Forschungsseminar „Abstimmungsprognosen in der Schweiz“

Abstimmungen interessieren – insbesondere in der direkten Demokratie in der Schweiz. Was im Ausland die Wahlprognosen sind, findet sich hierzulande in Abstimmungsprognosen: dem Wunsch, zu wissen, was ist, bevor es ist.

Wahlprognosen haben sich in Praxis und Theorie weitgehend etabliert. Eigentlich interessiert hier nur noch, wie klein die Differenz ist zwischen Vorhersage und Ergebnis. Auch die wissenschaftliche Literatur hat sich weitgehend auf die Optimierung bestehender Prognosemethoden konzentriert.
Abstimmungsvorhersagen sind komplizierter: Zunächst gibt es weniger Volksentscheidungen als Wahlentscheidungen, sodass das Anschauungsmaterial fehlt. Sodann kÜnnen kulturelle und strukturelle Einflßsse auf Wahlentscheidung via vergleichender Wahlforschung besser studiert werden, sodass länderspezifischen Vorhersageverfahren entwickelt werden konnten. Bei Prognosen zu Volksabstimmungen muss man sich weitgehend auf die Schweiz beschränken; und selbst da existiert eine Theorie der Abstimmungsentscheidungen, die Erklärungen und Prognosen erlauben wßrde, erst in Ansätzen.
Die diesbezĂźglichen Diskussionen hierzulande konzentrierten sich bisher weitgehend die Verwendung von Umfragen zu Prognosezwecken. Die Chancen sind vorhanden, die Risiken auch. Hauptgrund ist, dass es in der Schweiz nicht erlaubt ist, bis zum Abstimmungstag selber Umfragen zu machen, die zu Vegleichen von Umfragen und Ergebnissen fĂźhren kĂśnnten. Das erschwert es erheblich, Annahmen zu treffen und zu prĂźfen, wie sich Unentschiedene in der Schlussphase entscheiden. Hinzu kommt, dass nicht alle Abstimmungsthemen im gleichen Masse vorentschieden sind, sodass sich Bestandesaufnahmen zu Stimmabsichten via Umfragen bisweilen besser, bisweilen schlechter eignen.

Trotz solchen Restriktionen hat sich die Abstimmungsforschung in der Schweiz in den vergangenen Jahren entwickelt, auch Abstimmungsprognosen.
Prognoseverfahren sind teilweise unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, teils ohne von dieser wahrgenommen worden zu sein, entstanden. Mit meinem Forschungsseminar im Herbstsemester 2014 an der Uni Bern mÜchte ich versuchen, die Wege der Forschung nachzuzeichnen und weiter zu entwickeln. Ziel soll es sein, verwendete und denkbare Verfahren der Vorhersage ßber Umfragen hinaus zu testen, um zu gesicherteren Aussagen zu kommen. Wegleitend wird dabei eine Methode sein, die in der Wahlforschung der letzten 10 Jahre fßr eigentliche Furore sorgte: das combining, bei dem es das Ziel ist, letztlich immer imperfekte Vorgehensweisen dadurch zu perfektionieren, dass man sie nebeneinander verwendet, um Stärken und Schwäche zu erkennen und letztere auszumerzen.

Das Seminar findet im Rahmen des Masters zu „Schweizerischer und vergleichender Politik“ statt. Es richtet sich an Interessierte mit guten Kenntnissen von (Schweizer) Volksabstimmungen, zu modernen statistischen Verfahren und der Absicht, dieses Wissen kreativ in ein Forschungsfeld einzubringen, das sich laufend entwickelt. Die Sitzungen finden alle 14 Tage statt, und sie dauern jeweils 4 Stunden, damit genĂźgend Raum fĂźr Diskussionen und Uebungen besteht.

Anbei das vorläufige Programm, das in der ersten Augustwoche aktualisiert werden wird.

Programm
Freitag, 19. September 2014 Einleitung • Aufbau und Zielsetzung der Veranstaltung
• Was sind Prognosen allgemein, und was sind Abstimmungsprognosen?
• Combining: verschiedenartige Prognosen miteinander kombinieren, um vorhandene Unschärfen zu vermeiden (Beispiel pollyvote)

Freitag, 3. Oktober 2014:
Prognosen mit Umfragedaten (Referate)
• Möglichkeiten und Grenzen von Repräsentativ-Befragungen optimiert durch Prognosemodule
• Möglichkeiten und Grenzen von nicht repräsentativen Mitmachbefragungen, verbessert mittels Gewichtungen
• Gastreferent: Oliver Strijbis, Blogger „50plus1“

Freitag, 17. Oktober 2014:
Alternative Vorgehensweisen I (Referate)
• Partei- und Verbandsparolen als Prognoseinstrumente? (Schneider 1985 u.a.)
• Medieninhaltsanalysen als Prognoseinstrumente? (FOEG u.a.)
• Kampagnencharakteristika als Prognoseinstrumente? (Jans 2014)
• Geld in Abstimmungen als Prognoseinstrumente? (Weber 2012)

Freitag, 31. Oktober 2014:
Alternative Vorgehensweisen II (Referate) & Skizzierung studentischer Forschungsprojekte
• Expertenbefragungen, Abstimmungsbörsen, Crowd Sourcing
• Vorstellung der Projektideen
• Bildung von Projektgruppen (maximal vier Gruppen)

Freitag, 14. November 2014:
Diskussion von Vorgehen & Problemen der Arbeitsgruppen
• kurze Präsentationen der Projektideen und deren Umsetzung
• Diskussion von Problemen

Freitag, 28. November 2014:
Diskussion der Hauptergebnisse
• Präsentationen der ersten Ergebnisse aus den Projektgruppen
• Diskussion von Problemen

Freitag, 12. Dezember 2014:
Diskussion der vorläufigen Ergebnisse und des weiteren Vorgehens
• Was bewirken Prognosen?
• Diskussionen und Befunde, Folgerungen für die Forschungsethik

Ich freue mich auf die Herausforderung, die im Idealfall dazu fĂźhrt, dass die ziemlich verfahrene Diskussion Ăźber Prognose alleine mit Umfragen endlich aufgebrochen und weiterentwickelt werden kann.

Claude Longchamp