Demobilisierung und Abwanderungen – zwei gleichzeitige Ursachen der SP-Niederlage

Das Ergebnis der SozialdemokratInnen wird wohl noch l√§nger zu Reden geben. Erhebliche Demobilisierung und rechtsnationale Abwanderungen d√ľrften die Hauptursache sein.

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Wählerstromanalyse sind praxisorieniterte Schätzungen der Wanderungen von Wählenden nicht nur zwischen den Parteien, sondern auch zu den Nicht-Wählenden

Die vorläufig interessante Einzelanalyse liegt aus Oesterreich vor, wo die Sozialdemokraten annähernd 10 Prozentpunkte im WählerInnen-Rating verloren.

Gem√§ss der W√§hlerInnnenstrom-Analyse des Wiener Forschungsinstituts SORA ist die Demobilisierung der bisherigen W√§hlerschaft die Hauptursache. Der SP gelang es nicht mehr, die bisherige W√§hlerschaft zu √ľberzeugen, dass sich die Stimmabgabe lohnt. Das spricht f√ľr ein erhebliches Mass an Entt√§uschung.

An zweiter Stelle stehen Verluste an die Liste „Martin“, dessen zentrale Figur vormals Mitglied der SPOe war. Er hat sich aber ins Lager der EU-Kritiker verabschiedet, um von einem rechtsnationalen Standpunkt aus die Anliegen des „kleinen Mannes“ zu vertreten. Dazu passt auch, dass die dritte und vierte Ursache in den Wechselw√§hlerbewegungen hin zur FPOe, ja selbst zum erfolglosen BZOe zu sehen sind.

Beide Ph√§nomene, Demobilisierung und Wanderungen zu den Rechtsnationalen, sind nicht ganz neu, im Ausmass aber weitgehend unbekannt. Sie d√ľrften durch einen mangelnden Ausweis der gem√§ssigten Linken bei der Arbeitsplatzsicherheit w√§hrend der Weltwirtschaftskrise verursacht sein. Bei Europawahlen kommen solche Entt√§uschung st√§rker zum Ausdruck als bei nationalen oder lokalen Entscheidungen.

So begr√ľndet lassen sich auch die zentralen Hypothesen formulieren, wie die Verluste anderer Sozialdemokraten in Regierungspositionen analysiert werden k√∂nnen.

Spezifisch „√∂sterreichisch“ d√ľrfte sein, dass die Niederlage der SPOe noch deutlicher ausgefallen w√§re, h√§tte die Partei nicht ein positive Wechselbilanz gegen√ľber den Gr√ľnen gehabt. Diese hatten im Vorfeld der Wahl ihre eigen EU-Position soweit demontiert, dass sie unglaubw√ľrdig wurden. Auf europ√§ischer Ebene wird man diesen Befund nicht finden; da d√ľrften die Sozialdemokraten eine beschr√§nkt negative Wechselbilanz zu den Gr√ľnen haben.

Claude Longchamp