Sind wir Menschen alle ein RREEMM?

Vilfredo Pareto, der italienische Oekonom, der an der UniversitĂ€t Lausanne lehrte, prĂ€gte fĂŒr 100 Jahren den Begriff des „homo oeconomicus“. Demnach ist der Mensch ein individualistisches Wesen, das vernĂŒnftig handelt, und, egal wer der Mensch ist und wo er lebt, nur an seinem eigenen Nutzen interessiert ist. Vor rund 50 Jahren konterte der deutsch-englische Soziologe Ralf Dahrendorf und sprach erstmals vom „homo sociologicus“. Er definitierte den Menschen als gesellschaftliches Wesen, das gegenĂŒber anderen Menschen in Rollen handelt. Erwartungen, Sanktionen, Normen und Werte, die im Umfeld des Menschen entstehen, steuern sein Verhalten.

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Das sozialwissenschaftliche Menschenbild der Gegenwart entspricht dem homo generalis

Und wo steht man heute in der Debatte zwischen dem individualistischen resp. gesellschaftlichen Wesen Mensch? Der deutsche Sozialwissenschafter Siegwart M. Lindenberg, der in Harvard habilitiert hat, im niederlĂ€ndischen Groningen als Soziologe lehrt und Direktor der InteruniversitĂ€ren Zentrums fĂŒr sozialwissenschaftliche Theorie und Methodologie ist, kommt zu einer vermittelnden Antwort: Er bestimmt den Menschen als homo generalis, kurz auch als RREEMM. Die Buchstaben sind dabei AbkĂŒrzungen fĂŒr, das in der Definition Lindenbergs entscheidend ist:

R: resourceful
R: restricted
E: evaluation
E: expecting
M: maximizing
M: (wo)man

Aehnlich, wie die rationale Entscheidungstheorie, die sich auf den homo oecomicus stĂŒtzt, handelt der Mensch nach Lindenberg als individualistisches Wesen, das an der Vermehrung seiner Vorteile interessiert ist. Anders als die ökomische Deutung der rationalen Entscheidung definitiert Lindenberg die Voraussetzung dieses Handelns nicht aufgrund klarer PrĂ€ferenzen und vollstĂ€ndiger Informationen, die im Handeln kollektiver Akteure Sinn machen, bezogen auf das Individuum aber eine zu starke Vereinfachung darstellen.

Vielmehr fĂŒhrt Lindenberg aufgrund seiner kognitiven Soziologie vier Randbedingungen der Entscheidungen ein: Menschen …
… sind in ihren Entscheidungen nicht frei, sondern unterliegen mannigfaltigen EinschrĂ€nkungen („restricted“)
… verfĂŒgen ĂŒber Kompetenzen, die sie in ihren Entscheidungen zu mobilisieren wissen („ressorceful“)
… handeln nicht aufgrund den Begebenheiten, die sich kennen oder auch annehmen („expecting“)
… und entscheiden sich, aufgrund ihrer Ziele, fĂŒr jene Handlungsmöglichkeit, die ihnen am meisten Vorteile verspricht („evaluating“).

Das Modell ist nicht die einzige Innovation in den sozialwissenschaftlichsten Handlungstheorien der Gegenwart, wohl aber eine der vielversprechendsten. Es ist nicht mehr so elegant und simpel wie die Modelle, die der amerikanische Oekonom Antony Downs in die Entscheidungstheorien eingebracht hat. Aber es ist auch einfacher und verstĂ€ndlicher, als die Diagnosen, welche die frĂŒheren Soziologen erstellt haben.

Was heisst das? Die Erwartung, dass sich die Wissenschaft vermehrt fĂŒr das Handlungsmodell des homo generalis entscheidet, denn die Erwartungen des homo oeconomicus resp. des homo sociologicus haben sich nicht voll erfĂŒllt. Sie sollten sich deshalb von den Restriktionen der Wissenschaftsgeschichte der letzten 100 Jahre befreien, und auf ihre innovative Kraft vertrauen, indem sie vorhandene Weiterentwicklung in ihren Entscheidungen nutzen.

Denn so wĂŒrde auch sie als generalisierte Menschen handeln!

Claude Longchamp

WeiterfĂŒhrende LektĂŒre:
Bruno S. Frey: Ökonomie ist Sozialwissenschaft. Die Anwendung der Ökonomie auf neue Gebiete. MĂŒnchen 1990.
Hartmut Esser: Soziologie – Allgemeine Grundlagen. 3. Auflage, Frankfurt/New York 1999.