Churchill wollte die Schweiz bombardieren lassen.

Winston Churchill und die Schweiz: Das ist in unserer Erinnerung die berĂŒhmte Rede in der Aula der ZĂŒrcher UniversitĂ€t, wo er der britische Premier den Europa-Gedanken erstmals öffentlich propagierte. Doch das ist auch ein Plan, die Alpen zu bombardieren, um den Kohletransport zwischen Deutschland und Italien zu stoppen, wie wir seit heute wissen.

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Der Auftrag

Michael Bloch, Doktorand der Internationalen Beziehungen an der Uni Genf, berichtet in der heutigen NZZ am Sonntag ĂŒber Erstaunliches: Demnach hat der britische Prmier am 27. Januar 1941 dem Luftfahrtministerium eine Anweisung geschickt, einen Bericht zu erstellen, wie die Kohlelieferungen Deutschland an Italien – immerhin 200 000 Tonnen wöchentlich – gestoppt werden könnten.

Die PlÀne
Das angefragte Luftfahrtministerium sah drei Möglichkeiten: Unterbunden werden könnten die Transporte aus der Luft, indem man

. die Rangierbahnhöfe oder elektrischen Kraftwerke in Norditalien angreift,
. die Eisenbahnlinie in den Alpen bombardiert, oder
. die Rangierbahnhöfe der Ruhr und der Schweizer Grenze unterbindet.

Bomben ĂŒber den Alpen abzuwerfen, wurde ausdrĂŒcklich begrĂŒsst, aber auch problematisiert. Denn man mĂŒsse BergstĂŒrze auslösen, welche die Tunnels verschĂŒtteten. Das setze PrĂ€zisionarbeit voraus, die nachts nicht möglich sei. Deshalb empfahl das Ministerium, die zentralen Eisenbahnknoten Köln, Duisburg und Mannheim regelmĂ€ssig anzugreifen.

Hugh Dalton, der Minister fĂŒr wirtschaftliche KriegsfĂŒhrung, hatte bereits 1940 vorgeschlagen, bei der Entsendung des neuen Ersten SekretĂ€rs der britischen Botschaft einen Geheimdiestagenten mitfliegen zu lassen, der Sprengstoff schmuggeln solle. Diesen solle man sozialdemokratisch gesinnten Arbeitern der Schweizer Eisenbahnen ĂŒbergeben, um die Geleise zu sprengen und so UnfĂ€lle auszulösen.

Die verbindliche Antwort an den Permier verfasst Oxford-Professor Frederick A. Lindemann zwei Wochen nach der Anfrage: Er verstehe die EinwÀnde des Luftfahrtministeriums gegen eine Bombardierung aus der Luft, und er sehe, dass ein Sabotageplan als ebenso schwierig erachtet werde.

Nur drei Tage spĂ€ter visierte Churchill dieses Dokument. „Von da an sollten die Bombardierung oder die Sabotierung des Alpentransits durch die Schweiz auf unbestimmte Zeit vertagt bleiben“, hĂ€lt Michael Bloch fest.

Der Kommentar
Von AngrifftsplĂ€nen Hitlers auf die Schweiz weiss man heute genĂŒgend, solche aus Churchills Hauptquartier haben aber Neuigkeitswert. Jedenfalls haben sich die Historiker mit der geschilderten Episode anfangs 1941 bisher nicht befasst.

Der junge Politologe kommentiert sie wie folgt: Die Zerstörung der schweizerischen Eisenbahnlinie durch die Alpen wÀre eine Verletzung der Schweizer NeutralitÀt gewesen; die denkbare Reaktion Deutschlands wÀre wohl gewesen, die schweizerischen Bahnlinien unter die eigene Kontrolle der Achse zu bringen.

Und: Er legt Wert darauf, dass die schweizerische NeutralitĂ€t in diesen Dokumenten aus dem Jahre 1941 mit keinem Wort erwĂ€hnt werde. Den Ausschlag hĂ€tten realpolitische Überlegungen gegeben.

Claude Longchamp