Wo SVP und SP dank Polarisierung gewinnen – und wo sie verlieren

Wo auf der Links/Rechts-Achse haben die grössten Parteien in den letzten Monaten gewonnen, wo haben sie verloren.

Einige Ueberlegungen
Polarisierung ist das grosse Stichwort der Wahlanalyse in der Schweiz der letzten 20 Jahre. Begonnen hat alles mit den Folgen der EWR-Entscheidung 1992. Von 1995 bis 2003 formierten sich sowohl der linke wie auch der rechte Pol in der Parteienlandschaft und legten SVP, SP und GPS bei Nationalratswahlen zu, 2007 war dies noch bei der SVP und der GPS der Fall.
Erst 2011 kam die Gewinne f√ľr Polparteien gar nicht vor, denn die „neue Mitte“, bestehend aus BDP und GLP, traten neu auf und wurden sie st√§rker.
Unabh√§ngig von den Wirkungen der Polarisierung auf die Parteist√§rke ist die Polarisierung zum festen Bestandteil des medialen Diskurses √ľber Parteien geworden. Schwarz/Weiss-Schematisierungen haben in der Berichterstattung haben zugenommen. Typisch hierf√ľr ist, dass sich in zentralen Frage meist schroff unterschiedliche Positionen gegen√ľber stehen: Pro oder Kontra Asylsuchende aus Eritrea, f√ľr oder gegen den Ausstieg in der Atomenergie, Ja oder Nein zu Eveline Widmer-Schlumpf.
Parteipolitische Protagonisten sind in aller Regel die SVP und die SP, bisweilen auch die GPS. Zwar vermeiden sie heuer die direkte Interaktion vielfach, doch sind ihre Vorschl√§ge h√§ufig so formuliert, dass sie von der Gegenseite nicht unterst√ľtzt werden k√∂nnen. Neu ist 2015, dass sich vor allem FDP und SP duellieren, um im klassischen Konflikt zwischen Staat und Markt an Profil zu gewinnen.

polarisierung
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Einige Befunde

Die nebenstehende Grafik zeigt exemplarisch, was die Folgen der Polarisierung im Wahlkampf sind. Stellvertretend f√ľr andere haben wir die SVP und SP als die gr√∂ssten Polparteien ausgesucht. Dargestellt werden die W√§hlerschaften beider Parteien auf der Links/Rechts-Achse. Dabei handelt es sich um eine Selbsteinsch√§tzung der eigenen Position auf dem zentralen Konstrukt f√ľr die politische Einteilung.
Die fette rote und gr√ľne Linie zeigt die Verteilung im Wahlbarometer vom Juni 2015, der j√ľngsten Erhebung hierzu. Hinzu kommt der Mittelwert f√ľr die Eigenpositionierungen. Die schmale gr√ľne resp. rote Linie deutet die Verteilung im September 2014 an, der letzten Erhebung bevor Aktivit√§ten zu Wahlkampf einsetzten. Auch hier gibt es einen Mittelwert.

‚ÄĘ Die erste Aussage lautet: Die Polarisierung der W√§hlerschaften von SVP und SP hat im Verlaufe des letzten Jahres zugenommen. Der Mittelwert hat sich jeweils um rund einen halben Punkt weg von der Mitte verschoben.
‚ÄĘ Die zweite Bemerkung ist: Stark gewandelt haben sich die Parteist√§rken dabei nicht. Die SVP ist von 25 auf 26 Prozent gestiegen; die SP von 20 auf 19 Prozent gesunken.
‚ÄĘ Schliesslich der dritte Befund: Ver√§ndert hat sich das denkbare Elektorat beider Parteien. Denn die SVP ist bei W√§hlenden mit einer Position von 8-9 st√§rker geworden, bei Werten darunter indessen schw√§cher. Bei der SP gilt ersteres f√ľr Werte von 1-3, nicht aber dar√ľber.

Einige Folgerungen
Was folgt daraus? Die Polarisierung der Wählerschaften auf individuellem Niveau findet auch 2015 statt. Ob auch das Parteiensystem an den Polen gestärkt wird, bleibt allerdings unsicher. Die grossen Polparteien kennen einen vergleichbaren Effekt: Sie legen bei klar positionierten Wählenden zu, verlieren aber gegen die Mitte. Die Bilanz ist bei der SVP möglicherweise positiv, bei der SP vielleicht negativ. Hauptgrund ist, dass die SP nicht in die Mitte reicht, die SVP jedoch hier einen minimalen Sukkurs behält.
Von einer weiteren Polarisierung im Wahlkampf 2015 kann sich die rechte Polpartei Vorteile versprechen, denn sie n√§hert sich im Wahlbarometer den Werten fr√ľherer Wahlen. Allerdings, auch sie √ľberl√§sst gem√§ssigtere W√§hlerInnen den Parteien, die st√§rker im Zentrum angesiedelt sind. Diesmal sind es die FDP, CVP und BDP. Schwieriger noch ist es f√ľr die SP, aus der Polarisierung Gewinne zu erzielen. Nicht nur ist die Bilanz eher negativ, links hat sie keine hegemoniale Stellung, denn die GPS ist hier in vielen Kantonen die Konkurrenz. Die SP k√∂nnte letztlich nur Punkten, wenn sie ihre Bindungsf√§higkeit im Mitte/Links-Lager Aufrecht erh√§lt, dort, wo sie von GLP und CVP konkurrenziert wird.

Claude Longchamp