Kurzer RĂŒckblick auf heute (II)

(zoon politicon) Wahlentscheidungen, die wir heute im Kurs “Empirische Politikforschung in der Praxis” behandelt haben, sind sozialwissenschaftlich gut untersucht. Sie haben, mit dem Wahlergebnis, das man erklĂ€ren will, eine objektive und quantifizierte Grösse als Ausgangspunkt. Sie kommen in allen allen Demokratie vor, und sie folgen sich zeitlich in regelmĂ€ssigen AbstĂ€nden. Das sind fast schon ideale Voraussetzungen fĂŒr empirische Forschung. Hinzu kommt, dass es sich um ein Forschungsfeld handelt, indem sich Grundlagen- und Anwendungsforschung seit langem bewegen und sich auch gegenseitig befruchtet haben. Wahlforschung ist heute nicht nur eine der entickeltesten Teilgebiete der Politikwissenschaft. Sie hilft auch, relevante Tatsachen zu identifizieren, sie bietet ErklĂ€rungen hierfĂŒr an, sie erlaubt Prognosen, und sie gibt auch Handlungshinweise fĂŒr ein rationaleres Verhalten politischer Akteure.


Mein Arbeitsplatz nach den letzten Parlamentswahlen im TV-Studio Leutschenbach, wo ich als Wahlanalytiker fĂŒr die SRG SSR idĂ©e suisse tĂ€tig war

1. Theorien des WĂ€hlens
Die relevante Theoriediskussion ist auf Deutsch im Handbuch Wahlforschung weitgehend dargestellt worden. Auf der theoretischen Ebene werden vier AnsÀtze unterschieden:
. Wahlgeografische ErklÀrungen aufgrund der rÀumlichen Bedingungen, die Religion, Sozialstruktur und politische Tradition formen und so vor allem in Agrargesellschaften politische Entscheidungen bei Wahlen determinieren;
. wahlsoziologische ErklĂ€rungen, wobei politische Parteien das konfliktreiche Verhalten von BĂŒrgerInnen regeln, indem sie ihre Werthaltungen, Interessen und Gruppenzugehörigkeiten wĂ€hrend WahlkĂ€mpfen repolitisieren;
. wahlpsychologische ErklĂ€rungen, fĂŒr die Einstellungen der BĂŒrgerInnen wie die mittelfristige Parteiidentifikation, die Kandidaten- und Themenorientierungen, die wĂ€hrend des Wahlkampfes entstehen, die Wahlentscheidungen bestimmen;
. und wahlökonomische ErlĂ€rungen, die BĂŒrgerInnen als rationale Nutzenmaximierer sehen, die bei Wahlen auf dieser Basis namentlich eine ökonomische Evaluierung der Regierungsarbeit vornehmen.
Nach Ansicht verschiedener fĂŒhrender Wahlforscher zeichnet sich heute immer mehr ab, dass wahlgeografische und wahlsoziologische Theorien zu komplex angelegt sind und die ErklĂ€rung der Wahlentscheidung zu weit hergeholt suchen. Diese findet nach Auffassung von Politikwissenschaftern wie JĂŒrgen Falter weitgehend im Menschen selber statt und könnte mit einer Synthese von ökonomischen und psychologischen Theorien noch verbessert untersucht resp. erklĂ€rt werden.

2. Empirie (bezogen auf die Schweiz)
. Seit 1995 testet die akademische Wahlforschung in der Schweiz sozialwissenschaftliche Theorien, um das hiesige Wahlverhalten zu erklÀren. Sie kommt dabei zum Schluss, dass es am sinnvollsten ist, sozialpsychologische AnsÀtze, angereichert durch ökonomische ErklÀrungen einzusetzen. Das aktuelle Wahlverhalten ergibt sich demnach durch die bisherige Wahl, die mittelfristige Parteiidentifikation und die Position auf der Links/Rechts-Achse, erweitert um die Themenidentifikationen der WÀhlenden.
. Die angewandte Wahlforschung wurde ihrerseits 1999 neu begrĂŒndet. Sie versucht, sowohl nachfrage- wie auch angebotsseitig Wahlverhalten zu erklĂ€ren. Die Parteien werden nicht als fixe Grössen gesehen, sondern aufgrund ihrer KampagnenfĂ€higkeit als variable, die sich in unterschiedlich intensivem und geeignetem Masse an die WĂ€hlerschaft wenden. Diese wiederum identifiziert sich mit Parteien aufgrund eines fĂŒr das Zielpublikum adĂ€quat gefĂŒhrten Wahlkampfes, aufgrund der medialisierten Personen, welche die Partei reprĂ€sentieren und aufgrund von Werthaltungen resp. politischen Positionen in Grundsatzfragen.

3. Praxis (in der Schweiz)
In der Praxis geht es allerdings weit weniger um die Bildung von ErklĂ€rungsmodellen, denn um die PrognosefĂ€higkeit der Wahlforschung. Dabei kommen immer mehr verschiedene Instrumente zum Einsatz, wie Wahlumfragen, Wahlbörsen, und ökonometrische Modelle. Bisher arbeiten kein Instrument ganz fehlerfrei. Die GĂŒte der Prognosen kann aber verglichen werden. Anders als im Ausland schneiden dabei Wahlumfragen in der Schweiz neuerdings am besten ab. Wahlbörsen erweisen sich als etwas weniger genau, und sie haben vor allem keinen ErklĂ€rungswert. Extrapolationen von kantonalen Wahlen sind ebenfalls etwas weniger genau, vor allem weil sie die vermehrte Nationalisierung der WahlkĂ€mpfe nicht reflektieren.

Meine Bilanz
Die Wahlforschung entwickelte sich rasch. Ihre AnfĂ€nge in der Schweiz gehen auf die 70er Jahre zurĂŒck. Die rasanten VerĂ€nderungen der ParteistĂ€rken bei Nationalratswahlen seit 1995 haben sowohl die Grundlagen- wie auch die Anwendungsforschung stimuliert. Die Erkenntnisfortschritte sind rasch gewachsen. Die PrognosefĂ€higkeit hat generell zugenommen. Die ErklĂ€rungskraft der verwendeten AnsĂ€tze sind noch etwas uneinheitlich, es zeichnet sich aber hierzulande ein sozialpsychologischer mainstream ab, erweitert um ökonomische ErklĂ€rungen oder um kommunikationswissenschaftliche.
Die Wahlforschung ist generell wie auch in der Schweiz einer jener Zweige in der Politikwissenschaften, die durch eine evolutionĂ€re Wissensvermehrung ausgehend von der Wissenschaft, aber auch ĂŒbergreifend auf die Praxis gekennzeichnet sind.

Claude Longchamp