“They never come back” (Bundesratswahlen 2008/4)

Boxer sind hart im Nehmen und hart im Geben, sonst geht gar nichts! Doch gibt es fĂŒr sie ein ehernes Gesetz: Einmal weg vom Fenster, gibt es kein zurĂŒck mehr, lautet wenigstens die populĂ€re Redewendung. Auf die Politik ĂŒbertragen schient das nicht zu gelten. Zwar teilt man gerne aus, und kassiert man dafĂŒr auch SchlĂ€ge, doch bei der SVP macht sich ein stures Festhalten an einer Einerkandidatur von alt-Bundesrat Christoph Blocher bemerkbar. Mit hohen Risiken!


Die Abwahl von Christoph Blocher als SVP-Bundesrat, die bei ihm und seiner Partei unverarbeitet ist

Es erstaunt, mit welcher HartnĂ€ckigkeit die SVP die RĂŒckkehr von Christoph Blocher in den Bundesrat fordert. Und es ĂŒberrascht, mit welcher Zielstrebigkeit Christoph Blocher selber sein Comeback anstrebt.

Die richtige Person zum richtigen Moment
2003 waren Christoph Blocher und seine SVP im richtigen Moment am richtigen Ort. Was vorher nicht gelang, glĂŒckte nach dem grosen Wahlsieg der SVP bei den Parlamentswahlen von 2003. Die grösste politische Partei der Schweiz, die mit nur einem von sieben BundesrĂ€ten in der Landesregierung unterdotiert vertreten war, konnte nach den Regeln der arithmetischen Konkordanz Anspruch auf einen weiteren Sitz in der Exekutive pochen. Sie konnte diesen mit Hilfe der interessierten FDP und weniger CVP-Vertretern auch mit einer alternativlos prĂ€sentierten Kandidatur durchsetzen. Das Ueberraschungsmoment am Wahlabend selber war fĂŒr den spĂ€teren Erfolg mitentscheidend.

Die Ursachen der VerÀnderung
Doch vier Jahre spÀter wurde Christoph Blocher abgewÀhlt. Nicht wegen eines fehlenden politischen Leistungsausweises. Auch nicht mangels fachlicher Kompetenzen. Nein, die zustande gekommene Allianz gegen ihn hatte drei Grundlagen:

Erstens, die politischen Gegnerschaft, die Bundesrat Christoph Blocher vorwarf, Verfassungs- und Völkerrecht zum Gegenstand parteipolitischer Gefechte gemacht zu haben, bei denen der Justizminister gerne die Schiedrichterrolle in eigener Sache spielte;
zweitens, der Teil der WahlmÀnner und -frauen von 2003, die mit der VerstÀrkung der SVP im Bundesrat gehofft hatten, eine ZÀhmung der erfolgreichen Parteien erreichen zu können, zwischenzeitlich aber enttÀuscht waren;
und drittens, bĂŒrgerliche ParlamentarierInnen, die genug von den regelmĂ€ssig aggresiven Beleidigungen im tĂ€glichen Umgang mit Bundesrat Blocher hatten.

Die falsche Person im Moment der RĂŒckkehr

Das Szenario, das sich jetzt bei der Ersatzwahl fĂŒr Bundesrat Samuel Schmid abzuzeichnen beginnt, erinnert zu stark an frĂŒhrere VorgĂ€nge: Die SVP will Christoph Blocher. Sie verweist auf seinen Leistungsausweis als Unternehmer, der viele Herausforderungen erfolgreich bestanden hat. Doch sie schliesst personelle Alternativen von Beginn weg aus.

Damit ging und geht sei ein hohes Risiko ein. Rechnet man die gemachten Erfahrungen mit Bundesrat Blocher zwischen 2003 und 2007 hinzu, muss man von einem halsbrecherischen Poker sprechen: Wenig wahrscheinlich ist es, dass der Trumpf sticht und die SVP erneut mit Christoph Blocher im Bundesrat vertreten sein wird. Denn die anderen Regierungsparteien haben nicht offiziell, aber unmissverstÀndlich verlauten lassen, abgewÀhlte BundesrÀte nicht wieder zu wÀhlen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass die Karte, auf die man zu setzen scheint, nicht zieht. Die SVP wÀre dann keinen Schritt weg von der Oppositionsrolle, in die sich die Partei wegen der Abwahl von Christoph Blocher manövriert hatte.

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Zu hoffen wĂ€re, dass die SVP den Reflex der Boxer aufnimmt, nicht ungeschĂŒtzt einen k.o.-Schlag zu kassieren, sondern rechtzeitig auszuweichen. Auf die Politik ĂŒbertragen heisst dies, Partei- und Personeninteressen zu unterscheiden, damit die Partei ihren Anspruch auf einen Bundesratssitz einlösen kann.

Entscheidend ist bei einer erfolgreichen Wahl in die Landesregierung, auf die UnterstĂŒtzung im den eigenen Reihen und auf die Anerkennung durch eine Mehrheit der ParlamentarInnen zĂ€hlen zu können. Dass es ohne RĂŒckhalt in einer Partei nicht geht, hat das Scheitern von Samuel Schmid nachtrĂ€glich bewiesen. Ohne die nötigen Zustimmungsabsicht im Wahlgremiums ist eine Kandidatur von alt-Bundesrat Blocher schon im Voraus illusorisch.

Claude Longchamp

2 Responses to ““They never come back” (Bundesratswahlen 2008/4)”


  1. 1 SVP

    Parteien mĂŒssen farbe bekennen

    (SVP) Die Schweiz hat die wohl schwierigste Weltwirtschafts- und Finanzkrise seit dem 2. Weltkrieg zu bewĂ€ltigen. Deshalb hat die SVP des Kantons ZĂŒrich gestern Abend in der Person von Christoph Blocher den fĂ€higsten Mann fĂŒr den frei werdenden Bundesratssitz nominiert. Die SVP-Parteispitze will nun von den anderen Parteien eine klare Antwort auf die Frage, ob Christoph Blocher fĂŒr sie wĂ€hlbar ist.

    Die ZĂŒrcher SVP hat gestern Abend Christoph Blocher als Bundesrat zu Handen der Fraktion nominiert. Aufgrund der sehr zahlreichen Anfragen zu dieser Kandidatur nimmt die SVP Schweiz wie folgt Stellung:

    Diese Bundesratswahlen finden nicht nur unter speziellen Bedingungen statt, sondern auch in einer fĂŒr die Schweiz politisch und wirtschaftlich ĂŒberaus schwierigen Zeit. Es gilt, die wohl schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu bewĂ€ltigen. Es besteht die Gefahr, dass der Staatsapparat aufgeblĂ€ht wird und den BĂŒrgern noch weniger Geld zum Leben bleibt. Die Arbeitslosigkeit steigt an, die sozialen Spannungen nehmen zu. Der internationale Druck auf den Finanzplatz verstĂ€rkt sich, ebenso nehmen KriminalitĂ€t und Migration weiter zu. Gerade in Zeiten solcher Krisen ist es von besonderer Bedeutung, UnabhĂ€ngigkeit, NeutralitĂ€t und Wohlstand unseres Landes zu bewahren. Dazu kommt, dass die Schweizer Armee heute weder einsatzfĂ€hig noch mobilisierbar und schlicht nicht in der Lage ist, ihren Auftrag zu erfĂŒllen.

    Gestern Abend hat der Vorstand der SVP des Kantons ZĂŒrich Christoph Blocher als offiziellen Bundesratskandidaten vorgeschlagen. Die ZĂŒrcher Sektion verweist dabei zu Recht auf den erforderlichen Leistungsausweis, der zur BewĂ€ltigung dieser anspruchsvollen Aufgabe an die Kandidaten gestellt wird. Weder in der Partei noch in der Fraktion wird bestritten, dass a. Bundesrat Christoph Blocher mit seiner FĂŒhrungserfahrung in Wirtschaft, Politik und Armee der fĂ€higste Mann dafĂŒr ist.

    Gleichzeitig wird von verschiedensten Seiten jedoch auch immer wieder betont, dass Christoph Blocher vor der Bundesversammlung kaum gewĂ€hlt werde und deshalb fĂŒr eine Nomination nicht geeignet sei. Die SVP-Fraktion muss bis zu ihrer Nominationssitzung vom 27. November 2008 Klarheit ĂŒber die Frage haben, ob Christoph Blocher fĂŒr die anderen Parteien wĂ€hlbar ist. Der Fraktions- und ParteiprĂ€sident der SVP werden in den nĂ€chsten Tagen insbesondere mit der FDP und der CVP das GesprĂ€ch suchen.

  1. 1 Blochers letztes Aufgebot? | BĂŒrger-Herold

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