Die sieben Schweizen

(zoon politicon) Mitten im turbulenten Wahlkampf 2007 sind Roger de Weck und Kurt Imhof durch eine historisch inspirierte, auf die Gegenwart zielende Kurzfassung der neuesten Schweizer Gesichte aufgefallen. Hier ihre Thesen, die nicht nur geschichtlich gelesen werden können, sondern auch einiges zur politischen Kultur der Schweiz erzÀhlen in meiner eigenen Zusammenfassung.

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„Wir waren/sind viele“, analysieren die beiden Publizisten Roger de Weck und Kurt Imhof das Selbstbewusstsein der Schweiz in Geschichte und Gegenwart; doch arbeite kaum mehr jemand am „Projekt Schweiz“ suggerieren sie in ihrem Beitrag fĂŒr „Das Magazin“ im Wahljahr 2007 (Foto: cal)

1. Die Kuh-Schweiz
Die Kuh-Schweiz hatte ihr Herz in den Voralpen. Sie lebt von der Erinnerung an die vorindustrielle Zeit des Ancien RĂ©gimes. Diese Schweiz korrespondiert mit dem Bild, das die intellektuellen Eliten namentlich im 18. Jahrhundert von ihrem Land, ihrer Natur und ihren Menschen entwarfen, bevor es die Schweiz als gemeinsamen Staat gab. 13 Orte waren souverĂ€n; sie waren patrizisch, zĂŒnftisch oder in Form von Landsgemeinden verfasst. Allesamt hatten sie einen oligarchischen Charakter, der in den minderberechtigten Untertanengebieten kritisiert wurd. Dort fasste die AufklĂ€rung am stĂ€rksten Fuss und verabschiedete sich von der Kuh-Schweiz.

2. Die Revolutions-Schweiz
NapolĂ©on Bonaparte war der General der Revolutions-Schweiz. Doch seine Revolution von oben scheitertr an der Kraft des Föderalismus. Diese wiederum hatte angesichts der beginnenden Industrialisierung nur in einem weiter gefassten Bundesstaat eine Zukunft. Die meisten Revolutionen von 1848 misslangen; jene in der Schweiz brachte eine neue fortschrittlich Republik hervor, umgeben von konservativen Monarchien. Die Willensnation Schweiz hatte ihre eigene Verfassung, ihre eigenen Organe: den Bundesrat, die Bundesversammlung mit National- und StĂ€nderat, das Bundesgericht, das Volk und die Kantone. Sie waren nach den Prinzipien der reprĂ€sentativen Demokratie aufgebaut, machten aber Konzessionen an die demokratische Bewegung gegen die neuen Bundesbarone: die EinfĂŒhrung der Volksrechte komplettierte die FĂŒhrung des Staates auf mehreren Ebenen, durch mehrere Treiber und Behörden nach dem Muster der Gewaltentrennung. Die kulturellen Spaltungen des Landes, seit der Reformation dominant, wurden endlich ĂŒberwunden. Das eröffnete SpielrĂ€ume fĂŒr den vorbildlichen Gotthard-Tunnel, die Eisenbahnen, die Hochschulen, das Banken- und Versicherungswesen.

3. Die BĂŒrgerblock-Schweiz
„Belle Epoque oder Klassenkampf?2, das ist die Frage fĂŒr die Zeit von 1874 bis 1919. Das BĂŒrgertum, bisher regional und konfessionell gespalten, bemĂŒhte sich angesichts des Aufstiegs der Arbeiterbewegung um Einheit. Die Geburt der Nation Schweiz, gerade mal 43 Jahre zurĂŒckliegend, wurde ins Jahr „1291“ zurĂŒckdatiert, und sie wurde gebĂŒhrend gefeiert. Die Linke war gespalten zwischen Internationalismus und Nationalismus, zwischen revolutionĂ€rer und bĂŒrgerlicher Demokratie. Der Generalstreik am Ende des Ersten Weltkrieges spaltete das Land in Sprachgruppen und soziale Klassen. Angesichts der bolschewistischen Gegenposition zum Kapitalismus musste das BĂŒrgertum nunkonfessionelle und interessenmĂ€ssig unterschiedliche politische Parteien auf eine Linie bringen; die Linke diente ihr dabei als inneres Feindbild. Doch die StabilitĂ€t stellte sich nicht ein; die bĂŒrgerliche Demokratie stĂŒrzte in ihre tiefste Krise.

4. Die Geistige-Landesverteidigung-Schweiz
Die Ă€ussere Bedrohung durch Nationalsozialismus und Faschismus einigte die Schweiz. Die Demokratie wurde im Zweiten Weltkrieg durch ein autokratisches Vollmachtenregime ausser Kraft gesetzt. Wahlen und Volksabstimmungen wurden ausgesetzt. Arbeitgeber und Arbeitnehmer waren jetzt Sozialpartner der blĂŒhenden Exportwirtschaft. Die Spitzen der Parteien arbeiteten unter der FĂŒhrung der Armee zusammen. Das Reduit und das RĂŒtli avancierte zum Sinnbild fĂŒr die Befindlichkeit. In den Voralpen zelebrierte man NeutralitĂ€t, in den StĂ€dten arbeitete die Wirtschaft fĂŒr den Export. An der Grenze half man FlĂŒchtlingen, die die Politiker am liebsten gar nicht gehabt hĂ€tten. Die RĂŒckkehr zur Demokratie nach dem Krieg verlief nicht reibungslos: Der Bundesrat wollte ein reprĂ€sentatives System. Das Volk wiederum machte seine Rechts geltend. Zur versöhnung wurde die AHV geboren; die Gleichberechtigung der Geschlechter musste nochmals warten.

5. Die MusterschĂŒler-Lehrmeister-Schweiz
1959 wurde das Konkordanzsystem in Wirtschaft und Politik vollendet. Die Zauberformel wurde geboren. Jetzt wird die politische Macht numerisch, nicht ideologisch geteilt: 4 Parteien, allesamt gezÀhmt, regieren seither das Land gemeinsam. Das Wirtschaftswunder folgtr auf den Fuss. Die Autobahnen liessen das Land zusammenwachsen. Der Service Public befriedigte die Interessen der Konsumenten. Die Schweiz wurde zum friedfertigen Paradies, und man erzÀhlt es liebend gerne allen auf der Welt. Doch die Idylle bekam Kratzer: Die Intellektuellen beklagten die Denkblockade und das helvetische Malais. Es beschÀftigte sie die schwindende Partipation im entideologisiert Land; sie riefen nach den Frauen, die in die Politik miteinabezogen wurden.

6. Die Anti-Schweiz
Die Ueberfremdung ist das GegenstĂŒck zum ökonomischen Aufstieg. Die nationale Rechte machte Ende der 60er Jahre gegen die Wirtschaft mobil. Die studentische 68er Linke erklĂ€rte das Private zum Oeffentlichen und rebellierte gegen die KleinbĂŒrgergesellschaft. Dissonanz statt Konkordanz war angesagt. Selbst die FDP, die staatstragende Partei, machte rechtsumkehrt und begrĂŒndete ihren epochalen Slogan: „Mehr Freiheit, weniger Staat“. Die Anti-Schweizer aller Lager wurden zur neuen Norm: Die Feministinnen sagten PorNo, die Oekologen Nein zu Atomkraftwerke, und die Autoparteiler waren gegen Tempolimiten. Das Volk, vereint im berĂŒhmten Nein-Sager, war schliesslich massiv gegen die UNO.

7. Die Weniger-Schweiz
Die vorlĂ€ufig letzte Wende kam 1989. Der Beitritt zum EuropĂ€ischen Wirtschaftsraum und zur EU misslang schon in den AnfĂ€ngen. Die siegreiche nationalkonservative Bewegung stĂ€rkte die SVP. Das geschwĂ€chte Zentrum wollte statt des Alleingangs die Oeffnung via Bilateralismus, war dabei aber auf die UnterstĂŒtzung der aufstrebenden SP und GrĂŒnen in den linksliberalen, urbanen Schichten angewiesen. Die wiederum setzten den UNO-Beitritt durch. Damit grifg Bi-Polarisierung der Parteienlandschaft endgĂŒltig um sich und blockierte weitere innere Reformen. Die neue Bundesverfassung geriet in Vergessenheit, bevor sie in Kraft gesetzt wurde. Die Wirtschaft wiederum denkt in den Kategorien der globalen Funktionssysteme, die lokale Politik kĂŒmmert sie nicht mehr gross um die Politik. Sie will stabile VerhĂ€ltnisse. Und Geld, als die Swissair abstĂŒrzte. Sonst prĂ€fereiert sie Steuersenkungen, und verlangt sie Liberalisierungen der Wirtschaft. Doch die Kantone rebellieren, haben Angst, immer mehr Lasten ĂŒbernehmen zu mĂŒssen. Das alles ist widersprĂŒchlich, „Uebervater“ Christoph Blocher soll das mit seinem Kommunikationstalent zusammenhalten. DafĂŒr wird er Bundesrat, doch er lĂ€sst sich nicht bĂ€ndigen. A suivre!


Kommentar

Kurz vor den Parlamentswahlen vom 21. Oktober 2007 fassen die beiden Publizisten die Lage der Nation wie folgt zusammen: „Die VerkĂŒrzung der Debatte um die Erneuerung der Eidgenossenschaft auf Steuern, Staatsdefizit und Standort verrĂ€t ein Desinteresse am Projekt Schweiz. Dahinter steht eine staatspolitische Null-Bock-Haltung, deren Sinnbild das Maskottchen der SVP ist, der kastrierte Geissbock.“

Die Analyse der beiden herausragenden Publizisten der Gegenwart ist geistreich, witzig. Sie ist aber auch massiv verkĂŒrzt, und wohl etwas elitĂ€r gehalten.

Claude Longchamp

Der Originaltext
Mein GesprĂ€ch mit Roger de Weck zum „Projekt Schweiz“ in der Sternstunde Philosophie von Schweizer Fernsehen