Wahlkampf statt Blindflug – meine Buchbesprechung

Eva Heller, Autorin des Beststellers „Beim nĂ€chsten Mann wird alles anders“, war nebenberuflich Kommunikationswissenschaftlerin. Ihre Doktorarbeit, 1985 veröffentlicht, trĂ€gt den Titel: „Wie Werbung wirkt: Theorien und Tatsachen“. Entwickelt hat sie damit eine Typologie, wie man Studien zur persuasiven Kommunikation klassieren kann: Zuerst nennt sie die, die auf den Theorien der Theoretiker basieren. Dann folgen die aus der Praxis der Praktiker. Zwei MischverhĂ€ltnisse erkannte sie darĂŒber hinaus: Studien von Theoretikern mit Praxis und solche von Praktikern mit Theorien.

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Als ich Mark Balsigers „Wahlkampf statt Blindflug“ las, wurde ich unweigerlich an Hellers Buch erinnert. Nicht nur, weil das Thema verwandt ist, vor allem, weil ich mich fragte, wie man das Buch Balsigers in der Hellerschen Typologie charakterisieren könnte.

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Was nun ist das Buch, das Mark Balsiger hier vorlegt? Zuerst, es ist zum Thema der Schweizer Wahlkampf-Kommunikation ziemlich einzigartig. Zu Recht hat es der StĂ€mpfli-Verlag in sein Pro-gramm aufgenommen. Wohltuend wirkt das Lektorat, das sicherlich zum fadengraden Text beigetragen hat. Und gegenĂŒber frĂŒheren HandbĂŒchern des Autors wirkt die grafische Erscheinung klar verbessert!

Ohne Zweifel: „Wahlkampf statt Blindflug“ ist ein weitestgehend professionell gemachtes Werk, im Lehrbuchformat auf Hoch-glanzpapier. Abwechslungsreich wendet es sich an ein gezieltes Publikum, das im Kern aus Kandidierenden und KampagnenstĂ€ben bestehen dĂŒrfte.

Klar ist, dass es im Hellerschen Sinne keine Theorie eines Theoretikers bietet. DafĂŒr hĂ€tte es wissenschaftlicher aufgebaut und ge-schrieben werden mĂŒssen. Es zeigt aber auch nicht einfach die Praxis eines Praktikers; davon setzt es sich mit einem mittleren Anspruchsniveau wohltuend ab.

„Wahlkampf in der Schweiz“, der Erstling von Mark Balsiger aus dem Jahre 2007, war ein eigentlicher Beitrag zur Wahlkampffor-schung in der Schweiz. Die 26 Erfolgsfaktoren sind unverĂ€ndert das Beste, was es hierzulande dazu gibt. Heller hĂ€tte gesagt, da habe ein theoretisch Interessierter mit den Erfahrungen anderer eine Vorbildstudie verfasst. Von dem hat sich Balsiger heute ent-fernt. Die Hellerschen Tatsachen sind in den Vordergrund gerĂŒckt. Am klarsten zeigt sich das, dass er seine sechs Thesen aus dem Startkapitel am Ziel vergessen hat. Eine kritische WĂŒrdigung der Vorgaben mindestens aufgrund der gewonnen Einsichten hĂ€tte das Werk sicherlich abgerundet. Denn alles, was am Anfang postuliert wurde, wird in diesem Buch nicht eingelöst. So kann man meines Erachtens mit gutem Gewissen bei der Entpolitisierung von WahlkĂ€mpfen im Zeitalter der Repolitisierung genau das Gegenteil vertreten.

WĂŒrde Eva Heller noch leben, hĂ€tte sie wohl geschrieben: ein Buch eines erfahrenen Praktikers, mit Anspruch auf reflektierte Systematik. Es böte die Basis, weiter gedacht zu werden, um auch fĂŒr WahlkĂ€mpfe von Parteien unter verschiedensten institu-tionellen und kulturellen Bedingungen dienlich zu werden.

Meine ganze Buchbesprechung hier.

Claude Longchamp