Mit dem Fraktionsentscheid vom Donnerstag ĂŒber die Kandidatur fĂŒr die Nachfolge von Samuel Schmid als Bundesrat wird die Machtfrage in der SVP gestellt. Ein eigentlicher Richtungsentscheid bahnt sich via Personen- und Verfahrensfragen an.
Sozialwissenschaftliche Machtdefinitionen
Max Weber, der grosse deutsche Soziologe zu Beginn des 20. Jahrhunderts, definierte Macht als “jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.â Damit gab er der Durchsetzungsmacht eine gĂŒltige Umschreibung, ohne sich um die Frage zu kĂŒmmern, worauf diese Macht basiert. Das haben Sozialpyschologen besser auf den Punkt gebracht. Macht entsteht durch Position, Identifikation oder Wissen und sie bedient sich der Belohnung oder des Zwangs als Mittel.
Christoph Blochers Macht wird in Frage gestellt
Christoph Blocher verfĂŒgte lange ĂŒber verschiedene dieser Machtressourcen; seine stĂ€rkste war jedoch sein Charisma. Seine AnhĂ€ngerschaft ist fasziniert von ihm, fĂŒhlt sich mit ihm verbunden, ja identifiziert sich mit ihm in hohem Masse. Das verdrĂ€ngt Meinungsverschiedenheiten, verringert Diskussionen und fĂŒhrt dazu, das gelegentliche Differenzen meist schnell aufgegeben werden.
Christoph Blochers Charima wirkt in der aktuellen Situation nicht mehr wie frĂŒher. Die Machtfrage in der Partei wird offen gestellt. Die Idenfitikation mit dem Uebervater der Partei ist macherorts zum Ritual verkommen, das zwar demonstrativ beschworen, hinter den Kulissen aber unterlaufen wird. 10 Kandidaten aus den eigenen Reihen treten gegen Christoph Blocher an, und man weiss nicht, ob es nichtnoch weitere gibt, die losgelöst vom parteiinternen Verfahren auf einen geeigneten Moment warten, um sich doch noch ins Spiel zu bringen.
Die Entscheidung des Machtkampfes
Die nĂ€chsten zwei Tage werden zeigen, wer in der SVP das Sagen hat, das heisst nach Weber seinen Willen auch gegen WiderstĂ€nde durchsetzen kann. Man wird genau beobachten können, wer in der grössten Partei die Macht inne hat: der ParteiprĂ€sident, wie es sich gehört, dier Uebervater, wie man es erwartet, die Seilschaften des Nachwuchses und der Frauen, die ihre Chance wittern, die ideologischen Grundsatzpolitiker, welche die Vorherrschaft ĂŒber die Partei zu verteidigen suchen oder die pragmatischen Interessenvertreter die ihre politischen Anliegen mit dem Staat realisieren mĂŒssen.
Der Vorentscheid fĂ€llt schon bei der Zahl der Nominierungen: Eine Einerkandidatur Blocher verhindert mit aller Wahrscheinlichkeit die RĂŒckkehr in den Bundesrat, mit ungewissen Konsequenzen. Eine Einerkandidatur ohne Blocher beendet seine Karriere, auf Geheiss der eigenen Fraktion. Und eine Zweikandidatur mit Blocher und einer weiteren Person ist eine offene Einladung an die Bundesversammlung, die SVP in den Bundesrat aufzunehmen und dabei Blocher nochmals abzulehnen. Damit sind die Aussichten der SVP, mit Blocher im Bundesrat vertreten zu sein, sehr gering. Das Maximum, was der gealterte Machtapparat um ihn herausholen kann, ist dass ein Getreuer als Zweiter nominiert und gewĂ€hlt wird.
Man erinnere sich nur ein Jahr zurĂŒck, um zu begreifen, was sich alles verĂ€ndert hat. “SVP wĂ€hlen – Blocher stĂ€rken”, war das damalige Motto. Heute ist nicht einmal mehr sicher, ob Blocher wĂ€hlen auch SVP stĂ€rken bedeutet.
Claude Longchamp


Die SVP hat es geschafft, dass praktisch das ganze Parlament sich soweit einig ist (mit Ausnahme der GrĂŒnen und ganz Linken), dass jeder der nicht âBlocherâ heisst, als Bundesrat wĂ€hlbar geworden ist.
Wenn das von der SVP Parteileitung so geplant gewesen wĂ€re, dann mĂŒsste ich zugeben, dass die Strategie genial gewesen ist. Diese GenialitĂ€t traue ich zwar Christoph Blocher selber zu, nicht aber seinem âZiehsohnâ Toni Brunner. Was aber durchaus auch möglich ist, dass die Sturheit von Blocher und die Nomiantionsfreude der SVP-Kantonalparteien zu dieser fĂŒr die SVP komfortablen Lage gefĂŒhrt hat.
Niemand zweifelt mehr daran, dass die SVP Fraktion morgen Abend mit einem zweier Ticket âBlocher + ?â den neuem Bundesrat kĂŒrt.
Wer dies sein wird ist zwar noch eher ungewiss, da die Medien sich eher auf Ueli Maurer und die anderen Parteien auf Adrian Amstutz eingeschossen haben, tippe ich mal auf Caspar Baader.