Gretas Generation.

Meine Kolumne vom 7.2.2019 fĂŒr swissinfo.ch

Desinteresse: Das ist die verbreitete Haltung junger Menschen gegenĂŒber der Politik. Doch die Rettung des Klimas hat am letzten Samstag in 13 Schweizer StĂ€dten knapp 40’000 Menschen auf die Strasse gebracht. Darunter sehr viele junge Menschen. Deren Einmischung in die Politik hat aber frĂŒher begonnen.

NatĂŒrlich war und ist da vor allem Greta Thunberg.
Seit einem halben Jahr schwĂ€nzt die schwedische Klimaaktivistin jeden Freitag die Schule. Mit anderen SchĂŒlern demonstriert sie vor dem Parlament in Stockholm fĂŒr eine wirksame Klimapolitik.
Seit ihrer medienwirksamen Zugsreise ans WEF 2019 (World Economic Forum) in Davos ist sie die eigentliche Ikone einer ganz jungen Generation. Rund um den Globus setzt sie sich fĂŒr ihr kommendes Leben ein.
Auch in der Schweiz wenden sich neuerdings Jugendliche an Politiker. Mitte Januar 2019 leiteten Sara, Luis und Andreas die „Arena“, die traditionelle Polit-Diskussionssendung des Schweizer Fernsehens. Als die drei 17-jĂ€hrigen Jugendlichen gestandene Politiker mit Fragen zu Klima, Migration und Renten löcherten, machten sie durchwegs eine gute Figur. Die Sendung ist beste Werbung fĂŒr die Senkung des Stimmrechtsalters von 18 auf 16.

Die Schweiz als Herrschaft der Alten

Die Schweiz hat das Engagement junger Leute nötiger denn je.
Der liberale Think-Tank „Avenir Suisse“ ist seit einiger Zeit alarmiert. Auf seiner Website fragt er: „Sind wir auf dem Weg zur Gerontokratie?“. Das meint die Herrschaft der Alten. Hauptbefund: Der Median-Teilnehmende an Abstimmungen, der die Stimmenden in zwei gleiche grosse Altersgruppen teilt, ist gegenwĂ€rtig 57 Jahre alt. 2030 wird er 60 sein. Das hat Konsequenzen auf politische Entscheidungen des Landes.
Die Alterung der Stimmenden ist eine unrĂŒhmliche Eigenheit der Schweiz. Weltweit hĂ€ngt die politische Partizipation von der Bildung und dem Geschlecht ab. In der Schweiz ĂŒberlagert das Alter diese HintergrĂŒnde.
Wer unter 35 Jahren alt ist, kĂŒmmert sich um Selbstfindung, Berufseinstieg und FamiliengrĂŒndung. Erst wenn daraus eine gefestigte Persönlichkeit geworden ist, kommt das politische Engagement zu Zug. Das hĂ€lt dann bis weit ĂŒber 70 an, sinkt erst mit nachlassender Gesundheit.

Die Social-Media-Generation bricht auf

Der neuerliche Politisierungsschub ist eine Folge der Ausbreitung sozialer Medien.
ZunĂ€chst waren es Plattformen wie Facebook, solche wie Instagram sind es heute. Die Netzwerke sind zum schier unerschöpflichen Sammelsurium von Inhalten geworden. Sie ĂŒberwinden die engen LebensrĂ€ume und machen berĂŒhrende Events ĂŒberall und sofort sichtbar. Dabei geht es um Emotionen, jugendliche LebensgefĂŒhle und generationentypische Sprachformen, um neue Themen auf die Agenda zu setzen.
Der Politmonitor von easyvote erlÀutert, wie das in der Schweiz geht.
Globale Ereignisse wie die Wahl Donald Trumps oder die #metoo-Bewegung gegen sexuelle BelÀstigungen der Frauen lösen riesige Wellen der Aufmerksamkeit aus. Sie politisieren Jugendliche, ihre Freunde und ihre Familien.
Professionelle Vermittler wie Journalisten sind da passĂ©. Das gilt ĂŒberwiegend auch fĂŒr die konventionelle politische Partizipation.

Jungparteien als etablierte Organisationen

Das Kristallisationsereignis der neuen Polit-Generation war die Rentenreform. Die Jungparteien von links bis rechts standen mit Ausnahme der Jungen CVP in der Opposition zur behördlichen Rentenreform. Sie leisteten gemeinsam ihren Beitrag zum mehrheitlichen Nein in der Volksabstimmung. Seither sind sie gefragt. Und sie zeigen bei klar generationstypischer Interessenlage, was Generationenkonflikte sind.
Dennoch sehen auch die Mutterorganisationen in den Jungparteien Vorteile. Sie rekrutieren so NachwuchskrĂ€fte, sozialisieren nachrĂŒckende Generationen weltanschaulich und versprechen sich Gewinne bei Wahlen.
Heute sind Jungparteien etablierte Organisationen.
Gut geschulte Jungparteien wie die JUSO (JungsozialistInnen), die Jungen GrĂŒnen, die Jungfreisinnigen oder die Junge SVP sind in der Lage, nationale Volksinitiativen zu lancieren oder viele Unterschriften fĂŒr Referenden zu sammeln.
Direkte Abstimmungserfolge stehen noch aus, EinflĂŒsse auf die kommende Politagenda sind dagegen verbreitet. Geholfen haben eigene Budgets bis zu einer halben Million Franken jĂ€hrlich. Eigene MitgliederbeitrĂ€ge, ZuschĂŒsse der Mutterparteien und bescheidene BeitrĂ€ge des Staates sind die Quellen der Nachwuchsförderung.

Entscheidende Neuerung bei Wahlen 2019?

Werden die politisierten Jugendlichen die Schweizerischen Parlamentswahlen 2019 bestimmen?
Ich bin skeptisch! Zwar dĂŒrfte die Zahl jugendlicher Bewerbungen steigen und auch ihre tiefe Beteiligung an Wahlen korrigieren. Die Chancen auf eigene Sitze bleiben aber gering. Denn diesen steht das Wahlrecht im Weg. Deshalb gehen die Jungparteien fast immer Listenverbindungen mit der Mutterpartei ein.
Dabei liefern sie, als kleinere Parteien, Zusatzstimmen. Die Sitze gehen fast durchwegs an den grösseren. Effektive Jugendförderung besteht demnach darin, vielen jungen Wilden einen guten Platz auf der Hauptliste zu gewÀhren.
Eine revolutionĂ€re Änderung wĂŒrde der neuartige Doppelproporz bringen. Er gilt seit neuestem in einem Viertel der Schweizer Kantone. Er verteilt die Sitze proportionaler zur erreichten Stimmenzahl.
Im Rennen um Mandate profitieren davon namentlich kleine Parteien und Gruppierungen. GemĂ€ss Simulationsrechnungen wĂŒrden bis zu 10 Prozent der Sitze selbst bei gleichem Stimmenanteil anders verteilt. Mit einem durchschlagenden Gewinner: den Jungparteien.
Gretas Generation wÀre dann definitiv im Schweizer Parlament zu sehen und zu hören.