Sarkozy oder Hollande?

In knapp 3 Wochen wĂ€hlt Frankreich den PrĂ€sidenten – wenigens „au pre- mier tour“. Dabei wird höchstwahrscheinlich nur bestimmt, wer sich „au deuxiĂšme tour“ gegenĂŒber stehen werden. Sarkozy vor Hollande im ersten, umgekehrtes im zweiten bilanzieren die Umfragen die Absichten der Wahlberechtigten.

In Frankreich verfĂŒgen Medien, Parteien, je selbst der Staat ausgiebtig ĂŒber Umfragen. In Wahlkampfzeiten erscheinen mehrere die Woche im Fernsehen, in den Magazinen und in den Zeitungen. So ist es ĂŒblich geworden, nicht nur zu schauen, welches Institut welche Resultate liefert, sondern alle Resultate in eine Serie zu bringen (selbst wenn sie von der Erhebungsart unterschiedlich sind). Zudem simuliert man schon frĂŒh nicht nur, was wĂ€re, wenn heute schon der erste Wahlgang wĂ€re, sondern auch, wer in welcher Konstellation fĂŒr den zweite welche Chancen hat. Die besten Uebersichten ĂŒber all diese Informationen bieten die Websites www.sondages-en-france.fr und sondage2012.

Die jĂŒngste der so dokumentierten Umfragen gibt PrĂ€sident Nicolas Sarkozy die leicht grösseren Chancen als seinem Herausforderer François Hollande; indes, nur fĂŒr den ersten, nicht fĂŒr den zweiten Umgang.

Denn in der ersten Runde spielt viel Taktik mit. KandidatInnen, die sich fĂŒr den zweiten Wahlgang zurĂŒckziehen mĂŒssen, taktieren um die PlĂ€tze innerhalb der Lager, um sich oder ihre Partei zu empfehlen. So sind, fĂŒr die Wahlen vom 22. April nicht weniger als 15 BewerberInnen im Spiel.

Die beiden Favoriten fĂŒr das Endspiel anfangs Mai stehen eigentlich seit Beginn des Wahlkampfes eigentlich fest: Es sind dies Nicolas Sarkozy, der jetzige PrĂ€sident, und Françopis Hollande, der Konkurrent aus den Reihen der SP. Drei weitere BewerberInnen sind noch einigermassen dabei: Marine Le Pen vom rechten Front national, François Bayrou fĂŒr die Zentristen und Jean-Luc MĂ©lenchon fĂŒr die Linke. Alle anderen 10, die angetreten sind, sind aussichtslose MitbewerberInnen.

Seit den stark medialisierten Vorwahlen, erstmals von der Sozialistischen Partei durchgefĂŒhrt, um die Kandidatur fĂŒrs ElysĂ©e zu bestimmen, ist François Hollande der Favorite links der Mitte. Lange zeit fĂŒhrte er mit seinem Programm fĂŒr einen neues soziales Projekt auch landesweit bei den WĂ€hlerInnen. Immerhin, PrĂ€sident Nicolas Sarkozy, der auf nationale Werte setzt, hat sich mit dem Attentat in Toulouse im rechten Elektorat empfehlen können.

Bezogen auf den ersten Wahlgang liegen Sarkozy und Hollande zwischenzeitlich praktisch gleich auf; aktuell hat der amtierende PrĂ€sident einen minimalen Vorsprung, knapp unter der 30 Prozent Grenze. Le Pen und MĂ©lenchon kommen je auf knappe 15 Prozent, wobei beim linken Zusatzbewerber die Kurve nach oben geht, bei der rechten umgekehrt nach unten verweist. Bayrou liegt seit lĂ€ngerem knapp ĂŒber 10 Prozent. Was den zweiten Wahlgang betrifft, sind die VerhĂ€ltnisse umgekehrt. Da liegt Herausforderer Hollande unverĂ€ndert vor dem PrĂ€sidenten. Mittet man die Tagesschwankungen ein, kann man aktuell von einem Vorteil fĂŒr den Sozialisten im VerhĂ€ltnis von 55 zu 45 ausgehen. Hauptgrund: Den ZentrumswĂ€hlerInnen ist und bleibt das Taktieren des PrĂ€sidenten um die Macht verdĂ€chtig.

Sarkozys Handicap ist seine chronische UnpopularitÀt, die er sich schon kurz nach der Wahl eingehandelt hat; keiner der bisherigen PrÀsidenten kannte wÀhrend seiner Amtszeit dauerhaft so tiefe Zustimmungswerte wie er. François Hollande wiederum erscheint im Vergleich volksnaher und eher fÀhig, die Franzosen zu einigen. Sarkozy hat seine StÀrke als Staatsmann, und ihm traut man eher zu, unpopulÀre Entscheidungen zu treffen.

Auch wenn der Medienwahlkampf stark personalisiert ist, die Franzosen sagen von sich selber, dass die Themen fĂŒr sie wichtiger sind als die Kandidaten und Parteien. Da liegt denn auch der SchlĂŒssel fĂŒr die Vorteile von Hollande in der zweiten Runde. Arbeitslosigkeit, soziale Sicherheit und StĂ€rkung der Kaufkraft gehören traditionellerweise zu den von links besetzten Themen, und der SP-Bewerber kann in den prioritĂ€ren Problemfeldern punkten. Ganz anders Sarkozy, der in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen vor seinem Widersacher liegt, damit jedoch nicht die Hauptthemen der WĂ€hlerInnen besetzt.

Bleibt abzuwarten, wer in den zweihalb Wochen, die noch folgen, besser mobilisiert. Denn es zeichnet sich keine besondere Beteiligung ab. Gut 70 Prozent gegeben im Moment an, an den PrĂ€sidentschaftswahlen teilnehmen zu wollen. Da bleibt noch einiger Spielraum fĂŒr VerĂ€nderungen.

Claude Longchamp