Der Blick von nah und fern auf die Schweizer Wahlen

Die heutige „Zeit“ aus Hamburg nennt uns die beiden wichtigsten Politologen der Schweiz: Michael Hermann und mich. Schon vor der Wahl vom Sonntag bot man uns zu einem StreitgesprĂ€ch ĂŒber die Nationalratswahl 2011 auf. Wir sagten beide zu, unwissend, was uns erwartete. Eine Einordnung des GesprĂ€chs zur Zeit.

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Fotos: Die Zeit

Alle Reaktionen aus dem Ausland, die ich zu den vergangenen Wahlen erhielt, waren voll des Lobes. Sie drehten sich ums GrundsĂ€tzliche wie den Uebergang von der Polarisierung zur Harmonisierung in der Schweizer Parteienlandschaft. Die Schweiz wurde fĂŒr ihre neue Mitte beglĂŒckwĂŒnscht. Und fĂŒr unsere Analysen hierzu, die im Jahre 2010 einsetzten, erhielten wir rundum Gratulationen.

Ganz anders die Reaktionen in der Schweiz. Zwar spĂŒre ich in der Bevölkerung Begeisterung und Zustimmung. Je politischer und medialer die Leute jedoch verhĂ€ngt sind, desto gegenteiliger ist das Feedback. Es regiert der Negativismus – auf die Wahltagsberichterstattung. Die Hochrechnung unserer Kollegen von projections wird kritisiert, die Wahlumfragen erfahren teilweise ein vergleichbares Schicksal und der Treffpunkt Bundesplatz wird als reine PR-Uebung der SRG apostrohiert.

Da hat mir das StreitgesprĂ€ch mit Michael Hermann fĂŒr die Schweizer Ausgabe der „Zeit“ gut getan. Statt GeschĂ€ftigkeit herrschte am Dienstag nach der Wahl Entspanntheit. Peer Teuwsen und Matthias Daum empfingen uns im Badener Kornhaus, um darĂŒber zu debattieren, was geschehen. Klar, es ging auch um unsere die FehleinschĂ€tzung der SVP-Macht. Behandelt wurde auch die Schweiz als Insel. Gesprochen wĂŒrde ĂŒber die Ursachen der Wahlsiege von BDP und GLP. Und die Verliererinnen wurden wenigstens summarisch analysiert. Zum Schluss wollte man noch etwas Persönliches hören: Was Experten gewĂ€hlt haben und ob sie das Wahlresultat erfreut.

Toll war die AtmosphĂ€re des GesprĂ€chs: Bisweilen war es kontrovers, dann wieder harmonisch. Manchmal verlief die Trennlinie zwischen Journalisten und Wahlanalytikern, dann wieder zwischen uns beiden. Lohnend ist auch der Leitartikel des Schweizer Zeit-Chefs Teuwsen auf der Front der Zeit, der sich direkt auf unsere GesprĂ€ch bezieht – und es noch weiter fĂŒhrt.

Merci an die Herren, die auf der Höhe ihrer Zeit waren, dass uns auch jemand in der Schweiz so schnell nach den Wahlen erinnert hat, das Politische dieser Bevölkerungsentscheidung nebst dem LĂ€rm darum nicht zu ĂŒbersehen.

Claude Longchamp