Der „kleine Nobelpreis“ fĂŒr Politikwissenschaft 2008 geht an Rein Taagepera

NatĂŒrlich ist er nicht so berĂŒhmt wie der Nobelpreis. Doch zunehmend eta-bliert sich der Johan Skytte Prize als Aequivalent hierzu fĂŒr die Politikwissenschaft. 2008 geht er an Rein Taagepera, den estnischen Politikwissenschafter, der an der University of California, Irvine lehrte, in Estland die moderne Politikwissenschaft begrĂŒndete und daselbst auch als Politiker aktiv war.

Theoretiker und Praktiker der Politik zugleich
Geboren 1933 in Estland, floh Rein Taagepera 1944. Seine Schulen absolvierte er in Marokko, um danach in Kanada Physik zu studieren. Nach einem Industriepraktikum nahm er ein Zweitstudium in Internationalen Beziehung auf. 1969 startete er in Kalifornien seine Wissenschaftskarriere.

1991 kehrte Taagepera nach Estland zurĂŒck, um die die School of Social Sciences in der UniversitĂ€t von Tartu aufubauen. Bis 1998 wirke er danach als Professor fĂŒr Politikwissenschaft. 1992 kandiderte er erfolglos als estnischer StaatsprĂ€sident. 2003 wirkte er zudem vorĂŒbergehend als PrĂ€sident von Res Publica, einer neugegrĂŒndeten estnischen Partei, die damals im Zentrum der politischen Landschaft politisierte, 2006 jedoch mit der national-konservativen Pro Patria Partei fusionierte. Taagapera, der sich selber als linksliberal bezeichnet, verliess die Partei deshalb.

In der Politikwissenschaft ist Rein Taagapera vor allem als Theoretiker bekannt. Er vertritt eine klar quantitative Ausrichtung des Fachs, die auf die Modellierung von Prozessen und Entscheidungen ausgerichtet ist, um Prognosekraft zu erreichen. Seine zentralen Arbeiten betreffen die Konsequenzen des Wahlsystems insbesondere fĂŒr die Ausgestaltung des Parteiensystems und der Parteigrössen. Sein letztes Werk („Making Social Sciences More Scientific. The Need for Predictive Models, Oxford Press 2008″) liegt ganz auf dieser Linie. DarĂŒber hinaus ist Rein Taagepera Autor zahlreicher persönlich gehaltener Studien zur finnisch-ugrischen Geschichte und Kultur sowie zur estnischen Politik. bekannt, Rein Taagepera erhielt seit 1999 mehrere Wissenschaftspreise in den USA und in Estland. 2008 schliesslich wurde er nun mit dem Johan Skytte Prize ausgezeichnet, den die UniversitĂ€t von Uppsala an einen fĂŒhrenden Politikwissenschafter verleiht.

Johan Skytte, der Prototyp der praktischen Politiklehre

Bemerkenswert erscheint mir vor allem die Vielfalt der AktivitÀten von Rein Taagepera, in Politik und Wissenschaft, als Forscher und auch als Autor. Dabei mischt sich sein WissenschaftsverstÀndnis als promovierter Physiker mit dem Interesse eine Zeitgenossen, der sich in den grossen UmwÀlzung in seiner Heimat engagierte. Vorstellungen davon, dass Politikwissenschaft eine rein akadamische Seite hat, sind dem Ausgezeichneten fremd. Selbst wenn er an der Verwissenschaftlichung des Faches gearbeitet hat, hat er die praktische Seite der politikwissenschaftlichen Lehre nie verdrÀngt.

An der Verleihung des Johan Skytte Preises fĂŒr den BegrĂŒnder der Politikwissenschaft an der Tartu UniversitĂ€t Estlands ist noch ein Zweites bemerkenswert. Baron Johan Skytte, dem Erzieher des spĂ€teren schwedischen Königs Gustav Adolph, hatte nach 1622 nicht nur in Uppsala den ersten Lehrstuhl fĂŒr Politikwissenschaft (Rhetorik und Regierungslehre) der frĂŒhen Neuzeit inne, er weilte im Auftrag des schwedischen Königs auch in Estland, wo er 1632 die Tartu UniversitĂ€t begrĂŒndete, wo Taagapera die moderne Politikwissenschaft einfĂŒhrte.

Claude Longchamp