Frauen machen den Unterschied

Datenblog fĂŒr RepublikMagazin vom 18. Februar 2018

In der Bundesversammlung und in der Regierung entscheiden die MÀnner. Anders bei Volks­abstimmungen: Da bestimmen öfter die Frauen, wo es langgeht.

Frauen und MĂ€nner verhalten sich politisch unterschiedlich. Diese These wird von neuen Erkenntnissen der britischen Sozial­wissenschaftlerin Rosalind Shorrocks gestĂŒtzt. 2018 veröffentlichte sie eine breit angelegte Studie zum gendertypischen Wahlverhalten ĂŒber 25 Jahre in westlichen Gesellschaften. Sie stellte fest, dass vor allem junge Frauen linken Parteien nĂ€her stehen als MĂ€nner. Den grössten Unterschied fand Shorrocks in Island. Auch in Italien und Österreich wĂ€hlen die Frauen eher links, wĂ€hrend sich die MĂ€nner mehrheitlich fĂŒr die rechten Parteien entscheiden.

Die Schweiz ist keine Ausnahme. Bei den Wahlen 2015 wĂ€hlten deutlich mehr Frauen die GrĂŒnen und die Sozial­demokraten als MĂ€nner. Derweil ist die Mehrzahl der SVP-WĂ€hler mĂ€nnlich; bei den bĂŒrgerlichen Mitte­parteien war der Geschlechter­unterschied bislang geringfĂŒgig.
Ganz anders sieht die Situation bei Volks­abstimmungen aus. Eine Analyse der letzten 30 Jahre zeigt, dass sich Frauen bei Abstimmungen viel öfter durchgesetzt haben als MÀnner. Unterschieden sich die Mehrheiten nach Geschlechtern, beeinflussten die Frauen elfmal das Resultat entscheidend, die MÀnner konnten sich nur dreimal durchsetzen. Vor allem bei gender­spezifischen, gesellschafts- und sozial­politischen Vorlagen stimmten die Frauen geschlossener ab und gaben so den Kurs vor.

Frauen verhinderten den Gripen-Kauf

Das erste Mal berichteten Vox-Analysen 1985 im Nachgang zu einer Volks­abstimmung von unterschiedlichen Geschlechter­mehrheiten. Damals wurde ĂŒber das neue, heute noch geltende Ehe- und Erbrecht entschieden. Die Mehrheit von 52 Prozent der stimmenden MĂ€nner lehnte dessen EinfĂŒhrung ab; 61 Prozent der Frauen sagten Ja. Das fĂŒhrte gesamthaft zu einer Zustimmung von 55 Prozent. Erstmals nach der EinfĂŒhrung des nationalen Frauen­stimmrechts im Jahr 1971 entschieden die Frauen damit eine Volks­abstimmung zu ihren Gunsten – gegen den Willen der MĂ€nner.
Eine Ă€hnliche Konstellation gab es insgesamt elfmal. Die folgende Grafik zeigt, bei welchen Abstimmungen die Frauen das Ergebnis bestimmten. Angegeben ist jeweils die Differenz des Ja-Stimmen-Anteils zur 50-Prozent-Marke – in Braun bei den MĂ€nnern, in GrĂŒn bei den Frauen. Je grösser die grĂŒnen Balken im Vergleich zu den braunen Balken sind, desto stĂ€rker wurde das Ergebnis vom Verhalten der Frauen geprĂ€gt.

Wann sich Frauen an der Urne durchsetzten

Volksabstimmungen, die von Frauen entschieden wurden: Differenz des Ja- Stimmen-Anteils zur 50-Prozent-Marke nach Geschlecht

Quelle: Vox-Analysen. Abgebildet sind nur Vorlagen, bei denen die Mehrheiten von Frauen und MĂ€nnern unterschiedlich und die Differenz statistisch signifikant war. Lesebeispiel: Bei der Initiative zum Ehe- und Erbrecht (1985) stimmten 61 Prozent der Frauen Ja. Das ergibt eine Differenz zur 50-Prozent-Marke von 11 Prozentpunkten. Bei den MĂ€nnern stimmten 48 Prozent mit Ja, das ergibt eine Differenz von –2 Punkten. Die klare Ja-Positionierung der Frauen entschied schliesslich die Abstimmung.

Wie die Grafik zeigt, ist der Unterschied zwischen den MĂ€nner- und den Frauen­stimmen beim Ehe- und Erbrecht mit 13 Prozentpunkten bis heute die zweitgrösste geblieben. Nur 1994, bei der Abstimmung zur Rassismus-Strafreform, war der Geschlechter­unterschied noch grösser. Damals votierten 64 Prozent der Frauen fĂŒr die Vorlage, 53 Prozent der MĂ€nner dagegen.
Das letzte Mal stimmten Frauen und MÀnner 2014 unterschiedlich ab. Beim Referendum zum neuen Kampf­flugzeug setzten sich die Frauen mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 58 Prozent gegen die MÀnner durch und verhinderten so den Gripen-Kauf.
Weit seltener als die Frauen entschieden die MĂ€nner mit einem eindeutigen Stimm­verhalten eine Abstimmung. Die letzte solche Entscheidung datiert von 2011, damals setzten sich die MĂ€nner bei der Volksinitiative «FĂŒr den Schutz vor Waffen­gewalt» durch und gaben mit ihren Stimmen den entscheidenden Ausschlag. Entgegen dem mehrheitlichen Willen der Frauen durfte die Ordonnanz­waffe weiterhin zu Hause aufbewahrt werden.

MĂ€nner hĂ€tten Kampfflugzeug „Gripen“ beschafft

Volksabstimmungen, die von MĂ€nnern entschieden wurden: Differenz des Ja- Stimmen-Anteils zur 50-Prozent-Marke nach Geschlecht

Am hĂ€ufigsten waren sich MĂ€nner und Frauen bei gesellschafts- und sozial­politischen Vorlagen uneinig. Weitere Differenzen ergaben sich vereinzelt bei Infrastruktur­projekten mit Service-public-Charakter oder bei Entscheiden zur staatlichen Kultur­förderung. Armee­vorlagen sind dagegen im Normalfall nicht besonders anfĂ€llig fĂŒr unterschiedliche Geschlechtervoten.

Sozialliberal vs. sozialkonservativ

Wie solche Differenzen zustande kommen, haben die Politik­wissenschaft­lerinnen Pippa Norris und Ronald Inglehart in ihrem neuen Buch mit dem Titel «Cultural Backlash» skizziert. Norris und Inglehart zeigen auf, wie die stille Revolution hin zu sozialliberalen Werte­haltungen, ausgelöst durch die Bildungs­revolution seit den 1960er-Jahren, Frauen mehr Vorteile als den MÀnnern brachte, die zunehmend Privilegien verloren. Gebrochen wurde diese stille Revolution durch die ökonomischen Krisen ab 2008, aber auch durch die Kritik an der Zuwanderungs- und der DiversitÀts­politik. Das hat sozial­konservative Einstellungen verstÀrkt und insbesondere bei MÀnnern einen autoritÀr geprÀgten Backlash ausgelöst.
Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in der Schweiz beobachten – wenn auch etwas zeitversetzt. So gab es bis 1985 kein Beispiel fĂŒr gegensĂ€tzliches, geschlechter­spezifisches Verhalten bei Volks­abstimmungen. Danach trat solches zuerst nur ausnahmsweise auf, erst nach 1994 hĂ€ufte es sich deutlich. Elf von vierzehn Volks­abstimmungen mit unterschiedlichen Geschlechter­voten fanden zwischen 1994 und 2014 statt. Seither gewannen Frauen nicht mehr an Entscheidungs­macht hinzu.
Ganz so still wie von Norris und Inglehart beschrieben verlief die Entwicklung in der Schweiz allerdings nicht. Zwei krasse Einschnitte in der Schweizer Politik leiteten die Neuerung im Stimm­verhalten der Frauen ein: zuerst die Nichtwahl von Lilian Uchtenhagen in den Bundesrat 1983, dann der Frauenstreik von 1991 mit dem unrĂŒhmlichen Nachspiel, dass die Streik­fĂŒhrerin Christiane Brunner nicht in den Bundesrat gewĂ€hlt wurde.

Frauen sind Korrektiv bei gesellschafts­politischen Fragen

Beide Ereignisse brachten tiefe BrĂŒche in die politische Kultur der Schweiz. Sie fĂŒhrten zur starken politischen Mobilisierung von Frauen und hatten zur Folge, dass sich bei bisher mĂ€nnlich geprĂ€gten Gesellschafts­fragen, aber auch in der Umwelt- und Sozial­politik die höhere Frauen­beteiligung auf die Abstimmungs­resultate auswirkten.
Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn nicht wenige MĂ€nner plĂ€dierten bei den Entscheidungen zur EinfĂŒhrung des Frauenstimm- und des Frauenwahlrechts 1959 und 1971 fĂŒr ZurĂŒckhaltung. Nirgends auf der Welt brĂ€chten die politischen Rechte so viel Entscheidungs­macht mit sich wie in der Schweiz, argumentierten die Gegner.
Sie hatten recht. Nur fĂŒhrte das Frauen­stimmrecht nicht dazu, dass es der Schweiz fortan schlechter ging, stattdessen förderte es die Entwicklung hin zu einer fortschrittlichen Gesellschaft mit Gesetzen gegen Rassismus und zu Sexual­vergehen gegen Kinder. Denn hĂ€tten in den letzten 34 Jahren nur MĂ€nner abgestimmt, hĂ€tte die Schweiz nicht nur ein neues Kampf­flugzeug gekauft, sondern wĂŒrde wohl immer noch auf einem patriarchalen Ehe- und Erbrecht sitzen, und schwerer sexueller Missbrauch von Kindern wĂ€re weiterhin verjĂ€hrbar.

Die Daten

FĂŒr die politische Verhaltens­forschung ist die Schweiz ein GlĂŒcksfall. Seit 1977 werden alle Volks­abstimmungen auf Befragungs­basis nachanalysiert. Es werden Beweg­grĂŒnde fĂŒr die Teilnahme und die Entscheide der Schweizer Stimm­bĂŒrgerinnen erfasst. Das lĂ€sst differenziertere SchlĂŒsse zu gendertypischen Aspekten in der politischen Entscheidungs­findung zu, als es allein aus der Wahl­forschung ersichtlich wird.