Ein Vierteljahrhundert im GeschÀft

Heute habe ich mein 25jĂ€hrigen DienstjubilĂ€um bei GfS. Ein kleiner RĂŒckblick auf eine Vierteljahrhundert als Sozialforscher.

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Dass Kommunikation gelingt, ist unwahrscheinlich: Meine Zeit als Sozialforscher – mit den ĂŒblichen medialen MissverstĂ€ndnissen: die Konkordanzregierungen will ich nicht abschaffen.

Dass Alphons Egli am 1. Januar 1986 neuer BundesprĂ€sident wurde, musste ich in den Annalen der Bundesratsgeschichte nachschlagen. Erinnern kann ich mich aber an den 3. Januar, einen Freitag, an dem ich erstmals als Projektleiter bei GfS nach ZĂŒrich arbeiten ging.

Nur wenige Tage danach ging die US-RaumfĂ€hre beim Start förmlich „in die Luft“. Schlagartig war ich sicher, zurecht kein Astronaut geworden zu sein, wie ich als Bub noch wollte. DafĂŒr explodierte im April der Atomreaktor im ukrainischen Tschernobyl und machte uns allen klar, was es hiess, in der „Risikogesellschaft“ zu leben.

Kurz darauf waren Wahlen im Kanton Bern, und die traditionelle bĂŒrgerliche Mehrheit kippte zugunsten von RotgrĂŒn. Der Anlass war spannend, sodass ich mit anderen erstmals auch eine Hochrechnung fĂŒrs Radio wagte. Das hat uns geprĂ€gt, denn in der Folge wurden wir immer wieder eingeladen, uns öffentliche Gedanken ĂŒber das, was ist, zu machen. Die vertiefte Analyse der damaligen VerĂ€nderungen fand ich im Buch von Erich Gruner und Hanspeter Hertig ĂŒber den „StimmbĂŒrger und die neue Politik„. FĂŒr die Schweiz erstmals analysiert wurden darin der Wertwandel durch Generationen, die den Krieg nicht mehr erlebt hatten, und durch Geld, das in politische Kampagnen floss.

Beide Themen waren der Analyse des politologischen Bestsellers von damals, der „Silent Revolution“ von Ronald Inglehart, nachempfunden worden. Wie kein anderes Buch hat dieses mein Wirken als Forscher geprĂ€gt, auch wenn der sanfte Postmaterialismus lĂ€ngst durch einen virulenten Nationalkonservatismus abgelöst worden ist. Im Zusammenhang mit den Nationalratswahlen 1999 habe ich diesen Begriff erstmals verwendet, um die Neuformierung des schweizerischen Parteiensystems wertemĂ€ssig erklĂ€ren und prognostieren zu können. Das war durch sinnvoll, denn bis heute sind wir damit beschĂ€ftigt, die Umgestaltung des hiesigen Parteiensystems in seiner Rasanz zu verstehen.

Das Geld in der Politik ist uns als Kontroverse bis heute erhalten geblieben; mein letztes Interview fĂŒr das Schweizer Fernsehen vor dem DienstjubilĂ€um war sinnigerweise genau diesem Thema gewidmet. Interessiert hat mich jedoch noch mehr, wie die amateurhaften Kampagnen professionalisiert worden sind. Der Bundesrat hat das Parlament abgelöst, die VerbĂ€nde sind an die Stelle der Parteien getreten, die Medien haben ihren Diskurs verselbstĂ€ndigt, und die BĂŒrgerInnen suchen ihre Wege, sich via Internet selber mitzuteilen. Der Stil ist in einer Form konkurrenziv, ja aggresiv geworden, so, wie ich es mir eigentlich nicht gewĂŒnscht habe.

Aus der Schweizerischen Gesellschaft fĂŒr praktische Sozialforschung von damals ist zuerst ein Forschungsinstitut als AG entstanden. Daraus haben sich in ZĂŒrich und Bern je ein Institut verselbstĂ€ndig, wobei ich Letzteres von Beginn an leite, seit zwei Jahren als VerwaltungsratsprĂ€sident. Es ist eine tĂ€gliche Herausforderung, die eher seltene Verbindung als Wissenschafter, GeschĂ€ftsmann und Kommunikator im Gleichgewicht zu halten. Wenn’s gelingt, freut es mich; wenn’s Kritik gibt, suche ich nach neuen Wegen.

UnterstĂŒtzt werde ich am gfs.bern von einem starken Team, denn neben mir arbeiten heute je zwei Senior-Projektleiter, ProjektleiterInnen und wissenschaftlichen Mitarbeiter im gfs.bern. Sie alle sind ausgebildete PolitikwissenschafterInnen der UniversitĂ€t Bern. Zudem haben wir einen Stab fĂŒr Administration, Buchhaltung und IT, der das Forschungsteam tatkrĂ€fig verstĂ€rkt. Rund 60 Projekte realisieren wir so jedes Jahr, die einem Umsatz von rund 3 Millionen Franken entsprechen. FĂŒr Schweizer VerhĂ€ltnisse ist der Betrieb ziemlich unĂŒblich, und auch eine kleine Kaderschmiede fĂŒr Karrieren in Politik, Wirtschaft und Kommunikation.

Besonders freut mich, dass sich das gfs.bern zwischenzeitlich bei Kunden und in der Oeffentlichkeit so gut etabliert hat, dass ich seit einiger Zeit am Freitag wieder ostwĂ€rts fahren kann, nehme ich doch in St. Gallen und ZĂŒrich LehrauftrĂ€ge in der empirischen Sozialforschung wahr. Und wenn alles klappt, kehre ich diesen Herbst wieder an die Uni Bern zurĂŒck, wo alles seinen Anfang nahm.

Ein gutes neues Jahr wĂŒnscht

Claude Longchamp