Demoskopie und Zeitgeschichte

HistorikerInnen ist das Buch ein Begriff. SozialwissenschafterInnen kaum. Zeit, den Àltesten Bericht zur Schweiz auf demoskopischer Basis wieder mal zu besprechen.

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Die Schweiz im Krieg. Im komischen Krieg. Denn vom Schlachtengetöse merkt man lange nicht viel. Der Grenzschutz steht, doch langweilt er sich. Um mehr darĂŒber zu erfahren, fĂŒhrt die Schweizer Armee eine neue Technik ein. Die Methode Gallup, von den USA herkommend, soll Auskunft geben ĂŒber das Denken der BĂŒrgerInnen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Schweiz die Demoskopie eingefĂŒhrt. Nun ging es um die zivile Nutzung. In der Marktforschung etwa. Oder in der Politforschung. „Die Schweiz hĂ€lt durch“ ist das bemerkenswerteste Produkt diese Umwandlung. Es ist der Ă€lteste Bericht ĂŒber die Lage in der Schweiz, die auf Umfrageforschung basiert. Herausgegeben wurde das Buch von der Neuen Helvetischen Gesellschaft. Die 180 Seiten Text, Tabellen und Grafiken, publiziert zum 100. Geburtstag des modernen Bundesstaates 1948 bauen auf der grossen Volksumfrage auf, zwei Jahre zuvor vom Verein gleichnamigen realisiert. Genau genommen waren es zwei Umfragen: eine allgemeine, in allen Haushalten der Schweiz, und eine wissenschaftliche, nach der Methode Gallup mit einer Stichprobe befragter Personen. 52’262 nahmen an der Haushaltsbefragung teil; das waren 1,75 Prozent der Gesamtbevölkerung oder 4,5 Prozent der Haushalte. In die Stichprobenerhebung flossen die Meinungen von 3000 Befragten ein, ausgewĂ€hlt nach einem anspruchsvollen Quotenverfahren in den drei Sprachregionen.

Inhaltlich ging es um viererlei: Sollen die Frauen das Stimmrecht erhalten? Soll der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft verstĂ€rkt oder abgebaut werden? Soll die AbhĂ€ngigkeit der Kantone vom Bund verstĂ€rkt oder vermindert werden? Und, soll die Schweiz an der unbedingten NeutralitĂ€t festhalten. Die Resultate lauteten: Beim Frauenstimmrecht gab es ein „Ja“; ĂŒber dem Mittel war die Zustimmung in der deutschsprachigen Schweiz; am geringsten, aber immer noch mehrheitlich war sie in der französischsprachigen. Zustimmend waren beide Geschlechter. Allerdings unterschied man deutlich nach Lebensbereichen; unbestritten war die Mitsprache in Familien-, Schul-, Kirchen und sozialen Fragen. Bei Wirtschaftsfragen kippte die Mehrheit, – und in politischer Hinsicht waren 96 Prozent dagegen! Gespalten war man in Sachen Staatseinflusses auf die Wirtschaft: Am meisten Befragte waren fĂŒr den Status Quo, eine relative Mehrheit befĂŒrwortete eine Vermehrung; 14 Prozent waren fĂŒr eine Verminderung. Je tiefer das Einkommen war, desto eher war man fĂŒr mehr Staat und umgekehrt. Unbestrittene Bundesaufgaben waren damals das Zivil- und Strafrecht, die Sozialpolitik und der Aussenhandel. Als kantonale DomĂ€nen erschienen insbesondere die Kirch- und Schulwesen, die Familie, die Wirtschaft und die Steuern. Schliesslich war die NeutralitĂ€t sakrosankt. Der Beitritt zur UNO war zwar mehrheitsfĂ€hig, aber nur, wenn diese die NeutralitĂ€t vorbehaltslos anerkennen sollte.

Der Demoskope in mir erkennt in einigem Vorgehensweisen Verfahren, die sich bis heute bewĂ€hrt haben: Die Unterscheidung der Schweiz nach Sprachregionen, ebenso in SiedlungsrĂ€umen, aber auch die Differenzierung nach Einkommensklassen oder nach Geschlechtern. Wir sind halt eine fragmentierte Gesellschaft mit vielen Charakteren. Anderes hat sich in der heutigen Praxis weiterentwickelt. So die statistischen Auswertungen, die vormals so aufwendig waren, dass sie nur höchst spĂ€rlich vorgenommen wurden. Schon der Mittelwert ĂŒber alle Sprachregionen hinaus bildete ein noch fast unerfĂŒllbares Unterfangen. Das ist heute klar anders. GeĂ€ndert hat sich die Fragenbogentechnik. Um Mehrheiten zu bekommen, wĂŒrde man heute keine ungerade Zahl von inhaltlichen Kategorien zulassen. Vor allem aber, die Haushalts- wie auch die Stichprobenerhebung kannten nicht durchwegs die gleichen Fragen und Antwortmöglichkeiten, sodass ein Vergleich im strengen Sinnen gar nicht möglich war. Das wĂŒrde man heute schon im voraus bemĂ€ngeln.

Am meisten frappiert ist man beim Lesen des Buches, mit welcher eminenter Skepsis selbst die Herausgeber quantifizierenden Aussagen begegneten. Denn der erste Teil, immerhin zwei Drittel des Umfangs ausmachend, besteht aus einem breiten ExposĂ© des Juristen und spĂ€teren Professors Werner KĂ€gi, der das Verfassungsrecht der Schweiz rekapitulierte, und gelegentlich einige qualitative Antworten aus der Haushaltsbefragung einfliessen liess. Das Ganze fand kaum statt, um das Denken der Staatsrechtler von jenem des Volks zu unterscheiden, sondern um die ungeteilte Staatsidee der Schweiz zu illustrieren. Interessant auch, dass die statistische Auswertung des wissenschaftlich genannten Teils der Umfrage dem ETH-Ingenieur RenĂ© Lalive d’Epiney ĂŒberlassen wurde, mangels SozialwissenschafterInnen, denn die gab es damals in der Schweiz noch gar nicht!

Trotz allem, die Ergebnisse sind symptomatisch fĂŒr die ersten Nachkriegsjahre: Die MĂ€nnergesellschaft reservierte sich die Vorrechte in Staat und Wirtschaft gegenĂŒber Frauen, nicht aber in gesellschaftlichen Belangen. Die NeutralitĂ€t der Schweiz strahlte ĂŒber allem, der Staat war anerkannt, namentlich wegen seinen ausgleichenden Wirkungen. In vielen DomĂ€nen war der Staat aber nicht der Bund, denn die Kantone gaben in wichtigen Bereichen den Orientierungsrahmen ab.

Umfrageforschung, bilanziere ich, ist nicht nur ein Instrument der Gegenwart, auch eines der Historie. Denn das Buch ist eine spannende Quelle der Schweizer Geschichte, die ĂŒber politische Kulturen berichtet, wie wir sie heute bei der Gleichstellungsfrage, aber auch in der Staatspolitik nicht mehr kennen: Denn der Ausschluss der Frauen aus der Politik ist seit 1971 nie mehr ernsthaft gefordert worden, und die Vermehrung des Staatseinflusses auf die Wirtschaft ist heute ebenso wenig mehr im Trend. Der Sorgenbarometer, der in zwei Wochen erscheint, und in einigem das Nachfolgeprojekt ist, wird das breit belegen.

Und noch etwas: Als die Umfrage 1946 durchgefĂŒhrt wurde, war noch nicht klar, ob man in der Schweiz integral zur direkten Demokratie zurĂŒckkehren wĂŒrde oder nicht. Erst die Volksabstimmung 1947 schaffte hierzu Klarheit, sodass wir heute wieder regelmĂ€ssig ĂŒber vieles abstimmen. Heute geht der Titel des Buches eindeutig nicht mehr: „Die Schweiz hĂ€lt durch“ war noch ganz im Geiste der Landesverteidigung gewĂ€hlt. Heute wĂŒrde das Buch eher heissen: Die Schweiz zĂ€hlt durch!

Claude Longchamp