GrĂŒnde fĂŒr die Wahlabstinenz in der Schweiz

Zahlreich waren die Anfragen letzte Woche zu den GrĂŒnden fĂŒr die Wahlabstinenz in der Schweiz. Gestern nun veröffentlichten die Politikwissenschafter Markus Freitag und Mathias Fatke ihre neuesten Forschungsergebnisse hierzu, die den Stand der Dinge aus Sicht der BĂŒrgerInnen darstellen.

Oeffentliche Kontroversen – wissenschaftliche Forschungen
Auf der einen Seite gibt es auf der ganzen Welt wissenschaftliche Forschungen zu politischen Partizipation, speziell zur Wahlbeteiligung. Denn sie sinkt weltweit. Auf der anderen ist genau dieses Thema wiederkehrender Gegenstand öffentlicher Debatten, gerade auch in der Schweiz.
Doch beziehen sich die Diskussionen kaum aufeinander. Zu den typischen Unterschieden zĂ€hlt, dass mediale Diskussionen meist monokausal argumentieren, wĂ€hrend wissenschaftliche Untersuchungen in der Schweiz seit den spĂ€ten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts die Vielfalt an GrĂŒnden und Typen hervorheben. Zudem sind die Alltagsinterpretationen meist beschönigend oder dann ĂŒberzeichnen sie das Negative, der weil die Politikwissenschaft normative Bewertungen von empirischen Untersuchungen trennt. Schliesslich setzen die medialen Interpretationen meist bei einem (krassen) Fallbeispiel an um qualitative Belege fĂŒr Vermutungen zu finden, wĂ€hrend Forschungsarbeiten hierzu in aller Regel verallgemeinernd und quantifizierend vorgehen.

Forschungsergebnisse aus der Schweiz

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts bedient sich die Schweizer Politikwissenschaft unter anderem einer Typisierung von GrĂŒnden fĂŒr die Wahlabstinenz, wie sie namentlich in Deutschland entwickelt worden ist. Die Diskussionen in beiden LĂ€ndern unterscheiden sich zwar, gerade auch weil die Problematik und die Bedeutung des Themas anders sind. Von Belang war bei der Ursprungspublikation zur Situation in der Schweiz 1999 die Frage, ob die Typenbildung aus Deutschland auch in der Schweiz funktioniert. Wenn zwischenzeitlich eine Replikationsstudie mit Daten von 2011 vor; die bejaht die Verallgemeinerbarkeit des Ansatzes lĂ€nder- und zeitĂŒbergreifend weitgehend, wenn auch nicht ohne Anpassungen an Ort und Zeit.

Subjektive GrĂŒnde der Wahlabstinenz lassen sich demnach aufgrund aktueller Daten wie folgt kategorisieren:

niwaehler
Grafik anclicken, um sie zu vergrössern

Desinteressierte kommen heute am hÀufigsten vor, gefolgt von Ueberforderten und sozial Isolierten, etwa gleich auf mit den Politikverdrossenen. Alles andere ist seltener. Im Zeitvergleich ist es durchaus möglich, das die Desinteressierten in geringerer Zahl vorkommen, allerdings kompensiert durch Ueberforderung und Verdruss.

Wahl- nicht Abstimmungsabstinenz
Festgehalten sei hier, dass es sich dabei um Beobachtungen zur Wahlabstinenz handelt, nicht zur Abwesenheit bei Sachabstimmungen. Denn diese ist mittlerweile etwas geringer, vor allem aber vom Themenmix und der Thematisierung im Abstimmungskampf abhÀngig. Entsprechend variiert sie recht stark. Wahlbeteiligung ist weniger selektiv, grundsÀtzlich betrachtet ist sie es aber auch.
Die Wahlforschung geht davon aus, dass auf nationaler Ebene ein Teilnahmewert von 40-45 Prozent die untere Grenze darstellt, derweil eine Beteiligung von 55-60 Prozent der oberste Wert sein dĂŒrfte. Das heisst, dass minimal 10, maximal 20 Prozent der Wahlberechtigten im Herbst einen Entscheid von Fall zu Fall treffen dĂŒrfen.

Kurzfristige Ansatzpunkte der Behebung
Bekannt ist, dass Provokations-Kampagnen geeignet sind die Wahlberechtigten mit Politikverdruss anzusprechen. Themenkampagnen wiederum können die Beteiligung von Personen mit PrĂ€ferenzen fĂŒr Volksabstimmungen befördern. Schliesslich sei erwĂ€hnt, dass Informationskampagnen Ueberforderungen mit dem ausdifferenzierten Parteiensystem, aber auch dem anspruchsvollen Wahlrecht abbauen können.
Schwieriger erscheint es, die drei anderen Typen kurzfristig anzusprechen: Bestehende Isolation und tiefes Desinteresse lassen sich wohl nur mit Zwang oder sozialer Kontrolle bei der Wahl angehen. Die meisten, die sich damit beschĂ€ftigt haben, neigen dazu, Ă€ussere GrĂŒnde ohne minimale innere Ueberzeugung abzulehnen. Zwang im eigentlichen Sinnen könnte namentlich bei Personen mit Vorlieben fĂŒr direkte Ausdrucksformen in der Politik zu Gegenreaktionen fĂŒhren.
Kurzfristig bedeutet das alles, dass der Staat, die Medien, die Parteien, die KandidatInnen und Schulen gefordert sind, ihre BemĂŒhungen zur Hebung der Wahlbeteiligung zu vermehren: Basisinformationen und vermehrte Themenarbeit in der Offentlichkeitsarbeit können das das politische Interesse befördern. Am heikelsten ist der Umgang mit Verdruss. Denn das Aufdecken von MissstĂ€nden kann diesen Typ motivieren, wĂ€hlen zu gehen. Es ist aber auch denkbar, dass der Verdruss damit weiter steigt.

Claude Longchamp