Zur Transformation der Parteiidentifikationen in der Schweiz.

Die siebte Vorlesung zur Wahlforschung in Theorie und Praxis an der Uni Z√ľrich besch√§ftige sich mit der Transformation der Parteiidentifikation in der Schweiz. Hier einige thesenartige Aussagen von der gestrigen Veranstaltung.

Die Wahlnachbefragung 2007 zeigte, dass zwei Drittel der heutigen CVP-W√§hlenden V√§ter haben, die Gleiches tun. Bei der FDP betr√§gt derAnteil die H√§lfte, bei SP, und SVP noch einen Drittel, und bei den Gr√ľnen ist das gerade bei jedem 20. der Fall.

Die klassischen Theorien der politischen Sozialisation in der Familie zur Entstehung von Parteiidentifikation bilden damit in der Schweiz eher den Spezial-, weniger den Normalfall ab. Zudem, Parteien, bei denen in der √ľberwiegenden Zahl der F√§lle gilt, dass die Familie die Zelle der Parteibindungen ist, geh√∂ren meist zu den Verlierer-Parteien. Denn sie st√ľtzen sich auf die immer gleichen Gesellschaftsgruppen, bei denen sie einen abnehmenden Erfolg haben.


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Parteien, denen die Erneuerung am besten gelingt, haben heute W√§hlende, die nicht mehr das Gleiche w√§hlen wie ihre Eltern. Vielmehr haben sie gelernt, neue Gesellschaftsgruppen, anzusprechen, die eine Generation zuvor noch kaum Entsprechendes gemacht h√§tte. Zudem gelingt es ihnen Individuen als W√§hlende anzusprechen, die sich, abgekoppelt von ihrem sozialen Hintergrund f√ľr sie entscheiden. Weltweit analyisiert man das unter dem Aspekt von Dealigment, der Erosion von Parteibindung√™n, was in der Schweiz aber wenig Sinn macht.

Thomas Milic, der Z√ľrcher Parteienforscher, hat in seiner Dissertation eine der interessantesten Ans√§tze vorgeschlagen, um solche Ph√§nomen zu untersuchen. Er unterscheidet zwischen unparteilichen, parteilichen und √ľberparteilichen B√ľrgerInnen. Erstere kommen vor allem in den Unterschichten vor, bei J√ľngerem, insgesamt bei Unpolitischen, die sich in der Parteienlandschaft nicht wirklich orientieren k√∂nnen, vielleicht hie und da abstimmen gehen, an Wahlen aber kaum teilnehmen. Die Stammw√§hlerschaft der Parteien rekrutiert sich im Wesentlichen aus den parteilichen B√ľrgerInnen. Sie haben eine gefestigte Parteiidentifikation, wie auch immer die entstanden ist. Im Normalfall w√§hlen sie so und stimmen sie auch entsprechend der Parteiparole ab. Die Ueberparteilichen sind das eigentlich neue Ph√§nomen: Anders als die Unparteilichen sind sie absolut bef√§higt, sich politisch zu orientieren. Sie verarbeiten am meisten Informationen, definieren sich aber nicht mehr eindeutig √ľber Parteien, vor allem √ľber Werthaltungen. Sie sind Feministinnen, Wertkonservative oder Wirtschaftsliberale. Ihre Parteienwahl ist noch gerichtet, aber kaum mehr eindeutig an einer Partei festzumachen, die man auf dauer unterst√ľtzen w√ľrde. Vielleicht haben sie noch eine Parteibindung, zum Beispiel die aus fr√ľheren Zeiten, aber sie entscheiden sich bei Abstimmungen immer h√§ufiger selbst√§ndig, und sie w√§hlen mit Vorliebe Personen aus verschiedenen Parteien.

Leider weiss die Wahlstatistik dar√ľber nicht allzu viel, und die empirische Wahlforschung hat erst wenig hierzu zu Tage gef√∂rdert. Immerhin, man hat Anhaltspunkte: So w√§hlen, je nach Wahl, 5-10 Prozent der Teilnehmenden mit der leeren Liste, ohne √ľbergeordnete Parteibezeichnung, KandidatInnen, meist querbeet aus den Wahllisten aus. Rund 50 Prozent der W√§hlenden nutzen die M√∂glichkeiten des hiesigen Wahlrechts aus und panaschieren. Man k√∂nnte es auch so sagen: Sie kennen eine Parteibindung, aber keine exklusive Orientierung mehr. Dabei zeigt, sich, dass diese Ph√§nomene bei CVP und FDP am h√§ufigsten vorkommt, ausgerechnet bei den Parteien also, bei denen die familiale Sozialisation noch am verbreitetsten ist. Mit anderen Worten: Die Parteientscheidung ist ein Ritual, das bei der Personenentscheidung stark ausgeh√∂hlt wird.

Die st√§rkste exklusive Neueinbindung hat heute die SVP, das wichtigste Gegenprojekt zu den bestehenden Parteien. Ich sch√§tze, dass sie knapp 20 Prozent W√§hleranteil bei B√ľrgerInnen macht, die nur sie Partei w√§hlen; hinzu kommen 5-10 Prozent Stimmen, die sie via KandidatInnen auf Listen mit Bewerbungen mehrerer Parteien macht. Bei der CVP liegen die Vergleichswerte bei rund 5 Prozent Exklusiver Parteiw√§hlerschaft, und 5-10 Prozent weitere Stimmen kommen von Panaschierlisten.

Auf der linken Seite ist nur beschr√§nkt eine neue Ausschliesslichkeit in den Parteibindungen entstanden. Etabliert hat sich eine neue Art der Ueberparteilichkeit. Die reicht zwar nicht bis rechts. Man f√ľhlt sich schon noch als W√§hlerin, als W√§hler, die, der rotgr√ľn w√§hlt, mal mehr rot, mal mehr gr√ľn, aber auch offen f√ľr KandidatInnen anderer Parteien, seien es solche der GLP, der FDP, der CVP, aber auch der EVP, ja selbst der BDP.

In den Termini der Wahlforschung k√∂nnte man sagen: Einzig der SVP ist es in den letzten 20 Jahren gelungen, einen neue affektive Parteibindung aufzubauen, die ihren Kern nicht in der Herkunftsfamilie hat. Vielmehr n√§hrt sie sich aus dem t√§glichen Frust mit der Politik und dem System. Die Neuerung reicht aber nicht aus, um dauerhaft sehr hohe W√§hleranteile garantiert zu haben. Speziell mit der Abspaltung der BDP ist eine, via Personenbildungen, relevante Alternative entstanden. Auf linker Seite gibt es eher Str√∂mungen in der W√§hlerschaft, die mehr sozialistisch, liberal oder konservativ sind, √ľber die sich die Parteien und ExponentInnen links der Mitte mehr oder minder konstant profilieren, um von den W√§hlenden in einem Mix aus kognitiv-emotionalen Entscheidungen honoriert zu werden. Von alle dem merkt man jedoch noch fast nicht, wenn man sich mit der W√§hlerschaft der FDP oder CVP besch√§ftigt.

Claude Longchamp