wahlbarometers, das heute erschienen ist, haben die Wiederwahlempfehlung (unmittelbar vor dem angek√ľndigten R√ľcktritt von Bundespr√§sidentin Micheline Calmy-Rey) untersucht. Die ausf√ľhrlichen Befragungsergebnisse k√∂nnen hier nachgeschlagen werden. Mein Kommentar dazu lautet.

Eines vorneweg: Wir haben nicht die Frage gestellt, wen man selber w√§hlen w√ľrde. Denn das setzte voraus, dass es eine Volkswahl des Bundesrates geben w√ľrde. Vielmehr haben wir uns danach erkundigt, √ľber welche der bisherigen Bundesratsmitglieder man die Meinung habe, sie sollten am 14. Dezember 2011 wiedergew√§hlt werden oder nicht.

grafik60Grafik anclicken, um sie zu vergrössern.

Die Wahlberechtigten setzen dabei sehr wohl Akzente. Gegen√ľber allen sieben Mitgliedern vertritt eine Mehrheit die Meinung, sie sollte nochmals gew√§hlt werden. Am klarsten kommt das bei Doris Leuthard zu Ausdruck. 75 Prozent der Wahlberechtigten empfehlen die CVP-Magistratin zur Wiederwahl. Bei Simonetta Sommaruga (SP) sind das 70 Prozent. Didier Burkhalter (FDP) bringt es auf 69 Prozent. Ihnen ist gemeinsam, dass sich nur rund jede achte Personen eine Nicht-Wiederwahl w√ľnscht. Etwas gespaltener sind die Positionen gegen√ľber Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), Ueli Maurer (SVP) und Johann Schneider-Ammann (FDP). Zwischen 65 und 56 Prozent s√§hen sie gerne weiterhin im Bundesrat, w√§hrend gut ein F√ľnftel das Gegenteil vertritt.

Am polarisiertesten sind die Meinungen, wenn es um Bundespr√§sidentin Micheline Calmy-Rey (SP) geht. Hier w√ľnschen sich 51 die Wahl f√ľr eine weitere Amtsperiode, w√§hrend 35 Prozent das ausdr√ľcklich ablehnen. Stellt man auf die Unschl√ľssigen ab, kennt Bundesrat Schneider-Ammann den gr√∂ssten Anteil, indes nicht, weil man ihn nicht kennen w√ľrde, sondern weil man sich in der Entscheidung noch nicht sicher ist.

Hinter der Bewertung verstecken sich vor allem partei- und regionalpolitische Pr√§ferenzen. Die Gegnerschaft von Calmy-Rey kommt aus dem entgegengesetzten politischen Lager. Nur ein Drittel der SVP-W√§hlenden m√∂chte sie im Amt behalten. Polarisierend wirkt sie auch bei den parteipolitischen Ungebundenen. Sie empfehlen die Bundespr√§sidentin zu 46 Prozent f√ľr eine weitere Bundesratszeit. Bei Bundesrat Schneider-Ammann geht die Opposition nicht so tief; daf√ľr ist sie breiter. Nur Minderheiten von SP, GPS und GLP m√∂chten, dass er in seinem Amt best√§tigt wird. Bei Ueli Maurer reduziert sich das auf die SP- und GPS-W√§hlenden. Ein beschr√§nktes Problem hat schliesslich Eveline Widmer-Schlumpf. Das Misstrauen ihr gegen√ľber kommt aus ihrer ehemaligen Partei. Immerhin genau die H√§lfte der heutigen SVP-W√§hlenden w√ľrde sie zur Wiederwahl empfehlen.

Hinsichtlich der Sprachregionen haben die Bundesr√§te Maurer und Schneider-Ammann ein Problem. In der Romandie findet sich keine Mehrheit, welche die beiden weiter empfehlen w√ľrde. Bei Bundespr√§sidentin Calmy-Rey gilt schliesslich, dass sie in allen Regionen umstritten ist. Mit 55 Prozent wird sie am ehesten noch in der italienischsprachigen Schweiz unterst√ľtzt.
So bleibt, dass die B√ľrgerInnen gegen√ľber Abwahlen von Bundesr√§tInnen skeptisch sind. Klare Hinweise auf dringend erwartete Ver√§nderungen gibt es nicht. Immerhin mischen sich aber mehr oder minder klare Zwischent√∂ne in die Beurteilungen, die in erster Linie parteipolitisch motiviert sind.

Claude Longchamp

BundesrätInnen in repräsentativen Bevölkerungsumfragen

Man weiss es, unsere BundesrätInnen haben es nicht besonders gerne, wenn ihr Zuspruch in der Bevölkerung in Umfragen getestet wird. Trotzdem, es kommt regelmässig vor, und es ist an der Zeit, zu den Ergebnissen einen Ueberblick zu verschaffen.

Zeitschriften wie die “Illustr√©” (zusammen mit MIS Trend) oder Wochenendbl√§tter wie die “Sonntagszeitung” (gemeinsam mit Isopublic) bringen periodisch Uebersichten √ľber die Akzeptanz der einzelnen Bundesr√§tInnen.

Nebst vielen Gemeinsamkeiten der beiden Serien, gibt es auch Unterschiede in der Sicherung der Repr√§sentativit√§t: So interessiert sich die Sonntagszeitung daf√ľr, wer im Bundesrat in Zukunft eine wichtige Rolle spielen solle oder eben nicht, w√§hrend Illustr√© die Aktion der MagistratInnen in den letzten 6 Monaten bewerten l√§sst. Die Aussagen der Sonntagszeitungen basieren auf rund 1255 Befragten, w√§hrend sich Illustre mit 600 begn√ľgt. Beide Auftraggeber lassen Interviews in der deutsch- und franz√∂sischsprachigen Schweiz durchf√ľhren, nicht aber in der italienischen. Isopublic kontrolliert die so entstehenden Ergebnisse zur zus√§tzlichen Wahlabsichtsfrage aufgrund der zur√ľckliegenden Wahlen. Schliesslich gibt es Unterschiede in der Auswertung: MIS l√§sst Unschl√ľssige in der Darstellung weg, Isopublic weisst sie ausdr√ľcklich aus.

Die j√ľngste Erhebung von Isopublic war in diesem Sommer, pr√§zise zwischen den 8. und 18. Juni 2011; sie bezieht sich auf die aktuellen Mitglieder des Bundesrates. Demgegen√ľber befragte MIS Trend vor rund einem Jahr einen B√ľrgerInnenquerschnitt, konkret zwischen dem 31. August und 6. September 2010, also noch vor der Ersatzwahl f√ľr die zur√ľckgetretenen Moritz Leuenberger und Hans-Rudolf Merz am 22. September 2010.

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Zun√§chst f√§llt auf, dass sich die Reihenfolge der Bundesr√§tInnen, die in beiden Umfragen auftauchen, genau gleich bleibt. Das spricht f√ľr eine recht stabile Rangordnung unter den Magistratspersonen. Zuspruch aus der Bev√∂lkerung ist nicht einfach etwas bliebiges; vielmehr hat es klare Konturen. Zu diesen z√§hlen die politische Position, die Amtsdauer und die Hoffnungen und Entt√§uschungen, die sich daraus ergeben.

Der Zeitpunkt, und damit verbunden die Fragestellungen, beeinflussen jedoch die Messwerte – und so auch die Abst√§nde der Bundesr√§tInnen untereinander. Am deutlichsten schl√§gt sich dies bei Widmer-Schlumpf nieder: In der R√ľckw√§rtsbetrachtung ihrer Leistungen ist sie top, wenn es um die Aussichten in der Zukunft geht, rangiert sie genau in der Mitte der Bundesr√§tInnen. Vergleichbares findet sich bei Burkhalter und Calmy-Rey, indes einiges weniger ausgepr√§gt.

Konstant sind die Verh√§ltnisse ganz oben und ganz unten: Doris Leuthard ist, egal wann und egal wie befragt, die popul√§rste Bundesr√§tin, w√§hrend f√ľr Ueli Mauer genau das Gegenteil gilt.

Oder allgemeiner gesagt: Umfragen zu Bundesr√§tInnen geben sehr wohl Grundstr√∂mungen in der stimm- und wahlberechtigten Bev√∂lkerung zuverl√§ssig wieder. Die Details der Befragungen beeinflussen die konkreten Prozentzahlen. Deshalb sollte man die nur innerhalb einer Befragungsserie vergleichen, w√§hrend das generelle Ranking, und Aenderungen darin, sehr wohl etwas √ľber die Akzeptanz der Regierungsmitglieder in der Schweizer Bev√∂lkerung aussagen.

Ein Mechanismus tritt immer deutlicher zu Tage: Unsere Bundesr√§tInnen haben ihre Sache im B√ľrgerInnen-Urteil nicht einfach schlecht, wenn alles vorbei ist. Die Bilanzen fallen unterschiedlich, mehrheitlich aber (knapp) positiv aus. Wenn es dagegen um die Zukunft geht, hagen wir Zweifel, wegen diesem und jenem. Das tritt vor allem Personen, √ľber deren R√ľcktritt √∂ffentlichen spekuliert wird.

Claude Longchamp

I had a dream

Vor 20 Jahren tr√§umte ich davon, parallel zu den etablierten Nachanalyse von Wahlen und Abstimmungen in der Schweiz auch Voruntersuchungen machen zu k√∂nnen. An den 3. Demokratietagen in Aarau zog ich vor einigen Tagen Bilanz zu diesem Unterfangen. Hier meine drei wichtigsten Schl√ľsse.

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“Erstens, Wahlprognosen sind prinzipiell m√∂glich; Parteiwahlen k√∂nnen sicherer vorweggenommen werden als Personenwahlen. Alles h√§ngt aber vom Zeitpunkt der Vorhersage ab.
Das hat mit der deutlicheren Vorbestimmtheit von Entscheidungen zum Nationalrat zu tun, denn unsere Meinungen zu Parteien bilden wir uns fast täglich. Das ist schon bei Ständeräten nicht der Fall und die Unterscheidung kann auch bei Kantons- und Regierungsratswahlen gemacht werden. Deshalb sind kurzfristige Entscheidungen, ja taktische Erwägungen bei Personenwahlen generell höher, was die Vorwegnahme der Ergebnisse erschwert.

Zweitens, Abstimmungsprognosen sind deutlich schwieriger. Generell ist Vorsicht angebracht.
Ermitteln kann man Trends der Meinungsbildung; mittels Szenarien lassen sich diese auch extrapolieren. Im schlechtesten Fall bleibt der Ausgang offen; im Normalfall kann er qualitativ im Sinne eines Nein- oder Ja-Entscheides vorweg benannt werden, w√§hrend punktgenaue Prognose vorerst nicht m√∂glich sind. Hauptgrund ist, dass die Dynamik der Meinungsbildung bei Beh√∂rdenvorlagen gr√∂sser ist als bei Parteiwahlen und bei Entscheidungen √ľber Volksinitiativen noch erheblicher ausfallen kann als bei Beh√∂rdenvorlagen. Das erschwert die Aufgabe.

Drittens, etabliert hat sich, bei Wahlen eine Serie von Vorwahlbefragungen auf der Basis von jeweils 2000 auskunftswilligen Wahlberechtigten zu erstellen. Bei Abstimmungen gibt es zwei Erhebungen bei je 1200 B√ľrger und B√ľrgerinnen ‚Äď die eine zu Beginn der Kampagne, die andere etwa in der Mitte. Im Vergleich zu Wahlen ist beides in der Regel nur recht nahe zum Abstimmungstag m√∂glich. Einmalige Bestandesaufnahmen gen√ľgen aus unserer Warte nicht.”

Mehr dazu im Referat an der Fachtagung hier.

Claude Longchamp