Spaltungen der Schweiz bei Volksabstimmungen systematisch untersucht

Ein Forschungsprojekt von Berner PolikwissenschafterInnen hilft, die Vielfalt von GegensĂ€tzen in den Abstimmungsergebnissen historisch und typologisch zu ĂŒberblicken.

Wer erinnert sich nicht an die Volksabstimmung vom 6. Dezember 1992, als die Schweiz in einer denkwĂŒrdigen beim Volksmehr knapp, beim StĂ€ndemehr deutlich entschied, dem EWR nicht beizutreten. Vom „Röschtigraben“ war damals sinnbildlich die Rede, weil die Trennlinie zwischen mehrheitlicher Zustimmung und Ablehnung praktisch mit der Sprachgrenze zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz zusammenfiel, und die Sprachregionen (mit Ausnahme der deutschsprachigen GrossstĂ€dte) fast gĂ€nzlich gegensĂ€tzlich stimmten.

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Cleavages oder Konfliktlinien nennt die Sozialwissenschaft gesellschaftlich bedingte Spaltungen, die historisch zurĂŒckliegende Konflikte reflektieren, nachwirken, verschiedenen Interessen oder IdentitĂ€ten zum Ausdruck bringen und durch entschprechende Organisationen immer wieder mobilisiert werden. Das kann man erfolgreich fĂŒr die Entstehung der Parteiensysteme verwenden, aber auch fĂŒr Analyse von Volksabstimmungsergebnisse verwenden.

Ein Forschungteam der UniversitĂ€t Bern, geleitet von Wolf Linder, hat sich dieses Raster auf alle Volksabstimmungen seit 1874 angewendet und die raumbezogenen Resultate erstmals eine systematischen statistischen Analyse ĂŒber die Zeit unterzogen. Die Ergebnisse ihrer Studie wurde vor kurzer Zeit im Band „Gespaltene Schweiz – Geeinte Schweiz. Gesellschaftliche Spaltungen und Konkordanz bei den Volksabstimmungen seit 1874″veröffentlicht (und ist teilweise auf via Web abrufbar).

Konfliktlinie „Stadt vs. Land“ bei Volksabstimmungen
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Regula ZĂŒrcher und Christian Bolliger, welcher die empirischen Arbeiten geleistet haben, kommen zum Schluss, dass der Stadt/Land-Gegensatz nicht nur der wichtigste ĂŒber die ganzen Betrachtungsperiode ist. Er nimmt auch klar zu. Oder anders gesagt: In Volksabstimmung der Schweiz ist die Konfliktlinie zwischen Stadt und Land am hĂ€ufigsten relevant, um Zustimmung und Ablehnung zu kennzeichnen.

Konfliktlinie „Kapital vs. Arbeit“ bei Volksabstimmungen
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An zweiter Stelle figuiert bei ihnen die Konfliktlinie „Arbeit/Kapital“; sie war zwischen 1895 und 1925 ausgeprĂ€gt wirksam und bei Volksabstimmungen die wichtigste. Seit 1986 ist die wieder zunehmend, bleibt aber hinter der erstgenannten zurĂŒck.

Konfliktlinie „deutschsprachige vs. französischsprachige Schweiz“ bei Volksabstimmungen
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Damit sind die beiden interessenbezogenen Spaltungen an der Spitze. Die beiden identitÀtsorientierten Konfliktlinien, die ebenfalls untersucht wurden, folgen danach: Zuerst erwÀhnt wird der Sprachengegensatz (hier vereinfacht dargestellt durch die Spaltung zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz), wÀhrend die konfessionelle Teilung der Schweiz (gemessen an der PolaritÀt zwischen Katholizismus und Protestantismus) an letzter Stelle folgt.

Konfliktlinie „Katholisch vs. reformiert“ bei Volksabstimmungen
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Der grosse Vorteil dieser Art von Analyse ist, die Uebersicht zu erhalten und zu bewahren, wobei die Aufgeregtheit, mit der einzelne PhĂ€nomene gelegentlich kommentiert werden, relativiert wird. Das gilt notabene auch fĂŒr die „Spaltung“ der Schweiz beim EWR, die aus der Sicht der Abstimmungsgeschichte nur eine vorĂŒbergehende Episode war: ein Grund mehr, diese Konfliktlinie nicht bei jeder Gelegenheit zu bemĂŒhen!

Claude Longchamp