Der Wunschkandidat der parteiĂŒbergreifenden Linken

Die Wochenzeitung hatte ihn von Anfang an ganz oben auf der Liste der BundesratsanwĂ€rter. Jetzt wird der Tessiner StĂ€nderat Dick Marty von den Linken bei den GrĂŒnen und in der SP als eigentlicher Favorit fĂŒr die Nachfolge von Pascal Couchepin prĂ€sentiert, ohne dass er gleich schon “no” sagen wĂŒrde.

060123_marty_vmed_7p_widec
Dick Marty, Tessiner StĂ€nderat aus den Reihen der FDP, wird von den parteiĂŒbergreifenden Linken als Bundesratskandidaten gehandelt.

Der Tessiner FDP-Politiker Dick Marty ist ohne Zweifel eine der orginellsten Persönlichkeiten unter der Berner Bundeskuppel. Als Jurist vertrat der die Schweiz im Ausland. Als Staatsanwalt des Tessins kĂ€mpfte er gegen das organisierte Verbrechen. Als Regierungsrat in seinem Wohnkanton war er fĂŒr die Finanzen zustĂ€ndig. Und als StĂ€nderat war der SĂŒdlĂ€nder PrĂ€sident von “Schweiz Tourismus”.

Allen bekannt wurde Marty mit seiner Delegation in den Europarat, wo man ihn beauftragte, die vermuteten “black sites” der CIA mit Gefangenen aus dem Irak-Krieg zu untersuchen. Sein hartnĂ€ckiges Insistieren in dieser Sache brachte ihm querbeet Freund und Feind ein und begrĂŒndeten definitiv seinen Ruf des unerschrockenen Politikers jenseits von Parteiinteressen.

Nun bringen Teile der Linken Dick Marty ins GesprĂ€ch als möglichen Bundesrat. Die WOZ bereitete den Zug seit Wochen vor; die GrĂŒnen im Tessin aktualisierten dieser Tage die Idee. Andy Gross, SP-National- und Europarat setzte heute noch einen drauf: Er brachte unter dem Titel “Bundesratswahlen: Keine Castingshow” (erneut) eine Streitschrift zur Regierungszusammensetzung heraus, die Marty zum Favoriten der fraktionsĂŒbergreifenden LinkspolitikerInnen erhebt.

Die FDP kann’s Ă€rgern oder freuen: Missmutig dĂŒrfte Fulvio Pelli sein, dessen Anspruch, die einzige italienischsprachige Alternative im Kabinett der Minderheiten zu sein, geschmĂ€lert wird. Freuen könnte sich aber seine FDP, dass sie ĂŒber einen Kandidaten verfĂŒgt, der links von ihr wĂ€hlbar erscheint.

GewÀhlt ist Marty damit bei Weitem nicht. Doch könnte er zur Option der FDP werden, wenn diese die ihren zweiten Sitz im Bundesrat mit den Stimmen von links verteidigen muss. Je nach Verlauf der Bundesratswahlen könnte das von Belang werden.

Mit seinem neuen Buch lanciert Gross auch noch ein zweites Diskussionsangebot: die Bundesregierung in Richtung “kleiner Konkordanz” umzubauen. GemĂ€ss dem Lieblingsthema der GrĂŒnen soll mit der Gesamterneuerungswahl von 2011 der Bundesrat auf 9 Sitze erweitert, jedoch um die SVP reduziert werden. Die Bundesregierung solle sich inskĂŒnftig aus je zwei Vertretern von FDP, CVP und SP sowie je einem Mitglied der BDP, der GrĂŒnliberalen und der GrĂŒnen zusammensetzen, um der SVP in der Opposition widerstehen zu können.

Claude Longchamp

Andreas Gross, Fredi Krebs (Hg.): Bundesratswahlen sind keine Casting-Show! Edition le Doubs, St. Ursanne 2009