Mathematische Coolness und Verhandlungsgeschick: ein PortrĂ€t von StaatssekretĂ€r Michael AmbĂŒhl.

Die relative Bedeutungslosigkeit der Schweiz war lange Zeit ein Vorteil. Sie gilt als zu klein, um weh zu tun. Geht es aber ums Verteidigen von Schweizer Eigeninteressen, ist das Federgewicht ein Nachteil, schreibt die Hamburger “Zeit” in ihrer Schweizer Ausgabe dieser Woche. AufhĂ€nger fĂŒr den Befund ist ein PortrĂ€t von Matthias AmbĂŒhl der als Schwergewicht der Schweizer Diplomatie einen Ausgleich schaffen soll.

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Seit 27 Jahren ist Michael AmbĂŒhl im diplomatischen Dienst. Er wirkte in Kinshasa und Dehli, bevor er nach BrĂŒssel entsandt wurde. Dort betreute er in verschiedenen Funktionen die Verhandlungen zu den Bilateralen. Zuerst war er fĂŒr die LeistungsabhĂ€ngige Schwerverkehrsabgabe zustĂ€ndig, dann ChefunterhĂ€ndler fĂŒr die Bilateralen II. Dieser Erfolg brachte den damals 54jĂ€hrigen 2005 an die Spitze der Schweizer Diplomatie.

Im Vordergrund steht er nicht; das sei die Aufgabe von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, meint AmbĂŒhl. Trotzdem avancierte er 2009 zum fĂŒhrenden Krisenmanager der Schweizer Aussenbeziehungen. “Usain Bolt der Aussenpolitik” titelte ein Boulevard-Blatt, als es die viel gefragte Personen AmbĂŒhls vorstellte. In der Tat: Selbst an der 50-Jahr-Feier der GrĂŒndung der Schweizerischen Vereinigung fĂŒr politische Wissenschaft in der Schweiz hielt der vielseitige StaatssekretĂ€r das Hauptreferat.

Die wichtigste Voraussetzung fĂŒr sein Verhandlungsgeschick sieht AmbĂŒhl nebst der diplomatischen Ausbildung in seinen analytischen FĂ€higkeiten. Ausgebildet wurden sie beim an der ETH ZĂŒrich. Seine Doktorarbeit widmete er der Spieltheorie, die in Wirtschafts- und Politikwissenschaft fĂŒr anhaltende Furore sorgt. Das Denken, Wollen und Handeln des GegenĂŒber vorwegnehmen zu können, bezeichnet er als seine StĂ€rke. Doch darf diese Kompetenz nicht nur theoretisch ausgebildet sein. Sie muss sich auch in der Praxis bewĂ€hren. Dossierkenntnisse sind eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung, sagt der promovierte Mathematiker. Denn die KomplexitĂ€t der Materie muss reduziert werden – auf das Verhandelbare. Am liebsten hat er es, wenn es dabei um eine Zahl geht. Der Rest sei dann Verhandlungspsychologie auf oberster Ebene.

Das bewies StaatssekretĂ€r AmbĂŒhl diesen Sommer, als es um das UBS-Abkommen zwischen der Schweiz und den USA ging. Die skeptischen Amerikaner gewann er fĂŒr eine aussergerichtliche Lösung, indem er in der Sache den Schweizer Standpunkt vertrat, aber Nachverhandlungen zuliess, sofern die USA nicht bekomme, was sie erwarten durfte. Das wirkte und die Forderung nach Offenlegung von 52000 DatensĂ€tze verringerte sich auf die bekannten 4450 FĂ€lle. Das war einer seiner Erfolge, aufgemuntert von Aussenministerin Calmy-Rey, die im per SMS unterstĂŒtzte: “Ne lachez pas!”, schrieb sie dem Beharrlichen nach Washington.

2010 wird AmbĂŒhl die Arbeit nicht ausgehen. Denn nach dem Schweizer der Libyen-Mission von Hans-Rudolf Merz wurde er zum ChefunterhĂ€ndler in Sachen Schweizer Geiseln in Tripolis ernannt. GrundsĂ€tzlich scheint er gleich rational wie immer vorgehen zu wollen. Und wie immer sind dazu die Medien ungeeignet. “Schreiben Sie, ich sei hier nicht sehr gesprĂ€chig”, sagt er dem staunenden Journalisten der “Zeit”. Und lacht.