Wahlen in der Mediengesellschaft

Aus dem Kurs „Politische Kommunikation fĂŒr die Verwaltung“ nehme ich einen ĂŒberraschenden, aber umso wichtigeren Eindruck mit: Die GesprĂ€che mit den Teilnehmenden, vor allem zum etablierten sozialwissenschaftlichen Wissen ĂŒber Wahlen, WĂ€hlende und Wahlkampagnen, aber auch meine Verarbeitung zeigten mir, in welchem Masse heute politische Kommunikation in einer von Massenmedien geprĂ€gten Gesellschaft stattfindet, ohne dass man das in der Forschung genĂŒgend reflektiert.

Die PhÀnomene
Das Bundesamt fĂŒr Statistik rechnete jĂŒngst nach, dass sich in der Schweiz noch nie so viele Menschen bei einer Wahl geĂ€ussert haben wie 2007 bei den Parlementswahlen.- SelbstverstĂ€ndlich, die Wahlbeteiligung war schon höher als die 48,3 % vom vergangenen Oktober. BerĂŒcksichtig man aber gleichzeitig die Zahl der wahlberechtigten MĂ€nner und Frauen, kommt man absolut gesehen auf hĂ€chste je erreichte Zahl von EntscheiderInnen.
Die Wahlergebnisse sprechen zudem eine deutliche Sprache: Die kantonalen Eigenheiten in den Wahlergebnissen sind zwar nicht ganz verschwunden; sie sind aber, analog zur ganzen Entwicklung seit den 90er Jahren, rĂŒcklĂ€ufig. Mehr und mehr kristallisiert sich ein gesamtschweizerisches Parteiensystem mit SVP, FDP, CVP, SP und GrĂŒnen als den hauptsĂ€chlichen TrĂ€gern der verschiedenen politischen Richtungen heraus.

Die These
Die hohe Mobilisierung einerseits, die Vereinheitlichung der Wahlergebnisse anderseits sind Ausdruck von Wahlen, die in erster Linie massenmedial gefĂŒhrt werden. WahlkĂ€mpfe werden in, zu und gegen Medien gefĂŒhrt, die so vie vermittelte WĂ€hlerInnen-Ansprache besorgen. Das persönliche GesprĂ€ch zwischen KandidatIn und WĂ€hlerIn ist zwar nicht ganz verschwunden, aber fast bedeutungslos geworden.
Das hat eine Konsequenz: Ohne dieAnalyse des Wahlgeschehens in den Massenmedien, im redaktionellen wie im gekauften Teil, kann man Wahlergebnisse immer weniger verstehen.

Die bisherige Wahlforschung
Dennoch stĂŒtzt sich gerade die politikwissenschaftliche Analyse von Wahlen immer noch auf die drei, mittlerweile klassischen AnsĂ€tze der Wahlforschung:

. auf den soziologischen Ansatz, der zurĂŒckliegende Konflikte ins Zentrum rĂŒckt, weil sie gesellschaftliche Spaltungen bewirkt haben, die in der Ausgestaltung des Parteiensystems weiterleben;
. auf den psychologischen Ansatz, der das BedĂŒrfnis der Menschen, sich im öffentlichen Raum mit Vorbildern identifizieren zu können, betont, und deshalb die Symbolik von Parteien, ihren Wertehimmel, ihr Personal und ihre aktuellen ThemenzĂŒge untersucht,
. auf den ökonomischen Ansatz, der die WĂ€hlenden von ihren sozialen Kontexten befreit und ihre Entscheidungen auf reine Kosten/Nutzen-Ueberlegungen reduziert, denn so ist man ĂŒberzeugt, zwischen der Wahl eines Katzenfutters und einer Partei gibt es keine wesentlichen Unterschiede.

Auch wenn die Kombination der AnsÀtze Verbesserungen in der Wahlanalyse liefert, bleibt das Grundproblem das Gleiche: Die WÀhlerperspektive alleine erklÀrt das Wahlergebnis nicht, denn es braucht auch die Medienperspektive.

Die neue Wahlforschung
Stefan Dahlem hat sich in seiner im Jahre 2001 erschienen Dissertation genau mit dieser Problematik auseinandergesetzt. Die Wahlentscheidung fĂŒr Parteie oder Kandidierende fĂŒrht er auf innere und Ă€ussere Faktoren der WĂ€hlenden zurĂŒck. Zu den Ă€usseren gehören die wirtschaftliche Konjunktur, die soziale Lage und das politische Klima. Sie bilden die RealitĂ€ten mit denen sich die Massenmedien generell beschĂ€ftigen, und die die öffentliche Meinung prĂ€gen. Ihre Vermittlung erfolgt jedoch immer weniger durch personale Kommunikation, sondern durch mediale, die allenfalls im eigenen Umfeld verarbeitet wird. Die WĂ€hlenden entwickeln deshalb eine den Wahlen vorgelagerte Grundhaltung, mit der sie dem Geschehen begegnen: Dazu zĂ€hlen ihre GefĂŒhlslage, ihre Erfahrungen, ihr Wissen, aber auch ihre vorlĂ€ufigen Verhaltensabsichten.
Auf dieser Basis verarbeiten sie nun das mediale Geschehen im Wahlkampf: Parteien leben von Persönlichkeiten, die sie medial reprĂ€sentieren. Sie inszenieren symbolisch RealitĂ€ten fĂŒr die sie stehen wollen. Dabei mĂŒssen sie Werte kommunizieren, die zu ihrer Ideologie passen, denn dieser Mix lĂ€sst Parteiidentifikation entstehen. Aktualisiert wir diese Parteiidentifikation mit den wenigen Themen, die medial dominieren. Botschaften und Botschafter mĂŒssen sie besetzen, um eine generelles Meinungsklima entstehen zu lassen. Wem das am besten gelingt, der beeinflusst am stĂ€rksten die Wahlentscheidungen.

Meine Bilanz
Mit einer indivualistischen-rationalen Wahl, wie die Oekonomen glauben, hat das wenig zu tun. Mit einer gesellschaftlich vorbestimmten Entscheidung, wie die Soziologien unterstellen, wird man den aktuellen Trends auch nicht mehr gerecht. Vielleicht hilft noch der Ansatz der Psychologen, um zu verstehen, wie WÀhlende Wahlen als Mediengeschehen begegnen. Ohne eine vertiefte BeschÀftigung mit den Erscheidungen des medialisierten Wahlkampfes selber kommt man jedoch nicht mehr weiter.
Eine Neuformulierung des Wahlforschung, die der Wahlentscheidung in den Mediengesellschaft gerecht wird, tut not!

Claude Longchamp

Stefan Dahlem: Wahlentscheidung in der Mediengesellschaft. Theoretische und empirische Grundlagen einer interdisziplinĂ€ren Wahlforschung. Freiburg/MĂŒnchen 2001

Weitere BĂŒcher zum Thema sind:

Otfried Jarren, Patrick Donges (Hg.): Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Eine EinfĂŒhrung, 2. Auflage, Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, 2006

Hans Mathias Kepplinger, Marcus Maurer: Abschied vom rationalen WĂ€hler. Warum Wahlen im Fernsehen entschieden werden. Alber-Reihe Kommunikation, Band 30, 2005