Umfragen sind Bestandesaufnahmen – nicht mehr und nicht weniger

Zu den gröberen MissverstÀndnissen in der öffentlichen Verwendung von Umfragen zÀhlt, dass sie an sich als Prognosen gelesen werden. Meine Erfahrung lehrt mich vielmehr: Umfragen helfen, die Unsicherheit vor einer Entscheidung einschrÀnken, nicht die RealitÀt, die kommt, vorweg zu nehmen.

HĂ€tten alle Menschen zu jedem Zeitpunkt eine feste Meinung, wĂ€re alles ganz einfach. Man könnte heute eine Befragung aller oder eines Teils davon machen und wĂŒsste, was morgen geschieht.

Doch trifft diese Annahme nicht zu!

Es gehört zum Wesen von Prozessen, nicht stabil, sondern dynamisch zu sein. Und es zÀhlt zu den Eigenschaften sozialer Prozesse, nicht nach einer einfachen Mechanik zu funktionieren.

Vielmehr sind Meinungsbildungsprozesse interaktiv. Es lassen sich Einflussgrössen benennen, wie das Handeln der PolitikerInnen, der Medien, die politische Grosswetterlage und die Kampagnen vor einer Enscheidung. Genaue ZustÀnde vorherzusehen, ist dagegen fast unmöglich.

Der Dispositionsansatz versucht dieser Auffassung von kollektiver Meinungsbildung gerecht zu werden. Entwickelt wurde er, um das Zusammenspiel von öffentlicher Meinung und BĂŒrgermeinungen in konkreten Sachfragen zu analysieren.

Stimmabsichten sind weder stabil, noch entwickeln sie sich beliebig. Sie sind verÀnderlich, folgen dabei aer GesetzmÀssigkeiten. Bei Abstimmungen kennt man verschiedene Effekte, die VerÀnderungen bewirken, recht gut:

1. Teilnahmeabstinenz: Unentschiedene oder UnschlĂŒssige beteiligen sich nicht.
2. Meinungsaufbau: Unentschiedene bewegen sich am Schluss in beide Richtungen, nicht weil sie fĂŒr etwas sind, aber weil sie gegen etwas sind.
3. Meinungsumschwung: Latent Entschiedene Àndern ihre Meinung am Schluss in die umgekehrte Richtung.

So viel man darĂŒber aus der Sicht der Theorie weiss, so gering sind die bisherigen empirischen Kenntnisse. Das macht es bisweilen schwierig, genau zu sagen, was nach einer Befragung geschieht. Trendbefragungen helfen, diese Unsicherheit zu verringern. Wo sie bleit, verzichten wir lieber darauf, mit wenig begrĂŒndeten Faustregeln Extrapolationen von Umfragewerten zu machen, um Abstimmungsergebnisse zu prognostizieren.

Das hat fĂŒr Medien und KonsumentInnen eine wichtige Konsequenz: Prognose mĂŒssen ausbleiben, vor allem dann, wenn die Dynamik der Meinungsbildung erst angefangen hat, in VerĂ€nderung begriffen ist, und wir nicht wissen, wo das alles endet. Wo man das im Griff hat, kann man Prognosen machen.

Von Umfragen sollte man nicht alles, aber auch nicht einfach nichts erwarten: Umfragen helfen, die Unsicherheiten vor einer Entscheidung einschrÀnken, nicht aber die RealitÀt, die kommen wird, vorweg zu nehmen.