@KueddeR – der Themenbildner

Keiner beeinlfusst die breite Themenbildung via Twitter so systematisch wie @Kuedder. Eine Laudatio!

Lange sprach man in der Kommunikationsforschung vor allem von agenda setting – gemeint war das bewusste Setzen von Themen in den Oeffentlichkeit. Dann kam agenda building, eine Verfeinerung. Gemeint ist damit der Prozess des aktiven Einwirkens von politischen und medialen Akteuren auf die Medien- und Politikagenda. Damit verbunden ist die Annahme, dass namentlich die Themen, mit denen sich nicht nur die PolitikerInnen, auch die BĂŒrgerInnen beschĂ€ftigen, verĂ€nderbar sind, und zwar als Folge der gestalteten Medienagenda.

Nun habe ich letzten Freitag mit dem #ff, dem Tag, an dem man aktiv auf die Follower-Zahl prĂ€ferierter Twitterer einwirken soll, getwittert: “Der einflussreichste Vorkoster gebĂŒhrenpflichtiger Artikel (in der Schweiz jedenfalls)”. Damit habe ich auf einen (kritischen) Beitrag des Medienjournalisten Ronny Grob verwiesen, der sich mit der TĂ€tigkeit von @Kuedder beschĂ€ftigte. Seit lĂ€ngerem twittert – wer auch immer hinter dem Pseudonym steckt – jemand vorwiegend nachts ĂŒber Artikel, die meist hinter einer paywall der Onlinemedien stecken und macht damit ohne Bezahlung einsichtig, was an sich verschlossen bleiben soll.

Das hat ĂŒbers Wochenende namentlich bei Medienschaffenden und Profi-Twitterern der Schweiz geholfen, eine kleine Debatte ĂŒber Missbrauch des paywall-features vs. Beförderung des Interesse an verdeckten Online-Inhalten anzuschieben. Diese will ich nicht weiter kommentieren. Denn sie war nicht in meinem Sinne. Vielmehr versuche ich meine Leseweise zu befördern, warum ich das, das @Kuedder macht, fĂŒr einflussreich halte. Auf Einschub von Medienberater Mark Balsiger, der anderer Meinung ist als ich, prĂ€zisierte ich schon via Twitter: “Betreibt Agenda Building wie kaum ein anderer und macht damit genau das, was Twitter auszeichnet.”

Ich bin mehrfach gefragt worden, was ich damit genau meine? Gerne hole ich hier, wo mit mehr als 140 Zeichen zur VerfĂŒgung stehen, etwas aus.

Blogs sind aus der meist in emails verbreiteten Praxis entstanden, auf interessante Links zu verweisen. Diese ursprĂŒngliche Funktion ist in vielen der heute existierenden Blogs kaum mehr hinreichend ersichtlich, denn viele Blogger wollen nicht nur verlinken, sie wollen auch kommentieren. Nun ist diese Erwartung gemĂ€ss agenda setting-AnsĂ€tzen eher fromm. In der eigenen Fangemeinde kann man vorhandenen Einstellungen sicherlich verstĂ€rken; dort, wo man GlaubwĂŒrdigkeit besitzt, kann man mit neuen Informationen vielleicht Prozesse der Meinungsbildung auslösen. Bei allen anderen dĂŒrfte die intendierte Wirkung noch geringer sein. Was bleibt, ist vor allem, wer sich mit welchen Themen beschĂ€ftigt, wĂ€hrend von den Aussagen meist nur die ganz krassen nachhallen.

Twitter macht, wenigstens in meiner Leseweise, aus der Not eine Tugend: 140 Zeichen – und dann Schluss! Meinungen zu platzieren, ist in kruder Form möglich, Meinungsaustausch zu pflegen, schon kaum mehr. Was hingegen bestens funktioniert, ist Aufmerksamkeit zu moderieren, sei es auf Themen aus dem Leben, BeitrĂ€ge im Internet oder andere Twitterer, die man beachten soll. Dabei gilt die Regel, wer andere zitiert, löst Betroffenheit und damit auch Reaktionen aus.

Genau das tut @Kuedder mit schon bewundernswerter Konstanz. Er, der von sich sagt, kein Journalist, aber ein Medien-Junckie zu sein, klappert ab, was Online-Medien schreiben des Nachts und ins Internet setzten, um am Morgen konsumiert zu werden. Doch wird nicht einfach zugewartet, bis jemand den den Wulst an Information sichtet, um sich zu informieren. Vielmehr wird man vorsortiert vernetzt: Im einfacherer Fall einzig mit einem Link, im komplizierteren mit einem selbst gesetzten Titel unserer Twitteres. Kommentare von ihm sind selten, letztlich kann man ihn – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht wirklich verorten, weder politisch, noch medial. So neutral bleibt er in der Regel.

Genau deshalb ist @Kuedders Wirken auf Twitter interessant. In jedem anderen Medium wÀre er fehl am Platz. Auf Twitter ist er ein Teil des Rituals, von dem man weiss, dass er fast schon gedankenlos abflÀuft, wenn man von der passiven in die aktive Phase des Tagesablaufs wechselt.

Sicher, das Interesse steigt, weil @KueddeR auf Verborgenes hinweist. Indes, das ist nicht der einzige Grund. Ausgezeichnet wird er aber durch seine Vorselektion der Möglichkeiten, die das Internet in jeder Sekunde seinen NutzerInnen ermöglicht.

Agenda setting ĂŒberlĂ€sst er den Medienschaffenden. Am Prozess der Agenda building beteiligt er sich dafĂŒr umso prominenter. Schneller als fast alle anderen, und konsequenter als alle, die ich kenne, tut er seine Arbeit. Vorkoster @Kuedder ist einflussreich, weil er sich auf den Selektionsprozess beschrĂ€nkt, der von zur VerfĂŒgung gestellter zur meinungsbildenden Information fĂŒhrt!

Ob er damit Abonnenten schafft oder verhindert, ist ĂŒber EinzelfĂ€lle hinaus nicht belegt. Offensichtlich ist aber, dass @Kuedder in einer Breite von Themen zu den einflussreichsten Bildnern relevanter Inhalte wird, die sich meist zuerst online verbreiten.

Wahrlich, eine Leistung in der Praxis, aber auch ein Beispiel fĂŒr die Theorie.

Claude Longchamp