Vorbildliche Lektion in Demokratietheorie

Demokratie nahm in den griechischen Stadtstaaten ihren Anfang. Die bĂŒrgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts beförderten die Sache. Zum Siegeszug als Herrschaftsform setzte Demokratie jedoch erst im 20. Jahrhundert an.
Anders als erwartet, bildete sich dabei nicht nur eine Form der Demokratie heraus, sondern unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen verschiedenste Erscheinungweisen. Deshalb erstaunt es nicht, dass die Nachfrage nach wissenschaftlichen Theorien der Demokratie im letzten Jahrhundert rasant angestiegen ist.

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26 Theorien im Vergleich
Ein besonders geglĂŒckter Versuch, eine weitgehend unvoreingenommene Ordnung in diese ausufernde Diskussion zu bringen, ist das deutschsprachige Lehrbuch “Demokratietheorien” des Heidelberger Politikwissenschafters Manfred G. Schmidt. Auf rund 600 Seiten handelt der Autor VorlĂ€ufer und Hauptvertreter der modernen Demokratietheorien ab, und stellt er die Demokratietheorien vor, die in der Forschung der Gegenwart von zentraler Bedeutung sind vor. 26 Definitionen und Herleitungen des Gegenstandes, die einen Bogen schlagen von Aristoteles bis zur Transitionstheorie von Diktaturen in Demokratien sind so zusammen gekommen. Diskutiert werden sie durch einen kritischen BefĂŒrworters von Demokratien, der legale Herrschaft, allgemeines, freies und gleiches Wahlrecht, Parteienwettbewerb, liberale Freiheiten, Abwahlmöglichkeiten und Verfassungsrecht zur Minimaldefinition der Demokratie zĂ€hlt.

Der besondere Wert des Lehrbuches besteht darin, dass die BegrĂŒndungen und Kritiken der verschiedenen Demokratievorstellungen nicht nur gerafft und materialreich zugleich vergestellt werden. Vielmehr werden sie in einem abschliessenden Teil aus einer systematischen, theorievergleichender Perspektive rekapituliert. DafĂŒr hat Schmidt 10 Fragen fĂŒr die Bewertung Demokratietheorien formuliert, die eine bisher nicht gekannte Uebersicht ĂŒber den Gegenstand erlauben.

Die geprĂŒfte LeistungsfĂ€higkeit von Theorien
In einem 11 Vergleichspunkt kommt der Autor auf seine eigentliche Absicht des Buches, das schon mehrere Auflagen erlebt hat, zu sprechen: die LeistungsfĂ€higkeit heutiger Demokratietheorien zu beurteilen. Zu seinen Favoriten zĂ€hlen Demokratieforscher Schmidt Alexis de Tocqueville, Max Weber und Joseph Schumpeter, die die Funamente der Demokratietheorien legten. Ausgebaut wurde sie durch die Pluralismustheorie, die kritische Theorie und die komplexe Demokratietheorie. Die Ausweitung der Beschreibungen und Analysen durch den Staatenvergleich zĂ€hlt er ebenfalls zu den wesentlichen GrĂŒnden fĂŒr den Erkenntnisfortschritt. Schliesslich – und das kommt auch im Band selber breit zum Ausdruck – hĂ€lt der Empiriker Schmidt die Vermessung von Demokratien fĂŒr eine der wesentlichen Verbesserungen in der Gegenwart.

Rousseau, der wĂ€hrend der AufklĂ€rung das Prinzip der VolkssouverĂ€nitĂ€t begrĂŒndete, kommt in diesem Band auffĂ€llig schlecht weg, denn er blieb bei einem rudimentĂ€ren DemokratieverstĂ€ndnis stehen; bemerkenswert gute Noten bekommt dafĂŒr der erste Theoretiker und Empiriker der Demokratie ĂŒberhaupt, der griechische Philosoph Aristoteles.

Meine WĂŒrdigung
Ich kann das Buch Interessierten der Demokratieforschung nur empfehlen. Beendet wurde es fast schon symbolisch an der Schwelle des 20. zum 21. Jahrhunderts. Doch damit nicht genug; drei Vorteile des Buches von Schmidt seien hier herausgestrichen: Zuerst ist ein gut lesbarer Einstieg in eine nicht immer einfache Materie. Dann ist es eine Fundgrube fĂŒr zentrale Ueberlegungen und relevante Daten zum Thema zugleich. Schliesslich eröffnet es einen nĂŒchternen Blick auf die unverĂ€ndert spannendste Herrschaftsform ĂŒberhaupt.

Dass man am Schluss der LektĂŒre fast so weit ist, nach eine neuen, ideale Demokratietheorie greifen zu wollen, ist bei einem EinfĂŒhrungsbuch in einen politikwissenschaftlichen Gegenstand selten genug.

Claude Longchamp

Manfred G. Schmidt: Demokratietheorien. Eine EinfĂŒhrung. 3., ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage, Opladen 2000

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